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Der Israelit · 1920-05-06 · Heft 18 (6.5.1920) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 18 (6.5.1920)
Date
1920-05-06
Page
– (sequence 8)
Language
German
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•** JSraeM. s. Mai 1m Sette « SH.1« MH ZchUdvh. Bon Hermann Seckbach. Wundersam und erhebend in dieser reichbewegten Zeit ist das Lebensbild eines Heimgegangenen lieben Freundes, der fernab vom Weltgerriebe in einer kleinen Gemeinde von Kranken und Siechen gelebt und der dort ein alles überragendes, herrliches Beispiel gegeben, zu welcher Vollkommenheit der Seele ein Mensch gelangen kann. Jehudoh Nassauer stammte aus einem kleinen Orte, wo er mangels geeigneter Gelegenheit kaum Jüdisch lernen konnie. Und selbst diese bescheidenen Kenntnisse gingen später verloren, als er als Metzgergeselle Betätigung fand. Bei einer beruflichen Besorgung erlebte Nassauer einen Unfall, der ihn monatelang anS Bett fesselte und als dessen Folgen nach und nach Lähmungserscheinung?» auftraten. Der in der Vollkraft seines Lebens gefessellte Körper bäumte sich auf gegen diese Schickung. Brausend und tosend wirbelte eS durch seine Sinne, daß er voraussichtlich nun sein Leben lang so hilflos, liegen müsse. In diesem Zustand brachte man ihn in ein Krankenheim. Hier vermochten zunächst weder Medikamente noch Worte diesen nach dem Leben sich sehnenden Menschen zu beruhigen. Wochen vergingen .... diese Zeit hatte genügt zu einer ungeahnten Umwandlung des Patienten. Ein Leidensgefährte, der gleich ihm, völlig gelähmt und hilflos, achtzehn Jahre seines Lebens bereits in diesem Heim verbrachte und der als Mittelpunkt des Hauses eine rege geistige Betätigung in jüdischem Sinn vollbrachte, verstand es, aus Nassauer einzuwirken. Und siehe dal Der Metzgergeselle, dessen Gedankengang so ganz abseits von alldem lag, er ließ sich willig fuhren. Er lernte. — beten. Sein väterlicher Freund führte ihn zu den stets frisch sprudelnden Quellen unserer heilig«! Lehre, und dort fand er Labung. Die wundervollen Aussprüche in Pirke Owaus, die herrlichen Gedanken in Tehillim, sie fanden willige Aufnahme bei Nassauer. Und als sein treuer beratender Freund sein gesegnetes Leben in dieser kleinen Gemeinde beschloß, da gelobte Nassauer, in seinem Sinne weiterzuwirken und sein geistiges Erbe anzutreten. Und er hielt Wort. Wer in den letzten Jahren das Heim besuchte, der war erstaunt, einen jungen hilflosen und gelähmten Menschen dort anzutreffen, der von seinem Krankenlager aus Worte der Tdauro mit einer Begeisterung zur Auslegung brachte, die selbst Kenner zur Bewunderung zwangen. Und all dies war verbunden mit dem Willen, Gutes zu tun dem Hause gegenüber, dem er sich zur Dankbarkeit verpflichtet fühlte. Er erreichte es schließlich, daß er, wie sein unvergeßlicher Borgänger, Mittelpunkt in diesem Heime wurde. Zu dem Aufbau der kleinen stimmungsvollen Anstalrssynagoge hat er reichlich beigetragen durch seine wundervolle Art der Einwirkung auf Freunde und Gönner. So sind durch ihn ansehnliche Stiftungen — das kann man mit Stolz mitteilen — für diesen heiligen Zweck eingelaufen. Und wenn der SavbatgotteSdienst zu Ende war, dann versammelten sich um sein Krankenlager nahezu alle Besucher und hörten, wie er leuchtenden Blickes seiner Freude Ausdruck gab über den Sabbatfrieden, den er hier gefunden hat. Nun bettete man ihn in der vergangenen Woche am Erew Schabüos zur ewigen Ruhe. Erschüttert und trauernd umstand „feine" Kehillo die Bahre. Und die Worte der Liebe, der Treue und der Verehrung, die ihm von dem Hausrabbt und von dem Verwalter nachgerufen wurden, sie drangen ein in die Herzen der vielen Freunde des Verewigten, die gekommen waren zum letzten Schabbosgruß .... Die drei kostbarsten Sideln der Welt. Drei kostbare Bibelexemplare sind im British Museum London, in der Bibliothegue Nationale in Paris und in dem Kloster Belem bei Lissabon. Die in London ist ein Manuskript, das von Alcuin und seinen Schülern geschrieben und Karl dem Großen an seinem Krönnngstage im Jahre 800 überreicht wurde. In den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts gehörte diese Bibel einem Privatier in Basel, der sie der französischen Regierung für 42.000 Francs anbot. Schließlich wurde sie für den verhältnismäßig geringen Preis von 750 Pfund Sterling verkauft. In seiner, zierlicher Schrift geschrieben, ist die Bibel überreich an prächtigen Vignetten und Arabesken. Die Kapitelüberschriften, sowie manche Namen sind überall mit Goldbuchitaben ausgesührt. Eine 20 Zentimeter hohe Majuskel, von Silber umgeben, zeigt an einer Stelle eine Lampe, die zur Hälfte mit heiligem Oel gefüllt ist. An einer anderen Stelle find die Figuren Mose und Aaron in der Tracht des 8. Jahrhunderts dargestellt und man vermutet, daß Moses Karl den Großen, Aaron Alcuin bedeut. Eine genaue Beschreibung dieser Bibel befindet sich in „Gentlemans Magazine", vol. 6, 1830, und in der „Bibliothegue universelle et Revue fuiffc", T. 63. Die Pariser Bibel erschien 1827, war auf Befehl de» Kardinals Limenez gedruckt und dem Papst Les X. gewidmet. Eins der drei auf Velinpapier gedruckten Exemplare wurde 1789 einem Engländer für 12.000 Francs verkauft. Dieses Exemplar wurde im Jahre 1840 Louis Philipp von Frankreich geschenkt und gelangte später an seine jetzige Stelle. Die dritte: Belemer Bibel, die wahrscheinlich aus dem 14. Jahrhundert stammt, bestehend aus neun Foliobänden, ist auf Pergament geschrieben. Von Junot 1807 geraubt, kam sie nach Paris. Madame Jnnoi verlangte, als Portugal die Bibel zurückkaufen wollte, 150.000 Francs. Ludwig XVIII. schenkte sie indessen, nachdem sie mehrere Tage beim portugiesischen Gesandten in Paris ansgestellt war, aus Gnade der portugiesischen Negierung zurück. inderecke sums £5» Kameraden. Bon Heinrich Eiustädter in Frankfurt a. M. Die besten Schüler der Obersekunda des Gymnasiums waren Peter Lohr und Leo Freistock. Peter hatte, seitdem er die Schule besuchte, den ersten Klafsenplatz inne und Leo den zweiten. Regelmäßig erhielten sie am Schlüsse des Schuljahres schöne Bücher als Prämie, und oft fiel es den Lehrern schwer, festzustellen, wer von beiden den Vorzug verdiente. Zwischen den beiden Knaben bestand indessen keinerlei Nebenbuhlerschaft. Jeder bemühte sich ehrlich, seine Pflicht nach bestem Vermögen zu erfüllen, und keiner wurde dabei von dem Streben geleitet, den Anderen zu überflügeln. Doch vermieden sie jeden Verkehr miteinander. Peters Vater war Mitarbeiter einer Zeitung, die fast in jeder Nummer die Juden angriff und kränkte. Da war es nicht zu verwundern, daß sein Sohn sich von Leo fernhielt. Dieser hatte das schon bald bemerkt, und sein natürliches Feingefühl verbot ihm, den Verkehr mit seinem Klaffengenössen zu suchen oder gar, sich an ihn heranzudrängen. So vergingen Jahre, ohne daß es zwischen den beiden Knaben zu Reibungen gekommen wäre; denn sie gingen vorsichtig jeder Berührung miteinander aus dem Wege. Vor einigen Monaten jedoch, als überall Schülerräte und Schulausschüsse gebildet wurden, wählte die Klaffe Leo und Peter als ihre Vertrauensleute, die nun als Bindeglied zwischen dem Lehrkörper und der Schülerschaft sich betätigen sollten. Ohne miteinander zu verkehren und zu beraten, war dies unmöglich. Das fühlten beide sogleich heraus. Leo wollte darum das Amt nicht annehmen. Da er aber sich scheute, den Grund anzugeben, wurde sein Verzicht nur als Zeichen der Bescheidenheit aufgefaßt und nicht angenommen. Peter ärgerte sich jetzt noch mehr über Leos Wahl, und seine Abneigung ging in wirkliche Feindseligkeit über. An einem der nächsten Tage las Peter in seiner Zeitung einen Artikel, in dem den Juden Anmaßung, Rücksichtslosigkeit und freches, vordringliches Wesen zum Vorwurf gemacht wurde. Er schnitt den Absatz aus, klebte ihn ausi ein Blatt Papier, umrandete ihn mit blauen und roten Strichen und legte ihn dann anderen Tages während einer Pause unbeobachtet auf Leos Schulbücher. Als Leo den Schmähartikel las, stieg ihm die Zornesröte ins Angesicht. Er wußte sofort, von wem die Beleidigung ausging. Aber keinen Augenblick dachte er daran, sie zu erwidern oder den Beleidiger beim Klassenlehrer anzuklagen. Er wollte vielmehr offen vor Peter hintreten und ihn fragen: „Was Haft Du mir vorzuwerfen? Was habe ich getan?" Als Leo sinnend das Blatt umdrehte, bv-, merkte er auf der Rückseite eine mathematische Berechnung. Es war die Lösung einer freiwilligen Aufgabe, die der Lehrer gestellt hatte, um die besonderen Fähigkeiten seiner Schüler zu erkennen. Auch ihm war es gelungen, die recht schwierige Rechnung zu lösen und zwar auf die gleiche Weise wie seinem Widersacher. Die letzte Stunde an diesem Tage war die Mathematikftunde. Leo konnte sich ausmalen, in welcher Verlegenheit Peter sein werde, sobald er merken würde, daß ihm die Rechnung fehlte. Sorgfältig löste er darum den Zeitungsausschnitt von dem Blatte los und legte dieses in der nächsten Unteurichtspause auf Peters Büchertasche. War Leo bei der Auffindung des Zettels die Zornesröte ins Gesicht gestiegen, so entflammte Peter vor Scham, als er das verhängnisvolle Papier auf seinem Platze gewahrte. Der Lehrer war schon eingetreten, und bald richtete er an die Klasse der Frage: „Wer hat die Aufgabe gelöst?" Peter erhob sich) kein anderer folgte. Leo wollte auf den Ruhm verzichten, um^bet seinem Gegner nicht den Argwohn hervorzurufen, daß er die Lösung ihm abgeschriebrn hätte. Aller Augen richteten sich fragend auf ihner aber blickte still unter sich. Die Rechnung wurde besprochen, und Peter erntete ein besonderes Lob. Er freute sich durchaus nicht damit. Kaum war der Unterricht zu Ende, so folgte er seinem Lehrer und bat ihn um eine Unterredung. Im Lehrerzimmer, wohin sie sich begaben, bekannte er offen, was er getan hatte, er unterließ es auch nicht, frei auszufprechen, daß er sich seiner Handlungsweise einem braven, makellosen Kameraden gegenüber tief schäme. Wohlgefällig ruhte des Lehrers weises Auge auf dem strammen vor ihm stehenden Jungen, der vor innerer Erregung tief erschüttert war, und nach kurzer Pause fragte er: „Würden Sie dies alles auch in Freistocks Gegenwart wiederholen?" „Gewiß! Ich möchte ihn um Verzeihung bitten." Da trat der Lehrer schnell auf den Gang hinaus und beauftragte einen Schüler, Leo herbeizurufen. Dieser war bereits auf der Straße, als man ihn einholte. In sichtlicher Verlegenheit gewahrte er beim Eintritt, daß sich Peter bei dem Lehrer befand, der sich sofort dem Etntretenden mit der Frage zuwandte: „Haben Sie wirklich die freiwillige Rechnung nicht lösen können?" Leo wußte nicht, was er erwiedern sollte. Sein Lehrer überhob ihn indessen der Antwort, indem er ihm kurz befahl, die Aufgabe vorzuzeigen. Zögernd gehorchte Leo. Jener warf nur einen Blick auf das Blatt) er wußte schon genug. „Nun sprechen Sie!" forderte er Peter auf. Der trat dicht vor seinen Kameraden hin und sprach in schlichter aber herzlichen Weise: „Leo, ich kann dir nicht sagen, wie sehr ich mich schäme, dich ohne jeden Grund so tief gekränkt zu haben. Ich bereue aufrichtig, daß ich mich'stets von dir fernhielt, und bekenne, daß' du ein edler Mensch bist. Ich bitte dich herzlich um Verzeihung. Du würdest mich glücklich machen, wenn du mit mir verkehren möchtest." Leo schritt ihm jedes weitere Wort ab, indem er ihm die Rechte innig drückte. Da legte der Lehrer beiden die Hände auf die Schulter und sprach: „Werdet Freunde!" Aus dem Talmud und Mdrafch. Rabbi Jcmnai sah jemanden, der einem Armen öffentlich ein Geldstück reichte. Da sagte er zu ihm: „Besser, du hättest ihm nichtgegeben, als daß du ihn mit dieser Gabe beschämtest." Chagtga 5a.

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