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Der Israelit · 1920-04-29 · Heft 17 (29.4.1920) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 17 (29.4.1920)
Date
1920-04-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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39. April 1920 unterqebracht, wo man sich über alles Jüdische und Religiöse ostentativ und mutwillig hinwegsetzt. Diese Kinder müssen alles wahllos essen, was ihnen vorgesetzt wird und alles tun, was ihnen aufgetragen wird, weil sie als Gäste, d. h. als Fremde und auch mit Rücksicht auf ihr jugendliches Alter — manche Kinder sind erst 6—10 Jahre alt — keine Opposition zu machen wagen, was ihnen, nebenbei bemerkt, auch wenig nützen würde. Denn welche Hausfrau würde sich von einem fremden Kinde kommandieren und diktieren lassen und aus purer Rücksicht auf ihr Kostkind ihre Wirtschaft umgestalten! Die Folgen davon sind und fiatb W’fi und vor allem das schlechte Beispiel, das das religiöse Kind wochenlang vor sich sieht und das leider nicht ohne Wirkung bleiben wird für sein ganzes späteres Leben. Schreiber dieses war Zeuge, wie Kinder frommer galizischer Eltern den ganzen NVL hindurch parr gegessen haben - diese Kinder haben natürlich — sicherlich zum erstenmale in ihrem jungen Leben — auch keinen “HD gesehen und auch das Gotteshaus am &''V nicht besucht. Man stelle sich vor: Der Vater in Wien wendet alles auf, um niSCö zu erlangen, und sein Kind ißt ohne Bedenken PLN, weil es glaubt, es essen zu müssender Vater lebt in Wien als streng frommer ■»Tin1 und sein Kind wird angehalten über alles sich hinwegzusetzen, was zu den Grundpfeilern des Judentums gehört — zwei entgegengesetzte religiöse Anschauungen in einer Entfernung von einigen Stunden Bahnfahrt! Ich weiß, was man mir in hiesigen jüdischen Kreisen entgegnen wird, daß ich nämlich ein Rückschrittler, ein Finsterling und auch ein Sonderling bindaß man in solchen Zeiten auf „s o l ch e S a ch e n" kein Gewicht legen darf - daß es weniger auf die religiöse Erziehung, als vielmehr auf die körperliche Gesundung und Stärkung ankommt re. Manche werden mir auch die Vorschriften von VL2 N1PQ entgegenhalten und mir zu beweisen suchen, daß alle religiösen Bedenken wegfallen, wo es gilt, Kinder vor Rot und Elend zu bewahren. Demgegenüber erkläre ich, daß es mir nicht im Entfernsten etnfällt, die. Hilfsaktion für die Wiener jüdischen Kinder zu stören oder sie gar zn sistieren. Sache der Leiter dieser Hilfsaktion muß es aber fein, die Wiener Kinder in zwei Gruppen zu teilen, in solche, die auf eine religiöse Verpflegung reflektieren, und solche, die auf eine religiöse Verpflegung nicht reflektieren. Für die Kinder der erftern Gruppe müssen unbedingt religiöse Häuser ausfindig gemacht werden, wo sie unterzubrtngen wären. Wo dieses gänzlich unmöglich ist, sollen die betreffenden Der ASraeM. Familien lieber eine Geldunterflützung gewähren und für dieses Geld sollen die Kinder in religiösen Häusern verpflegt werden. (Fortsetzung folgt.) Lornl-on-eozev md Aachrtchieu. DerrtMes Meichl. von 9er 9eullck-N3lilMk!l6n VolkLpklrtel. Werkln, 18. April. Die Deutsch-nationale Volkspartei veröffentlicht ihr Wahlprogramm. Die antisemitische Tendenz wird unter der Ueberschrift „Volkstum" in die folgende Formel gekleidet: „Nur ein starkes deutscht's Volkstum, das Art und Wesen wahrt und sich von fremdem Einflug frciyält, kann die zuverlässige Grundlage eines starken deutschen Staates sein. Deshalb kämpfen wir gegen jeden zersetzenden, undeulschen Geist, mag er von jüdischen oder anderen Kreisen auSgehen. Wir wenden uns nachdrücklich gegen die seit der Revolution immer verhängnisvoller hervortretende Vorherrschaft des Judentums in Regierung und Oeffentlichkeil. Der Zustrom Fremdstämmiger, über unsere Grenze ist zu unterbinden." Die wetteren Grundsätze sind reichlich verschwommen und inhaltlos in der Stellungnahme zu den wichtigen Fragen der Wirtschafts- und Finanzpolitik. Ihr eigentliches Gepräge erhalten sie aber durch die Forderung der Wiederherstellung der Monarchie und durch die antisemitischen Formelndie Wähler wissen nun auf alle Fälle, woran sie sind. veiMärlung 9er öniitfieh örenjfperre. Wertin, 15. April. Ueber die „Behandlung der über die Ostgrenze eingereisten Ausländer" ist eine neue Verfügung des Ministers des Innern ergangen. Am 1. November 1919 hatte der Minister Heine einen Erlaß herausg'egeben, der von den Grenzbehörden als eine Lockerung der Grenzsperre angesehen wurde. In diesem Eclaß wurde auf die aus Polen stammenden Juden yingewiesen, die „unter dem Druck der politischen Verhältnisse, die in Polen zu Pogromen und umfassenden militärischen Rekrutierungenl geführt haben", in Preußen zurückgeblieben sind. Ihrem weiteren Zuzug über j die Ostgrenze sollte aber entgegengetreten werden. 17. Gelte 3 III»»» iiinnnnii*r*iiiinT>i hm ii iviiiimi m in i ui ■» nnm iiiinn wau« rnrmm« Die zum mindestens mißverständlichen Ausführungell des Erlasses sind von den Grenz- und Verwaltungsbehörden vielfach so ausgefaßt worden, als ob auch an der Grenzsperre gegenüber den Oftjudeu ohne Ausweispapiere und Einreiseerlaubnis ein Auge zugedrückt werden könne. Daraus erklärt sich auch wahrscheinlich der übergroße Zustrom der Ostfremdlinge, der zu einer wahren Stadl- und Landplage geworden ist. Der Minister des Innern sieht sich daher in der neuen Verfügung genötigt, darauf hlnzuweisen, daß die Grenzsperre nicht etwa aufgehoben werden solle. Es ist vielmehr Sache der Landesgrenzpoltzei, allen solchen aus dem Osten elnwanderndern Ausländern, die sich nicht nach den allgemein bestehenden Paßvorschriften ausweisen können, den Eintritt in das Reichsgebiet zu versagen. Sie können deshalb, mangels ausreichender Legitimation, unmittelbar beim Grenzübertritt angehalten werden. Erfolgt die Festnahme unmittelbar bei oder nach dem Grenzübertritt, so steht auch nach meinem vorgenannten Erlaß vom 1 November nichts im Wege, diese Ausländer wieder abzuschieben. Ich ersuche deshalb im Hinblick auf die immer stärker anwachsende Wohnungs¬ und Lebensruittelnot sowie die sonstigen Uebelstände, die eine unbeschränkte Einwanderung aus dem Osten mit sich bringt, eine strenge Handhabung der allgemeinen Paßvorschriften auszuüben, eine möglichst lückenlose Auffangorganisatwn zu schaffen, die sich nicht legitimierenden Ausländer wieder abzuschieben, oder sie in Sammellager unterzuöringen, ihnen jedenfalls den weiteren Eintritt in das Reichsgebiet zu verwehren. Kkni9wilMskllicll6 Geräte für pslsffins. Berlin, 25. April. Es wird uns geschrieben: Der Beschluß des „Hilfskomitee für Palästina", einen größeren Vorrat von Geräten und Maschinen für jüdische Bauern und Handwerker in Palästina zu erwerben, ist von den zuständigen Stellen im Heiligen Lande mit lebhafter Genugtuung begrüßt worden. Diese VerwendungZart der in Deutschland gesammelten Gelder gestattet einerseits die deutsche Mark voll zu verwerten und entspricht andererseits den zur Zeit dringendsten Bedürfnissm der jüdischen Kolonisation in Palästina. Aus den Berichten des Vertreters des Hilsskvmmilees tu Palästina geht hervor, daß bas Land infolge der mit dem Weltkrieg verbundenen Requisitionen von dem Nötigsten entblößt worden ist. „Palästina ist völlig, völlig aller Gerätschaften bar" — heißt es in diesem Bericht. „Das Land schreit dar mch, in erster Linie aber nach landwirtschaftlichen Geräten und Maschinen. Von den einfachsten Keines Feuilleion. Im Blühen. Gin Gernoro-Schiur Es soll Leute geben, die heute dem vielversprechenden Blühen und Gedeihen draußen mit gemischten Gefühlen entgegensetzen... Es ist ihrem Warenlager nicht dienlich, dieses konjunkturverderbende sonnige Getue auf Feld und Flur . . . Diese Herrschaften haben zur Stunde wenig zu tun, haben viel freie Zeit und so lade ich sie alle zu einem kurzen Gemoro-Schiur ein. Schlagen wir Megtllah auf, Blatt 17, Seite 2, achte Zeile von unten. Haben Sie es, meine Herren, alle? Dann bitte! WBttD own rD*a iüi^ 1X1 "Bi: „Und was will uns der auf den Segen des Jahres sich beziehende Abschnitt des AchzehngebeteS an neunter Stelle besagen"? G>w v*pDö na» »1UD31X I"x: „Es spricht R. Alepandrat: Dieser Abschnitt ist besonders den Lebensmittelwucherern zugedacht, wie es im 9. Psalm heißt: ypi jnit 112B\ „Zerbrich die Gewalt des Bösewicht"! Raschi: Dieser Fluch trifft die Lebensmittelverteuerer (durch Zurückhaltung der Ware und künstliche Steigerung der Preise). Denn heißt es doch im gleichen Zusammenhang vv spttnV ansr. „Er lauert oem^Armen auf". Wer sieht es besonders auf den Armen ab? Nicht der einfache Räuber, Einbrecher und Wegelagerer, diese letzteren nehmen in der Regel den Reichen ins Auge. Gemeint ist hier der Lebensmittelwucherer, der letzten Endes ja nur den Armen trifft. Diese Ausbeuter der Armen „segnet" David mit seinem Fluche »tpi sniT iw: „Zerbrich seine Gewalt"; das heißt, segne den Boden und verleihe ihm dermaßen Ueberfluß, daß dem Wucherer das Handwerk gelegt und die Gelegenheit zur Sünde genommen wird . . . Schließt doch der Satz: ttniin 'xitön te'iyBH. „Du suchst seine Bosheit und findest sie nicht mehr". Er findet sie selbst nicht mehr, der blühende Boden hat ihm mit dem „Verluste" ünermeßlichen Gewinn gebracht . . . Die neunte Brochoh qi2 entspricht dem 9. Psalm (nach alter Einteilung) in dem Sinne, daß sie mit dem Segen des Bodens den Fluch über den verwerflichsten aller Wucher, den Lebensmtttelmucher aus spricht. Für den Wucherer selbst gilt aber das Wort: pxn }D L'XLN lörv Die Sünde gehe zugrunde, die Bosheit, nicht aber der Sünder, der kein solcher mehr ist, nachdem ihm die Gelegenheit dazu genommen ist. Wir sind mit unserem Schiur zu Ende! . . . (Das jüdische Leben in Sibrerien). Wie die russisch-jüdische Zeitung „Nascho Slowo" berichtet, ist die Lage der jüdischen Bevölkerung in Charbin und in ganz Westsibirien im allgemeinen nicht schlecht. Infolge des niedrigen Kurses des Zarenrubels hat die große Masse stark unter der Lebensurittelteucrrmg zu leiden. Die Geschäftsleute jedoch und die Besitzer unbeweglichen Eigentums sind dagegen zu großem Reichtum gelangt, allerdings ist der breiten Masse damit wenig gedient. Die Nachrichten Aber die schlimme Tags der jüdischen Flüchtlinge in Stbir-en sind, wie aus der Zeitung hervorgehl, stark übertrieben. Der größte Teil der Flüchtlings hat sich bereits in das Wirtschaftslcben etngesügt oder ist abgewanbert. Wirklich traurig ist nur die Lage der jüdischen Kriegsgefangenen, welche "über verschiedene Lager in Sibirien verstreut sind. Diese wahren Kriegsopfer sterben oft Hungers. In letzter Zeit wird ihr Los etwas gebessert, da in Westsibirien Vertreter der verschiedenen jüdischen Hilfskomitees ans Amerika etngetroffen sind, welche große Summen für die Hiisslätigleit zur Verfügung gestellt haben. Die demokratischen Elemente der jüdischen Bevölkerung in Sibirien sind kulturell sehr lebhaft tätig. Vor acht Monaten wurde irr Sibirien eine jüdische „Kulturliga" begründet, welche Ortsgruppen in Omsk, Tomsk, Atschnisk, KraSnojarsk, Irkutsk, Charbin, Wladiwostok usw. hat. Sie veranstaltet Literaturdiskussionen, Vorlesungen, Theateraufführungen, Kunstabende, hat ferner eine ansehnliche Summe für die Herausgube von jüdischer Kinderliteratur gesammelt. Im Frühling wird in Charbin eine Ausstellung der jüdischen Presse und der jüdischen Druckkunst eröffnet werden. Von einer nennenswerten Tätigkeit der gesetzesrreuen Kreise hört man leider weniger. Mit Amerika besteht in letzter Zeit lebhafte Verbindung: viele sibirische Juden beabsichtigen auch, dorthin auszuwandern. Mit Europa ist fast gar keine Verbindung vorhanden. Verlobte. Dlna Weriheimer in Hardheim mit Erich Leyser in Altona (Elbe).

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