Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 12 (25.3.1920)
- Date
- 1920-03-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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3m Mensiaai der Waren. Historischer Roman aus dem achten Jahrhundert. (8... Fortsetzung.) Taban Hub sicher und bedächtig seine Rede an. „Trimurti ist der Ursprung aller Wesen, auch derjenigen, die über unseren Kreis hinausgehen und Sidhartes Sonnenblick lächelt allen Menschen und Dingen zu, ohne Ausnahme. Es wünschen nicht die Götter Chasariens, daß der Mensch den Menschen bedränge. Der Götter Neid richtet sich nur gegen Menschen, die es ihnen in ihrer Ueberhebung gleichtun wollen, nicht aber gegen .Götter ihresgleichen und die, welche zu eitlem anderen Gotte beten und opfern -'-" „Auf Grund der weisen Aussage des Schriftkundigen Taban", ergriff Dahabal wieder das Wort, „bitte ich, in unserer Art bei der Behandlung der Fremden weiter zu beharren. Unser Land ist groß und stark geworden durch die Mitarbeit aller, ohne Unterschied des Glaubens. Auch die r Moslims sind nicht als mitschuldig zu erklären am Aufstande ihre Glaubensfreunde in Arabien, die Nazarener unseres Landes haben uns nie waS zuleide getan, besonders aber die Juden leben in Frieden und Ruhe in ihren Straßen und die Wenigen ihrer, die zu uns herüber kommen, dienen als Kaufleute, Beamte,' Verwalter und Dolmetscher, auch Aerzte und Gelehrte, urts und unserem öande im hohem Grade. Wer das Recht dieser Menschen antastet, rüttelt an den Grundlagen des Staates." Hamenas warf giftige Blicke nach dem Sprecher. Doch befleißigte er sich einer gemächlichen Ruhe, als er jetzt wieder das Wort ergriff. „Der würdige Taban spricht aus toten Büchern, die der Weisheit Letztes nicht verkünden und der treffliche Dahabal sagt jo aus, wie es ihm die Sorge um den Staatsschatz eingibt. Doch sprechen die Götter nicht aus gelben Pergamenten, auch nicht in der Sprache rötlicher Staatsklugheit,sondern tnnächtlichenErscheinungm. Gestern, im Mondscheine, als ich im Tempel des Sidharte beim Gemurmel der Gebetmühle einnickte, ward mir ein Gesicht, eine Warnung der Götter ... Ich sah Zerstörung und Verwüstung um mich herum und eine Stimme von oben schrillte mir ins Ohr: „Was ihr wollt, ist gut, doch schlecht ist euere Tat." Ueber des Chakan starres Gesicht huschte es plötzlich wie wildes Feuer. Er hob den Stab senkrecht in die Höhe. Ein Zeichen, daß er selbst das Wort ergreifen wollte. „Wie sagtest du?", wandete er sich an den Pegan, „der Wille ist gut, doch ist die Tat schlecht. Ganz die gleichen Worte^ sind auch mir geworden, unter einem wunderlichen Traumgesichte. Was sähest du? Pegan, erzähle!" „Ich sah, wie im Lustgarten des Chakan alles zerstört da lag" — der Pegan schwieg. „Auch der Götter. Standsäulen lagen zu Boden", ergänzte der Chakan. „Und was weiter?" „Dann' sah ich ans den Trümmern einen mächtigen Baum herauswachsen" — „Und dann?" „Ich sah noch eine Flammenschrift und daun wurde es mir wirr um die Sinne, ich erwachte ohne klares Bild vom Baume und vom Inhalte der Schrift zu haben."! „Auch ich sah den Baum", sagte der Chakan, | „ohne seine Umriffe und seine Formen noch in* Erinnerung guf haben, doch leuchtet mir noch die Schrift vor den Augen und donnert mir das Wort in die Ohren: „Gehe Bulan, nach Ardil, ich werde dir Kraft verleihen, und du wirst die! Araber schlagen, doch wisse, erst, wenn du mit dem guten Willen auch die gute Tat verbindest. Bisher ist nur der Wille gut, nicht aber so die Tat!" „Dann", setzte der Chakan feierlich fort, „führte mich eine geheime Hand an den Baum, wo ich am Stamme eine kleine unscheinbare Frucht^erblickte. „Diese da!" rief die geheime Stimme. Ich führte sie zum Munde, und mein Auge umfing ein helles, süßes, nie gesehenes Licht, und meine Ohren hörten liebliche Chöre, die mir die Sinne umkosten. Ein uiegeahntes Duften und Leuchten ging durch den Garten, und im Nu stand alles wieder in herrlichster Blüte da". „Ich stand auf", fuhr der Chakan nach einer Pause fort, „opferte Sidharte, betete zu ^Trimurti, stehte alle Götter und Geister auf den Knien an, daß mir Erleuchtung werde über I das Rätsel der Nacht. Vergebens I Das Trcmmgesicht wiederholt? sich in anderen Formen, auch in den folgenden Nächten, und auf Schritt und Tritt, ob ich im Tempel opfere oder hier zu Rate sitze, ob ich mich im Garten ergehe oder an der Tafel sitze, überall tönt es mir wie mit tausend ^Geisterstimmen in die Ohren: „Der Wille ist gut, doch ist die Tat schlecht!" Ichverdoppelte die Ration der Opferlämmer, ich lasse alle Gebeträder in Bewegung setzen, ich zermartere mein Gehirn und lasse den Weihrauch in ganzen Wolkensäulen aufsteigen, immer und immerfort rumort es mir im Kopfe: „Der Wille ist gut, doch ist die Tat schlecht!"-— Ties ergriffen hatte alles zugehört. Hamenas brach als erster das Schweigen. „Gut ist der Will?, der den großen Chakan dazu bewegt, die Fremden und Feinde unseres Landes Wohltäter: zu erweisen, doch mißfällt diese Tat selbst den Göttern . . ." Taban zog in abgeklärter Ruhe an seinem langen Graubarte und erwiderte bedächtig: „Man kann es so deuten und auch anders und sogar umgekehrt. Warum sollen die Götter gerade jetzt Anstoß daran nehmen, nachdem sie bislang geschwiegen haben?" „Weil wir sie um v'ttfe für unsere Waffen anrufen und sie nicht wollen, daß andere in unserer Mitte ihren Gott gegen un s anrufen", stieß Hamenas, dem der Geduldsfaden zu reißen begann, hastig heraus. Taban war nicht aus seiner philosophischen Ruhe zu bringen. „Der treffliche Pegan", sagte er, stdes Wort wägend, .„möge bedenken, daß der Anderen Götter entweder mach-los sind, oder wohl etwas vermögen. Im erfteren Falle kann uns das Gebet zu ihnen weder nützen noch schaden, und am wenigsten unserer Götter Neid erwecken. Trifft es aber zu, daß diese ctuc Macht darstellen und etwas vermögen, so dürfen wir es erst recht auch mit diesen nicht verderben". Der Chakan nickte zusiimmend. Da wagte keiner wehr, ein Widerwort zu sagen. Der Chakan selbst aber sagte: „Da der Traum, der mir wie dem Pegan zur gleichen Zeit geworden, und die Worte so und auch so gedeutet werden können, so muß nach dem Wege gesucht werden, der zu der willfährigen Tat führt. Der weise Taban hat recht, wenn er meint, wir lieben die Götter, a ier über diese hinaus dis Wahrheit, So habe ich denn beschlossen, daß wir im nächsten Rate Vertreter der anderen uns bekannten Glaubensbekenntnisse anhören." Hamenas stand erregt auf. „Die Juden sind Feinde aller, die zu ihrem Glauben nicht schwören, Haß und Verachtung ist ihrer allerorts teilhaftig. Diese anzuhören, 8 ist nicht der Würde des Chakanats und des hohen Rates angemessen." Milkamin unterstützte die Worte des Pegan. „Dann werden wir einen Nazarener und einen Moslim hören", gab Bulan nach. „Und die Juden müssen inzwischen scharf ins Auge genommen werden", sagte Milkamin zum Schluffe. „Soldaten, die in der Judenftadt weilten) überbrachten mir, sie rüsteten sich dort zu einem Freudenfeste, bet dem sie, wie ich vermute, wohl die Hilfe ihres Gottes für ihre glaubens- und blutsverwandten Araber anrufen werden". Taban lächelte in seinen Bart hinein. „Die Verwandtschaft der Juden mit den Arabern läßt sich zwar aus alten Büchern Nachweisen, aber nicht, daß die Juden deswegen imstande wären, ihre Treue gegen ihren Schutzherrn zu brechen." „Ich halte es zwar mit Taban", schloß der Chakan, „doch sei Milkamtn, der es ehrlich mit dem Lande meint, in der Ueberwachung der Juden freie Hand gelassen". VI. Als Dahabal vom Palafte des Chakan nach Hause kam, ließ er seinen Schriftführer und Dolmetscher, Abraham eben Kaspi, rufen und sagte ihm kurz: „Ich weiß, Kaspi, deine und deiner Freunde Dienste um den Staat wohl zu schätzen. Aber ihr Juden seid in der Welt nicht geliebt und von Byzanz her fand der Haß gegen euch den Weg auch über unsere Berge. Noch ist der Chakan selbst und einige seiner Räte gut zu euch. Aber die Feinde sind auch hier eifrig am Werke. Darum Vorsicht, Kaspi!" Kaspi, ein schlanker, geschmeidiger Mann, mit tiefliegenden schwarzblitzenden Augen, dessen edle Züge deutlich auf die spanische Herkunft wies, erbleichte, und auf seinem Gesichte lag ängstliches Fragen. Dahabal setzte beruhigend fort: „Für dich Kaspi und deine wenigen Freunde und Glaubeusbrüder hier in der Stadt der Chasaren hast du nichts zu befürchten. Wohl aber für die dort hinter dem Gaba, wo sie ganz abgesondert um ihre Geheimbücher herum ein uns völlig fremdes — oder feindlich gegen uns gekehrtes Dasein führen". „Was haben sich diese ruhigen, dem Staate treu ergebenen Menschen zu schulden kommen lassen?" fragte Kaspi mit bebenden Lippen. „Das festzustellen, ist Sache Milkamins, der die Ueberwachung der Judenstadt in Händen hat. Er wird es schon gründlich besorgen . . . Was aber auch kommen mag, du und alle deines > Glaubens, die uns hier nützliche Dienste leisten, werden von uns gedeckt . . ." „Das kann uns darüber nicht hinweg trösten", wandte Kaspi mit zitternder Stimme ein, „daß dort unschuldige, völlig unschuldige-" „Wissen wir alles ganz genau", unterbrach ihn sein Herr mit gütig abwehrender Handbewegung. --„Aber du weißt, Kaspi, eher wird der Gaba von seinem Platze rücken, und die Meeresströmung ihren Lauf rückwärts nehmen, als daß ein Beschluß, vom Chakan im Hohen Rate der sieben Welsen verkündet, rückgängig gemacht würde. Also Schw eigen, Kaspi, und Vorsicht! Vor allem dich durch keinerlei Beziehungen zur Judenftadt verdächtig machen. Uebrigens ist Bulan der edelste und gütigste aller Erdgeborenen und Sidharte wird alles zum Guten wenden." Wie Kaspi ans dem Münzhause herauskam, stieß er auf den Dolmetscher Balschan, einen stämmigen Mann, der in seinem Aussehen eher den Kaukasier oder Tscherkeffen als den Juden verriet. Balschan kam bestürzt auf Kaspi zu und ergriff seine Hand. Auch er wußte alles, denn er stand im Dienste Milkamins und hatte eben in die Akten gesehen . . . (Fortsetzung folgt.)