Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 15 (15.4.1920)
- Date
- 1920-04-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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. 15 des „Maeltt". ^ssÄf mm üMr?; mm Historischer Roman ans dem achten Jahrhundert. (10. Fortsetzung.) Drinnen ging der Tanz weiter, die Kandelaber brannten und die Fi3te jubilierte und übertönte das Singen der Männer und das Händeklatschen der Frauen. Eben mußte Rabbi Sangori noch einmal in den Kreis vor das junge Paar treten und Kuttel stimmte gerade einen hebräischen Reimgrsang zu Ehren des Brautvaters an, wobei der Chor jedesmal in den Kehrreim „Gepriesen sei Rabbi Jzchok, der Auserwählte des Herrn!" begeistert einftimmte. Da entstand auf einmal in den äußeren Reihen eine merkliche Aufregung. In der MLtre des Raumes tanzten sie noch und sangen, indes sie vorne wie in wahnsinniger Angst auseinander stoben. Im Hause blinkten plötzlich Lanzen auf, Soldaten in ihren mit Dolchen und Messern vollgespickten Lederwämsen, wurden sichtbar. Mitten im Takte schwieg die Flöte und rühre der Tanz und dte Menschen flogen auseinander wie ein verscheuchter Bienenschwarm. Draußen aber stand ein ganzer Korden dieser Reisigen in Reih und Glied, so daß keiner der Flüchtenden über das Hoftor des Lehrhauses hinaus konnte. Ein Mann mit riesiger Fellmütze aus dem eckigen Kopfe und vielen Quasten und bunten Bändern an Arm und Schulter trat bis zur obersten Reihe und fragte, wer hier die Führer der Gemeinde seien. Keiner gab Antwort. Wie m Erstarrung oder stummer Verabredung schwiegen dte Leute. Endlich trat R. Amram langsam vor und erklärte, er sei voa feinen Brüdern mit der Führung ihrer Geschäfte betraut und bitte hören zu lassen, was die hohe Behörde von ihm wünsche. „Dich wünscht sie", gab der Führer barsch zur Antwort. „Ich habe Auftrag, die Führer der Gemeinde in Gewahrsam zu nehmen." „Westen beschuldigt man uns?" fragte R. Amram, der das Chasarische gut beherrschte. „Ist nicht meines Amtes, dies zu wissen und zu sagen, ich soll dte Führer bringen." Kreidebleich trat Sangori vor. „Ich bin der geistige Führer der Gemeinde und für alles, was in ihr vorgeht, haftbar. Gilt es, etwas in religiösen Sachen zu verantworten, so komme ich allein in Betracht." „Die Führer, lautet der Befehl," sagte der Soldat streng. Und schon wurden die beiden Männer gefesselt aus dem festlich Hellen Raume heraus durch dte sprachlosen Masten, durch den Kordon der Lanzeniräger, die von den Fenstern her festlich beleuchtete, girlandengeschmückte Straße hinunter geführt, in die Innenstadt ... In der Judenstadt verstummte alles Leben. Die bunten Lichter verschwanden an den Fenstern und im namenlosen Jammer verkrochen sich die Menschen, die Töne von Zimbel und Flöte noch in den Ohren, in die Häuser. VIII. Im Hofe der Festung, deren innere Räume und unterirdische Gelasse als Gefängnis für allerlei Verbrecher dienten, flackerte auf dem Boden ein rotes Feuer und warf gespenstisch Licht auf i die Reisigen, die dort in Gruppen Wacht hielten. Hier landeten jetzt die Soldaten mit Rabbi Sangori unb R. Amram — und wurden von Milkamin empfangen. „Hierher ans Feuer", kommandierte Milkamin, „es ist hier so düster, daß man zwischen Freund und Feind nicht unterscheidet." „Es sind Freunde der Chasaren, die aus dankbarem Herzen für deren Glück beten", wagte Amram etnzuwenden. „Freunde?" lachte Milkamin boshaft, „Freunde, die tanzen und spielen, die Fenster hell! beleuchten und die Torbogen bekränzen, da l unsere Söhne draußen bluten und unsere! Alten hier sich in Gebet und Opfer abharmen. r Freunde? Wir haben heute am Gab» euere r Freundschaft belauscht , . . Erzähle Chismos, r was du drinnen gesehen und erlebt hast!"! „Hell, tagehell ist es in den Gasten der I Juden stadt", berichtete der Soldat, „Lichterglanz! und Harfenspiel, Tanz und Jubel allerorts.. "? „Indes unser Volk in Sorge lebt und sich ' den letzten Bissen vom Munde für den Opferaltar des Sidharte abfvart", ergänzte Milkamin. „Wir feierten Hochzeit, hoher Herr, und gedachten dabei auch an des Landes Not, gammelten auch einen ansehnlichen Betrag, den wir heute - abführen wollten", suchte R. Amram auftuklüren. j „Euer Geld lockt uns nicht" wies Milkamin barsch ab, „wenn euu unsere Götter nicht mögen, dann könnte ite euer Geidopser nur reizen, das Kriegsgeschick nicht zu unseren Gunsten zu wenden." „Wir beten zu unserem Gotte für das Wohl des Chasarenvolkes", sagte jetzt such Rabbi Sangori, der durch das unfaßbare Erlebnis mitten in der Freude noch wie gelähmt war. Es war das erste Wort, das er seitdem sprach. Er erschrak vor seiner eigenen Stimme. „Zu euerem Gotte", spottete Milkamin, „in einer Sprache, dte der des Feindes so ähnlich ist, daß wir den Unterschied kaum merken. : Sollen sich euere Gedanken und Wünsche von denen der Araber wesentlich unterscheiden?" „Wir wissen nicht um die Gedanken der Araber", sagte Sangori, dessen Sprache allmählich die alte sichere Festigkeit wieder gewann, - „wir teilen sie ans keinen Fall. Mohammed hat vor über hundert Jahren die jüdischen Stämme in seiner arabischen Heimat bekämpft und vernichtet, ans Enttäuschung darüber, daß sie ihm und seiner Lehre nicht in hellen Schaaren zuströmten. Sein Nachfolger, der Kalis Omar, war den Juden wohlgesinnt und sie haben es ihm dort, wo sie seiner Gnade teilhaftig wurden, reichlich gedankt. In allen anderen Ländern gebietet uns der Glaube, dem Volke, in 8 dessen Mrtre wir leben und uns der Ruhe er-! freuen, Treue zu bewahren."! „Wir haben es an Beweisen der Treue und! Dankbarkeit auch gegen das edle Chasarenvolk nicht fehlen lasten", ergänzte R. Amram. „Welches Pfand der Treue wird noch ferner von uns verlangt?" " „Euch selbst als Pfand werden wir hier behalten", beendete Milkamin kurz und hart das Verhör, „bis der Krieg zu Ende ist und uns durch seinen Ausgang die Götter einen Wink geben, wie wir uns zu euch zu stellen haben." Auf ein Zeichen des Rates packten starke Fäuste die beiden Männer und führten sie durch den langen Hof. Eine Türe zu einem dunklen feuchten Gemache tat sich auf, als fernere Wohnstätte für die beiden ersten Männer der chasarischen Judenheit. Es war so dunkel im Raume, daß sie ihr künftiges Haus noch gar nicht übersehen konnten. Die atemlose Stille ließ erkennen, daß keine andere lebende Seele im Hause vorhanden war. Trotzdem unterhielten sich die Gefangenen im gedämpften Tone, als könnte der Hauch der Nacht ihre Stimmen hinaus an fremde Ohren tragen. „Wir müssen Gott danken", tröstete Sangori, „daß er uns für würdig erachtete, dir Gesandten Israels, vielleicht auch seine Blutzeugen zu sein. Wir waren vielleicht doch gar zu sehr unserer Sicherheit gewiß und ließen darum in unserem Gottvertrauen nach." „Und haben uns vielleicht der Freude am Hochzeitstage mehr hingegeben als es Juden im Lande der Zerstreuung geziemt", meinte R. Amram. „Doch gilt es jetzt auch für uns, unsere und ihrer aller Schuld zu büßen", lenkte Sangori wieder ein, „so dürfen! wir uns nicht in furchtlosen Grübeleien verzehren, sondern müssen klaren Kopf behalten und uns auf unsere Lage einrichten. Es fällt mir freilich noch schwer, das Geschehene zu erfassen und mich der Dinge, die ihm vorangegangen, klar zu entsinnen. Die Ereignisse liegen vor meinen Augen, wie in einen dichten Nebel gehüllt." „Wenn ich die Sache richtig überschaue", sagte jetzt Amram, „so steht sie nicht so schlimm für uns wie es im ersten Augenblick schien. W i r sollen nach einem unbegreiflichen Ratschluß der Weisen des Chakanat für den AuLgang des Krieges bürgen. Der Krieg liegt aber in der bewährten Hand des tapftrn L>aliman, des Thronerben. Gott möge bald seinen Waffen den Sieg verleihen, daß sich damit auch unser Schicksal zum Guten wende. Ich bin guter Hoffnung ..." „Wir werden sehen muffen, wie wir hier als Juden die Zeit des Gewahrsams zu überleben haben", überlegte Sangori ernst und sachlich. „Sicher ist, daß wir alle Nahrung außer Brot, Wasser und Früchten zurückweisen werden. Vielleicht wird es uns gestattet, daß uns heilige Bücher zum Studium hergeschafft werden." „Wenn der Tag herangraut", klagte R. Amram, „haben wir nichr einmal Taltth und Tefillin, um unsere Gebete zu verrichten." „Die habe ich bei mir", erwiderte Sangori. „Ihr habt sie bei euch? Habt ihr Zeit ge* habt, euch auf das Unglück vorzubereiten? Mir kam das alles so Plötzlich, daß es mir noch ganz wirr um die Sinne ist." Sangori überlegte, als wollte er ferne Erinnerungen in seinem Gedächtnis wachrufen. „Wie ich die heiligen Gegenstände zu mir Nahm, weiß ich selber kaum. Hatte sie mir jemand zugefteckt oder tat ich es selbst? Ich weiß es nicht mehr. Wißt Ihr noch, wie der arme Pilger ins Haus kam?" „Ich sah einen, wie er auf euch flüsternd einsprach." „Ja, er sprach und sprach und ich verstand ihn kaum, ich entsinne mich nur so viel, daß er mir einen Ring anbot, auch am Ende aufzwang und ich gleich, wie von geheimer Hand geleitet, nach meinem Talithbeutel griff/ ich zermartere mein Gehirn, auf feine Worte wieder zu kommen. Vielleicht hatte ich mehr als gewohnt dem Weine zugesprochen. Alles ist wie ein Traum . . . Traum und Deutung sind mir entrückt . . ." Die beiden Männer hielten plötzlich inne. Draußen im Nebengemach rührte sich etwas. Es schien als wäre leise die Luke zum Vorraume aufgegangen und huschte ein Schatten ins Dunkel ihres Gefängnisses, unheimlich und gespenstisch. Hatte sie einer der Wächter belauscht, war neues Unheil im Anzuge? Sie warteten atemlos auf einen Befehl, ein Drohwort. Der nächtliche Spuk blieb still, bewegungslos. (Fortsetzung folgt.) .... i, . , A i