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Der Israelit · 1920-04-01 · Heft 13-14 (1.4.1920) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 13-14 (1.4.1920)
Date
1920-04-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Der Israelit. 'f:!' iri Seite 4 fflo. 18 u. 14 Was könnte zunächst für unsere Landgemeinden geschehen? Von Heinrich Einstädter in Frankfurts. M. Unsere Anregung, die wir in den Nummern 49/50 dieses Blattes gegeben haben, ist nicht ungehört verhallt. Das bewiesen schon die sehr beachtenswerten Ausführungen der Herren Lebermann, Tarmenbaum und Freudenberger. Das beweist aber vor allem der Aufruf, den der „Bund gesetzestreuer Gemeinden" ergehen läßt. Allgemein wird es im Lager der thoratreuen Juden Deutschlands beklagt, daß sich ein verhängnisvoller Niedergang der Landgemeinden vollzieht, und opferfähige Männer der Tat haben sich auch in dankenswerter Weise bereit erklärt, dem Hilfswerk ihre Kräfte zu widmen. Wenn auch noch nicht allenthalben der Ernst der Lage in seiner ganzen Tiefe und Folgenschwere erkannt wird, so ist immerhin ein großer Fortschritt in dieser Erkenntnis zu verzeichnen. Allein von diesem ersten Erfolg, bis zu wirksamer. Tat ist ein gar weiter Weg. Das erste Hemmnis, das sich zeigte, bildete das Vorurteil. „Hier ist nicht zu helfen", hieß es immer wieder, „die völlige Auflösung der Landgemeinden ist unaufhaltbar". Derartigen Behauptungen ist mit sachlichen Einwänden schwer zu begegnen. Es handelt sich hier doch um die Beurteilung einer zukünftigen Gestaltung von Verhältnissen, die je nach der vorgefaßten Meinung und — dem guten Willen des Beurteilers nach der einen oder nach der anderen Seite gelenkt werden kann. Da wir aber kurz vor dem Peßachfeste stehen, wollen wir uns doch einer Tatsache erinnern: Unsere ^Zoreltern in Aegypten waren in Götzendienst und in der Unkenntnis des väterlichen Glaubens versunken. Sie befanden sich in der schlimmsten wirtschaftlichen Not. Dazu ftmt noch völlige bürgerliche Unfreiheit. Und trotzdem gab sie der Ewige nicht auf, sondern aus der tiefsten geistigen Finsternis und aus dem furchtbarsten und drückendsten Elend erhob er sie, damit sie als sein Volk zu Priestern der Gesamtmenschheit werden. Auch unser großer Lehrer "Mosche äußerte mit keinem einzigen Worte einen Zweifel an dem Erfolgseine Einwände bezogen sich vielmehr nur auf seine eigene Person, die er in seiner unerreichten Bescheidenheit als unzulänglich für die Ausführung der ihm übertragenen hohen Aufgabe erachtete. Wie dürften wir es wagen, durch Kleinmut und Verzagtheit ein Werk zu hindern, das für die Entwicklung unsrer religiösen Gemeinschaft in Deutschland von höchster Bedeutung ist? Je schwieriger die Arbeit ist, zwerghafte Ehepaar von da oben herab zur Erde gelangen mochte-. Die zittrigen Sonnenstrahlen fahren jetzt blitzschnell über das Weidenkörbchen, in dem die antiken silbernen Sederbecher neben schweren, noch mit Bein beschlagenen Bestecken liegen, hinauf zu der weih belegten Anrichte. Irdene Tassen, braun glasiert, weitbauchig stehen sie da in hachrandigen Untersätzen, auf deren Grunde mit einfachen Strichen eines handwerklichen Kunstsinnes exotische Vögel ihre Flügel breiten, Kühe grasen und Hunde bellen. Auf dem Kaffeelisch einer modernen Hausfrau würden diese Riesen aus einer anderen Zeit keinen Platz finden können, weil dort der Sinn für Pessachgehetmnisse, für alte Ueberlieferungen mit ihrem schauernd Zauberhaften, längst nicht mehr zu finden ist. Wohl sammelt man Raritäten, richtet Zimmer nach der Art vergangener Jahrhunderte kunstvoll ein; doch in den Zauberkreis, gebildet aus Sage, Geschichte, legendärer Tradition, einzudrtngen, der wie wallender Nebel unsichtbar um diese alten Gegenstände sich herumlegt, bleibt vielen verwehrt. Ureltern haben bereits aus diesen Schalen getrunken, bei Mazzos über Feiertag, Wetter, Gemeindeangelegenheiren und Famtllenereignisie gesprochen. Haben sie dann ein Jahr lang in die Bodenteuhe gelegt, aufbewahrt für den nächsten Pesiach — wie auch wir es wieder Hallen werden. Und dieses gleichmäßige Tun an und mit denselben Dingen webt ein Band zwischen gehendem und kommendem Geschlecht; und wer es wahrnimmt und fühlt, dessen Seele füllt sich mit der Liebe und Fürsorge, welche die Dahingegangenen für all* ihre Kindeskinder empfunden und bei Lebzeiten aufgespetchsrt haben . . . .! Von Veilchen, die längst verwelkt und verdorrt, hängt irgendwo im Zimmer, an einer Spitze, an r 1. April 1920 desto größer fet der Fleiß und der Eifer in der Hingabe zu ihrer Bewältigung. Eine weitere Schwierigkeit bildete der Mangel an Kräften und Geldmitteln. Es ist ja wahr, daß an die Opferwilltgkeit der thoratreuen Judenheit die höchsten Anforderungen gestellt werden, und in: allgemeinen ist es ein kleiner Kreis von hervorragenden Persönlichkeiten, deren Arbeitskraft immer und immer wieder in Anspruch genommen wird, wenn Gesamtsheits- oder Sonderausgaben der Orthodoxie zu lösen sind. Dennoch dürfen wir nicht verzagen. Stets hab^n sich Mittel und Wege gefunden, wenn es sich um die Erreichung eines Zieles gehandelt hat, deffen Wert und Bedeutung klar vor Augen lag. Heute möchten wir einen Vorschlag, dessen Annahme nach unserer Meinung das beregte Htlfswerk wesentlich fördern könnte, zur weiteren Erörterung der Oeffentlichkeit unterbreiten. Es handelt sich gegenwärtig vor allem um die schleunige Heranziehung sachverständiger Hilfskräfte und um die Beschaffung der notwendigen Mittel. Während der „Rettungstag" bestimmt ist, für den zu bildenden Fonds die Grundlage zu sichern, denken wir uns die parallel laufende organisatorische Tätigkeit der Leitung folgendermaßen. Landgemeinden berücksichtigt werden, und die | weitgehende Arbeitsteilung würde das Unternehmen wesentlich erleichtern. Groß und vielseitig ist die Aufgabe, die sich der neu geschaffene „Bund gesetzestreuer jüdischer Gemeinden" gestellt hataber wir kennen auch keine dringendere. Wenn es ihm gelingt, die noch allenthalben auf dem Lande glimmenden Funken jüdischen Lebens anzufachen so daß sie schließlich zu lodernder Flamme religiöser Begeisterung emporlohen, dann hat er ein Werk geschaffen, das ohne Weiteres seine. Berechtigung und seine Eignung beweist, sein Bestehen verbürgt und seine Werbekraft sichert. Möge ihm die kräftige Unterstützung all derer werden, denen das Wort nn n? M1P 72 kein leerer Schall ist. Der „Bund" bildet eine Zentrale, die sämtliche Landgemeinden in Sprengel verteilt, an deren Spitze je eine Agudas Jtsroel Ortsgruppe oder eine Stadtgemeinde tritt. Diese beruft eine Komission für das Hilfswerk, deren nächste Aufgabe darin besteht, sich über die Verhältnisse der ihr überwiesenen Landgemeinden recht genau zu unterrichten. Für jede hilfsbedürftige Gemeinde bestellt sie einen Pfleger, der alle ihre Angelegenheiten zu bearbeiten hat. Zu Pflegern eignen sich besonders solche Stadtbewohner, die aus der betreffenden Gemeinde stammen und ihr volles Vertrauen besitzen. Sie haben das größte Interesse, sie kennen am genauesten die einschlägigen Verhältnisse und wissen am besten, wie zu helfen ist. Ihnen obliegt auch die Aufbringung der erforderlichen Geldmittel und die Anbahnung aller Maßnahmen, die sie für das Gedeihen der ihrem Schutze anvertrauten Landgemeinde für erforderlich erachten. Auf diese Weise ist ihnen die Möglichkeit geboten, ihrer heimatlichen Kehillo, mit der sie beständig in Fühlung bleiben müsse, einen Ersatz für den Schaden zu leisten, der durch ihren Wegzug entstanden ist. Die Pfleger berichten der Ortsgruppen-Kommission und diese wieder der Zentrale über ihre Tätigkeit und geben Anregungen zu Veranstaltungen, die für weitere Kreise gemeinschaftlich erforderlich sind. Auf diese Weise können die recht mannigfaltigen Verhältnisse der Lorrewondenzen und Nachrichten. Ksrrjschr« MeM. Der Sfaäfraf gegen Sie juSenfeinSlidien Kundgebungen. München, 19. März. Im Stadtrat gab der 1. Bürgermeister heute auf Grund Einverständnisses sämtlicher Fraktionen eine Erklärung ab,-die die bekannten Münchener Vorgänge tief bedauert. Es sei unverantwortlich, daß die in Betracht kommenden Kreise die Verfechtung ihrer Anschauungen auf die Straße tragen und sich nicht scheuen, sich von unreifen Leuten und Personen mit niederen Instinkten unterstützen zu lassen. Der Stadtrat erhebt gegen diese Vorgänge, die jeder Kultur Hohn sprechen, nachdrücklichst Verwahrung und spricht hierüber seine tiefe Empörung, aus; er erwartet von der Regierung, daß sie ebenfalls entschieden dagegen Stellung nimmt und eine Wiederholung solcher unverantwortlichen Treibereien nnt allem Nachdruck verhindert. Der Stadtrat appelliert aber auch an den gesunden Sinn der Bevölkerung, sich nicht wieder zu solchen verwerflichen Demonstrationen mißbrauchen zu lassen, und erwartet, daß sich die Bevölkerung hievon künftighin fernhält. Zur Versorgung der jüdischen Bevölkerung mit Weizenmehl und Zucker erklärte der Lebenseiner Schleife, noch ein klein wenig von ihrem weichen Dufte.... (Rothschild an Wilhelm). Nach Behauptung der Antisemiten haben die Juden nicht nur schuld an dem unglücklichen Ausgang des Krieges, an der Revolution, an unserer heutigen Wirtschaftslage usw., sondern sie haben — was für die Fähigkeit der Antisemiten, logisch zu denken, spricht — auch Schuld an der Entstehung desselben Krieges, auf desien Verlust sie nachher hingearbeitet haben. Wiederholt wurde von der antisemitischen Presse mit unverhohlener Freude die Behauptung wiederholt, die in dem Münchener „Bayer. Vaterland" aufgestellt wurde: „Der Londoner Rothschild ist einer der Hauptbeteiligten an der englischen Einkreisungspolmk und dem Ausbruch der entsetzlichen Bölkerschlächterei, bei dem die Christen sich gegeneinander abmurksten im Interesse von — ja von wem gleich"? Diese antisemitische Lüge erfährt jetzt durch einen Brief, der sich unter den von Karl Kautsky über die Vorgeschichte des Weltkrieges aus den amtlichen Archiven herausgegebenen Aktenstücken befindet, ihre bündigste Widerlegung Dieser Brief, den der Baron Alfred de Rothschild am 1. August 1914 an Kaiser Wilhelm richtete, hat folgenden Wortlaut: „Sr. kaiserl Majestät dem deutschen Kaiser, Berlin. Ich bin mir bewußt, daß Euere Majestät jeden Nerv zugunsten des Friedens anstrengen, und weil ich dies weiß, und weil ich immer ein Bewunderer der Politik Euerer Majestät war, wage ich Euere Majestät in diesem kritischen Augenblicke anzureden, da die Segnungen des Friedens und die Schrecken des Krieges wie das Zünglein einer Wage balanzieren. Wollen Euere Majestät mir daher einen Vorschlag senden, den ich sofort meinen Freunden vorlegen könnte und der geeignet wäre, sowohl in Petersburg wie in Wien günstig aufgmommen zu werden, unterstützt von meinen Freunden? Ich wage ernstlich zu hoffen, daß Euere Majestät mir gütigst antworten werden". Auf dieses Schriftstück schrieb .Wilhelm II eine seiner bekannten Randbemerkungen: „Eine meiner alten und sehr achtenswerten Bekanntschaften, ungefähr 75 bis 80 Jahre alt", während das Auswärtige Amt das Telegramm mit der Notiz versah, daß die Antwort nicht abgehen konnte, weil das Kabel mit England bereits unterbrochen war. Sadhat-Ansang und Ausgang. N2Q ORTi Anfang Datum Ausgang Ubr >Min. 1930\ 5680 Mr jMin. ' 2. 14. Nissan ... .... FrarrLfurr a. M. 6 25 April 7 45 Berlin .... 6 25 7 11, München . . . 6 30 i 7 251 Strabburg . . — — I — —) Stuttgart. . . — — i — — Pose« .... — —! — Nürnberg. . . 6 20 7 29 Hamburg . . . — — 7 45

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