Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 13-14 (1.4.1920)
- Date
- 1920-04-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 No. 13 u. 14 Her HSraelLt. i. April 1926 dernen Fassaden und geben dem Viertel den Anschein einer Großstadt. Hier wohnen auch die reicheren orthodoxen Juden, di?. Kaufleutr, die ihre "Engrosgeschäfte und Magazine in derselben Gasse haben. Die Straße ist voll mit Menschen, alles handelt hier, denn hier ist die Börse für allerhand Waren wie auch für Rubel und Kronen, die in der Okkupationszeit ein beliebtes Sp?kulationsobjekt bildeten. Träger, mit Stricken Das Innere der Maharschalschul samt Almemor. umgürtet, stehen bet den Läden und warten auf Arbeit. Es sind strrke jüdische Männer mit gesunden Händen, ein Gegenstück zu den engbrüstigen Talmudgelehrten, die wir in den Klausen und Lehrstuben der Szeroka antrafen. In einem Winkel neben einer Straßenbiegung steht ein Menschenbündel und spitzt die Ohren. Handelsangestellte, die für eine Weile das Geschäft verlassen, MägdL mit Körben und Kinder mit den Schultaschen umgeben einen blinden Mann, der mit einer wehmütigen Stimme altbekannte Lieder vorfingt und damit sich sein Brot verdient. Diesen blinden Siraßensänger malten bereits Verschiedene Maler, die aus dem weiten Westen der Krieg herführte, und ein glücklicherer Sänger von Judenliedern — Aöolf 'Don crrh — widmete ihm folgendes Gedicht: Hinter dem Judentor In der winkeligen Gasse Steht der Straßensänger und singt . . . Singt von Mosis ehernem Siegescuf, Bon der Welten nimmerruhendem Hasse Und von Gott, der die Liebe erschuf. Vom Lande Mizraim Und all seinen Plagen, Von den hungernden Kindern und ihren Klagen, Von den schweren Stürmen der neuen Zeit, Den tausenden Söhnen, die draußen sielen, Und von den Müttern im Trauerkleid. Und in einem Atem weint er dann wieder Seine vor Schmerz überquellenden, Schreienden, gellenden, Atemraubenden Judenlieder Von des Volkes nie versiegenden Tränen Und von dem nie verfliegenden Sehnen Nach Jeruscholaim, Nach Jeruscholaim. Hinter dem Judentor in der winkeligen Gasse Steht die große Menge und lauscht . . . Aber der Sänger, der blind ist, Sieht sie nicht, Und der Sänger, der singt, Er hört sie nicht. Sie'ck nicht, wie die Bösen die Augen verdrehen. Merkt nicht, daß sie den Schmerz nicht verstehen, Me:kt nicht, daß unter all diesen Gotteskindrrn, Den schlechten, die falsche Wege wandeln Und um ihrer selbst ihr Volk verhandeln, Auch die Gerechten und Guten sind. Und all diese Weisen und Milden legen Zitternd die Hand an die feuchten Äugen, Gleich, als spräche er seinen Segen, Gleich, als wäre der blinde Sänger Als wie von Gott erwählt und gesandt: Zeit zu Zeit, von verschiedenen Männern und Ein Wahrheitskünder, ein Wahrheitsdichter, ' l Ein Kläger und Richter Im fremden Land .... Hinter dem Judentor In der winkeligen Gasse Steht der Straßensänger und ftugt . . Der 3ude von Mdden. Von Gutti Alse«. Von der Wand der Veranda im Niddener Gasthaus Hermann Blöde späht bet Kopf eines jüdischen alten Mannes zu den graugrünen Wassern des Haffs hinaus. Inmitten einer Anzahl zinnobcrror verbrannter Nehrungsfischer, jungsrischer Burschen, dunkler und lichter Mädchenköpfe unter leucht nden Tüchern, grell belichteter Dünenstücke,Hafenausschnttte dies farblos wirkende, in graubraun gehaltene Porträt. Wie gelangte es in solche Umwelt? Was gab seinem Schöpfer Bischos-Culm den Gedanken, ihn durch seine I Widmung „Der Veranda Hermann Blöde" für I immer dieser Umgebung eiuzuverleiben?! Neugierde steht aus, wird durchs täglichen Anblick genährt. Immer größer wächst das Befremden, die Augen dieses Alten, so ruhig und unvergrämt, so wenig scheu, so anders dem leidvollen Blick seiner Stammesgenossen zu sehen, und allmählich gelingt es dem eifrig Forschenden, die wortarmen Menschen, die diesen lautlosen, schmalen Landftreifen bevölkern, erzählen zu lassen. Nicht zusammenhängend, ganz stockend nur, von Frauen vermittelt, entstehen die einzelnen Züge, aus denen sich das Leben des durch Malerhand Verewigten zusammensetzt. Hinter den Grenzpfählen, nicht fern dem Eingang des Russenretchs, hauste gegen Ende des verflossenen Jahrhunderts, in gedrückter Enge von Gesetz und allzu eifriger Beamtenschaft des Zarenlandes, die Familie des jüdischen Händlers Mendel. Unterernährt, verspottet und gehetzt. Nur durch die grauen Schleier der Not schauen seine ersten Kinder die Sonne. Jahr reiht sich an Jahr. Kind gesellt sich zu Kind. Die Frau stumpft ihr Leben in Sorgen und Krankheit dahin. Der Rücken des Vaters krümmt sich von der Last der Ernährung. Einst überschreitet er die deutsche Grenze. Gelangt nach dem nahen Memel. Es ist Markt. Die buntgrellen Farben der Litauer Waren züngeln in den Sommerto.gr Salzhauch tränkt die Lüfte. Macht das schwere Herz freier atmen. Er tritt zu einem Händler, unterbreitet ihm seine Bitte um kurzen Kredit. Der hat guten Gewinst erzielt, will sich, halb scherzend, an Mendels Geschäft beteiligen. Mit billigem Kram aller Art beschwert, gelangt er aus einer Fähre zum nahen Nehrungsftrand. Und der Jude beginnt seine Wanderung. Sein Körper ist nicht mehr jung, nicht gelenk. Und der Packen drückt. Aber ist er, sind die Seinen nicht härteren Druckes gewohnt? Er wandert allein durch Waldstrecken, die fast nie ein menschlicher Fuß betritt. Hohe Farren streben zum Licht. Kiefern schwellen und verhauchen Würze. Und kein Wesen auf dem Weg des Einsamen, als hier und da ein stolzgehörnter Elch / der königliche Einsiedler der Nehrung. Er durchquert ein verlorenes Dorf. Wird freudig bewillkommnet ob all' der nützlichen Dinge, die er mit sich führt und zurückläßt. Und weiter wandert er mit dem stöhnenden Wind zusammen über fahle, durch Jahrhunderte aufgewehtr Dünen. Stunden und Stunden allein in vorweltlicher Einsamkeit. Und ihm zuseiten, über dem hellschimmerndenSanchbaldzu gigantischer Größeffch reckend, gespenstisch huschend,verschnupfend, neu aufspringend und sich vorwärts schlängelnd, die schwarzgrauen Schatten der Wolken, die sich mit den Seinen vermählen. In immer wechselndem, stummem und doch ruhelosem Geleit. Neue Dörfer ziehen an ihm vorüber. Bon gelben Bauernblumen, hochstengeligem Sonnenglanz, citronensarbenen Kressen durchgoldet und überglüht. Ihm ist's, als könnten die leisen Menschen dieses stillen Landstrichs nimmer genug sich tun, an Sonne und ihren Farben . . . Der Memeler Händler erhält nach Rückkehr das geliehene Geld. Und baren Vorschuß auf neue Ware. Und wieder wendet der Jude. Und beginnt seine Wandern. Hin und wieder über die seltsame Welt des Nehrungsstreifens. Wie viele Male? Wieviele Jahre lang? Er weiß es nicht mehr. Untrennbar ist sein Sein mit den Menschen und der Natur dieses Bodens verwachsen. Von Zeit zu Zeit nur darf er Rast halten bei den Seinen im. traurigen Rußland. Die Kinder sind herangeblüht. Die Ausgaben wuchsen wie Unkraut empor. Die Verfolgungen und tausenderlei Abschlagszahlungen an die Hüter des Gesetzes wuchern wie wildes Gras . . . So überwandert er weiter Jahr um Jahr den herben Boden der kurischen Wüste und ihrer Oasen. Lange schon hat er in Nidden ein Bach gesunden, das ihm zu Zeiten Unterschlupf und seinem Handel Mittelpunkt geworden ist. Aber nicht dauernd darf er sich Ruhe gönnen. Harren nicht an anderen Orten der Nehrung andere Fischer, Frauen und Kinder seiner Waren? Womit sollen sie ihre Netze flicken, ihre stillen Winterstuben schmücken, ihre grellfarbenen Feiertagskleider verzieren, woher sollten ihnen die bunten Gedenkblätter zur Firmelung, zur Hochzeit und Taufe, zugehen, wenn er einmal ausbliebe? Harren seiner nicht auch im trüben Zuhause die gelähmte Gattin, kränkliche Kinder und Kindeskinder . . .? Und der Jude wandert weiter. Ununterbrochen durch seine alten Jahre die Nehrung entlang, deren Schönheiten und Schrecknisse zu lieben und zu überwinden ihm Gewohnheit geworden ist. Wer weiß, welche Zwiesprache er mit seiner Seele gehalten hat, an alle den hitzebrütenden Sommermittagen in den weißen, mattenden Sandtälern des Schweigens? Welche Gedanken ihn angefallen im fahlen Herbstdämmerungen, allein in grauer, regenweinender Oede? Wenn der Sturm auf hohem Düneukamm ihn mit Sandwellen umflatterte und Haff und See sich in Raserei von beiden Seiten gegen den schmalen Streifen Landes warfen, als wolle jedes zuerst ihn begraben. Wer will es wissen, welche Zuflucht sein Gott ihm gewesen, an vereisten, schneedurchwehten Winterabenden, wenn eigen Osten gewandt, zu ihm gebetet, mit ihm gerungen? Wie viele Male er von seinen Wegen abgekommen, in Urwalonis, in starren Wintern, wenn nichts seinen Blicken Halt mehr war, durch alle die weißen Trugbilder als irgend eine schwarze Krähe, die ihm neue Richtung ward? Und wer will ahnen, was in ihm gekämpft, ihn auf bangem Einsamkeitswandern zum Siege geführt? Blick ins Gemeiudeveshamidrasch zu Lublins Daß seine Augen stet wurden und stolz, wie sie es nie im nahen Beieinandersein mit den Menschen gewesen waren. Daß sie glückhaft am Menschen vorüberzusehen wußten, hinaus in die Unendlichkeit der Natur, — so wte BischofftCulm, der verewigte Nehrungsmaler, ihn auf die Leinwand gebannt hat? mMM/i irr, fjfSi M'jffl?4r»