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Der Israelit · 1920-05-06 · Heft 18 (6.5.1920) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 18 (6.5.1920)
Date
1920-05-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seile 4 No. iS Der Israelit. 6. Mat 1920 näher bringen dem Ziele, da sie unter dem Trauzelt des Sinai, vor Himmel und Erde als Zeugen, vom Gemahl als Gefährtin geheiligt wird und von ihm den Ehedrief — bk Thora —- den Brief der Treue, ihrer PsOchren und Rechte fürs Leben erhält ... Warum aber an Stelle der sieben Reinhtttstage Israel als Gattesbraut sieben-na-sieben Tage zählen muß, dafür gibt uns die Symbolik wiederum den eigenen Grund an: Sieben verschiedene Arten von Unreinheit sind es, für die die Thora die siebentägige Wartezeit vorsieht. Diele siebenfache Unreinheit haftete auch dem Volke in der ägyptischen Knechtschaft an, so muß mithin die Zählung der Reinhekstage siebenfach sein, bis zur völligen Reinigung und Vereinigung mit dem göttlichen Gemahle. Aus diesen Gedankengänaen heraus versteht man es ohne Weiteres, warum Sefiroh bei unseren Alten kein einfaches Zählen war, kern bloßes Berechnen von Tagen und Wochen, sondern ein inbrünstig Gebet, mit denstman das ganze Weh und das ganze Hoffen von Generationen zunr Himmel hinaufschreit. Und sehen wir uns alte Gebetbücher an, besonders östlicher Observanz, so staden wir das Omerzählen mit soviel Arabesken von Gebeten, Sprüchen und Ausklängeu versehen, daß uns sofort die ganze Weihe der heiligen Handlung bis in die Seele ersaßt. So finden wir beispielsweise die einzelnen Tage mit eigenartigen Bezeichnungen wie NON mi2J2w’ NON, NONOL? usw. versehen. Diese Bezeichnungen führen uns aus die geheimen Pfade der kabbalistischen Symbolik, hrrt an die Grundlagen heran, auf denen sich dort das ganz abstrakte Welrbild aufbaut. Der Sohar nennt uns zehn Sphären, als zehnfache Basis, aus der sich das Verhältnis zwischen Gott, Welt und Mensch ordnet. Sie heißen der Reihe nach "?ON. (Liebe), mi3J (Stärke), massn (Herrlichkeit), nu: (ewige Kraft), -NN (Schönheit), -NO' (Urgrund), 5112VO (Königtum), NO2N (Weisheit), N2'O (Einsicht), "MO (höchste Krone). Die Zehnstufenleiter der göttlichen Wallung irr ihren Einzrlreiien näher zu fchildirn und zu präzisieren, würde uns zu weit und zu tief in £ verschlungene Pfade hineinführen, die zu wandeln wir uns weder für geeignet noch für berechtigt fühlen. Hier wollen mir uns auf die besagten Bezeichnungen zu „Vefiras Haomer" beschränken, die sich die ersten sieben der genannten Sphären zur Bewegnngsfläche wählen. Diese sieben Eigenschaften Gottes sind übrigens auch im bekannten Satze '21 NN1O2N1 r6lTin 'l-p enthalten, wenn mau nWJ im Sinne von NON versteht. Der Grund, warum hier nur diese sieben in Betracht kommen, kann auch darin liegen, daß von der Erlösung bis zur Gesetzgebung nur diese in Erscheinung traten, die letzten drei jedoch, die nachsinaitischen, bezw. die allerletzten Stadien der menschlichen Höhenentwicklung zu Gott bedeuten. Etwa in dem Sinne, daß NOON, die Weisheit erst am Sinai (nach Beendigung des Omerzählens) verkündet wurde, aus der sich später die N2'2, die Einsicht (die aus der Veriiefung in die Schrift gewonnene mündliche Lehre) herausmtwickelt hat. iV?!? NNO bedeutet aber aller Kämpfe letzten Sieg, da der Weltenchor den Gottesruhm verkündet und Seinem Schöpfungswerk die letzte höchste Kone aufgesetzt wird. (Schluß folgt.) Eine offene Anfrage! Jas Schicksal der gefetzestrerren Juden aus der Ostmark. Man schreibt uns: Der Versailler Friedensvertrag verkleinert Deutschland an allen seinen Grenzen/ er bringt es auch um wertvolle Provinzen im Osten, die gleichsam mit zu den Kornkammern des Reiches gehörten. In diesen Provinzen, besonders in öer Provinz Posen verliert das Deutschtum etwa, 20000 Inden, die dort für und für Träger deutscher Kultur gewesen sind, und denen dennoch kein Deutscher eine Träne uachweinen wird. Mer uns, uns Inden, sind, waren, ja sollen die 20000 jüdische Seelen mehr sein! Nur in privaten Gesprächen, Unterhaltungen bedauern wir ihr Geschick, das sie in die Hände eines Volkes liefert, das nach jahrhundertelanger eigener Knechtschaft die eben erworbene Freiheit dazu ausnutzen wird, sich die Juden zu Sklaven und Prügelknaben zu machen. Es dürste eine allgemein bekannte Tatsache sein, wie das Judentum in der Provinz Posen zu werten ist. Es ist diejenige Prsvinz, die die meisten jüdischen Gemeinden mit Rabbinaten anfwies, die zu 60% Kaufleute mit offenen Geschäften hatte, die am NOV und geschloffen waren, die einen großen Teil jüdischer Lehrlinge und Angestellte für die Treue zum Sabbatgesetz erhalten konnte! Was ist dort geschehen, seit dem rühmlichen Einzug der Polenherrschast? Dem deutschfreundlichen Juden konnte es in seinem Geburtslande nicht behagen, dazu kam der Boykott tm Geschäftslebea durch die Polen, der Haß der neuen Herrscher, die Pogromstimmung, die Abneigung gegen polnische Unordnung und Wirtschaft, all dies drückte dem Juden den Wanderftab in die Hand; vom rnta, wo noch ein Stück ‘rat D'Tl nfl Mischen Lebens und Fühlens zu finden war, geht es zumeist in den kalten Norden, das warme jüdische Blut erstarrt/ den Forderungen der Zeit nachgebend, wie es heißt, wird der n2ty alles in der Heimat Gepflegte vernachlässigt! Zwei große gesetzestreue jüdische Organisationen haben einen großen Teil ihres Anhanges und ihres Arbeitsfeldes dort gefunden. Die „Freie Vereinigung für die Interessen des orthodexen Judentums" hat erst am 18. Februar 1812 in Posen einen „Ostdeutschen Bezirkstag" abgehalten, dieselbe Vereinigung, die eiftrebt: „die Vertretung der Interessen des orthodoxen Judentums gegenüber den Regierungen,Parlamenten und Behörden" „die Fürsorge für die Errichtung und Erhaltung einer ausreichenden Pensions- und Reliktenversorg'-ng für gesetzestreue Rabbiner, Lehrer und Kultusbeamte". Was hat sie getan, um die Juden dort von den polnischen Ausnahmegesetzen zu schützen, was, um den jüdischen Kaufleuten, die eine Existenz erstreben, was für die jüdischen Beamten, die in den erschrecklich dezimierten Gemeinden infolge Alters oder aus Mangel, eine andere Stellung zu finden, zurückgeblieben sind und dort ein Hungerdasein fristen werden, wie es fast Regel bei dem jüdischen Beamten ist? Was hat die „Freie Vereinigung" getan? Nichts und aber nichts. Hat sie einmal mit ihrer „Ostdeutschen Abteilung" Fühlung genommen, hat sich die Ostdeutsche Abteilung" aufgelöst, und Polen mit seinen Juden ist doch verloren? Der „Verband der Saöbatfreunde" hat eine „Israelitische Stellenvermittlungscentrale" (Sitz: Frankfurt am Main, Schützenftraße 14), eine „Darlehnskaffe der Sabbatfreunde" (Frankfurt, Neue Zeil 63) einen Centralnachweis für saböatfreie gewerbliche Stellungen" (Berlin C 2, Heidereutergaffe 4.) Was hat dieser Verband für seine Mitglieder in der Provinz Posen getan? Was für die sabbathalienden Angestellten dort, was für die erwerbslos werdenden Sabbatfreunde? Ja, weshalb, unterstützt diese Stellenvermittlungszentrale nicht die jüdischen Geschäfte, die in allen Inseraten für ihre am geschloffenen Betriebe vergeblich nach jüdischem Personal suchen? Schläft alles noch den Kriegsschlaf? Ich frage, um noch zu helfen, zu mahnen in letzter Stunde, zu retten, was noch zu retten ist. Die bisher Ausgewanderten sind die begüterterten gewesenen, sie werden ihr Judentum sich erhalten haben. Aber auf dem Sprung zum Fortzug stehen ungezählte Familien, die nach anderen Existenzen suchen oder die Besserung der polnischen Valuta abwarten müssen. Ich weiß wohl, wie schwierig es heute ist, bet Wohnungsnot und Lebensmittelmangel, bei einer solchen Verpflanzung zu arbeiten: Doch, ich denke, wir wollen gerne arbeiten und kämpfen, wenn es der Erhaltung unseres Judentums gilt/ M» VL2 D^pan *72 *6a D2W D"p T7X2 2K“Wa- Hier gilt es, jüdische Seelen im wahrsten Sinne des Wortes zu retten. Daher ergeht an Euch, Verbände, die Mahnung, diesen Osten nicht aufzugeben, X'28 miaa ihn für uns noch zu gewinnen, geistig und materiell ein Hilfswerk dort in Szene setzen bevor alles verloren ist. Noch etwa 20000 Juden in Oberschlesien und 10000 in Ost- und Westpreußen wohnen im Abstimmungsgebiet/ mögen sie ganz dem Judentum verbleiben. Die Juden in Polen dem thoratreuen Judentum zu erhalten, liegt zum nicht geringen Teil an der „Freien Vereinigung" und dem „Verband der Sabbatfreunde". Tuet, was euch jüdisches Herz, jüdischer Verstand sagt! (Siehe Wochenrundschau.) EorresporldvlM und Nachrichten. DEtMes Reiche. Berliner ßemeinSeroahlen. Merlin, 2. Mai Die Wahlen zur Repräsentantenversammlung sind auf den 27. Juni angesetzt worden/ die Wählerlisten liegen bis zum 24. Mai aus. Deleaierfenfag des JTiisradii. Merlin, 2. Mai. In der letzten Aprilwoche tagte in Berlin der Delegiertentag des deutschen Misracht. Den Tätigkeitsbericht erstattete der Vorsitzende Herrman Struck, und Dr. Barth referierte über Organisation und Ziele des Misracht. Weitere Referate hielten: Prof. Pick und Dr. Rabin über die Kulturfrage, Gabriel Knoller über Jugendbewegung, der Letter' des PalästinaamtsWeinberg über Palästinaarbeit. An sämtliche Referate schloffen sich Debatten an. Rabbiner Dr. Liebermann regte die Schaffung einer Volksbibliothek an und LazarusBarth referierte über Presse und Verlagswesen. Er wünscht, in einer Misrachi-Bücheret die Ergebnisse der Bibel- und Talmudsorschung traditionell religiöser Gelehrter in volkstümlichen Ausgaben, auch im Hebräischen, herauszugeben. Zuletzt sprach David über das Finanzwesen. Es wurde dann ein fünfgliedriger Ausschuß gewählt, ebenso eine Kulturkommission, der die Herren Rabbiner Ts chernowitz, Li ebermann, Nobel und Dr. Rabin angehören. Her bayrlfcfie Flnfifemifismus. Aushungerung der rituell lebenden Juden. — Mr«und»u° Vertreibung. — Die Inden als Nation. München, 25. April. Die Alldeutschen haben in ihrer antisemitischen Politik mehr -Erfolg, als sie jemals in ihrer deutschen Außenpolitik gehabt haben. Nachdem vor etwa 10 Tagen die Versorgung mit koscherer Milch eingestellt'werden mußte, verfügt jetzt die bayerische Landesfettstelle, daß von jetzt ab auch Herstellung und Verteilung von Koscher-Käse verboten sei. — Man will versuchen, diese Verfügung noch rückgängig zu machen. Täglich erfolgen neue Ausweisungen von Ostjuden. Von den Juden aller Richtungen ist eine „Fürsorgestelle der jüdischen Organisationen" errichtet worden, die sich bemüht, in besonders gelagerten Fällen Aufhebung oder Aufschub zu erlangen/ bisher allerdings stets vergeblich. Höchstens gelingt es einmal für die unbegreiflich kurzen Fristen von wenigen Tagen eine geringfügige Verlängerung zu erwirken. Es ist ja ein Ding der Unmöglichkeit — gcmg gleich, ob in einer Frist von 3, 10 oder 14 Tagen — ein Geschäft zu liquidieren, einen neuen Wohnort, und dort dann Unterkunft und

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