Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 13-14 (1.4.1920)
- Date
- 1920-04-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 13 u. 14 brirder willkomnien, wer du auch sein, und woher du auch kommen magst!" „Vielen Dank, Rabbi, doch komm ich nicht allein wegen Speis und Trank, ich habe ein Anliegen". Er nahm einen goldenen Ring aus einem Etui und überreichte ihn Sangori. Dieser sah den Ring kaum an. „Ein kostbares Stück. Doch habe ich keinen Bedarf an Ringen. Sollte Not euch zum Verkaufe zwingen, so kann euch so geholfen werden.. „Kein Almosen", wandte der Fremde mit veränderter Stimme ein, „doch sehet, Rabbis ihr werdet des Ringes bedürfen." „Ich versiehe euere Worte nicht." „Auf Freude kann Bestürzung folgen, und Not folgt oft dem Glücke auf dem Fuß. Nehmet den Ring, er wird euch Licht in düsterer Stunde sein'" „Wollt ihr euch nicht deutlicher aussprechen?" „Am Himmel des Glückes ziehen drohende Wolken heran. Seid auf der Hut, Rabbi, und stecket den Ring zu euch, er kann euch Retter und Helfer in der Not sein." „Ihr macht mir Angst, Freund, seid ihr ein himmlicher Bote, oder des Satans, der Unglück kündet?,, „Der Himmel schickt mich, einen Boten des Herrn, der das Heil vor dem Ungemache schafft. Nehmet den Ring, er kann das Glück im Unglücke sein;" Zitternd betrachtete Sangori den Ring. „Es ist der Name des Chakan Bulan darin eingeprägt", sagte er verwundert. „Ja", sagte der Fremde, „und er öffnet manche geschlossene Türe . . ." Sangori sprang auf. „Ist das nicht die Stimme meines lieben Kaspi? Sag, was ist, droht Gefahr?" „Nennet beim Himmel nicht meinen Namen Und Gott behüte euch!-" Sprachs, schob den Ring dem Rabbi in die Hand und verschwand auf leisen Sohlen durch die Hintertüre, wie er gekommen war. (Fortsetzung folgt.) Nie ausgezwungene Alazzo. (Aus einer Lern stunde.) Arthur: (Ein Primaner in bunter Mütze): Na, na! Vater: Was soll das „Na, na"! Arthur: Das ist doch gar zu naiv und lachhaft. Vater: Was ist naiv und lachhaft? Arthur: Daß jemand, wie hier angeführt wird, gezwungen werden könnte, am Sederabend Mazzo zu essen. Ein solcher Fall kann nur im Gehirn von Scholasten entstehen, von Leuten, die nicht auS dem Leben und für das Leben schreiben, sondern aus Büchern für das Buch. Mit einem Worte: talmudische Scharfdeutelei, Spitzfindigkeit. Vater: Gemach, mein lieber Sohn! Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort. Und hat doch nicht einmal die Reife und Erfahrung, um ein Wort, das von großen Männern für alle Zeiten gesprochen ist, richtig zu verstehen pnd zu beurteilen. Arthur: Spare deine ' Worte, lieber Vater. Ich kenne deine Anschauungen, die alles heilig sprechen, was alt ist und auf vergilbten Folianten steht,' aber damit wirst du die gebildete Jugend nicht überzeugen. Hier ist ein Fall, der deutlich beweist, daß die Alten mit dem Leben keine rechte Fühlung, hatten. Wie häiten sie sonst eine Halachah mir einem großen Drum und Dran auf die Voraussetzung aufbauen können, daß man jemanden zum Mazzoeffen zwingt? Man kann sich in den Lagen der Verfolgung wohl ein Verbot des Mazzoessens denken, aber dazu zwingen? Wer hat schon solches erlebt? Vater: Wie aber, mein Sohn, wenn ich selbst schon solches erlebt hätte? Arthur: Du? La bin ich doch wirklich sehr neugierig. Vater: Dieser Neugierde will ich entgegenkommen und dir mit einem meiner Jugenderlebnisse einen Kommentar zu der Talmudstelle geben, wie ihn dir Rasch! und Taussaus und alle anderen Kommentatoren und Dezisoren nicht geben können. Also höre,mein Sohn: Es war in den achzigerJahren, zur Zeit des Tisza Etzlar-Prozesses, da die Wogen der Judenhetze hochgingen und bis ins letzte Dorf der österreichisch-ungarischen Lande hindrangen. Mit Schrecken sahen wir dem Pessachseste entgegen. In unserem Städtchei^ war seit kurzem ein neuer Stadthauptmanu an der Spitze der Verwaltung, von dem mau erzählt?, daß er ein ausgekochter Judenfeind Ser KSraett». 1. April 1820 sei, seine Beamten für den Prozeß interessierte und überhaupt sehr mißtrauisch aus die jüdische Bevölkerung hinschielte. Wir waren am Sedertisch. Ich der älteste Sohn, wohl in deinem Alter und ebenso skeptisch und grüblerisch veranlagt wie du, saß an der Seite des Vaters und die Familie war in Licht und Glanz und Seligkeit vereint. Wir waren gerade mit dem ersten Teil der Hagadah fertig, da klopfte es gewaltig an die Außentüre. Wir ahnten nichts Gutes und zögerten noch eine Weile, aber das Klopfen und Schellen wurde immer stürmischer und wie erschraken wir, alS durch die geöffnete Türe der Stadthauptmann mit einenr ganzen Stab von Polizisten hereinstürzte. Mein Vater, dein seliger Großvater, der Kultusvorsteher der Gemeinde und ein Mann von Bildung und hohem Ansehen war, ließ sich nicht sobald aus der Fassung bringen. Er fragte in höflichen Worten den Herrn Hauptmann, was uns die Ehre seines Besuches am Festabend verschaffe. Der Hauptmarn? aber gab barsche Antwort und sagte gerade heraus, er sei gekommen in seiner Eigenschaft als Stadtoberhaupt, um unsere geheimen Gebräuche an diesem Abend zu beobachten und vor allem sich die Mazzo anzusehen, welche wohl auch eine „kleine Beimischung vom Blute der Esterka" haben wird, da sie von Tisza Etzlar aus doch sicherlich die Juden des ganzen Landes versorgt hätten . . . Der Vater erbleichte, fodaß sein Gesicht vom schneeweißen Kittel (Sorgens), den er zu Ehren des Tages trug, kaum noch abstach. Wir alle bebten vor Angst und Erregung beim Anhören der feindlichen Worte, doch hatte der Vater bald seine geistige Kraft wiedergewonnen. Er bat den Herrn Hauptmann Platz zu nehmen, ließ Mazzo holen und lud ihn ein, davon zu kosten, um sich davon zu überzeugen, daß es nichts anderes sei, „als armseliges Brot", aus Wasser und Mehl zusammengesetzt. „Blut", sagte mein Vater, „ist uns nach dem Gesetze der Lehre strengstens verboten, auch, wenn es vom Tiere oder vom Vogel herstamutt. Werfen wir doch selbst das Ei weg, in dem sich nur ein rötlicher Tropfen findet". „Und trotzdem esset ihr die Mazzo"?, fragte der Hauptmann boshaft. „Jawohl, acht Tage lang, dient uns dicses armselige Gebäck aus Mehl und Wasser statt Brot als Nahrung". Der Hauptmann wurde nachdenklich und schien ruhiger zu überlegen. Da trat ein Schreiber, ein Ortsansässiger, der sich ln den jüdischen Häusern auskannte und wegen seines Judenhasses allgemein bekannt war, vor: „Dem Herrn Hauptmann sei zur Kenntnis gebracht, daß die Juden zweierlei Mazzo haben, die eine, die sie acht Tage lang essen und die wohl nur aus Wasser und Mehl besteht und noch eine andere, die sie geheim verstecken und nur für rituelle Zwecke gebrauchen. Wie die zusammengesetzt ist, dieses zu beurteilen, müssen wir schon Sachverständigen überlassen". DaS wirkte. „Wo ist die andere, die geheime Mazzo"?, donnerte der Hauptmann. Bevor noch der Vater Antwort geben konnte, wies der Schreiber auf die Sederschüffel. Sie wurde aufgedeckt uud darin lagen die zweieinhalb Mazzos, die in der Tat in Form und Bäckart anders aussayen, wie die anderen. '„Sind diese anders gebacken"?, fragte der Hauptmann. „Ja", gab mein Vater ruhig zu, „unter peinlicher sorgfältiger Bewachung des Mehles und des Getreides von der Stunde der Ernte an". „Warum"! „Damit nicht durch Nässe eine Säuerung und Gärung entsteht". „Und was tut ihr in diese Mazzo außer Mehl und Waffer mit hinein"? „Nichts anderes, als in die anderen". Wieder meldete sich der Schreiber. „Ich erlaube mir die Aufmerksamkeit des Herrn Haupunann darauf zu lenken, daß von der einen Mazzo die Hälfte fehlt. Augenscheinlich wurde Versuch 'gemacht, diese drei Mazzos bet unserem Erscheinen noch rasch zu verstecken, mas aber nicht mehr gelang". „Wo ist die zweite Halste der Mazzo"?, setzte der Hauptmann die Untersuchung fort. „Sie ist unter dem Kissen versteckt, nach der religiösen Vorschrift, was aber schon gleich zu Anfang der Feier geschehen ist". „Sind auch diese Mazzos zum Genüsse da"? „Ja, sie sind für die ersten beiden Abende bestimmt". „So iß sie gleich, damit ich es sehe"!, befahl der Hauptmann. Ohne Bedenken kam der Vater dem Befehle nach. Er führte ein Stück in den Mund und aß es in aller Gemütsruhe bis zu Ende. „Warum hast du das Stück versteckt?" //Ich sagte es bereits, nach altem religiösen Brauch". „Das festzustellen, fehlt mir jetzt an Zeit und Dritteln", sagte der Hauptmann. „Indes muß ich zunächst den Hausherrn für verhaftet erklären, wegen 8 des Versuches, ein corpus delicti vor den Angen I des Amtes zu verbergen" ... z Und damit wurde zur unsäglichen Bestürzung der ganzen Familie der Vater abgeführt. Wie es in den folgenden Stunden des Sederabends in unserem Hause aussah, dies zu schildern, will ich dir und mir ersparen, da es nicht meine Absicht war, eine meiner traurigsten und erschütterndsten Jugenderinneruugen hier auszupacken. Arthur: Und wie ging die Geschichte ans? Vater: Verhältnismäßig gut. Die Sache machte in der Stadt gewaltigen Eindruck und die Vesten der Gemeinde legten sich ins Zeug Es wurde bei der Oberbehörde wegen des Uebergriffs des Beamten mit Erfolg Protest eingelegt. Und schon in den ersten Morgenstunden war der Vater wieder auf freiem Fuß. Der übereifrige Hauptmann erhielt auch bald seine Strafversetzung — das gehört aber nicht zur Sache. Der zweite Sederabend nahm einen schöneren' und ungestörten Verlauf. Aber erinnerlich ist es mir, daß bet dem Segensspruch über die Mazzos, der Vater die Frage anschnitt, ob er auch gestern Abend die Pflicht des Mazzoessens erfüllt hätte und dabei die angeführte Talmudstelle zitierte. Nun, wie denkst du jetzt, Arthur, über unsere Weisen, die nicht aus dem Leben, sondern aus Büchern ihre Weisheit herausdüftelten? Arthur (schweigt nachdenklich, dann über den Folianten gebeugt im Lerntone weiter): „Wird einer von Räubern oder sonstigen gewalttätigen Menschen am Peffachabend dazu gezwungen, Mazzo zu essen, so hat er damit seiner Pflicht de» Mazzogennffes genügt" .. . Das Lhomezseuer. Von Heinrich Einstädter. In Kleefeld wohnten früher viele fromme Juden. Sie lebten in enger Freundschaft mit ihren christlichen Mitbürgern. Diese kannten und schätzten das jüdische Leben, das sich vor ihren Augen abspielte, und viele wußten über die Gebräuche unserer Religion besser Bescheid als heute mancher unserer eigenen Glaubensbrüder. Sie richteten sich auf die kältere Jahreszeit ein, sobald das „Winterhörnle" ertönte,' sie wußten, wann der „lange Tag" war, halfen ihren Nachbarn beim Aufstellen der Sukkoh, brachten ihnetl Wachs für die Kerzchen, wenn Chanuka nahte und trafen sorgsam und gewissenhaft mit ihren Freunden die mannigfaltigen Vorbereitungen, die die Herstellung von Mazzos erforderte, vorn Reinigen der Mühle bis zum Backen, das die Gemeindemitglieder bei streng verteilten Rollen selbst besorgten. Auch die Kinder konnten damals ohne jede Scheu sich an allen religiösen Bräuchen öffentlich beteiligen. Zu ihren höchsten Freuden gehörte das Verbrennen des Chomez. Mit einem großen Karren zogen sie am Erew Peffach durch das Dorf. Vor jedem jüdischen Hause machten sie Halt, um das Päckchen Chomez nebst einer Welle Rersig in Empfang zu nehmen. Vor jedem Hause wuchs die Zahl der Kinder, die den Karren begle'tete und damit zugleich der Lärm, den die fröhliche Schar verursachte. Nachdem alles Chomez gesammelt war, ging es dann hinaus auf eine Anhöhe in der Nähe des Dorfes. Dort wurde ein wahrer Scheiterhaufen errichtet, dessen Krönung das Chomez bildete. Dann schaute der Aelteste, ein Varmizwohjunge, mit wichtiger Miene auf« seine Taschenuhr. Er allein hatte das Zeichen zu geben, wann der Holzstoß angesteckt werden dürfte. Ringsum herrschte solange erwartungsvoll Stille. Endlich hob er die Hand. Bon allen Seiten entflammten da die Streichhölzchen und bald lohte eine hohe Flamme, die im ganzen Dorf zu sehen wär, gen Himmel. Fast ebensoweit drang der Jubel der Kinder, die - nun singend und jauchzend den Brand umtanzten, bis schließlich das Feuer, nur noch glimmend, in sich znsammensank. (Urbanowiez, der gelehrte Richter). Aus Warschau wird berichtet: Ersik Heublum stand vor Gericht unter der Beschuldigung, ein Attentat auf Paderewski geplant zu haben. Er wurde wegen „Störung der öffentlichen Ruhe" zu einem Monat Arrest verurteilt. In der Begründung dieses Urteiles führte der Richter Urbauowicz aus: „Durch die Aussage des Leutnants Skruditk, welche in dem Prozeß völlig objektiv ist, wurde bestätigt, daß Heubleum „Nieder mit Paderewski"! geschrieen hat. Dagegen konnte das Gericht den Zeugen Grünspan und Millts, welche behaupten, einen solchen Ausruf Heublums nicht gehört zu haben, keinen Glauben schenken, da sie als Volksgenossen Heublums laut dem Talmud verpflichtet sind, ihn aus den Krallen eines Nichtjuden zu retten". Der Klub der jüdischen Abgeordneten im Landtag hat gegen diese rechtsgelahrte Urteilsbegründung beim Justtzminister protestiert. In der Erklärung heißt es unter anderem: „Der Richter hat sich erlaubt, in 'einer Urteilsbegründung die Rechte der Juden sogar vor Gericht einzuschränken und einen Satz des Talmud in tendenziöser Weise auszunützen. Der jüdische Landtagsklub macht darauf aufmerksam, daß ein Richter unparteiisch sein muß und seine Urteile nicht auf Sympathie und Antipathie gegen eine Religion und Nation, sondern nur auf Recht und Gesetz stützen darf".