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Der Israelit · 1920-04-29 · Heft 17 (29.4.1920) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 17 (29.4.1920)
Date
1920-04-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Gelte 2 Nr. 17 Der JSraelll. Beziehung besteht zwischen dem Gaon und alldem, was außerhalb der Mauern des Lehrhauses steht? Zwischen ihm und der Mehrheit des Volkes. der Menge der „Winkelhocker"?" Die Weihe des Momentes, der uns den Genius des Großen zu Wilna herauföeschwört, verbietet es uns, in diesem Zusammenhänge uns mit Horodezki über die Beziehungen des Gaon zu der Elite der „Bänkedrücker" und der Menge der „Winkelhocker" auseiuanderzusetzen. Bücher, wie die Horodezkis, zeigen gar zu deutlich, wo und nach weicher Richtung heute, 209 Jühre nach der Geburt des G:on und 120 Jahre nach seinem Tode, die geeinte und f e ft geschlossene Front der Gesetzestreuen stehen muß! —- ..... Wochemmdschm. Sie rabbinische Vertretung im polnischen Senate. AlL in Warschau vor kurzem die Frage der jüdischen Vertretung im Senate angeschnitten wurde und in weiten Kreisen, in Berücksichtigung der Tatsache, daß im Senate Geistliche aller Konfessionen ihren Sitz haben, die Kandidatur eines Warschauer Rabbiners für diesen Posten als selbstverständlich galt, erhoben sich im Lager der Zionisten scharfe Proteste gegen diese „Anmavimg"derOrt'hodox'.e,und ein er ihrerWortführer, Herr Grünbaum, fand es sogar für gut, sich in öffentlicher Landtagssitzung gegen den rabbinischen Vertreter im Senate im Namen seiner Partei entschieden auszusprechen. Dieses Vorgehen bezeichnet das „Jüdische Tageblatt" in New Jork als eine unerhörte grobe Taktlos igkeif, und G. Bader schreibt Herrn Grünbaum einige Wahrheiten ins Stammbuch, die weit über den Warschauer Fall hinaus von Interesse sind. Bezeichnen sie doch deutlich, wie man im freien Amerika über das von gewissen Kreisen au die Wand gemalte Gespenst des „rabbinischen Klerikallsmus" denkt: „Herr Grünbaum ist der Meinung", schreibt das amerikanische Blatt, „daß Rabbiner nicht als Vertreter des Judentums gelten können. Er steht auf dem Standpunkt der abgewirtschafteten Maskilim von anno dazumal, die in ihrer beengten Lebensauffassung die Religion als Privatangelegenheit außerhalb des nationalen Gedankens stellten. Ju Wahrheit mißverstehen aber Grünbaum und Genossen auch dieses Wort. Gemeint war damit nur, daß religiöse Ueberzeugungen und Glaubensrichtungen kein Hindernis bilden dürften für die Zusammenarbeit I auf Gebieten, die — angeblich — mit Religion | nichts zu tun haben. Niemand hat aber je behauptet, daß aus diesem Grundsätze heraus, ein frommer Jude ungeeignet sei, einen liberal Gesinnten zu vertreten.- Die Frage der Trennung von Staat und Kirche berührt das Judentum nicht im geringsten — weil es bei uns einfach Torheit wäre, eine zu. große Machtstellung der Rabbiner oder einen Mißbrauch derselben zu befürchten- Weiß nicht Herr Grünbaum, daß 60°/0 seiner Wähler noch religiöses Interesse und nationales Ehrgefühl genug haben, um die Ernennung eines Rabbiners zum Senator als Ehrung des Judentums und der jüdischen Religion zu empfinden? Es ist übrigens schon von je her das Unglück der radikalen Nationalisten, daß sie in Dingen der Religion nie wissen, wohin sie gehören und welche Stellung sie einzunehmen haben. Das erlebten wir sowohl in der Frage der So nnt ags ruh e, wie auch in der jüdischen Vertretung im Senate.-" Diesen Ausführungen des New-Aorker Blattes haben wir nicht viel hinzuzusügen. Hr Vermögen behalten wir... Auf dem Eroberungszuge, den der Antisemitismus nach Beendigung des Weltkrieges durch das Erdenrund angeireten hat, fand er leider auch im einst so freien Ungarn nllzngünstige Aufnahme. Es blutet einem das Herz, konstatieren zu müssen, daß bei den stolzen freien Magiaren die Hetze bis zu einem Grade gedeihen konnte, den man als die „Propaganda der Tat" zu bezeichnen pflegte. Wir haben in den jüngsten Nummern genugsam darüber zu berichten gehabt. Man wundert sich nicht über die Exzesse der Soldateska, wenn man den Ton hört, den Parlamentarier und Regierende oft in der Juoenfrage airschlagen. So wird aus Budapest berichtet: Als der jüdische Abgeordnete Paul San dor in seiner Parlamentsrede zur Judenfrage unter anderem sagte, daß die Betreibung der Juden ein großes wirtschaftliches Unglück füs Land wäre, rief Staatssekretär Denes Patacsy dazwischen: „Die Juden werden wir vertreiben, aber ihr Vermögen behalten wir zurück!" Kann mau sich dann wundern, daß in Ungarn jetzt Judenlebsn und Judengut so billig geworden sind, wenn ein verantwortungsvoller Staatssekretär s-olche sozial- und finanzpolitische Lehrsätze verkündet? Rsn Omer-Gedanken. Von R F. Frühling ist's geworden. Wieder regt es sich in Feld und Flur, in Wiese und Grund. Die Blüten werden wieder sichtbar aus Erden und die Stimme der Turtel wird wieder vernommen. Die aus den Fesseln des Winters freigervordene Erde freut sich wieder ihrer Jugendkraft und schafft und wirkt und zeigt, wie sie von ihrer wicdergewonnencn Freiheit Gebrauch zu machen versteht. Allüberall erweckt sie Leben, entwickelt sie Keime und weckt das Schlummernde. Und seit das erste Gerstenkorn gereift und von frommt!- Hand dem Ewigen als Dankesspende geweiht ist, zahlt Israel die Tage des Frühlings, die Tage des Werdens, bis zum Tage der allgemeinen Vollreife, da aus allen Knospen Blumen, aus allen Samen reife Früchte geworden sind. Und wenn nun unsere Weisen die Tage derOmer.- zählung den fünfzig Zähren, vom zwanzigsten bis zum Alter des Psalmisten, da der Mensch entwickelt und in seiner Vollkraft dafteht, vergleichen, so wollen sie damit nichts anderes sagen, als daß des Menschen i Beruf ist, die Ausgestaltung seiner sittlichen Personr * lichkeit, das Zählen, ein ewiges Werden, ein Blühen, 8 eine Entwickelung, ein Früülingssehnen. Darum betet auch der Psalmdichier: so vw' nö2n 22b x'2i jnin, in der Erkenntnis, daß derjenige ein weises Herz erst sein eigen nennen kann, d. h., daß derjenige das Leben erst versteht, der seine Tage zu zählen weiß, der sie einer, wenn auch begrenzten Zahlenreihe gleichsetzt, in welcher immer der folgende' Tag eine nächst höhere Zahl bedeutet. Aber das Endziel unserer Omerzählung ist die Zeit der Weizenernte, der Vollreife in der Natur und dernemsprechend der Offenbarung des Gottesgesetzes auf religiös-geistigem Gebiete. Da ist der Frühling zu Ende, was ersehnt, gehofft und geahnt, steht in voller Reife da. Auf das geräuschvolle Werden und Wollen ist die Stille der Vollendung gefolgt. Und ebenso har das Jreiheitswerk, welches das Frühlingsfest uns in materieller Beziehung gebracht hat, seinen Kulminationspunkt in der Tatsache erfahren, daß Gott die wahre Freiheit der Menschenseele durch Thora und Sinai, oie Freiheit aus den Banden der Sünde und Sinnlichkeit, zu einer allgemein gütigen, dauernden und vollendeten geprägt hat. So hat das Schowuos« fest als das durch Gottes Hand dem menschlichen Ringen nach Wahrheit und Klarheit vorgezeichnete Ziel und Ergebnis, einen überirdischen, ja übersinnlichen Charakter. Hier ist die menschliche Erkenntnis zu Ende, hier setzt die göttliche Offenbarung ein. WaS sie uns aber bringt, soll uns nicht unvorbereitet treffendaruni zählen wir die Tage, die den Frühling mit dem Sommer, die Gerstenernte mit der Weizenernte, die Blüte mit der Vollenreife, das Werden mit der Vollendung verbinden. 1 Und dieses Zählen ist der wahre Gewinn des r l Menschen, das treffende Bild deS menschlichen Lebens,! 29. April 1920 Wiener jüdische Kinder ans dem Lande. Bon Dr. Felix Kanter in Awittau, (Mähren.) Das Elend der Wiener Bevölkerung ist zu bekannt, als daß es nötig wäre, hier nochmals darauf hinzuwetsen. Ebenso bekannt ist die Gefahr, die der Wiener Jugend infolge der herrschenden Not droht: Unterernährung, Blutarmut, Zurückbleiben im Wachstum re. Die „Wiener Illustrierten Blätter" brachten vor Kurzem einige Bilder von Kindern, die geradezu zu Skeletten abgemagert sind und die infolgedessen einen erschreckenden und traurigen Anblick bieten. Bekannt ist endlich auch das Mitgefühl, das sich überall regt und die Bereitwilligkeit, die sich überall kundgtebt, helfend einzugreifen, die Not und das Elend der Wiener Bevölkerung und namentlich der Wiener Jugend zu lindern und zu mildern. Es ist selbstverständlich und es braucht wahrlich nicht erst betont zu werden, daß namentlich jüdischerseits viel geschieht, um die jüdische Jugend zu reiten und sie vor gänzlicher Verelendigung zu bewahren. Namentlich in den sogenannten neutralen Ländern wird seitens der jüdischen Bevölkerung das Möglichste gelastet, die Wiener jüdische Jugend vor dem Verhungern zu retten und sie zu erhalten. Die Aktion „Diener Kinder auf dem Lande" scheint sich überall gut bewährt zu haben und ist daher mit Freude zu begrüßen. Auch in vielen Gemeinden der tschechoslowakischen Republik wird seit neuester Zeit für diese Aktion eifrig und mit Erfolg agitiert, was umso anerkennenswerter ist, als wir selbst weit davon entfernt sind, im Ueberfluffe zu schwelgen und vielfach selbst mit Not und Entbehrung zu kämpfen haben. Hier gilt das Wort unserer Weisen, nicht “pinö, sondern manche müssen sich selbst Entbehrungen auferlegen, vom Munde ihrer eigenen Kinder absparen, um den Wiener Kindern zu helfen. Diese Art von Hilfe gereicht dem tschechsslowakischrn Judentum gewtß zur Ehre und ist über jedes Lob erhaben. Anders verhält es sich mit der rituellen Sette dieser Hilfsaktisn. Die Wiener Kinder werden wahllos nach den Gemeinden Böhmens und Mährens geschickt und werden dort in Häusern untergebracht, ohne zu fragen, ob sie rituell geführt werden oder nicht. Unter den Wiener Kindern befinden sich sehr viele aus religiösen Familien, viele, die aus Galizien stammen und die in ihrem Elternhause ein streng religiöses Leben und ein streng religiöses Beispiel vor sich sahen. Plötzlich werden diese Kinder aus ihrem jüdischen Mileu herausgerissen und in Familien dem es von Natur aus nicht immer eigen ist, zu ernten und zu genießen, sondern dessen Hauptinhalt und einziger Genuß das Streben ist, das Stchdurchdringen, dem dann die göttliche Offenbarung zu Hilfe kommt und den Zielpunkt feststeckt. So verstehen wir auch den sonst rätselhaften Ausspruch des Midrasch: *pj?2 rAp iown rnso arm px LN''? n"y 2>2X crr-isx nur ntswii msö h* bw, Die Verbindung Abrahams, Israels Ursprung, mit Kanaan, dem Ziele Israels, will uns andeuten, daß das Zählen das Bild des wahrhaft menschlichen Strebens ist, dem dann am Ende das gelobte Land seiner Ahnung und Sehnung entgegenwinkt. Nicht anders, als mit dem Seelenleben des Einzelmenschen, verhält es sich mit dem Seelenleben unseres Volksganzen. Die für Israel in jener Mitternachtsstunde Aegyptens begonnene Sephtra, jener damals angebrochene Frühling, währt heute noch fort. Doch so gewiß wir die vollste Schärfe aller Frühlingsstürme erfahren haben, deren wir namentlich in den Sephiratagen gedenken, das große Sterben, unter Akioa's Jüngern, die Greueltalen der Kreuzzügler, die Leiden der allen Gemeinden am Rhein, die Grausamkeiten des Kosakenhetmanns, so gewiß wir heute noch allenthalben böse Winde über uns ergehen lassen muffen, so gewiß geht auch Israel seinem Sommer, der heilsamen Stille seiner erfüllten Mission entgegen. Unsere Weizenernte, bis zu der wir zu „zählen, d. h. an unserer Fortentwicklung zu arbeiten", Grund genug haben, liegt in der Erfüllung des Prophetknwortes: v'srv o'b a*D3' 'n nx njn pxn nxSö '2.

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