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Der Israelit · 1920-04-01 · Heft 13-14 (1.4.1920) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 13-14 (1.4.1920)
Date
1920-04-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1. April 1920 nüchterung und Enttäuschung — bei denen, die l entgegen dem inMfl S« dnauf gebaut j und vertraut, bis zur völligen Verzweiflung. Sind doch die Nachrichten, die heute aus London und Paris kommen, in Verbindung mit den Botschaften aus Palästina selbst, nicht gerade dazu angetan, aus unserer alten Sederbotschast üvVN'2 N82N nittD den nahen Klang der Balfournoten heraushören zu lassen! . . . Gerade die letzten tieftraurigen Vorgänge in Palästina zeigen deutlich, entgegen allen Stürmern und Weltverbesserern hier und dort, daß Israels Hilfe auch nicht im Freiheitsdrang? der Völker geboren wird. „Wenn sich die Völker selbst befreien —--", dann haben wir ein Lied davon zu singen, ein Lied von Blut und Tränen hier und dort. Nach all dem ist es doch so, daß mit den Worten a'-TOS WH Q'NIv die vier Fragen — und deren viele mehr — restlos beantwortet sind. Wie sehr empfiehlt es sich danach für unsere Zeit, daß sie sich, nach dem Rate der Hagadah, immer tiefer in das Wunder vom „Auszug aus Mizrasim" versenke. Am Pflichtteil unserer Tat darf es bei diesem Erlösungsprozeß freilich auch nicht fehlen, allein die Grenzen unseres Könnens und Vermögens sind durch das Auszugswunder so gezogen, daß wir vor Selbstüberhebung und irrltchternden Hoffnungen bewahrt bleiben. Darum: m ■nn Wochemi»ii>sch«m Honig aus den Mir«. Die bisherigen Verhandlungen über die Schaffung einer Gesamtorganisation der deutschen Juden haben, wie unsere Leser aus dem Berichte in Nr. 10 wissen, , keinen besonders ermutigenden Verlauf genommen. Es war so ziemlich ein Kamps aller gegen alle, was in die Erscheinung trat. Das hindert einen von beneidenswertem Optimismus erfüllten Anonymus nicht, im Hamburger Israelitischen Familienblatt mit Befriedigung zu konstatieren, die Sache gehe vorzüglich. Sogar die Orthodoxie habe zwar in Halberstadt einen „Bund gesetzestreuer Gemeinden" gegründet — und der Anonymus weiß wohl, daß darin nach der Verfassung der Keim zu einer gesetzestreuen jüdischen Religionsgemeinschaft liegt—, aber man sei doch zu einer Arbeitsgemeinschaft mit anderen Organisationen gegebenen Falles bereit. Eine Arbeitsgemeinschaft sei aber auch eine Organisation, „wenn a u ich beschränkte r A r t!" Die darin vereinigten Organisationen seien dann eben die — Der „Kultnsausschüsse" des § 25 des Frennd'schen Entwurfes „mj t erweiterter K o m petenz und unabhängiger,, von der Bundesleitung w e n i g e r beeinflu ß ter Zusammensetzung"! Man weiß nicht, ob man sich über diese unglaubliche Fähigkeit, §omg aus allen Blüten zu saugen, ärgern oder amüsieren soll. Wir ziehen vor, keines von beider: zn tun, sondern, unseren verehrten Gegner dringend um eine etwas ernsthaftere Behandlung eines doch wahrhaftig ernsten Gegenstandes zu bitten. Wenn Einverständnis darüber besteht, daß die Orthodoxie einerseits, die zu dem programatischen Bekenntnis der Orthodoxie n i ch t geneigten Kreise andererseits sich als autonome Religionsgemeinschaften konstituieren, dann glauben nur allerdings, oaß das Haupthindernis eines reinen Z w e ck v e r b a n d e s zur Lösung gemeinsamer sozialer und politischer Ausgaben der deutschen Juden beseitigt ist. Für so naiv aber sollte man die deutsche Orthodoxie denn doch nicht halten, daß sm diesen „Zweckverband" unter der Hand zur einheitlichen Religionsgenreinschaft und die arrtonomen Religionsgemeinschaften zu — Kultusansschüssen werden ließe! 'Was soll also das Spiel mit Worten, mit dem der Anonymus niemanden täuscht, außer sich selbst. Das Sündenbeüennlnis dtt Mnismur Wir hatten in der vorigen Nummer Gelegenheit, dem Warschauer „Jud" gegenüber auf die Tatsache aufmerksam zu machen,, daß die Stimmungen im g. mcrikan isch en „Misrachi" rückst ohne weiteres mit der stark nach links orientierten Tendenz gewisser anderer misrachistischer Landesgruppen gleichgesetzt werden dürsten. Eine erfreuliche Illustration hierzu bildet eine jetzt vorliegende Aeußerurrg des „Hoi w r i" in New-L)ork, des Organs der amerikanischen Misrachisten, die /f— auch abgesehen von diesem Gesichtspunkt —,' charakteristisch ist für die ganze derzeitige Lage des Zionismus nach der Auffassung ehrlicher Anhänger des zionistischen Bekenntnisses, Der Artikel geht von der Nachricht aus, daß W ei z mann am Schlüsse der Londoner Zionistentaguug die Versammelten aufgefordert habe, ein „gemeinsames leises Gebet" trira rr?an TDsea.) x1!>echm, daß der König aller Könige in das Herz der Großen bei der Friedenskonferenz die Bereitschaft senken möge, die Erez Jisroel-Frage üi einem für das jüdische Volk günstigen Sinne zu losen. „Hoiwri" will in diesem kleinen Zug keippn vrr, Gott hat das pp (190) abgerechnet, als esfich darum handelte, sein Abraham gegebenes Versprechen von vierhundertjähriger Knechtschaft einzulösen. Daher XVJ ‘■p^. Vor einigen Jahren wurde ich von einem Mit gliede meiner Gemeinde gefragt, warum die „Rabbinen", abweichend von der heiligen Schrift, die Zahl der Plagen, von denen die Aegyptcr heimgesucht wurden, „willkürlich" (!) vermehren. R. Jose schätzt sie auf 50/ R. Elieseraus 250 Uttd Sh Akiba auf 50 + 50 100 Plagen, während in der Thora nur von zehn Plagen die Rede ist. Da wir damals im tiefsten Kriege lebten, siel es mir nicht schwer, ihm die passende Antwort zu geben. Man las damals säst täglich vom Vordringen der Feinde in Galizien und der Besetzung vieler Gebiete von ihren Truppen.. In den Berichten hieß es kurz, der Feind haste die Stadt X. besetzt und man sprach allgemein von einer Niederlage, einem Verluste, einem Schlage. In Wirklichkeit aber hatte diese eine Niederlage für die Bewohner der betreffenden Stadt unzählige Verluste und Schäden zur Folge. Manche verloren dabei ihr Leben, manche ihre Kinder, manche ihr Hab und Gut. Wieder andere mußten die Flucht ergreifen und büßten dabei ihre Gesundheit oder ihr Vermögen ein re. rc. In der Geschichte wird man aber stets nur von einem Verluste und einer Niederlage lesen, obgleich die Zahl der mit dieser einen Niederlage verbundenen Verluste und Schäden unermeßlich ist. So verhält es sich auch mit den zehn Plagen in Aegypten. Ihre Zahl betrug in der Tat nur zehn, die Folgen dieser Plagen stiegen ins Unermeßliche. Und zum Schluß noch eine kurze Bemerkung, um 2iv ->2N2 o”oa zu sein. Wir beten zu Gott n:s 21-1P2: „Er möge sein Heiligtum recht bald wieder - errichten". Wozu der Nachsatz arpa v'v'2 mnci, | „recht bald in unseren Tagen" *? Allein „bald" ist ein relativer Begriff. Vom menschlichen Standpunkte versteht man unter bald eine möglichst kurze Frist; vom (Btanbyuritte der Ewigkeit oder des Ewigen kann man unter bald einige Jahrhunderte oder gar Jahrtausende verstehen. Bei sind bekanntlch tausend Jahre wie ein Tag. Wenn wir also beten, Gott möge bald sein Heiligtum errichten, so könnte es sich noch immer auf einige Jahrhunderte oder Jahrtausende beziehen. Deshalb fügen wir hinzu ,,h&lb, b. h. in unseren Tagen nnL nach nnseren Begriffen gerechnet. Möge dies Gebet recht bald in unfern Tagen erhört und erfüllt werden. Kleines Feuilleton. Von der peffach-KSche. Ein Idyll von S. Brückheimer in Marktbreit Die Peffacharbeit, die, vor Purim schon einsetzend, im steten Ansteigen, am Cüomez-Battel in lautenk Schwalle nochmals durchs ganze Haus fegte, klingt schnell und leise aus, wenn der Hausherr mit der flackernden Kerze suchend durch alle Zimmer geht. Dabei huschen spitze Schatten zwischen den Möbeln hervor und verkriechen sich wieder wie Kinder im Bersteckenspiel. Tanzende Lichtreflexe erscheinen in Bildern und Spiegeln und die blütenweißen Gardinen mischen schon mit den frischen, blanken Fußböden den ganz bestimmten Feiextagsduft. *■ fflx. 13 u. 14. Seite 3 neswegs eine sentimentale Episode erblicken, sondern ein Symbol für die gedrückte, im Selbstvertrauen wankende Stimmung, die zur Zeit im zionistischen Lager herrsche und — er freut sich dieses Wandels der Gesinnung. Das Blatt führt dann fort: „In der Tat, -vir haben uns des Irrtuins bewußt zu w e r d e n, a n s dem h e r a u s w i r v i e n a h e u d e E r l ö s u n g v e rkünden zu dürfen glaubten. An diesem Irrtum find wir Zionisten zum Straucheln gekommen, von den obersten Führern bis zu den letzten Arbeitern. Alle haben wir übertrieben und den Mund zu voll genommen, haben das Volk mit trüger i s ch e u Hoffnunge rc erfüllt u u d m i t H ei 1 sv e r sPr echun gen, di e ftch nich t ue nc i r U t d)it c n. Unsre Absi ch t war gewiß gut — wir wollten das Volk aus dem Schlafe wecken, deshalb posaunten wir die Erlösungsbotfchaft in seine Ohren und blendeten seine Auge n mit f a l s ch e m Schei n aus dem Osten. Jetzt aber ist es unsre Pflicht, die Wahrheit einzugestehen: unsre Tat war nicht wohlgefällig — — — — — heute ist jedem klarj daß wir weit entfernt sino von „Judenland" und „nationalem Heim." — — Wir verzichten gewiß nicht auf unsre Ansprüche auf das heilige Land, aber wir müsseil uns zur Zeit mit dem begnügen, was mau uns gibt — — —" Genau in dem gleichen Sinne, wie mir dies seit Jahren getan, weist das Blatt ^schließlich daraus hin, daß es unsre Pflicht sei, in den Grenzen des Erreichbaren in. Bescheidenheit und Pflichttreue unsre Arbeit auf dem heüigen Bvden unsrer Zukunft zu leisten. Es ist wohl das erste Mal, daß von zionistischer Seite so ehrlich und unumwunden die unerhörte Irreführung im Großen zugegeben wird, mit der man ein ganzes Volk zlvei Jahre lang in Atem gehalten hat. Uns liegt dabei vor allem an den p s y ch o - logi sch e n Wirkungen dieser großen, nunmehr bankerotten Bluff-Politik auf religiösem Gebiet und an den psychologischen Wirkungen ihres Mißerfolges. So unheilvoll die ersteren waren, so verwirrend sie auf Millionen Herzen im Osten und Westen, nicht zum wenigsten auch auf schwache, allzu eindrucksfähige geistliche und weltliche Führer der Orthodoxie gelvirkt, so wohltätig könnte die Enttäuschung wirken. wenn sie überall so aufrichtig und mannhaft zur k l a r e n E r k e n ntni s wird, mic in der eben zitierten Darstellung. Möchte der Geist dieses Erkennens der Wirklichkeit im,Misrachi" zum Siege gelangen. Um einiges später kommt der Vollmond und nimmt die glitzernden Sterne in seine flaumweiche, rieselnde Lichtschlcppe und verkündet über den nachtblauen Himmel hin auch feiertägliche Reinheit. Darum gehört zum Chomez-Batiel MgetrübteS Mondltcht, wie blanker Sonnenschein oem Erew- Pessach eignen muß. Wärmende, lebenweckende Sonnenstrahlen, die Ahnung bedeuten, sehnsüchtige Wünsche keimen lassen, die alle Ritzen füllen und jede. Lücke finden, die, zwischen den engen Matchen des Filet am kleinen Fenster in den haibdunklen Raum der Pessach- Küche eindringend, ihren seinen Gold staub nach allen Seiten hin verteilen. Aus einem kleinen Schemel sitzend — gedeckt durch einen die Decke stützenden Baiken — verfolge ich dieses flimmernde Lichthuschen. Mir ist es, als störte ich düs nach Jahresfrist nun erfolgte Wiederzusammensetn all dieser seit vielen Jahrzehnten schon dauernden, leblosen Geräte und Geschirre, als dürfte ich nur versteckt lauschen diesem feinen Klirren in den spttzenbesetzten Schränken, dem leisen Brechen und Knacken der im Lkorbe geschichteten Mazzos, dem dumpfen Tropfen im steinernen Esstgkrug, der am Lederriemen hinter mir an der Wand hängt. D«r Eisigkrug! Geichlechtern schon hat er gedient. Die Hand, die daS Lederband geknüpft, ist längst Staub geworden, verweht, kaunr noch in der Erinnerung festgehälten. Der braune Krug aber spiegelt sich, wie iinmer, in der Hellen Erew- Pessnch Sonne. Die Menschen eilen wie im Vogeiflug über die Erde hin und lassen nur in den Dingen Gedenkzeichen ihres Seins zurück. Und merkwürdig! Dieser alte Krug stellte sich imvrer vor mein inneres Schauen, wenn ich in früheren ^Jahren das Märchen: „Mann und Frau im Esstgkrug" gelesen habe. An der neu getünchten Wand hängend, sah ich ihn dann inrmer und plagte mich mit dem Problem, wie wohl das

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