Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 11 (18.3.1920)
- Date
- 1920-03-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. li. Seite 3 iHwiVSfi 18. März 1926 ziellen Kräften der Jugend eine möglichst lange währende jüdische Schulung zu gewähren. Wir haben hier nur eine skizzenhafte Ueberstcht der wichtigsten in Betracht kommenden Fragen gegeben, deren Erörterung die Fachkreise seit Monaten in Atem hält, und die wohl nur ganz allmählich ihre'Lösung finden werden. Möchte es der Orthodoxie nicht an Männern fehlen, die auch an diesem wichtigen Wendepunkt ihre Interessen in erfolgreicher Weise vertreten. Eorrefponvenzel» und Nachrichten. VerrtMe» Meirh» Dettungslag für die jüdifcfien Lan9ßemein9en. Kalöerstadt, 1ö. März. Der Bund gesetzeStreuer jüdischer Gemeinden Deutschlands beabsichtigt in Gemeinschaft mit der Freien Vereinigung und dem Gruppenverband der Agudo alle jüdische Gemeinden zur Begehung des kommenden Pessackfestes als großen DeliungLlages für öle jüdifcfien Lan9gemein9en Deutfchlanös aufzufordern. Wie in den vergangenen Kriegsjahren Erez Jisroel, so soll diesmal — und zwar mit erhöhter Kraftanstrengung — die Erhaltung des jüdischen Lebens in den deutschen Landgemeinden, das Ziel allseitiger, eifriger Sammelarbeit sein. Näheres wird der diese Woche erscheinende Aufruf besagen. Die Netze gegen Oie fluslänöer- Nertin, 6. März. In der „Berliner Allgemeinen Zeitung" legt ein Mitarbeiter ein Wort für den polnischen Juden ein. In der letzten Zeit wurde wiederholt von Razzien im alten Scheunenvtertel berichtet und mit etner gewissen Genugtuung lasen viele Leute, daß er gerade russisch-polnische Juden sind, die von den behördlichen Maßnahmen betroffen wurden. Es war da von verbrecherischen Elementen die Rede, und allgemein ist der Ansicht, daß gerade die polnischen Juden die- JSrüeM. jenigen sind, die uns in unserer jetzigen Not am meisten schröpfen. Dieser Ansicht möchte ich einmal mit dem Hinweis darauf entgegentreten, daß unter den polnischen Juden eine ganze Menge Leute sich befinden, die nach Deutschland kommen, um hier Arbeit zu verrichten. Daß natürlich unter einer großen Renschenmasse, die durch die Berhältniffe proletarisiert worden ist, sich auch lichtscheues Gesindel befindet, soll natürlich nicht bestritten werden. Biel gefährlicher als die polnischen Juden sind nach meinem Dafürhalten die neutralen Freunde au- Holland, Schweden und anderen Ländern, sowie die Herrschaften aus den feindlichen Ländern, die unS jetzt mit ihrer Anwesenheit beehren. Diese Leute sind mit ihrem hochwertigen Gelbe, mit dem sie unS auSkaufen, eine viel größere Gefahr als die polnischen Juden, und wenn man daraus hinweist, daß der polnische Jude auch nur handeln und nicht arbeiten will (waS nebenbei bemerkt noch nicht einmal stimmt), so soll man doch Ne Leute unter den christlichen Ausländern zeigen, die hierhergrkommen sind, um zu arbeiten. Die Polizei hat neue Razzien gegen Schieber angekündigt. Hoffentlich wird sie dann an den Schieberlokalen im vornehmen Westen, indem in der Hauptsache westliche Ausländer verkehren, nicht Vorübergehen. Ich selbst habe während des Krieges mehrere Monate als christlicher deutscher Soldat im Ghetto einer russisch-polnischen Stadt gewohnt und muß sagen, daß der polnische Jude besser ist alS lein Ruf. Der russische Pole ist kein sehr arbeitsfreudiger Mensch, und namentlich in den Städten überläßt er das Arbeiten gerne den Juden. Der Gepäckträger auf dem Bahnhof, der Droschkenkutscher, der Straßenkehrer und viele, andere Berufe werden von den Juden in den polnischen Städten fast durchweg ausgeübt. Ble Kameraden, die ebenso wie ich während doS Krieges mit den Juden zu tun bekamen, werden mir bestätigen können, daß sie uns Deutschen gegenüber zum größten Teil sehr gastfreundlich gewesen sind. Das soll natürlich nicht hindern, daß man sich jetzt gegen den jüdischen Ausländer, soweit er lästig ist, energisch wendet. Man soll aber dann nicht sich nur auf eine bestimmte Rasse beschränken, sondern sich gegen 'alle Ausländer wenden, von denen viele erheblich gefährlicher sind als der russisch-polnische Jude. Es ist erfreulich, daß wenigstens Einzelne sich zu dieser Einsicht durchringen. Die anfilemilifdie Demanffrafionen in Dauern. München, 9. März. Seit der Revolution, in gesteigertem Maße seit der R teregterung, erfreut sich der Antisemitismus hier allgemeiner Verbreitungtäglich von neuem kann man alle Häuser mit aufreizenden Handzetteln des Schutz- und Trutzbundes geziert finden, Mittel- und Hochschüler sind größtenteils völkisch gesinnt und zeigen das ihren Kameraden und auch der Deffentlichkeit bei jeder Gelegenheit. Diese Hetze nahm in letzter Zeit noch schärfere Formen an und erstreckte sich vorwiegend auf die Ostjuden, Tatsachen wurden ins Unermeßliche übertrieben, Behauptungen kühn und willkürlich ausgestellt und mit den unmöglichsten Zahlen gearbeitet. Daß es die Drahtzieher dieser Hetze mit ihrer Wühlarbeit nicht genug sein lassen wollten, daß anderseits auch der immer wieder genährte Funken in der Menge einmal zünden mußte, war klar. Man kann von Glück sagen, daß eS diesmal bet der gewaltsamen Entladung noch ohne Menschenopfer abging. In einer Freitag, den 5. März von der Deutsch-völkischen Arbeitsgemeinschaft etnberufenen Versammlung „Gegen die Ostjuden" war die Losung ausgegeben worden, sich am Sonntag gegen die Mittagsstunde am Lenbachplatze etnzufinden, um eine antisemitische Demonstration großen Stils zu veranstalten. Nach 11 Uhr versammelten sich dann auch wirklich auf dem Lemhachplatz einige hundert Personen. Die Referenten der Versammlung, Rektor und Schulrat Rohmeder und Justizrat v. Zezschwitz, sprachen und wandten sich gegen die Einwanderung und Duldung der Oftjuden. Dann erhoben sie Verwahrung und Protest gegen die Zuteilung von Mazzos an die Juden. Diese bekämen dadurch mehr und helleres Mehl als die übrige Bevölkerung, die ein ungenießbares Brot essen müsse. Ein Reichswehrsoldat verteilte Zettel antisemitischen Inhalts. Er wurde von Schutzleuten verhaftet und entwaffnet. Die Demonstranten gingen daraufhin gegen die Schutzleute los, entrissen ihnen den Verhafteten und diese mußten, wollten sie sich wetteren Angriffen entziehen, verschwinden. Die Menge, die inzwischen auf viele Tausende augewachsen war, nahm sodann auf der Feldherrnhalle Aufstellung. Dort wurden vor und während der Pausen der Parademufik die üblichen antisemitischen Hetzreden unter dem Beifallsgejohle der Menge gehalten, die Negierung wegen der obenerwähnten Tatsachen angegriffen und deren sofortige Rückgängigmachung gefordert. Jüdisch aussehende Herren waren Tätlichkeiten auSgrsetzt. In etner Ansprache wurde zu einer Demonstration vor dem in der Nähe befindlichen Ministerium aufgefordert und das Polizeiaufgebot konnte erst nach Aufstellung eines Maschinengewehres diese verhindern. Inzwischen trugen als Vertreter der demonstrierenden Menge die Vorstandsmitglieder des Schutz- und Trutzbundes dem Minister Endres ihre Forderungen vor. Ein für Montag einderufener Ministerrat sollte über die Forderungen beschließen, die lauteten: Unbedingtes Einreiseverbot für alle Ausländer, Ausweisung aller Ostjuden die nach demJuli 1918 (die Demonstranten forderten stürmisch 1914) eingewandert sind. Die Abordnung hatte sich ferner das Recht Vorbehalten, neue Forderungen aufzustellendiese werden folgendermaßen formuliert: Die bayerische Regierung habe bei der Reichsregierung gegen den Ostjudenerlaß der Man hüte sich wohl, in die Notwendigkeit zu geraten, eines guten Tages Gendarmen zu gebrauchen, um den Juden, die zur Sicherung ihres Lebensunterhaltes der Arbeit bedürfen, an -er GonntagSarbeti zu hindern. Ostende, 2*. Dezember 1007. Napoleon." Aus einem „ttfelliot*" Verein. Ein ergreifendes Bild aus dem deutschen Leben der Gegenwart ist in der ersten Nummer de- „Tagebuch", etner neuen Wochenschrift, die Stephan Großmann in Berlin herausgibt, enthalten: Der Student Maximilian Spaeth in München ist Mitglied und im Vorstand eines geselligen UnterhaltungSklubS. Der junge Mann hat sich 1914 freiwillig gemeldet und ist im Felde mit den verschiedenen Kreuzen behängt worden. Guter Bürger, meldete er sich während der Räteherrschaft noch einmal freiwillig, um „München zu befreien." Dennoch mutzte er eS erleben, daß anfangs Dezember in seinem lustigen Bruderklub der Antrag gestellt wurde, wonach künftighin nur Mitglieder ausgenommen werden dürfen, die „nach bestem Wiffen und Gewissen versichern können, daß sie deutscher Abstammung sind und unter ihren Borfahren sich insbesondere keine solchen jüdischen Blutes befinden". Ferner sollte entschieden werden, ob die gründenden Mitglieder, sofern sie Juden, fn der Gesellschaft verbleiben dürfen. Das Vorstandsmitglied Maximilian Spaeth meldet sich bei der Beratung des Antrages — der Programmdebalte sollte ein Konzert folgen — zum Wort, er hatte ja nicht nur unter den Vorfahren, er hatte in hep eii-»e^ev- Abei-n Der Bovsist-nd» läßt ihn nicht sprechen, sondern fragt die Versammlung, ob sie Spaeth hören wolle. Die geselligen Klubbrüder stimmen dagegen. Nach längerem Verhandeln erhält Spaeth doch da- Wort. Er beginnt seine Rede, aber da hat ein auf deutsche Vorfahren besonders bedachter Klubbruder den lustigen Ctnfall, der Musikkapelle heimlich einen Wink zu geben. Spaeth redet, die Kapelle spielt. Da entfernt sich der Student aus dem Zimmer, begibt sich in einen Nebenraum und schießt stch tot. Jetzt hörte die Musik auf. Maximilian Spaeth ist mit geladenem Revolver in feinen geselligen Klub gegangen. Er wußte, daß dort darüber beraten würde, ob Juden als Deutsche anzusehen sind. Er war entschlossen zu sterben, wenn die Antwort seiner Freunde verneinend auSfalle. Maximilian Spaeth hat vorher, am 1. Dezember 1918, sein Testament verfaßt. Darin steht: „Als Deutschem von Geburt, Denkart, Gefühl und Erziehung ist es mir in die Seele hinein schmerzlich geworden, zu sehen, welch' unheilvolle Entwicklung das geistige Werden meiner Volksgenossen genommen hat und noch weiter nimmt. Ich zweifle daran, in absehbarer Zeit selbst noch Zeuge und Mitwirkender der nationalen Wiedergeburt sein zu dürfen. Gewissenlosigkeit, Verblendung, Selbstsucht, Haß und Rache verdunkeln das klare Vorstellungsvermögen meiner Mitbürger und machen eS unmöglich, gemeinsam den geradsn Weg, der zu neuem Aufblühen der deutschen Station führt, zu begehen. Teils die allgemeine, traurige Erwägung, daß es einem innerlich anständig denkenden, reinlich empfindenden Menschen unmöglich ist, in Gemeinschaft mit so aller Ehre baren Zeitgenossen die Luft des Tages zu atmen, teils der besondere Fall von Ungerechtigkeit 1tn*i Esivabskbnk'id^k'i, d-— -•« r-'? bundenec Kreis von Menschen konstatiert, zwingt mich, allem Irdischen zu entsagen". Ist nun anzunehmen, daß die geselligen Brüder in München über den freiwilligen Tad ihres Mitgliedes die abgebrochene Debatte noch einmal — ohne Musikkapelle — eröffnet haben? Wir unsererseits sind der Meinung, Maximilian Spaeth hätte noch auf andere Weise seinem verwundeten Herzen Genugtuung verschaffen können, als mit der Kugel. ES gibt auch eine jüdische Welt, die unserer Jugend harrt und in der sich zu betätigen, ohne Schaden für die gutdeursche Gesinnung wohl möglich ist. Sa-dat'Anfang und Ausgang. na« 0 R Ta Anfang Datnm AuSgang Udr li jftin. 1920\ 5680 Uhr jMtn. IS. 29, Adar Frankfurt a. M. 6 05 März 7 25 Berlin .... 6 10 6 59 München . . . 6 15! 7 Oft Stratzvrrrs . . — — Stuttsart. . . — — Pole« .... — _ Nürnberg. . . « — 7 07