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Der Israelit · 1920-04-22 · Heft 16 (22.4.1920) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 16 (22.4.1920)
Date
1920-04-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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SSBBflg 3m Iudenstaat der Lhasaren. Historischer Roman aus dem achten Jahrhundert. (11. Fortsetzung.) Dann kam es wie eine leise Melodie aus dem Munde der Nachtgestalt und es summte in den Raum. Was war das? War das nicht etwas Bekanntes, Altvertrautes, ungemein Liebes, frohe Botschaft von oben, Heimatgruß? Sie wollten dem Himmelsboten etwas entgeqenrufen, aber schon war er verschwunden, den Balsam froher Hoffnung in die gedrückten Herzen träufelnd. Was hatte die fremde Gestalt gesungen? Es war ein Gesang ohne Worte, die bekannte und beliebte Melodie aus Babylon, die Ben Chisdai mitgebracht und seitdem jedem bis in die Seele vertraut war. „Gott ist mein Hirte, mir mangelt an nichts, Auf grüner Weide läßt er mich weiden, An Wässer der Ruhe leitet er mich." Und wer war der Mann, der nicht sprechen durfte und seine Botschaft in wortlosen Tönen htnausschmetterte? Die Zuke hatte sich offenbar geschlossen, die Gestalt war verschwunden, und im Kopfe der Einsamen surrte und summte der Gejang und bohrte sich im Gehirn so fest, als wollte er eine Türe aus Not und Nacht brechen . . . „Es sind Glaubensbrüöer um uns herum, um uns besorgt und darauf bedacht, uns zu helfen", sagte R. Amram. „Ich denke auch tMeder deutlicher an den Pilger", entsann sich Sangori, „er warnte vor etwas ... Er wußte wohl um die Gefahr und brachte mir daher den Ring . . „Habt ihr den Ring bei euch?" „Ich ta^ ihn in den Beutel zu dem Gebetmantel". Gehobeneren Mutes sahen sie dem Morgen entgegen. Beim ersten grauen. Lichtschimmer holte Sangort den Ring hervor, den R. Amram eingehend betrachtete. „Ihr habt den Ring des Chakan", sagte R. Amram, „der Name Bulans ist auf dem Steine deutlich zu lesen. Wer diesen besitzt, das weiß ich aus meiner Kenntnis der chasarischen Gebräuche, ist vor jeglicher Gewalttat geschützt, und erhält Zutritt zum Palaste des Chakan". „Gelobt der Herr, der Heilung schickt, bevor er noch zum Schlage ausholt", zitierte der Rabbi auS dem Talmud. „Und gute Menschen, Brüder, die uns in der Not bristehen und um uns besorgt sind", ergänzte R. Amram. Die Hoffnung zeigte sich bald genug als gerechtfertigt. Denn schon in den ersten Vormittagsstunden kamen Bediente, die im höheren Aufträge die beiden Gefangenen in allen Ehren nach der Amar-Hitadelle überführten, wo ihnen ein mit allem Nötigen ausgestattetes Gemach angewiesen wurde. Auch wurde ihnen eröffnet, daß ihnen bas warme Essen täglich aus der Küche des Leibarztes Assarius gestellt werden würde. Als einzigen Wunsch äußerten sie auf Befragen, daß es ihnen gestattet werde, sich die nötigen Bücher zum Studium holen zu lassen, tot# ihnen sogleich gewährt wurde. In der Schechuna ging ein Licht nach dem anderen aus. Tiefes Dunkel legte sich auch um die Herzen, als mau so jäh aus dem Lichte und vollen Leben herausgerissen wurde. Keiner wußte so recht, was und wie das geschehen war, am wenigsten Ben Chisdai und sein junges Weib, die aus himmlischem Traume zu einer Wirklichkeit erwacht waren, welche mit dem im Anblick des Lichtes noch befangenen Auge noch gar nicht zu erfassen war... Vater und R. Amram eütführt, die ganze Gemeinschaft und sie selbst in Gefahr. Sie mußten sich dies wie die Kinder ihre Lektionen einmal und nocheinmal vorsagen, ohne den Sinn des Ganzen zu begreifen. Was hatten sie getan, und was sollte jetzt werden? Ben Chisdais Freunde saßen um ihn herum und rangen nach Worten. Batsua lag untröstlich in den Armen Nechamahs. „Der Vater, der gute Vater", stöhnte sie. Unter den Jüngern war einer, der Worte fand. „Das haben wir alles dem Fremden zu verdanken, dem Fremden, der sich Kosarios nannte, zu uns kam, alles auskundschastete, um uns am Ende schnöde zu verraten. Er und kein anderer hat uns alle ins Unglück gebracht, hat sich auch all die Zeit außer Sicht gehalten . . . Ich habe gewarnt . . ." Der so sprach, war Machir, der „Tatare" und er fand bei vielen Gehör. Als er in seiner Anklagerede noch weiter sortsahren wollte, traf ihn ein vernichtender Blick aus dem Feuerauge Batsuas, und er senkte das Haupt und schwieg. Ben Chisdai überhörte Machirs harte Worte ganz und sann auf Hilft. Morgens in aller Frühe, begab man sich in bie Chasarenstadt, um sich nach dem Schicklai der Entführten umzusehen. Der erste Gang Ben Chisdai und seiner Freunde führte zu Rafael Assarius. Der vielbeschäftigte Mann gab, wie cs seine Art war, kurzen, klaren Bescheid und teilte von der Wendung zum Bessern mit, die inzwischen in der Behandlung der Bürgen eingetreteu war. Für den Augenblick war keine Gefahr vorhanden, weder für diese, noch für die Gemeinde. Eine Gefahr würde nur eine Niederlage im Kampf gegen die Araber — was Gott verhüten möge — bringen, die der Pegan Hamenas, wie Milkamin gegen die Juden ausnutzen würden. Des Chakan Sohn und Thronerbe sei aber so tapfer und heldenhaft, daß das Beste zu hoffen sei. Im übrigen riet er, nicht allzuostund auffällig die Chasarenstadt aufzusuchen, von Befreiungsversuchen vorerst abzusehen, und der Sache ihren Lauf zu lassen, lieber das Schicksal der Gefangenen wollten sie in der Stadt schon genügend wachen. Mit diesem Tröste kehrte Ben Chisdai heim. Aber das Lehrhaus blieb verlassen, und in den Häusern herrschte Trauer. und Kummer. Man sandte heiße Gebete zum Himmel für den Sieg der chasarischen Waffen gegen den arabischen Angreifer und verfolgte in spannender bebender Erwartung jede Nachricht aus dem Felde, jede Kunde über den Verlauf der Dinge, die entscheidend werden sollen für das Schicksal der jüdischen Gemeinschaft in Chasarien. Da reifte in Ben Chisdai ein Entschluß, über den er zu Anfang selbst erschrak, der aber, je mehr er ihn erwog, ihm immer vertrauter schien. Als man in der Gemeinde darüber beriet, was mit dem gesammelten Golde geschehen sollte, das als Kriegsbetrag bestimmt, von Milkamin abge-! lehnt wurde, erklärte er nach geheimer Aussprache! mit seinen Intimsten, das Gold selbst und direkt! dem obersten Führer der Streitheere, dem Thronerben Saliman überbringen zu wollen. Man lachte zuerst über diesen abenteuerlichen Plan, doch gewann er bald mit seiner bestimmten, unerschrockenen Art die Zustimmung auch der Ungläubigsten. Eine kleine Schaar von Jüngern und Freunden hatte Ben Chisdai für seinen Plan gewonnen, fünfzig an der Zahl, mit denen er täglich in# Dickicht am Fuße des Gaba hinauszog, Beratungen abhielt und Muskelübungen pflegte,' sogar in Handhabung von Schwert und Spieß Löten sie sich, so gut sie konnten. Im Geiste dachte Be« Chisdai unausgesetzt an Kosarios. Welche Dienste hätte dieser ihnen dabei leisten können! Aber Kosarios war auch nicht zur Hochzeit erschiene«, ließ nichts von sich hören und gab durch sei« Verschwinden Anlaß zu Deutungen, die er, Be« Chisdai, auch als schwere Vorwürfe gegen sich selbst empfinden mußte. Diese neue ungewohnte Betätigung lenkte die Jünger von der Grübelei über die Anklagen Machirs gänzlich ab. Je länger sie bei dieser Arbeit verharrten, um so mehr Freude fanden sie daran. Die Brust weitete sich, der Schritt wurde fest und sicher, die Sprache laut und bestinimt. „Es gilt für die eigene Sache!" sagte Ben Chisdai, der das Ganze leitete, „es ist nicht unseres Amtes, uns mit Faust und Gewehr den Weg durch die Welt zu bahnen. Wo es aber gilt,, unser Heiligste# zu schützen, müssen wir heute noch würdige Nachkommm eines Josua und David und der Makkabäer sein". Machtr, der offensichtlich Ben Chisdai sein Amt neidete und nur mit halbem Herzen dabei war, bemerkte, man müsse auch sonst mehr zur Natur und zur Schrift zurückkehren . . . Keiner wußte,, wo er hinaus wollte. Nur Ben Chisdai runzelte die Stirn und dachte unwillkürlich an gewisse Strömungen, die er tn Babylon seinerzeit wahrgenommen hatte ... Er traute in letzterer Zeit Machir nicht mehr recht. Weder die älteren Leute noch die Frauen wußten etwas um den neuen Geist in der mäkmlichen Jugend. Nechamah und Batsua härmten sich ab in der Sorge um ihre Väter und suchten für einander Trostworte. An der ausrechten Sicherheit Ben Chisdais reckte sich aber zuweilen auch ihr Mut und ihre Kraft empor. Wenn Batsua voller Sorge vom Vater sprach, gedachte sie auch jedesmal Kosarios: „Wo mochte dieser sein? Er hätte uns in dieser Stunde nützen können . . „Weißt du" sagte Nechamah sanft, „daß viele der Meinung sind, das Unheil komme von Kosarios, der den Verräter gespielt? . . „Es sind Ausstreuungen", kam Batsua ins Feuer, „Verleumdungen, von bösen Zungen ausgehend ... Machir-" „Ich weiß, Batsua, du magst Machir nicht, und die Aufdringlichkeit, mit der er um dich wirbt, macht ihn uns nicht mehr lieb und wert, — aber darum darf noch der Andere nicht tn deiner Achtung steigen. Er ist doch Nichtjude, der tn unsere Art Einblick gewonnen, uns kennt und — nun hält er sich im Nebel und macht sich nichts aus unserer Not. Spricht das nicht gegen ihn?" „Er ist unschuldig", schrie Batsua auf. „Kennst du ihn und sein Herz?" „Ich kenne ihn und sein Herz, e r hat uns nicht verraten", verharrte Batsua lebhaft. „Und du hast doch kaum allein ein Wort mit ihm gewechselt". „Ich kenne ihn!" „Keiner kennt ihn so gut wie Ben Chisdat und —" Nechamah hielt im Satze ein, um der Freundin nicht gar zu weh zu tun. „Und Ben Chisdai glaubt das Gerede?" „Vielleicht nicht, aber er hört das Gerede und schweigt dazu . . „Und i ch mag nicht schweigen", ereiferte sich Baisua, „ich könnte es in alle Gaffen hinausrusen: Kosarios ist unschuldig . . (Fortsetzung folgt.)

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