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Der Israelit · 1920-03-25 · Heft 12 (25.3.1920) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 12 (25.3.1920)
Date
1920-03-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 4 No. 18 Der Israelit. 25. März 19B0 I * i: Ferienerhollilig für Kinder des Mittelstandes. Von Dr. E. F.nkel in Berlin. Seit etwa vier Jahrzehnten besteht die schöne Einrichtung der Errichtung von Ferienkolonien jüdischer Kindersie ist auf Anregung der Deutschen Reichsloge „Bnei Briß" zurückzuführen, die im Sommer 1882 bald nach ihrer Begründung die ersten Fertenkoloniften aussandte. Welchen Segen dieje Wohlfahrtsinstitutton gebracht hat, braucht nicht weiter ausgeführt zu werdenes genügt auf das alte Wort hinzuweisen: unsere Kinder sind unsere Zukunft. Die Vereine und Ausschüsse, die sich mit der löblichen Ausgabe -beschäftigen, pflegen gewöhnlich zu Beginn des Frühjahrs ihre Vorbereitungen zu treffen, Gelder zu sammeln, Ferienheime einzurichten, Unterkunft bei edeldenkenden Familien zu besorgen, um rechtzeitig ihre Schützlinge in die für sie bestimmten Orte senden und ihnen Kräftigung und Erholung während der Ferienmonate gewähren zsi können. Die Objekte der Fürsorge waren bis jetzt vornehmlich Kinder aus den ärmeren Klassen, da die anderen Bevölkerungsschichten für ihre Kinder selbst zu sorgen imstande waren. Der Krieg mit seinen bösen Folgen, die überhastete Staatsumwälzung, die rücksichtslosen Lohnkämpfe usw. haben die Verhältnisse in unserem Vaterland in vielfacher Weise geändertder Mittelstand ist finanziell stark geschwächt worden, er hat am meisten gelitten. Die wenigen Ersparnisse, die der eine oder andere besaß, wurden durch die fabelhaften Preiserhöhungen aufgezehrt. Da der Mittelstand nicht in der Lage ist, wie der Arbeiter, sein Einkommen entsprechend der Teuerung schnell heraufzuschrauben, so ist er der leidtragendste Teil aller Bevölkerungsklaffen. Ich denke an die Beamten - verschiedenster Kategorien, an die Rabbiner, Volks- und Mtttelschullehrer, Verwaltungs- und Aufsichtsbeamten usw., denen weder die städtischen und Gemeindeverwaltungen, noch die Organisationen ausreichende Gehälter gewähren können. Die Kinder dieser Beamten sind daher am schlimmsten dran. Im Laufe des Jahres müssen sie sich mit schmaler Kost begnügen und in den Ferien sind sie gezwungen, ihre Hungerkuren fortzusetzen. Früher konnten viele Beamte, die Verwandte in den östlichen Gebieten hatten, ihre Kinder zu diesen schicken. Seit der Abtrennung dieser Provinzen von Deutschland, ist ihnen diese Möglichkeit genommen. Damit die Kinder des Mittelstandes in ihrer körperlichen Entwicklung nicht gehemmt, damit auch sie gestählt und gekräftigt werden für die Strapazen des Lebens, die in Zukunft noch viel größer sein werden als bisher, ist es unbedingt nötig, die Aufmerksamkeit der Oeffentlichkeit auf die Kinder des Mittelstandes zu lenken, damit auch sie in den Kreis der Ferienfürsorge mit etnbezogen werden.— Den Vereinen für Ferienkolonien und den Ferienausschüffen erwachsen somit neue Aufgaben: sie werden ihren Wirkungskreis zu erweitern, ihre Geldmittel zu erhöhen und die Zahl der Schützlinge und der Ferienheime zu erhöhen haben. Freilich werden wir — wie die Verhältnisse in unserm Vaterlande nun einmal Liegen — uns aus eigener Kraft nicht helfen können. Denn selbst wenn wir genügend Geld aufbrächten, werden wir kaum die nötigen Lebensmittel herbeischaffen können. Wir sind auf das Wohlwollen des Auslandes unbedingt angewiesen und müssen dies — so schwer es uns fällt — offen und ehrlich erklären. Wohl haben wir, als wir von der Not in Wien hörten, von den dort frierenden und hungernden Kindern vernahmen, eine Hilfsaktion etngelettet und uns sogar entschlossen, die darbenden Wiener Kinder zu uns einzuladen, um mit ihnen den kargen Bissen zu teilen. Diese Hilfsbereitschaft macht uns alle Ehre und legt Zeugnis davon ab, daß die eigene Not unser Herz nicht verhärtet hat, und daß unser Mitgef fühl und unser Mitempfinden rege ist. Aber L durch diese edle Tat wollen wir weder uns selbst! täuschen, noch darf dadurch das Ausland über £ unsere trostlose Lage getäuscht werden. Unser Herz ist wach, aber unser Beutel ist leerwir sind arm geworden. Diese Tatsache, so betrübend sie auch ist, müssen wir unumwunden eingestehen. Armut ist bekanntlich keine Schande, und wir brauchen uns unserer gegenwärtigen Armut umso weniger zu schämen, als wir sie nicht durch eigenes Verschulden herbeigeführt habenkurzsichtige und verblendete Führer haben das arbeitsfreudtge, erfolgreiche und wohlhabende deutsche Volk "ins Elend und Unglück gestürzt, und wo diese herrschen, wo Frau Sorge eingezogen ist, hat der Jude bekanntlich doppelt zu leiden. All dieses müffen wir unseren Brüdern im Auslande offen sagen und ihnen zurufen: „Helfet uns!" Helfet uns und nehmt unsere Kinder aus einige Wochen zu Euch, damit sie wenigstens während einer kurzen Zeit genügend Milch und Fett haben, Nahrungsmittel, die wir ihnen hier beim besten Willen nicht in einem für ihre Gesundheit erforderlichen Maße geben können. Werdet Ihr unsere Bitte überhören, so wird ein ausgemerqeltes, entnervtes Geschlecht heranwachsen, ohne Saft und Kraft, ohne Fähigkeit und Lust zur Arbeit. Unsere unglücklichen und bedauernswerten Kinder, die in den Jahren ihrer Entwicklung während des Krieges darben mußten, würden, wenn keine Hilfe von Euch kommt, als Erwachsene das-Heer der Armen vermehren, sie werden als Wanderbettler uns, aber auch Euch im Auslande zur Last fallen. Darum gilt es jetzt vorzubeugen. Denket an die sozialen Lehren unserer Thora, die uns gebietet, mit unsrer Hilfe nicht zu warten, bis unser Bruder am Boden liegt, sondern ihm, wenn er nur wankt, helfend beizuspringen, ihm unter die Arme zu greifen, daß er nicht fällt. — So ergeht der dringende und herzliche Ruf an alle Edeldenkenden im In- und Auslande: Denket an die Kinder des Mittelstandes! Man muß sich doch vor Augen halten, daß es keine Anstalten sind, die zu einem Beruf lediglich vorberciten. Hier empfingen und empfangen zahlreiche Jünglinge das Geschenk des Thorawissens, die nie den Beruf des Rabbiners ausüben. Um der Not, die die Thora und ihre Bekenner, insbesondere die Besucher der Jeschiwah bedrängt, zu steuern, hat sich in Litauen selbst ein Ausschuß aus den angesehendsten Rabbinern, denen Dr. Rachmilewicz, Minister in Litauen, als Kassier sich zugesellt, gebildet mit dem Zwecke, die Jeschiwoth zu erhalten und Lehrerseminare zu gründen, die für das niedere Schulwesen Lehrkräfte ausbilden sollen. Ein großes Erziehungswerk soll also sichergestellt werden. Dieser Ausschuß bedarf der tatträftigen Mitarbeit der Juden in allen Ländern. Ans diesen Erwägungen hat sich das obengenannte Berliner Zentralkomitee gebildet, das alle Thorafreuude Deutschlands zur Mithilfe aufruft. (Beiträge sind per Postscheck an Aron Hirsch u. Sohn, Halberstadt, Postscheckkonto 267 Berlin oder per ReichsbankgiroTonto an die gleiche Firma zu überweisen.) *£!<*** n? & Für die Zefchiwaus in Litauen. Ein in Berlin gegründetes Zentralkomitee zur Wiederherstellung der litauischen Jeschtwaus, für das die Herren Dr. M. Hildesheimer, Rabbiner I. Weinberg und Dr. I. Wohlgemut h zeichnen, erläßt einen Aufruf, in dem ein kräftiges, beherzigenswertes Wort über unsere Pflicht gegenüber den Thoraanstalten im früheren Kernland der jüdischen Diaspora gesprochen wird. Bei all dem Elend, durch die Jahre der Erschütterungen hindurch, die über Litauen gegangen, hat sich wie durch ein Wunder die Hochburg jüdischer Forschung und Erziehung im Geist der Ueberlieferung, allen Gewalten zum Trotz sich erhalten. Noch bestehen die Jeschiwoth. Dem Idealismus und der bewundernswerten Hingabe der Jünger dieser Schulen verdankt das jüdische Volk, daß noch immer die Quellen fließen, die Wiffen und Fähigkeit der künftigen Führer verbürgen. Während die größte Not an die Pforte der Jeschiwoh klopft, während viele andere Altersgenoffen, vom Zuge einer entfesselten Zeit ergriffen, in leichtem Erwerb von Lebensgütern ihre Zeit nützen, hat sich der edle Sinn der HW1 '22 nicht niederringen laffen. Sie wiffen, daß ihre Entbehrungen den Boden für eine geistige Ernte bereiten, die nicht nur ihnen, sondern dem ganzen jüdischen Volke zugute kommen wird, aber ihre Not ist so groß, daß zu befürchten steht, selbst ihre Anspruchslosigkeit möchte nicht genügen, ihnen ein erträgliches Leben zu gewähren. Litauen ist sehr verarmt, das übrige Rußland durch kaum zu überwindende Mauern getrennt und übrigens selbst so kraftlos, daß es nicht wie früher, als die eigentlich stützende Kraft in Frage kommt. Deshalb ruht aus uns allen, die auch geistig von jenen Zentren leben, die Pflicht zu stützen und zu erhalten. Die hohe Bedeutung, die die Jeschiwoth tu der Vergangenheit hatten, wird ihnen auch künftig verbleiben. WM / MM Eorrefpondenzen und Aachrichten. Werkin, 19. März. Reuter telegraphiert das Märchen in die Welt hinaus, die deutsche Regierung (gemeint ist die „Regierung" des Herrn Kapp) habe das von der „vorigen Regierung" den Juden zur Verfügung gestellte Mehl für Mazzos „beschlagnahmt" und an die Arbeiterbevölkerung verteilt. Es lohnte nicht, diese Erfindung zu dementieren, wenn sie nicht im Auslande gegen Deutschland ausgebeutet werden könnte. (Wir verweisen die ausländische jüdische Presse auf unsere Bemerkungen zu dem Gegenstände in der Wochmrundschau'der vorigen Nummer). Polen. im polnildien Wilna. Wikrra, 10. März. Im jüdischen Leben Wilnas hat sich seitdem die Stadt polnisch ist, nicht viel geändert. In der geistigen Welt, in der es während des Krieges zu einer 'gewissen Stagnation gekommen war, I regt es sich jetzt in allen Ecken und Enden. Das s jüdische Partetleben ist erwacht und segelt unter dem Zeichen der neuen Freiheit, leider nicht immer erwünschten Zielen entgegen. Von der Lage nach außen ist zu sagen, daß die Verhältnisse einer Konsolidierung entgegendrängen, und damit tritt auch ein friedliches Verhältnis zn den Polen ein. Zu klagen über Zurücksetzung, Entrechtung und kleinliche Schikanen gibt es leider immer noch. Im Stadtrat werden Judendebatten oft nur gewaltsam provoziert, um gewissen Herren Gelegenheit zu bieten, ihrem Herzen Luft zu machen. So haben sich in der letzten Sitzung eine Anzahl von Deputierten bei der Wahl der Steuerkomnrtssion nur deswegen demonstrativ der Abstimmung enthalten, weil es ihnen nicht paßte, daß zwei Juden in die Kommission hineingewählt werden sollten. Aehnliche Vorkommnisse bringt jeder Tag, die gewiß nicht dazu angetan sind, die Bartabschneider auf der Straße zu entmutigen. Eine stürmische Sitzung erlebte auch die jüdische Gemeindeverwaltung. Zu der Sitzung war auch ein Vertreter der zur Zell streikenden Gemeindebearnten zug?lassen, Die Sitzung bs- / Vi i

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