Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 15 (15.4.1920)
- Date
- 1920-04-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 No. 15 daß viele durch den Zionismus erst sich Lessen bewußt werden, daß sie Juden sind. Bei einem Schwerkranken ist ein nattf imn erlaubt und geboten/ und die roiöKl min in Böhmen ist dem Verlöschen ganz nahe, sollte es da nicht geboten sein: mriin man 'm mw: T\v, da es gilt, für die Rettung des Glaubens zu wirken, auch einen zu Übertreter!? Und dieser besieht ja auch nur darin, im Rahmen eines jüdisch-nationalen Ganzen an der Erfüllung solcher Forderungen zu arbeiten, von denen das Sein oder Nichtsein des Judentums abhängt. Ebenso wie bei einem VL2 fflpß müßte hier vielmehr ein jeder Lob verdienen, der ohne irgendwelche Rücksichten, inbesondere auch ohne die politischen, das zu retten versucht, was noch nicht dem völligen Verderben anheimgefallen ist, denn bei einem so schweren Problem, wie es die Wiedererweckung des Judentums in Böhmen ist, kann man kein "Programm der Orthodoxie eines anderen Landes aussühren, da gilt es nur immer und überall, wo es nur möglich ist, zu arbeiten: nach Kräften, und nicht nach Rücksichten darauf, was für eine Konsequenz die Parteigänger anderswo daraus ziehen könnten. Wenn man also die junge Generation der Juden in Böhmen, die heute schon als einM"O2 pa pirn aufwächst/ dem totalen Verluste für's Judentum nicht preisgeben will, so darf man kein Mittel verschmähen, um sie wieder zu gewinnen, denn einer solchen Jugend kann man lange keine Gemoroh und keinen Schulchen Oruch bringen, wenn sie jetzt erst zum Bewußtsein ihres Judentums aufgerüttelt wird, und anfängt nai? zu lesen. Man sollte also die Prager Orthodoxen etwas milder und vielleicht auch gerechter beurteilen, denn dort wo die Wahl möglich ist, zwischen Nationalismus und Thoratreue, wie z. B. in Deutschland und in der Slovakei, wählen wir sicher die letztere als ausschließliches Programm, wo es aber kein jüdisches Bewußtsein mehr gibt, wie dies leider zum großen Teile bei der tschechischen Judenheit der Fall ist, da ist es zumindest sehr bedenklich, auch noch den jüdischen Nationalismus zu bekämpfen. (Die Ausführungen des Herrn Verfassers treffen in keiner Weise unsere kritischen Bemerkungen zu dem Verhalten der Prager Orthodoxen gegenüber der slowakischen Orthodoxie. Wenn jemand wegen VL2 MpL gezwungen ist, n2Ll mnö zu sein, so hat er gewiß vollkommen Anspruch auf liebevolle Beurteilung und verdient keinen Tadel/ aber ist ihm deshalb das Recht zuzugestehen, andere Leute, die sich Gottlob nicht in der gleichen Zwangslage befinden, wegen der trotzigen Behauptung ihres n2V nn'vV-Standpunktes anzugreifen? Wenn die Prager Orthodoxie nicht ohne die Krücken des Nationalrates gehen kann, so wird sie darob niemand verurteilen — aber darf sie sich über andere entrüsten und anderen nrDin sagen, die glücklicherweise dieser Krücken nicht bedürfen, und die im stolzen Selbstbewutztsein des sNIV'2 \m sich gegen die Krücken-Theorie mit aller Energie ihres Wollens wehren? Red. d. Jsr.) Sorrefpondenzei» traft AachrkchleN. Ksucksrtze» Kstttz. Psrlei-PhsiMleen Irarrkfrrrt a. W., 7. April. Im „Hoibri", dem Organ des amerikanischen Misrachi, Nr. 10, ist folgende amüsante Notiz zu lesen: „DieAgudasJisroel in Deutschland, die von österreichischen und galizischen Rabbinen geleitet wird und zehntausend Mit-? __ Der Israelit. glteder besitzt, hat sich dem Misrachi angeschlossen. Sie hat sich verpflichtet, dem „Misrachi" ehestens eine Million Mark für landwirtschaftliche und industrielle Zwecke in Erez Jisroel zur Verfügung zu stellen." Der Verfasser dieser Ente hat zuerst den zionistisch-chassidischen Drohobyczer Jschuw-Erez Jisroel-Verein mit der Aguda verwechselt, um dann die dieser gewordene große Stiftung für — den Misrachi in Beschlag nehmen zu können. Weniger heiter kann es stimmen, wenn nach einem jetzt offiziell veröffentlichten Bericht, von Misrachi-Seire in London erklärt worden ist, man habe „beschlossen" (sic), die „Führung der an Palästina interessierten orthodoxenOrganisationen zu übernehmen." Durch derartige Aeußerungen eines hochgesteigerten Selbstgefühls kann nur das Gegenteil des Erstrebten herbeigeführt werden. - VolhLvergikiung. Kalöerstadt, 1. April. Auch hier wurden Flugblätter verteilt, die die „verschwenderische Ostergabe an die Juden" zum Gegenstände der Hetze machen. Aufklärend vemerkt dazu das „Halberstädter Tageblatt": „Für diejenigen, die nicht nur antisemitische Flugblätter lesen, sondern auch den Wunsch haben, die Wahrheit zu suchen, wo immer sie zu finden ist, sei folgendes bemerkt: Wohl erhalten die Juden für die acht Tage des Osterfestes etwa fünf Pfd. 200 Gramm Weizenmehl. Dies bildet jedoch einen großen Teil ihrer Ernährung, da sie, nachdem der Fleischgenutz heute forlfällt und Fische nur zu außerordentlich hohen Preisen zu erhalten sind, sonst nicht viel mehr zu essen4 haben. Das Reltgionsgesetz verbietet den Juden während der Dauer ihres Osterfestes den Genuß sämtlicher Hülfenfrüchte, sowie Graupen, Gries, Reis und Mehl, auch Süßigkeiten inkl. Schokolade sind in der vorgeschriebenen rituellen Herstellung heute so gut wie garnicht mehr zu haben. Wir wissen nicht, ob die Herren vom Hammrrbund der Ortsgruppe Halberstadt und die deutschen Vertreter des Schutz- und Trutzbundes trotz aller Vaterlandsliebe imstande wären, für „ihre" Ideale soviel Opfer zu bringen, wie die strenggläubige jüdische Bevölkerung. Was aber bei diesem Flugblatt-Manöver nicht nur die jüdischen Kreise, sondern alle freiheitlich Gesinnten in Deutschland angeht, ist die Tatsache, daß die Saat dieser Bolksoergiftung ihren Nährboden in den höheren Lehranstalten findet, in welchen, dank der Steuern der Bevölkerung, Führer für das Volk herangebildet werden sollen. Die Stuttgarter Beschlüsse, nunmehr reinen Tisch zu machen und die reaktionären Elemente davonzujagen, können nicht laut genug erhoben werden. Wir verlangen nicht nur eine restlose Säuberung des Militärs und der Beamtenstellen in den staatlichen und städtischen Verwaltungskörpern, sondern wir verlangen auch eine ebenso gründliche Aufräumung unter den Lehrkollegien der höheren Schulen. Das freie Deutschland hat mit diesen Brunnenvergiftern der öffentlichen Meinung nichts zu schaffen". Der Artikel erhebt zum Schluß scharfen Protest gegen den Antisemitismus in der Schule und all diejenigen, die unter der steten Betonung des Deutschtums und einer ebenso stetigen Verketzerung der jüdischen Bevölkerung Haß und Zwietracht in die empfänglichen Gemüter der Jugend hineintragen. Her flnfifemifismus in den Caffeler höheren Schulen. Kassel, 23. März. In der Stadtverordnetenversammlung führte Stadtv. Genosse Boepel u. a. aus: Ein ganz besonders übles Kapitel ist der Antisemitismus an den höheren Schulen, dieser Schandfleck im öffentlichen Leben. Wie wett dieses Uebel unter den Schülern hiesiger höherer Schulen um sich gegriffen hat, davon wiffen unsere jüdischen Mitbürger unzählige betrübende Einzelheiten zu berichten. Wenn ein achtjähriges jüdisches Mädchen bei ihrer Aufnahme in einer Klaffe von ihren Mitschülerinnen einmütig gemieden wird, noch ehe sie sie kennen gelernt haben, so muß ein solcher Vorfall geradezu Verheerungen im zarten Gemüt eines Kindes anrichten. Quartaner sind dabei erwischt worden, als sie antisemitische Hetzzettel an die Mauern klebtender „Wandervogel" weigert sich, jüdische Schüler aufzunehmen. Ich will nicht behaupten, daß an allen Schulen oder von vielen Lehrern ein derartig niedriger Antisemitismus getrieben wird, wie von einem Herrn, der die jüdischen Schüler seiner Klasse bei jeder Gelegenheit vor ihren Mitschülern lächerlich oder verächtlich zu machen sucht. Aber' wie verbreitet die anti- _ ,_' 15. April 1920 semitische Gesinnung unter den hiesigen höheren Schülern ist, davon lieferte, ihr Verhalten in verschiedenen öffentlichen Versammlungen einen geradezu skandalösen Beweis. Gewiß hat neben der Schule auch das , Elternhaus und die antisemitische Presse viel Anteil an der Pflege dieser Gesinnungaber es ist ja eben die Aufgaben der Schulen als einer sittlichen Erziehungsanstalt diese durch und durch unsittliche Gesinnung mit allen zu Gebote stehenden Mitteln zu bekämpfen. Unter der Führung eines hiesigen Studienrates wurde am 22. September vorigen Jahres der deutschnationale Jugendbund gegründet. Die Völkerverbrüderung wurde dabei stierlich abgesagt. Dieser deutschnationale Jugeudbund betreibt unter, dem Deckmantel literarischer und sportlicher Bestrebungen eine ausgesprochene Parteipolitik und auf seinen Einfluß ist zweifellos auch die zum Teil sehr rohe Form zurückzuführen, in der Schüler bei hiesigen öffentlichen Ver sammlungen Stellung genommen. Haben. Oberbürgermeister Scheidemann beantwortet die Anfrage sofort: Es war dem Magistrat nicht bekannt, daß an höheren Schulen in Cassel regierungsfeindliche, antisemitische nnd nationalistische Propaganda betrieben und geduldet wird. Nachdem die Interpellation eingebracht war, hat der Magistrat Erkundigungen eingezogen und leider feststellen müssen, daß in der Tat die politische Propaganda auch in die Schulen getragen, worden ist, und daß Schüler und Schülerinnen außerhalb der Schule, nämlich in politischen Versammlungen und vor den Versammlungslokalen, sich keineswegs in einwandfreier Weise betätigt haben. Rabbinerroahl. Würzörrrg, 3. April. Der bisherige zweite Rabbiner in Köln, Dr. Adolf Han o ver, ist mit 319 von325 abgegebenen Stimmen zum Distriktsrabbiner der Kultusgemeinde Würzburg gewählt worden. Die bäuerliche Sremöenpolifih. München, 1. April. Die antisemitische Demonstration, über die wir bereits berichteten, erreichte früher als gefürchtet, ihren Zweck. Seit dem Kapp-Putsch in Berlin haben wir hier ein rein bürgerliches Ministerium, ^dessen Präsident Kahr bereits in seiner Antrittsrede die Forderung erhob, „Bayern von den Ueberwucherungen und Ueberflutungen stammesfremder Elemente zu säubern", und wir haben hier ferner einen Staatskommissar Poener, der in den Streikragen „aus Irrtum" — womit er sich nachträglich entschuldigte — die wüstesten antisemitischen Flugblätter des Schutz- und Trutzbundes genehmigte und polizeilich stempelte. Beide Herren veröffentlichten am 30. März eine Entschließung des Gesamtministeriums vom 20., durch welche alle seit 1914 hier eingewanderten Ausländer innerhalb 5 Tagen aus Bayern ausgewiesen worden und in ihre Heimatstaaten zurückkehren müssen. Gegen wen sich diese Bestimmung wendet, darüber lassen uns diese Herren nicht im Zweifel, indem sie in der amtlichen Bekanntmachung diese Bestimmung damit begründen, daß sie sich vor allem oder ausschließlich * gegen jene stammesfremden, meist aus dem Osten eingewanderten Elemente wendet, die nur schnöde Gewinnsucht ins Land geführt hat und die außerdem und vielfach auch die Verbreiter östlicher bolschewistischer Ideen sind. Die Bekanntmachung spricht sodann davon, daß vorläufig „mindestens" diese Ausländer ausgewiesen sind. Nur denjenigen Personen, deren Anwesenheit einem unabweisbaren wirtschaftlichen oder öffentlichen Bedürfnisse entspricht, wird die erteilte Ausenthaltsbewilligung nicht entzogen. Eine inoffizielle Mitteilung in der Presse erklärt aber, daß sich das nur auf die Deutschschweizer und -Oesterreicher bezieht. Die innerhalb des Zeitraumes von fünf Tagen nicht Abgereisten, sowie die Staatenlosen sollen in Ingolstadt in Schutzhaft genommen werden/ der Zuzug nach Bayern ist bis auf weiteres Ausländern überhaupt gesperrt. — Es befremdete allgemein, daß diese Bestimmungen erst zehn Tage nach ihrer Annahme im Ministerrat veröffentlicht wurden und auch zuvor nichts von diesen Beschlüssen in die Oeffent-