Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1920-04-22 · Heft 16 (22.4.1920) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 16 (22.4.1920)
Date
1920-04-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450088-2450103--68181-2525283
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 No. 16 Der Israelit. 22. April 1920 Damit wäre den Nationalisten und ihren Mitläufern im orthodoxen Lager ein dankbarer Agitationsstoff genommen. Ein Wendepunkt im badischen Judentum. Bon Lehramtsprakt.KarlDarmstädter (Ladenburg.) Die seit langem angekündigte Neuordnung der badischen Landessynagoge beginnt allmählich Wirklichkeit zu werden. Nach Erledigung Vieler Vorarbeiten, ist der 25. April zum Wahltag der ordertlichen Synode bestimmt worden, die sich mit drei wichtigen Punkten zu befassen haben wird: Bewilligung des Budgets für 1920—1922, damit zusammenhängend die Regelung der Lehrergehaltsfrage und endlich die Entscheidung über das neue Wahlverfahren, das bet der auch in nicht zu ferner Zeit zusammentretenden, außerordentlichen, „verfassunggebenden" Synode in Anwendung gelangen soll. Aus diesem dritten Punkt geht hervor: Die jetzt zu wählende Synode legt das neue Wahlverfahren fest, sie selbst wird noch nach dem alten Verfahren gewählt werden. Ihr werden voraussichtlich keine Möglichkeiten, bezw. wie wir hoffen wollen, keine Notwendigkeiten gegeben sein, in scharfem Kampf des Wortes religiöse Prinzrpienfragen zu erörtern. Und wenn wir auch solche Auseinandersetzungen wahrlich nicht zu scheuen haben, so ist es doch auch wünschenswert, wenn von keiner Seite Anlaß gegeben wird zur Vergrößerung der religiösen Gegensätze und zu öffentlichem Austrag jüdischer Weltanschauungsfragen. Aber was in dieser Synode zu erörtern sein wird, ist nicht von weniger weittragender Bedeutung. Es handelt sich um das, was in vielen Formen in der jüngsten Zeit die jüdische Oeffentlichkeit beschäftigt, soweit sie noch gewillt ist, nicht skeptisch-resigniert, sondern freudig be jahend statt Untergang Weiterbestand oes Land;uoentums und der in ihm wurzelnden Kraft quellen zu wollen und zu fördern mit allen Mitteln. Was der Aufruf der orthodoxen Verbände, was Steinhardt im Jsr. Fam. Bl. (bei rückhaltloser Anerkennung dieses Aufrufs) freudig befürwortet, das gleiche kommt, wenn auch freilich im nüchternen, sehr real und schwerwtegend aufgestellten Zahlengebäude des Voranschlags „der in der israelitischen Zentralkasse zur Verrechnung kommend en Ausgaben und Einnahmen für allgemeine kirch. liche Bedürfnisse der israelitischen Re» l iqionsgemeinschaft in Baden für die Jahre 1920, 1921 und 1922" zum Ausdruck. Der Bestand der Lanogemeinoen ist gefährdet, die glatte Unmöglichkeit, Lehrer, Chasanim und Schochtim usw. zu besolden, liegt bei der heutigen Lage auf der Hand, wenn kein anderer Weg gefunden wird, hier Hilfe zu bringen. Es war der Fehler der badischen Oberratsleitung, wenn sie aus Angst vor einer einsetzenden Fluchtbewegung nicht mehr Steuern erhob und sich damit die Möglichkeit der Schaffung eines großen, starken Fonds verschloß. Es war der Fehler aller beteiligten Faktoren — auch der nicht allein für Baden bestimmte Ausruf zur Rettung der Landgemeinden kommt reichlich spät —, daß sie nicht frühe genug mit aller Energie auf die drohende Gefahr aufmerksam machten, und es war und ist der Fehler so vieler Satten, Bequemen, daß sie sich „darum nicht kümmern." Nun freilich kommt für Viele ein großes Erschrecken. Es wird von der badischen Synode die Bewilligung von Mk. 1125000 für jährlichen Bedarf verlangt, darunter Mk. 441000 für durch besondere Vorlage zu begründende Regelung der Lehrergehälter. Und von diesen Mk. 1125000 müssen durch allgemeine Kirchensteuer jährlich M. 977000 aufgebracht werden, sodaß z. B. auf elnen Steuerdistrikt wie Weinheim Mk. 10156, wie Adelsheim Mk. 1460, Mannheim-Stadt Mk. 502176, Karlsruhe-Stadt Mk. 170400 entfallen! Gewaltige Summen, wie sie bisher noch nie verlangt worden sind, noch nie nötig waren Und mag man über einzelne in diesem Voran schlag aufgeführte Posten verschiedener Meinung sein, ob die für sie verlangten Summen der Notwendigkeit und die Ergebnisse ihrer Verwendung den Kosten entsprechen, im großen ganzen kann kein Zweifel bestehen: Sie müffen bewilligt und ausgebracht werden, sollen nur u. a. die gröbsten Nolwendigketten bestritten werden, wie die Lehrergehälter der Kleingemeinden. Freilich: wir, die wir dies alles nicht nur vom krassen Wirtschaftsstandpunkt, sondern auch ein wenig von dem des uns teuren Judentums betrachten, sind uns darüber klar: dies alles kann, darf nur Mittel zum Zweck sein, Mittel zur Erhaltung, zur Belebung und FörderunZ des Thora-Judentums, das unter den drückenden wirtschaftlichen und sonstigen Verhältnissen auch oft Gefahr läuft, vergessen, beisritgeftelltt zu werden. Und so werden diejenigen, die an jüdischer Gesinnung in unserem Lager und uns nahe stehen, gewiß sich von keinem anderen in der notwendigen Bewilligung des dringend Erforderlichen überbieten zu lasse ». Aber jo selbst verständlich wir von ihnen wissen, daß sie immer ihre Gesinnung und ihre Wünsche auch bei solchen Forderungen zum Ausdruck bringen, so sehr verlangen wir auch von all denen, die aus irgend einem Kompromißvorschlag unsere Stimme, Billigung und Unterstützung finden, daß sie grundjätzlich keiner Sache ihre Zustimmung gewähren, die unser altes Judentum, irgendwie in seinen Ueberlieferungen negieren würde. Nochmals: das Geforderte ist Notwendigkeit. Wir wollen freudig dafür eintreten und wollen optimistisch genug sein, zu glauben, daß es dem Judentum, wie wir es werten und zu leben versuchen, zum Segen gereiche. Mögen alle, die am 25. April ihre Wählerpflicht erfüllen, im Innersten wissen, worum es geht, und alles aufbieten, daß das thoratreue, das religiösgesinnte Judentum eine gewichtigte Stimme in der Versammlung der badischen Synodalen hat! Mögen alle, die dort ihre Stimme zu erheben berufen sein werden, in ernstester Einsicht ihr Amt erfüllen, wissend, was davon abhängt! Mögen aber auch alle, denen die Neuregelung ihrer Lebensverhältrüsse durch die Synode zu gute kommen wird nie vergessen, daß all dies nur Mittel sind: kleine, sehr notwendige und der harten Gegenwart entsprechende Mittel! Daß aber tausendfacher Segen aus ihnen werden kann, wenn in den damit Bedachten ein lebendiges Feuer der selbstlosen Hingabe an ihr hohes, verantwortungsvolles Amt lodert, wenn sie alle im wahrsten Sinne des Wortes — mögen sie Wähler, Gewählte, an der Spitze stehende oder im kleinen Kreise Wirkende, Lehrer oder Belehrte sein — 22 DVD12 sind, das heißt LNQ2 V'PO12 Q'üw ni£H/ nur um Gottes Willen, aus reinem Pflichtgefühl ohne Interesse und Nebenrückstchten, ihr Handeln einrichten! Es geht um mehr, als um die Aufbringung großer Summen, es geht um Sein oder Nichtsein, um Bestand oder Untergang großer Teile unserer jüdischen Gesamtheit. Lorrefponvenzen und Nachrichten. Deutsche» SUtd?« Lehrhurfe auf dem Lande. Arankfirrt a W., 15. April. Von der „Kommission für ländliche ohlfahrtspfleae" der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" wlrd uns geschrieben: Wir beabsichtigen, die bereits vor dem Kriege begonnenen Bemühungen um Erhaltung und Hebung des geistigen Lebens in den jüdischen Landgemeinden nunmehr in systematischer Weise forlzusetzen und zu erweitern. Zu diesem Zwecke erscheint uns die Errichtung regelmäßiger Lehrkurse in allen, auch den kleinsten Landgemeinden das vornehmste Erfordernis. Soweit dieser Notwendigkeit nicht durch die Herren Rabbinen bezw. die Herren Lehrer in den einzelnen Orten genügt werden kann, sind wir bereit, Unterrichrskräfte für die Einrichtung von Schiurtm zur Verfügung zu stellen. Die Organisation ist derart gedacht, daß für die einzelnen Gebiete Stellen geschaffen werden, bei denen sich sowohdie Gemeinden, als auch freiwillige Hilfs kräfte, die bereit sind, Kurse zu übernehmen, zu melden haben. Einstweilen sind folgende Zentralstellen eingerichtet: Bezirk Gießen-Marburg: Adr.: jtub. jur. P. Kulp, Marburg, Barfüßlergasse. Prov. Rabbtnat Fulda: Adr.: Dr. Herz, Fulda, Mittelstraße, Bezirk Untersr ankern Adr.: stud. Phil. S. O. Wreschner, Würzburg, Hotel zur Glocke. Die Veröffentlichung der Adressen weiterer Zentralstellen wird in Kürze folgen* Wir erklären uns außerdem bereit, soweit die verfügbaren Mittel reichen, den Herren Lehrern, die an sich bereit wären, Lehrkurse in den Gemeinden einzurichten, die aber zu diesem Zwecke andere lohnende Beschäftigungen aufgeben müßten, entsprechende Honorare für die in unserem Aufträge abzuhaltenden Kurse zu vergüten. floudas 3isroel und misrachi. Arankfnrt a. W., 20. April. Die „Jüdische Presse" berichtet, daß in Amsterdam ein „Einigungs-Komitee" gegründet worden sei, um eine „Emigung" zwischen der Agudas Jisroel und dem Misrachi herbeizuführen. Bei der ersten Sitzung sei die Agudas Jisroel durch den Amsterdamer Oberrabbiner, Herrn Rabbiner Onderwyzer und Oberrabbiner Sch apiro aus Kowno „vertreten" gewesen. Wir erklären hierzu, daß diese Verhandlungen, wenn sie stattgesunden haben, völlig der Initiative der Teilnehmer entsprungen sind und daß die Agudas Jisroel als solche dabei nicht vertreten war. Wenigstens war keiner leitenden Stelle der Aguda das geringste davon bekannt. Wertin, 18. April. Minister Haenisch hat auf Antrag der Herren Prof. Einstein und Prof. Landau die Einrichtung von „staatlich zugelassenen Lehrgängen Berliner '.1niversitätslehrer"für nicht immatrikulierte Ausländer aus Humanitären Gründen ^genehmigt. Es handelt sich dabei um die in Berlin befindlichen ostjüdtschen Studenten, die als ordentliche Universitätshörer keine Aufnahme finden. Oie Jefchimah und Talmud-Chora des Vereins „fihanas-Tfiora". Leipzig, 16. April. Mit aufrichtigem Stolze und innerer Befriedigung können die gesetzestreuen Juden Leipzigs auf die durch den hochgeschätzten Herrn Nabb. Feldmann in streng traditionellem Sinne gegründete Pflegeftätie hebräischer Wissenschaften blicken. Dieses bisher noch nicht genügend gewürdigtes Zentrum jüdischer Disziplinen hat sich zum Ziere gesetzt, in einer Jeschiwah jungen Leuten, die mit innigen Liebe an unserer Thora hängen, in reichlichem Maße Gelegenheit zu bieten, sich dem Talmudstudium voll und ganz widmen zu können. Das große talmudische Wissen des Rosch-Jeschiwah bürgt dafür, daß die ihm anvertrauten Bachurim zu wahren Talmide-Chachornim herangebildet werden. Für die in der Jeschiwah lernenden Jünger hat Rabb. Felmann in überaus hochherziger Meise derart gesorgt, daß für deren Beköstigung von Seiten des Vereins „Ahavas-Thora" gesorgt wird.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.