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Der Israelit · 1920-04-01 · Heft 13-14 (1.4.1920) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 13-14 (1.4.1920)
Date
1920-04-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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^C&itfcaäü ^MWß Historischer Roman aus dem achten Jahrhundert. (9. Fortsetzung.) Lange sahen sich die beiden Männer wie die hilflosen Kinder schweifend in die Augen, und wie von selbst lenkte sie endlich der Schritt nach dem gartenumgebenen Giebelhause an der östlichen Stadtmauer. Dort wohnte der treffliche Rafael Assarius, drr vielgesuchte Arzt, der auch als Leibarzt des Chakan und der Großen im Staate große Beliebtheit genoß. Die drei vornehmen Juden der Chasarenstadt berieten lange. Der Arzt, ein älterer, kleiner Mann, erschrak nicht wenig, als er von den beiden Männern den Zweck ihres Besuches vernahm, und er riet, sofort hinunterzugehen, um die Ahnungslosen zu warnen und vorzubereiten. Davor warnte Kaspi ganz entschieden. „Wir werden ihnen kaum damit nützen, uns selbst aber in eine Lage bringen, die uns vielleicht auch für später alle Möglichkeit nimmt, ihnen beizustehen. Und wir sind doch jetzt die einzigen, die hier für alle auf dem Posten bleiben und Wacht halten müssen-" „Was gedenkt Milkamin zu unternehmen?,, erkundigte sich Assarius. Zwei Augenpaare richteten sich fragend aus Balschan. „Sicheres ist darüber noch nicht zu erfahren", gab Balschan zur Antwort. „Aber ich kenne Milkamin zur Genüge .». . Hinter ihm steht der allmögende Pegan Hamenas.. Sie werden zunächst mit scharfen Augen Ausschau halten, und den ersten geringsten Anlaß wahrnetzmen, Bürgen einzuziehen. Weiter gehen vererft ihre Machtbefugnisse nicht. Denn es bereiten sich bedeutsame Dinge vor im Chakanat und vom Ausgange des Krieges sind große innere Umwälzungen zu erwarten . . ." „Ich fürchte für-Sangori", bemerkte Kaspi. „Wir werden ihm vorher schon für alle Fälle die Wege zum Chakanate ebnen müffen", schloß der Arzt. „Ich werde heute noch im Palaste das Nötige versuchen und Kaspi, der jüngste und gewandteste unter uns Drei, wird für das Wettere sorgen ..." VII. Die ganze Judenheit Balagars rüstete sich zur Hochz?itsfeier im Hause Sangoris wie zu einem allgemeinen öffentlichen Feste, das alle und jeden gleichermaßen anging. War doch Nechamah der gute Geist im Hause des Rabbi, der alle seine Ecken mit der Wärme füllte, die Jedermann zu gute kam. Freude in diesem Hause war die Freude aller. Schon am frühen Morgen des Neumondstages, begrüßte am Hofe des Bethauses Flöten- und Trompeten spiel den Bräutigam, der begleitet von Sangori und R. Amram zum Gotteshause schritt, dort empfingen ihn Beter und Jünger mit einem Psalmgesang. Die Straßen, in welchen sich der Hochzeitszug zu bewegen hatte, waren mit frischem Grün bestreut und an Fenstern und Türen wehten Fähnchen-und prangten bunte Teppiche. Feiertägig war die Stimmung der Judenstadt, wie der festlichgekleideten Menschen, die mit ihren vollbeladenen Körben sich straßauf bewegten, um ihre Geschenke an Früchten, Blumen und Leckereien ins Hochzeitshaus zu bringen. Die eigentlichen Feierlichkeiten begannen am Nachmittag. Im Hause Sangoris waren alle Frauen und Jungfrauen der Gemeinde versammelt, die im Chore das Lob der holden, frommen Braut sangen und ihr Blumen in das üppige Haar streuten, bevor dieses der Schere anheimsiet. Schmucke Mädchen reichten stumm und freundlich aus stilberblinkendeu Schalen Früchte und Süßigkeiten umher. Indessen waren sämtliche männliche Glieder der Gemeinde und Vertreter aller jüdischen Niederlassungen in Chasarien im Hause R. Amrams um den Bräutigam versammelt. Auf einem Divan saß unter einem rotblauen Baldachin Ben Chtsdai im schneeweißen Sterbegewan.de und eine goldgestickte mit Olivenzweig umkränzte Krone auf dem Haupte. Ihm zur Rechten und zur Linken saßen in ihren festlichen Atlaskleidern Rabbi Sangori und R. Amram. Diener reichten Gebäck und Wein herum und auf einem Podium hatte sich eine kleine Kapelle mit Harfe, Pauke und Zimbel postiert, die beim Erscheinen eines jeden neuen Gastes zur Begrüßung aufspielte. Gesandte fremder Gemeinden packten unter Segenswünschen kostbare Geschenke aus. Rabbi Sangori ergriff als erster das Wort zu einem Dankgebete gegen den himmlischen Vater, der auch im Israel der Zerstreuuug weilt und selbst den versprengten Teil hinter den Bergen unter seinem schützenden Auge hat. Er erzählte von Ben Chtsdais aufopfernder Fahrt nach Babylon, von dem kostbaren Geistesschatz, den er von dort mttbrachte, und knüpfte gleich an eine in diesem Kodex enthaltene Halacha über das jüdische Eherecht an, um mit Worten heißen Segenswunsches für seine Kinder und ihr neues Haus, sowie für die jüdische Gemeinschaft in Chasarien und die gesamte Diaspora zu schließen. Darauf' erhob sich Ben Chisdai selbst zu seiner „Drascha", und gab mit feurigen Worten neue Erklärungen, Deutungen und Richtigstellungen zu Mischna und Talmud wieder, wie er sie in Babylon, in^er Heimat des Talmud, vernommen hatte. Brausender Jubel tönte dem künftigen Führer entgegen, als Sangori den Schwiegersohn vor allem Volke umarmte und segnend seine Hände auf dessen Haupt legte. Ohne den flüsternden Segen vernommen zu haben, stimmte die ganze Versammlung ein lautes Amen an. Zimbel und Flöten ertönte wieder und kräftige Männerstimmen sangen im Chore Psalmlieder; mit besonderer Andacht und Inbrunst den von Chiseai mitgebrachten babylonischen Psalm „Gott ist mein Hirte", dessen Melodie rasch zur Beliebtheit gelangte, indes die Jünger und Freunde Chtsdais einen Kreis bildeten und sich im Tanze bewegten. Dazwischen traten Lustig- und Spaßmacher in allen denkbaren Aufmachungen auf, um die Tischgenossen zu erheitern. Bis dis kräftige Sttmme Kutiels, des Chasan, zum „Merakdin ltphne Hakalah" (Brautbegrüßüng) rief. Alsbald bildete sich der Männerzug, der hinter dem Bräutigam in der Mitte der „Schuswinim", unter den Klängen der Zimbel und Flöte die im Guirlandenschmucke prangende Straße hinunterzog. Im Branthause wurde Ben Chisdai mit einem Hagel von Blumen, Rosinen und Fruchtköruern empfangen. Nur einen flüchtigen Blick durste er auf seine in Engelschönheit strahlende Braut Wersen, denn wieder verließen die Männer den Frauenraum, wo bald der Akt des „Hinuma" (Bedecken) begann. Hinter einer Art spanischer ^Wand hatte stch die Kapelle unter Anführung Kutiels aufgestellt, um den feierlichen Akt mit allen ergreifenden Melodien des Orients und Spaniens zu begleiten. Kuttel sang und sprach in gebundenen und ungebunden Worten der Braut so tief ins Herz, daß alles in Tränen zerfloß. Inzwischen saß Nechamah in der rechten Mitte des Raumes auf einem >mit Teppichen und Kiffen erhöhtem Sitz, umgeben von den Freundinnen, dir mit der Ehre betraut waren, den Akt zu vollziehen. Erbarmungslos fielen die blumengeschmückten Haarwellen unter der Scheere, und das kurzgeschnittene Haupt bedeckte bald bis zur weiten Stirn das schwarze, goldbestickte Seidentuch mit bunten Bändern, klingenden Goldmünzen und alten Amuletten. Dazu sang Kuttel: „Es fällt der Haare Schmuck Von Judas schönster Tochter, Und goldene Jugendzeit Scheidet wie untergehende Sonne. Doch andere Sonne steigt empor Und eine güldene Krone leuchtet hervor, Eine Mutter in Israel zu zieren Mit der Tugend schönstem Schmucke! Und Perlen sind die Tränen In dieser schönsten aller Kronen. Auf, Töchter Israels Auf, und huldiget der Braut!" Von der anderen Seite begab sich der Männerzug mit dem Bräutigam unter den Klängen der Pauke zum Bethause, wo die Chuppa unter freiem Himmel aufgebaut war. Gleich darauf setzte sich auch der Frauenzug mit der Braut, die tiefverschleiert auf von vier Jungfrauen getragener Baldachin-Sänfte saß, in Bewegung. Alle Begleiterinnen trugen brennende Wachskerzen in den Händen und die Flöte spielte, ernst und getragen, langsam und feierlich. Auf dem Synagogenhofe angelangt, wurde die Braut von der Sänfte gehoben und nach altem Brauche siebenmal im Kreise herum um den Bräutigam geführt. Die Sonne hatte sich inzwischen gesenkt, und am klaren Abendhimmel schauten blinkende Sterne auf das Festgetrtebe unten, als hielten sie Wache über das junge Glück zweier Menschen, das in dieser Stunde das Glück und die Hoffnung aller war. Todesstille herrschte, als Rabbi JzchakSangori jetzt laut mit zitternder Stimme die Segenssprüche vortrug und darauf Chtsdai mit der gegebenen Formel sich sein Weib antraute. Nach einander kamen zwei der Aeltesten und Gelehrtesten der Gemeinde mit den vorgeschriebenen Schlußsegnungen daran, deren jede ein lautes Amen wie ein Gebet aus tiefer Volksseele begleitete. Nach altem Brauch spielten Zimbel und Flöte noch, zur Erinnerung an die Zerstörung Jerusalems, eine iraurige Weise aus den Gebeten des „neunten Aw", um gleich mit einer lustig heiteren Melodie einzusetzen, mit der di e Kapelle den Zug hinter dem Brautpaar ins Lehrhaus begleitete. Für den Rest des Abends blieben die Männer und Frauen beisammen, nur durch einen dünnen, durchsichtigen Vorhang von einander getrennt, während die Diener leckere Speisen auftrugen, die Musikanten die Instrumente arbeiten ließen, die Spaßmacher ihren Witz erprobten und die .Jünger im Kreise um das Brautpaar in der Mitte den Kallahtanz aufführten; dabei wurde jedesmal ein Anderer damit gewürdigt, die neue Strophe des Brautliedes anzustimmen, indes alle Anwesenden kräftig in die Hände klatschten. Der Brautvater, Rabbi Sangori, sollte jetzt an die Reihe kommen, als ein Diener ans ihn zutrat und ihm etwas ins Ohr flüsterte) draußen stehe ein Fremder, ein armer Pilger, der ihn zu sprechen wünschte. Sangori ordnete an, daß der Fremde in allen Ehren ausgenommen, reichlich bewirtet werde und den Abend als Gast im Hause bleibe. Doch her Diener kam bald zurück mit dem Bescheide, der Fremde wünsche dringend den Rabbi zu sprechen und ließe sich durch nichts abweisen. Sangori ging an die Fensternische, wo der fremde Mann in langem Kapuzenmantel mit abgewandtem Gesichte saß. „Frieden über dich!" begrüßte ihn der Rabbi und reichte ihm die Hand, „sei uns als Glaubens-

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