Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 17 (29.4.1920)
- Date
- 1920-04-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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-S-M, V Der Israeli \ Eia Ceiitraloman ifir das orllioto Jatenftun (l(JE& \Wjgmm 11/ «cggggg Se$MI doq Or. Ldui Io Mior cssssa \\\ öl Jahrgang. Frankfurt a- M-, ösn 29. April 1920 11. Jjar 8680. M 1? Nvoimement vro Bierteljubr: Deutschland bei den Postämtern M. 3.75, bei direkter Bestellung u. Rechrmngserteilung durch d.-VerlagM. 4.50vierteliährl. für Lehrer u.Kultusbeamte (nur direkt) M. 2.25 vierteljährl., alles 5 Pfg. Bestellgeld. Deutsch-Oesterreich ».Ungarn Kronen 12.50 viertel!.; Tschecho-Slowakei Kr. 7.50 vtertelj., Holland fl. 1, Skandinavien Kr. 2, Schweiz, Frankreich n. Belgien Fr. 1.50, England 1 ad. 6 p., Amerika 0.50Doll. Viertels. Einzelnnmmer50 Pfg. Durch den Buchhandel wie b. Verlag. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag Anserate: Mk. 1.— sür die sechsgespaltene Colonel-Zeile einschl. Tenernngszuschl.Musland-Jils.Mk.Z.—pro Zeile -Rabatt nach Tarif Jnseratenannahme durch den Verlag des Israelit G. m. b H., Frankfurt a. M., Gr. Eschenheimerstr. 23 Tel. 5842, Amt Hansa, sowie sämtl. Annoncen-Exped. des In« und Auslands. Vlahvorfchrifle» ohne UrrdindUchkett. Zahlungen außer direkt an den Verlag — Postscheckkonto Frankfurt a. M. No. 18 802 — erfolgen an: Conto vei der Postsparkasse Wien No. 78rU>5 Conto bei dem Postsparkassenamt Budavev No. 1812 Coto beim Postscheckamt Zürich Kr. VIII 7254 Conto bet der Böhmischen Unionvank, Prag und deren Filialen. 8er HarfiSrucfc 3er flrfifcei im3 CorrelponSenjen öes «Israeli!“ if! nur unter genauer Quellenangabe, un9. foroeif es fleh um größere Mäße fianSelf, nur nach oorfieriösr ösnehmiguns geliattel. 1. Leitartikel: Mdbi Mia« der Gaon;u Wilna. 2. Homiletik: R. F.:Gmer-GedanKen. — 3. Kleines Feuilleton: Irn Mühen. — 4. W o ch e n ru n d s ch a u: Die rabbinischc Vertretung im polnischen Senate — Ihr Vermögen behalten wir ... — 5. Aufsätze: Dr. Felix Kauter: Wiener jüdische Sinder auf dem Lande. — 6. Korrespondenz« n und Nachrichten: Berlin, (Von der deutsch-nationalen Bolksparcei). — Berlin, (Verschärfung der östlichen Grenzsperre). — Berlin, (Landwirtschaftliche Geräte für Palästina«. — Karlsruhe, (Die Synobalwahlen in Baben). -- Cassel, (Eine Versammlung jüdischer Seniinardirektoren). — Wien, (Neue polnische Pogrome). — Wien, (Wiener Brief). — Wien, (Englische Hilfe). — Budapest, (Aus der ungarischen Hölle). — Prag, (Die Wahlen sür die tschecho-slowakische Kammer). Berlin, (Untersuchung der Pogrome). — London, (Ein Bericht über südrussische Pogrome). — Paris, (Bolschewismus und Judentum). — Paris, (Die Lage in Odessa). Ncw-Iork, (Ein neuer Leiter des amerikanisch-jüdischen Hülfswerks. — London, (Rücktritt des Grvtzrabbiners). — London, (Die Regelung der Palästinafrage). — Jerusalem, (Ein Ausruf des Waad Hasmauian das arabische Volk). — 7. Vermischtes. — 8. Feuilleton-Beilage: Im Iudenstaat der Chasaren. — 9. 5k in der ecke: Die Reisen des Wilnner Gaon. — Die letzte Rede des „Ger Zedek/' — Liebe junge Freunde! — Auflösung des Rätsels in Nr. 15. — Aus dem Talmud und. Midrasch. — 10. Frankfurter Berichte. — VsrLinswessn. — Beretnskalender. — Familiennnchrichren — Geöetzeiten. Rabbi Elia,H Gaön M Mna. (Zu feinem 209. Gehurtsiage.) li. Man hält zwar dem entgegen, daß diese Gefahr nicht, oder mindestens nicht in dem vom Gaon befürchteten Maße etngetreten ist. Das wäre so, als wollte man der Feuerwehr die Berechtigung zur Anwendung der schweren Löschapparste nachträglich mit der Begründung absprechen, daß sich die Flammen nicht in der gefürchteten Weise ausgebreitet hätten ... Daß in Litauen sogar in den wenigen chafsidischen Kreisen im Ganzen der Kopf klar und die Sinne offen und frei für die Kenntnis der Thora und Peinliche Urbung des Gesetzes geblieben sind, daß in Wilna von Anfang an nicht die mehr von dem exakten Thorawiffen abgekehrte, der Mystik ganz zugewandte und die Autorität des Zadik über .alles stellende Richtung des R. Elimelech aus Lezajsk Schule machte, sondern die des als Thoragröße anerkannten R. Senior Salmon, der bei Vereinigung von Kabbala und Talmed seine „Chabadaer" zu Jüngern der Thora heranziehen wolltedaß ferner dieser Geist sich dämmend und dämpfend schließlich auch in Polen und Galizien Eingang verschaffte, all dieses ist Verdienst des Gaon und indirekte Folge des unter ihm geführten Kampfes. Je mehr man sich in den chafsidischen Kreisen mühte, die Befürchtungen des Gaon als unbegründet erscheinen zu lassen, um so mehr zeigten gerade diese Bestrebungen, wie nötig der Kampf war . . . Denn man vergesse nicht: Der Chassidismus in der neuen ihm von „Bescht" gegebenen Form, war damals noch durch kein Alter von auch nur einem halben Jahrhundert geheiligt, die Wunden, die S,a bbatoiZewi dem Judentum geschlagen, waren kaum vernarbt. Und dann: der Gaon erschöpfte sich keineswegs in der Angriffstaktik. Ueber dem Bannstrahl, über dessen Nützltchkeitund Berechtigung heute nach anderthalb Jahrhunderten nicht mehr gestritten werden kann, stand die positive Arbeit, der Ausbau der eigenen Thsrafestung: Wo losch in als Erbe für die Nachwelt, das litauische Lernen als feste Burg gegen alle Strömungen der Zeit. Woloschin, Telsch, Kowno, Slabotko haben aber die Herrschaft in der jüdischen Geisteswelt behalten und saudeu auch den Weg nach Warschau und Krakau, Ger und Lubawitsch. Mehr konnte der Gaon mit seinem dämmenden und regulierenden Vorgehen nicht gewollt haben. Und gehört es mithin zu seinen Verdiensten, daß heute von einem Widerstreite zwischen Chassid und Mtsnaged nicht mehr ernstlich die Rede sein kann, daß heute Rebbe wie Rabbi nur das eine Bestreben haben, alles, was treu geblieben, um die heilige Lehre zu sammeln. Der Feind steht ganz wo anders und gemeinsame Gefahr einigt beide Richtungen zu gemeinsamem Abwehrkampf und — was weit wichtiger ist — zu gemeinsamer positiver Aufbauarbeit. Heute noch von einem Gegensätze zwischen einem angeblich nur aufs Gefühl eing-fftellten Chassidismus und einer kalten, seelenlos dem Buchstaben anhangenden misnagdischen Richtung zu sprechen, müssen wir denen überlassen, die in den letzten Jahren ihr Herz sür den Chassidismus entdeckt haben und in einer Art platonischer Liebe zu demselben ihn gegen den Rabbinismus so ausspielen, als galt es je und gälte es heute noch, Geistesschlachten nach dieser Richtung zu schlagen. Just zur Zeit, da in Polen einige hundert Rabbiner und Chassidimrabbis in einem gemeinsamen Aufrufe alle Treugebliebenen zur vereinten Arbeit im Rahmen einer Organisation aufrufen, sitzt Horodezki in der schweizerischen Bundesstadt und läßt Bücher vom Stapel,*) in denen er Dutzende von Druckbogen mit der Erörterung der „zwei Richtungen im Judentum", der „religiösen Gesetze und religiösen Gefühle" bedeckt. Hier toben schwere Kämpfe zwischen Gesetzesjudentum und Gefühlsjudentum, zwischen Halacha und Agadah, zwischen Lehre und Kabbala, zwischen Rabbinismus und Chassidismus, kurzum ein Kampf aller gegen alle. Hier — in den verworrenen Köpfen der Neuchassidim und ihrer Rabbis in der Bergeinsamkeit des Odenwaldes und der Berner Alpen. W,i r wissen, Gott sei es gedankt, von solchen Kulturkämpfen nichts, wir wissen, daß trotz kleiner Nuanzierungeu und gelegentlicher Auseinandersetzungen in früheren Zeiten, alles, was zum positiven Judentum hält, mit gleicher Liebe und Verehrung zu der geeinten,aus Mikro und Mischnaund Halacha und Gemoro und Agada sich zusammensetzenden Lehre emporblickt. Und ein Mann wie Horodezki, der für die Beurteilung der rabbinischea Geistesarbeit nur den Maßstäb der ältest Scholastik kennt, im Chassidismus die schönen Romantik liebt — I eine Liebe ohne Ziel und Absicht und irgendeine Verpflichtung — dieser Mann, der erhaben über den Dingen stehend, das kalte Seziermesser anlegt an t Gehirne, die für alle Zeiten gedacht und an Herzen, die tief für ihr Volk empfunden, dieser Mann maßt sich an, im besagten Buche über den Gaon aus Wilna wie folgt zu urteilen: „Der Gaon kannte fern Volk nicht und gab sich auch keine Mühe, es kennen zu lernen. Er war kein Lehrer seines Volkes, wollre sein Lehrer nicht sein und konnte es nicht sein. Denn der Lehrer mutz das Volk und seine Art kennen, und zu diesem Zweck mutz er seine Wege unter den Menschen nehmen, um von ihrem Handel, ihrem Gespräch und ihren Gedanken zu wissen; er mutz das Leben und die mancherlei Ströme kennen, die in ihm flietzen und aus ihm emporguellen, und all dies fehlte dem Gaon von Wilna.-- In der Tat: er war ein großer Gaon, schrieb in der rnbbinischen Literatur hervorragende Werke, dafür preisen ihn die Bänkedrücker und „Auserwähltev" im Volk, die „Lerner" und Scharfsinnigen vertiefen sich in seine Worte und finden an ihnen Freude und Vergnügen, dafür steht sein Name als Ruhm und Schmuck in den Annalen der rabbinischen Literatur. Aber welche t £ *) „Religiöse Strömungen im Judentum". Mit besonderer Berücksichtigung des Chassidismus von D. S. A. Horodezki. Verlag Ernst Birger, Bern.!. ‘:T- /■:! ■ < I" s •i! -if