Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 12 (25.3.1920)
- Date
- 1920-03-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 12 Der JSraelil. 25. März 1920 Inhattsüberstcht. Aufruf. — 1. Leitartt kel: Das arabisch-jüdische Problem. — 2. Homiletik: Aus der Ethik und Symbolik desPessachfestes. —3. Kleines Feuilleton: Erlebtes und Erlauschtes. — (Präsident Mcffarhk und die Orthodoxie.) — 4.Wochenrundschau: Der „Israelit" unter Anklage der Naivität. — Eine Kundgebung polnischer Rabbiner. — 5. Aussätze: Dr. E. Finkel: Ferieuerhslung für Kinder des Mittelstandes. — Für die Jefchiwaus in Kitauen. — 6. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. — Wilna, (Im polnischen Wilna.) — Preßburg, (Jugendorganisation in der Globaler.) — Prag, (Die Wahlbewegung.) — London, (Rumänische Taktik.) — Baden, (Verband der Schweizerisch-Israelitischen Armenpflegen.) — Zürich, (Der Sabbath im Zürcher Kantonsrat. — Zürich. — London, (Misrachi und Zionismus.) — New 8)ork, (Jacob Schiffer über die jüdische Politik.) — Jerusalem, Demonstrationen der Araber. — Herbert Samuel in Jerusalem.) — London, Emir Faisul als arabischer König.) — London, (Palästinensische Aussichten.) — 7. Personalien: Tann. — Nürnberg. — Budapest — 8. Sprechsaal. — 9. Briefkasten — 10. Vermischtes. — 11. Feuilleton-Beilage: Im Iudenstaat der Chasarrn. — Eine jüdische Wahlrechtsvorlage vor 300 Jahren. — 12. Kinderecke: Uebermur tut nicht gut. — Liebe junge Freunde! — Aus den Raschi-Geschichten. — Aus dem Talmud und Midrasch. 13. Frankfurter Berichte: Moses Rosenbaum V'ST. — Gesellschaftsabend der Agudas Jisroel. — 14. Familiennachrickten. — Vereinskalender — Gebetzeiten. Das arabisch-jüdische Problem Der in voriger Nummer gemeldete arabische Ueberfail auf die jüdische Siedlung in Tell Hai bei Metulla, der leider eine Reibe von Menschenopfern gekostet hat, ist nicht der erste seiner Art. Aber der Zeitpunkt und die Umstände, unter denen er stattfand, verleihen dem betrübenden Vorkommnis doch einen ganz besonderen Charakter. Es ist sicherlich nicht das Privatunternehmen eitles räuberischen Beduinenscheichs, das hier vorliegt, sondern der Ausfluß eines zur Tat drängenden arabischen Nationalismus, der, durch die Balfour-Deklaration zur Gegenwehr aufgestachelt, in jedem jüdischen Kolonisten auf palästinensischem Boden einen nationalen Feind erblickt, der die angeblichen arabischen Rechte auf Palästina in Frage stellt und den zu vernichten daher als ein Gebot der nationalen Selbsterhaltung gilt. Eine immer mächtiger anwachsende antijüdische Bewegung in Syrien und Palästina, die aus ihren Motiven und Zielen kein Hehl, macht, bildet den politischen Kommentar zu dem Ueberfall von Metulla. War diese Entwicklung zu vermeiden? Eine Reihe denkender Politiker in England scheint geneigt, die Frage zu bejahen. Sie werfen der zionistischen Organisation vor, daß sie der arabischen Frage nicht diejenige Aufmerksamkeit zugewandt habe, die ihr als grundlegender Vorbedingung aller jüdisch-politischen Palästina-Hoffnungen gebührte, und daß die zionistischen Führer durch diese Vernachlässigung die Balfour-Erklärung zu einer nicht nur praktisch nutzlosen schönen Geste erniedrigt, sondern die Lage des jüdischen Volkes durch diese Deklaration geradezu verschlechtert haben.' Man wird diesen Argumentationen die Berechtigung nicht absprechen können. War die englische Regierung nicht etwa entschlossen — und nur Kinder konnten ihr einen solchen Entschluß zutrauen —, Palästina mit Waffengewalt dem Arabertum zu entreißen und es dem jüdischen Volke als nationales Heim zu schenken, so durfte!n der Tat kein Wort über ein angebliches „NationalesHeim" veröffentlicht werden, bevor man sich mit dem Arabertum über den Sinn dieses Ausdruckes in allen Einzelheiten verständigt hatte. Es war Sache verantwortungsbewußter jüdischer Politiker, in diesem Punkte unbeugsam das jüdische Interesse zu vertreten, das um keinen Preis die Entfesselung des allarabischen Chauvinismus gegen die Juden auf Grund einer deutbaren Sympatieerklärung wie derjenigen Balfours zuließ! Die zionistischen Führer aber, berauscht von dem Gedanken, den jüdischen Massen einen scheinbaren weltgeschichtlichen Erfolg ad majorem gloriam der Paxtei zu künden, proklamierten mit dem denkbar größten Lärm in allen fünf Erdteilen den Balfour-Brief als Verheißung eines „jüdischen Palästina" (so jüdisch sollte cs sein, wie „Enland englisch" ist), ohne zu überlegen, wie diese Reklame auf die arabische Mehrheit des Landes und die Millionen ihrer Volksgenossen in Vorderasirn und Afrika wirken mußte! Was nützt es, daß Herr Weizmann nachträglich Konzessionen machte und in heimlichen Verhandlungen mit dem Emir Faisul jüdische Minoritätsrechte im arabischen Palästina als Sinn des „nationalen Heimes" feftlegte — damit war die Auspeitschung der wilden nationalistischen Instinkte des Arabertums nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Darin haben Zangwill und Greenberg unbedingt recht, daß nicht die Zangwill'sche Mazftmalforderung einer reinlichen Auseinandersetzung zwijchen Arabern und Juden, sondern vielmehr die zweideutige tnnerpolittsche Auswertung des Balfour-Briefes durch die zionistische Parteileitung die eigentliche Schwere des Konflikts mit dem Arabertum geschaffen hat. Der Gedanke der englischen Maximalisten a la Zangwill, den Arabern gegen wertvcüe Konzessionen in anderen Teilen der vorderasiatischen Welt den offenen und vorbehaltlosen Verzicht auf politische Hohettsrechte in Palästina abzukaufen, ist zwar leichter ausgesprochen, als verwirklicht—aber die sich ergebende Konsequenz, daß nämlich ohne die vorh erige Verwirklichung jenes gesundenGedankens der politische Zionismus — mit und ohne Balfour-Brief — ein freventliches Spiel mit den jüdischen Interessen bedeutete, scheintuns nicht nur von unweigerlicher logischer Richtigkeit, sondern jetzt auch durch die Tatsachen bestätigt zu sein. Das, was uns heute an wirklichen Errungenschaften in Erez Jisroel bleibt, freie wirtschaftliche Entfaltung in mäßigen Grenzen und die kulturelle Freiheit der jüdischen Gemeinschaften — das hätte sich ohne den gewaltigen politischen Lärm der letzten zwei Jahre besser und wirksamer ausnützen, jedenfalls aber leichter zur Grundlage künftiger jüdischer Vorherrschaft in I Palästina gestalten lassen als heute. Heute wacht, dank jener falschen Politik, ein hochgesteigertes, zur nationalistischen Nervosität entwickeltes Mißtrauen der ganzen arabischen Welt über jeden Schritt, der von jüdischer Seite zur wirtschaftlichen Erschließung und Besitzergreifung Palästinas unternommrn wird, und die englische Politik wird jedesmal zu langwierigen Verhandlungen und Kompromissen mit dec arabischen öffentlichen Meinung gezwungen sein, sobald sie ihr Wort gegenüber den Juden durch praktische Zugeständnisse einlösen will. Ob es heute noch möglich wäre, den Weg einer von englischer und amerikanischer Seite einzuleitenden gründlichen Auseinandersetzung mit dem arabischen Volke zu beschreiten, ist eine Frage, mit der man sich hinter den Kulissen der zionistischen Politik gewiß lebhaft beschäftigt, die aber wohl kaum im positiven Sinneihre Lösung siuden kann. Wir sagen dennoch nicht mit Zangwill: „Was du von der Minute ausgeschlagen, giebt keine Ewigkeit zurück^ — denn weder gab es jemals eine "Konstellation während der letzten Jahre, in der. die Zionisten nur zuzuschlagen gehabt hätten, um Palästina zu empfangen, noch ist uns bange um die Ewigkeit. Die Ewigkeit ist unser — sobald wir aufhören, in Menschenwitz und Menschenmacht unsere Zuversicht zu setzen, sobald Erez Jisroel uns in Wahrheit das Land des ewigen Gottes sein wird, der es uns genommen ob unserer Untreue und der es uns — während wir auf dem heiligen Boden mit dem Einsatz unserer ganzen Kraft in rüstiger Arbeit das Mögliche schaffen — wieder schenken wird, sobald Israel dafteht, vom Golusleid erzogen und geläutert, als das Volk der Ewigkeit. Aus der Ethik und Symbolik des peffachfestes. pja»g? (Schluß). pan '2 pev-r-V cipa' bs „Ueberall, wohin Cbomez gelangen könnte", nicyt aber da, wo das Chomez weniger Eingang findet. Der snn ix» jucht von seiner Festung aus, dem Herzen, wo er sich gewöhnlich verschanzt hält, alle Provinzen des Menschen nach und nach unter seine Hut und Herrschaft zu zwingen. Er beherrscht den Kopf, der Böses sinnt und die Füße, die zur Sünde eilen, er bewegt die Hände, die nach fremdem Gute sich strecken und die Lippen, die Lüge und Bosheit sprechen. Er schließt des Menschen Augen, stopft seine Ohren und macht seinen Sinn hart für die schreiende Not des Nebenmenfchen. Das ist die gärende Gewalt des Chomez in uns, der entgegenzutreten ist. Und dennoch ist seine Wirkung nicht ^ei allen und nicht in allen Teilen unseres Lebens- Dauses gleichmäßig. Beherrscht doch der ann iS» bei °em Einen den Kops, bet dem Anderen mehr das b Herz, dieses oder jenes Organ, sodatz man Menschen antrifft, die beispielsweise hochmütig und zugleich aufrecht, ehrlich und wahrhaftig sind. Bescheidenheit geht nicht immer Hand in Hand mit warmen Mitempfinden. Man kann stolz und zugleich herzensgut sein. Man sieht also, daß das Chomez nicht in alle Ecken unseres Lebens in gleichem Maße hindringt, und man kann füglich davon sprechen, daß nur pan is fDJSW opa einer besonders peinlichen Untersuchung bedarf. Wo aber das Chomez weniger Gewalt hat, kann auf die peinliche Untersuchung verzichtet werden. Diese letzteren Gedanken sind wörtlich dem ^,Alschich" entnommen. „Scheloh"fügt noch einiges über die Untersuchung der Taschen hinzu. Die Tasche und — und wie wir diese im ganzen Jahre zu füllen gesucht haben, beoarf in Stunden der Muße und Sammlung besonders unserer Nachprüfung. Ob ehrlich war unser Handel und Wandel, ob kein fremdes Gut unseren Taschen anhaftet, ob wir nicht gar durch unlautere Geschäfte Schaden und Schande gebracht haben über Israel, dies alles frage man sich, wenn man nach der Vorschrift der Dezisoren daran geht pv'22 pn27, auch die Taschen nach Chomez abzusuchen. Die Zedokohpflicht tritt vor dem Pessachtage in erhöhtem Maße an uns heran. In den acht Tagen, da wir alle das Brot der Gleichheit essen und uns in die Zeit zurückversetzen, da wir alle, Arm und Reich, Groß und Klein, aus dem Drucke in die freie Wüste einzig auf das Vertrauen zu Gott bauend, hinausgewandert sind, leuchtet uns der jüdische Zedokobbegriff als Begriff der sozialen Gerechtigkeit mit besonderer Klarheit entgegen. Wenn der Arme seine Klage zu oder gar gegen Gott erheben sollte, daß er sorgenvoll dem Fest entgegensieht, ohne sich, gleich dem reichen Bruder, für das Fest, das alle in des Vaters Haus z einigt, rüsten und schmücken zu können, dann fällt die Sünde dieser Anklage auf die zurück, die den sozialen Ausgleich unterlassen haben. Nur so kann der Bibelsatz verstanden werden: aiStp ntfjn nyaa p'tn' 'b. Hier ist von einem doppelten „Scholaum" die Rede, von einem * solchen zwischen Mensch und Mensch und einem anderen zwischen Mensch und Gott. Darum gilt es, die Armenversorgung zum Pessachfeste schon spätetestens dreißig Tage vorher in die Me^e zu leiten, auf daß der Arme m>t den Vorbereitungen schon frühzeitig beginnen kann. „Zedokoh rettet vor dem Tode"! Das ist nicht nur im Bibelsatze gesagt, sondern auch im Worte „Mazzos", angcdeutet. Der Mittelbuchstabe 'S trennt hier zwischen drei Buchstaben, die in ihrer Zusammensetzung (ma) den Tod beoeuten. Der 'S bedeutet aber Zedokoh und er hält die Buchstaben des Todes so auseinander, daß das Wort einen anderen, festlichen Klang erhält . . . Man hüte sich sorgsam davor, daß 's aus seinen „Mazzos" auszuschalten .... So heißt es auch im heiligen Soharbuche zu „Bereschis": apbm an» i6i rr'ipiv p^vsa »nnn psa bs py jn .sinn n"2pn'?. „Wer sich an dem Festtage freut, ohne den schuldigen Tribut an Galt — die Armen — abgeführt zu haben, wird „böses Auge" genannt." Und weiter: pa.sa \vsifi 'isnob »n« p^rr 'vi'2 n"apn paa in"dp »am »nnab pr6 n^n »am n^n p»an. An diesen Tagen der Freude steigt Gott herab, um nach seinen „zerbrochenen Gefäßen" Umschau zu halten, findet er sie noch zerbrochen und bedrückt, so weint er mit ihnen, weint über die Welt, die sich nur auf Liebe aufbauen kann, naa» non nPiy. Hier nur ein Teil der symbolischen Deutungen aus „Alschich", „Scheloh" und anderen alten Büchern,