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Der Israelit · 1920-03-25 · Heft 12 (25.3.1920) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 12 (25.3.1920)
Date
1920-03-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Der JSraeM. Nr. 13, Sette 3 35. März 1930 Wochemundschau Der ^Zsraelitt unter der Anklage der Raivität. Wir haben vor einigen Wochen aus der Feder unseres Wiener Mitarbeiters, Dr. Benzion Feßler, einen Aufsatz veröffentlicht,-'der den „Misrachi" zum Abwehrkampf gegen das „Heidentum" in Erez Jisroel aufruft und offenbar mit der Möglichkeit rechnet, daß ein solcher Appell Widerhall finden könnte. Dieser Artikel veranlaßt unser geschätztes Bruder-Organ „Der Jud" in Warschau zu einer Beschwerde über das niss’ön des „Israelit", der so naiv sei,, vom „Misrachi" Hülfe gegen den Zionismus zu erwarten. Das sei, wenigstens so weit der polnische Misrachi in Betracht komme, geradezu lächerlich — dort fühle man sich zwischen den Stühlen sehr behaglich und werde, wenn es darauf ankommt, immer nur gegen rechts kämpfen, niemals aber irgend einen Schritt gegen zionistische Freigeisterei unternehmen. Wir möchten gegenüber dieser Beschwerde vor allem seftstellen, daß der in Rede stehende Artikel gar keine Meinungsäußerung des „Israelit" darstellte, sondern vom Verfasser mit seinem Namen gezeichnet und gedeckt wurde. Dann aber wolle „der Jud" bedenken, daß der polnische Misrachi heute innerhalb des Misrachi nicht die einstußreiche Rolle spielt, wie etwa die polnische Aguda innerhalb der Agudas Jisroel. Trumpf ist dort vielmehr England und vor allem Amerika,- so daß nicht die Psyche der Herren Farbstein und Genossen, von denen allerdings auch wir keinerlei Wirksamkeit für wahrhafte jüdische Prinzipientreue erwarten, sondern diejenige anderer Persönlichkeiten von vielleicht etwas ausgeprägterem orthodoxem Bewußtsein in Rechnung zu stellen ist. Freilich: groß ist unsere Hoffnung «nicht, aber wir glauben, daß auch Herr Dr. Feßler sich seiner hypothetischen Erwartungen keineswegs zu schämen braucht — der alte Satz rotP ‘llKon 2ID1ED DTTfiö gilt auch für die Misrachisten, insbesondere in Erez Jisroel, wo jedes junge Geschlecht, wenn es nur nsttH .'i'nn lernt, jeden Tag fähiger wird, das zionistische Joch in kühnem Ruck zu sprengen und sich aus mani *D?D '"122 im "n '132 zu wandeln. * Sine Kundgebung polnischer Rabbiner- Drethundertzweiundzwanzig der angesehensten Rabbiner Polens erlassen einen Ausruf an alle gesinnungstreuen Juden in Polen, folgenden Inhalts: Betrübten Gemütes und wehen Herzens! wenden wir uns an euch teuere Brüder. Wessen Herz muß sich nicht im Schmerze zusammenkrampfen, beim Anblicke der tieftraurtgen Lage, in der sich jetzt unser Volk, unserer Lehre und Religion befinden? Das Licht, das uns seit zweitausend Jahren durch die Golusnacht geleuchtet, sük das unsere Väter den Opfertod auf sich nahmen, im Bewußtsein, daß nur dieses uns das Recht und die Kraft für unsere Existenz gibt, droht l'n zu erlöschen. Der furchtbare Krieg hat unsere materielle und wirtschaftliche Lebenslage zerstört, noch mehr aber traf er unser geistiges Leben, das jüdische Leben im Sinne von Thauro und Emuno. Die Lehrhäuser und Jeschiwaus sind verödet, das Buch der Thora liegt vergessen in der Ecke, die besten unserer Söhne und Töchter Haben uns verlassen, gingen von uns und kamen sticht wieder, spotten der Moräl der Väter und verschmähen dieMütterlehre über jüdisches „Znius" und jüdische Reinheit. Täglich verringert sich unsere Zahl und wächst die Schar unserer Gegner, die alles Heilige mißachten, die Gesetze der Lehre und Moral übertreten und derer spotten, die das Wort Gottes verkünden. Sollen wir nun die Hände in den Schoß legen, in einer Stunde, da die Flamme der Gottesleugnung erschreckend um sich greift/ da die Häscher und Räuber unserer Jugend geeint und geschlossen, mit starker Hand den Kampf gegen uns, den letzten Rest der Gesetzestreuen, führen/ in der Stunde, da sie in aller Oeffentlichkeit bekanntgeben, daß ihr ganzes Streben sei, unser soziales Leben auf profanen Grundlagen neu aufzubauen und Israel zu einem „Volke unter Völkern" zu machen? Dürfen wir jetzt schweigen? Unsere Pflicht als Rabbiner in Israel ist es, laut hinauszurufen: Das darf nicht sein! Mit aller Kraft haben wir euch, liebe Brüder, zu wecken, ohne Unterlaß auf die großen Gefahren htnzuweisen, die für unsere Thora heranzichen, falls nicht ungesäumt alle Mittel zur Abhilfe in die Hand genommen werden, die Rettungsarbeit nicht sofort etnsetzt. Das einzige erprobte Mittel zur Rettung kann nur in unserer Vereinigung, in der Organisierung unserer Kräfte gesehen werden. Was der Einzelne nie vermag, kann die Gesamtheit mit ehrlichem festem Streben für die Interessen des thoratreuen Judentums erreichen, sowohl in den Ländern der Diaspora, wie im heiligen Lande. Nur von einer solchen Organisation, die alle gesetzestreuen Juden umschließt, ist die Erstarkung des Judentums und eine „Wiedervereinigung von Vätern und Söhnen" zu erwarten. Eine Körperschaft, die in unserem Namen unsere Wünsche zum Ausdruck bringt, kann noch allein den Stand unserer Jugenderziehung heben, und die Heiligtümer unseres Volkes wie unsere Interessen nach innen und außen wirksam schützen und wahren. , Darum Juden, teuere Brüder, wollt Ihr in Wahrheit, daß unser Gemeinschaftsleben sich auf den Grundlagen der schriftlichen und überlieferten Lehre aufbauen, gilt die Ehre der Weisen und Frommen noch etwas in eueren Augen, so sei auch von eueren Rabbinern, die es gut mit euch meinen, der Rat gegeben: Es lasse ein jeder die Kälte des Herzens und alle vereinigen sich zu einem Bunde von Leben und Kraft, zu einem Bunde, dessen Seele die Thora, deffen Nervengewebe die göttlichen. Gebote sind. Jeder bringe Opfer an Zeit und Kraft und liefere Bausteine zum heiligen Bau des Ganzen. Und wisset, daß das gesetzestreue Judentum in verschiedenen Ländern längst diese Notwendigkeit eingesehen hat und sich von ihr zur Gründung von Landesorganisattonen der Agudas- Jisroel leiten ließ. Auch hierzulande wurde eine Organisation unter dem Titel „Schlaume emune Jisroel" auf den Ruf der Großen der Thora, der Zadikim und Rabbis ins Leben gerufen. Und all diese Organisationen sind im Rahmen der orthodoxen Weltorganisation Agudas-Jisroel vereinigt. Täglich schließen sich neue Mitglieder nach Zehntausenden dieser Organisation an und auch wir dürfen nicht zurückstehen und nicht länger säumen, als Mitglieder uns zu denen zu zählen, die Gott fürchten und seinen Willen erfüllen. Juden! Zögert nicht und vereinigt euch zu einer Aguda, die alles schützen soll, was euch heilig und teuer ist, die auch sorgen soll für die Erhaltung der Religion und die Hebung der Thora und des Judentums! Juden! sammelt euch, erwachet und packet mit starker Hand an zu Ehren Gottes und seiner Lehre, eures Volkes und eures Landes. Der Segen Gottes ruhe auf euch!" So weit die dreihundertzweiundzwanzig polnischen Rabbiner, deren machtvolle Stimme gewiß nicht verhallen kann. Vom Gelingen dieses Werkes, von der Vereinigung aller Gleichgesinnten und der Geschlossenheit ihres Eintretens für ihre ureigenen Angelegenheiten hängt aber die Zukunft von Judentum und Judenhett ab. die den faßlichen halachischen Pessachvorschriften eine Seele einhauchen, die die Seele des Judentums und, darüber hinaus, die Seele der Weltkultur ist. Generalstreik. Als in den jüngsten Tagen eines schönen Mittags plötzlich die Betriebe schlossen und die Arbeiter auf die Stratze zogen, um mit der gefährlichsten Waffe, die die arbeitende Gemeinschaft in der Hand hat, dem Generalstreik, gegen die Köpenikiade in der Berliner Reichskanzlei zu demonstrieren, da merkten wir es kaum. Wir hatten den Generalstreik bereits seit Vorabend, seit achtzehn oder zwanzig Stunden schon ... Es war Sabbat! ... Schon einmal im November sangen wir gerade an Sabbats Weihelicht das „Jo Rtbbaun", vom „Herrn der Welt und Welten, vom König der Könige", als die Revolutionsweüe mit Hallo und Hurra und „Tod allem Alten", an unserem Fenster sich vorüberwälzte. Und als wir mit Sabbatausgang nach vierundzwanzigstüttdiger Waffenruhe auf die Stratze traten, war die Welt eine andere, sangen neue Vögel neue Lieder, von neuen Zeiten . . . Und wieder war es S a b b a 1 . . . Generalstreik! Einst stand eine sechshunderttausendköpfige Gemeinj schaftGeknechteler, denen eben erst sich eine Türe ins Freie k aufgeian, vor dem rauchenden Berge, von wo herab Gottesstimme die Arbeitsruhe proklamierte, für je einen Tag in der Woche, solange Himmel und Erde des Schöpfers Ruhm und Macht verkünden. Generalstreik — seit drei Jahrtausenden von vielen Millionen auf dem ganzen Erdenrunde — Streikbrecher zählen nicht mit — allwöchentlich strengstens gehalten, als Demonstration für den Weltenlenker, als Protest gegen Ketten, die Menschen gegen Menschen schmieden und Ketten, in die der hastende, nach Gewinn jagende Mensch sein eigen Herz und seine Seele schlägt, datz sie verdorren und verkümmern und gleich einem öllosen Dochte verlöschen . . . Ein Protest gegen alles, was nicht recht und nicht gut und nicht schön ist und nicht Ruhe findet in der Erscheinungen Flucht, ein Ruf in das wilde Weltgetriebe: „Genug! Bis hierher und nicht weiter mit euerem Treiben und Drängen und euerer Sucht nach Macht und Gewinn!" Was bedeutet die von den Organisationsleitungen ausgegebene Ruheparole gegenüber der Allgewalt unserer tausendjährigen Generalruhe und dem, was diese an sozialen und sittlichen Forderungen an Welt und Menschheit stellt?! An solchen Tagen der Völkserhebungen versteht man es, was es wohl heißen soll, wenn ein Talmudwort sagt: „Hätte Israel nur zwei Sabatte ganz gehalten, die Geulah wäre ihm sicher gewesen" . . . Juden! Menschen! Kehret zum Sabbat — und zur Ideenwelt des Sabbat — zurück, und ihr werdet Wunder erleben, wie leicht und spielend alle Kämpfe überwunden, alle Probleme, mit denen heute eine schwergeschlagene Menschheit belastet ist, gelöst sind! , (Präsident Masarhk und die Orthodoxie), i Der Präsident der tschecho-slowakischen Republik, der am 7. März seinen 70. Geburtstag feierte, hat durch sein Leben und seine Taten bewiesen, datz er von der modernen Seuche des Antisemitismus nicht nur frei ist, sondern datz er allzeit bereit war, für die Ehre und Rechte der Juden mannhaft und tapfer einzutreten. Was ihn zum Freunde der Juden machte, erzählt er selbst: Im Jahre 1863 besuchte der 13 jährige Masaryk die deutsche Realschule in Auspitz in Mähren, die von katholischen Geistlichen geleitet war. Eines Tages unternahm die ganze Klasse einen Ausflug in die Pollauer Berge. Unter den Schülern befand sich auch ein Knabe jüdischen Glaubens. Es war Freitag abend, als die Gesellschaft vom Ausfluge zurückkehrte. Der rechtgläubige Judenknabe entfernte sich für kurze Zeit von den übrigen, um sein Gebet am Vorabende des Sabbar zu verrichten. Als die Mitschüler den Betenden verhöhnten, wurde Masaryk sehr böse und nahm sich seiner an. Er wurde von der inbrünstigen Religiosität seines Mitschülers so tief ergriffen, datz seine vom Hause stammende Abneigung gegen das Judentum von da ab erschüttert wurde. Vier Jahrzehnte später trat er öffentlich für die Unschuld des Juden Htlsner in dem bekannten Polnaer Ritualmordprozetz ein. So wörtlich zu lesen auf Seite 7 in der soeben erschienenen Schrift „Aus Th. G. Masaryks Leben", von Dr. Oskar Donath, Brünn 1920, welche Schrift dem Juden aufs wärmste empfohlen werden kann. Samiliennachrichten. R.ch?"Ni.»»7«LLftLSMMa6clra *“ ***

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