Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 11 (18.3.1920)
- Date
- 1920-03-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 11 Der Israelit. 19. RSrz 1929 Ausschüssen organisieren und die Arbeit systematisch unter sich verteilen. Möchte Frühlingssonne überall in die Herzen hineinleuchten und ihnen die Kraft geben, ein Frühling-werk im Nissangeiste zu vollbringen.*) WvcheimmWaii. Sie anliMlschen Krawalle in München. Ob als Auftakt zu dem militärischen Putsch der Baltikum-Helden in Berlin sder als eigenes Unternehmen der bayrischen Reaktion gedacht, in jedem Falle trugen die Krawalle, die am vorigen Sonntag die bayrische Hauptstadt durchtobten, ausgesprochen politischen Charakter, und die Regierung hat in ihrem ureigensten Interesse gehandelt, wenn sie dieses in die Maske der Judenverfolgung gekleidete Gegenrevolutiönchen mit Waffengewalt so rasch wie möglich unterdrückte. Die beiden vorgeschobenen „politischen" Forderungen der ExzedenLen: schärfste Maßnahmen gegen die Ostjuden und Einschränkung der Mazzosversorgung waren äußerst geschickt auf die Stimmung der verhetzten Massen berechnet. In Bayern erblickt man in schaudernder Erinnerung an die Herrschaft der Eisner und Genossen in jedem polnischen Jüngling einen Bolschewisten und Weltumstürzter, und esist leider nicht die geringste Aussicht vorhanden, den ungeheueren Wall von Fremdenhaß, Judenhaß und Menschenhaß überhaupt, der nach den Erlebnissen der letzten Jahre die Herzen gegen jede Regung milde verstehender Menschenliebe vermauert, zu durchstoßen. Da heißt es, in geduldiger Arbeit, das schlimmste abzuwenden und vor den Verhängnissen, die sich da zusammenballen, zu retten, wen zu retten möglich ist. Etwas ander» steht es mit der Mazzosversorgung. Hier liegt der Zeitungshetze letzten Endes ein Mißverständnis zu Grunde, das leicht aufzuklären war. Wenn die Reichsgetreidestelle, deren wohlwollende Dbjektivität über jeden Zweifel erhaben ist, es schon für nötig fand, die Maximalziffer von 2040 Tonnen überhaupt zu veröffentlichen, oie schematisch seit Jahren für die Mazzosversorgung bereitgestellt (aber nicht verwendet) wird, so hätte seitens der jüdischen Instanzen vielleicht etwas schneller für Aufklärung über die effektive Kopfmenge Mazzos, die dem einzelnen Verbraucher zusteht, gesorgt werden können. Die Hetzer werden zwar keiner Belehrung zugänglich sein, aber der gemeine Mann aus dem Volke ist *) Drucksachen versendet das Büro des „RettungStages für die jüdischen Landgemeinden", Frankfurt a. M. Schützenstr. 14. / gar nicht so gestimmt, daß er einem 'Juden, der aus wahrhaft religiösem Empfinden sich die Entbehrungen der Peßachkost auferlegt, die paar Pfund W eizenbrot mißgönnt, die der Staat ihm gegen Abgabe seiner Brotkarten zuweist. Eines freilich scheint uns die Erfahrung dieses Jahres zu lehren: Die Differenzierung zwischen rituell lebenden und nicht rituell lebenden Juden muß auch künftig — und womöglich noch schärfer — bei der Mazzosversorgung durchgeführt werden. Denn grade er Verdacht, daß die Mazzo im Einzelfall mißbräuchlich zur Delikatesse werden könnte, ist es, der besonders stark aufreizend auf die Massen einwirkt und dem wir uns auszusetzen gewiß nicht nötig haben. Sind ja in dieser Hinsicht unsere Interessen durchaus identisch mit denen der Allgemeinheit. Die Reichsschulkonferenz. In pädagogischen Kreisen sieht man mit Erwartung der aus den 6. April nach Berlin einberufenen Reichskonferenz entgegen, die nach dem Willen der Regierung die Grundlagen für das große Reichsschulgesetz schaffen soll. Vorher schon hat man durch ein kleines Uebergangsgefetz über die Grundschule die Bestimmungen für den Abbau der Vorschulen getroffen, die als Standesschule der allgemeinen 4jährtgen Grundschule im Volksschulrahmen den Platz räumen soll. Wir haben als Juden an dem Charakter der künftigen deutschen Schule ein sehr erhebliches Interesse, denn eS hängt unsere ganze Zukunft davon ab, inwieweit wir im Rahmen der öffentlichen Schulpflicht unsere besonderen religiösen Erziehnngstdeale zu verwirklichen vermögen oder nicht. Die Grundschule an sich braucht uns nicht zu schrecken, solange sie auf ihre legitime Aufgabe begrenzt wird, die sozialen Unterschiede au-zugletchen. In dieser Hinsicht gibt erfreulicher Wrise schon die Verfassung die Gewähr, daß überall, wo eine gewisse Anzahl von Erziehungsberechtigten es beanspruchen, konftssionrlle Volksschulen, also auch jüdische, ins Leben gerufen werden muffen. Woraus es nun in praxi ankommt, ist 1. die Min best za hl, die zur Stellung eines solchen Antrags als berechtigt betrachtet wird und die bei den Juden, wenn sie nicht ganz um ihre Bekenntnisschule geprellt sein sollen, viel geringer angesetzt werden muß als sonst, 2. das Maß des Einflusses, das den Erziehungsberechtigten auf die für sie geschaffene Schule zustehn wird. Ohne Sicherung dieses Einflusses wäre die „jüdische" kommunale oder staatliche Volksschule natürlich unter Um- I ständen schlimmer als eine ntchtjüdische. Ange-! sichts des furchtbaren Rückgangs der Landge-! Aus der Ethik und Symbolik des peffachsestes. Jüdische Art weiß alles mit Leben und Seele zu versehen und sogar dem einfachen trocken sachlichen Worte der halachischen Vorschrift hohe Gemütswerte abzugewinnen. Auch die Pessachvorschriften haben ihre Symbolik und diese ist keine fruchtlose Deutelei, sondern entspringt jüdischem Urgründe und dringt so tief ins jüdische Herz, daß es sich verlohnt, auch an den Sederabenden davon zu sprechen. Eine schöne Auslese symbolischer Deutungen mit ethischem Hintergründe bringt die Hagadah im Vorworte, von der hier einiges wiedergegeben werden soll. Das Chomez deutet auch auf den Sauerteig N2'p2L» IE in uns hin, den mn -«>, der Leib und Seele auswühlt und unser Leben in Gärung zu bringen sucht. Dem Ueberhandnehmen des Chomez in uns entgegenzuarbeiten, darauf sei unsere Sorge früh und spät gerichtet. Man warte nicht, bis eS zuweit gekommen ist, sondern nehme sich daS Wort der Megilla zum Vorsatz: '21 T7rmö »stiö aro an 7221 na nv'p' nai nnas av?ty «t nx-ib. Täglich haben wir uns nach dem Wohle der gefangenen Königin in uns, der Neschomo, umzusehen .... So erklärt sich auch das Wegschaffen des Chomez, das peinliche Ausrollen des Gegenstaudes, nach dem wir das ganze Jahr trachten, für den wir alle Zeit mit Aufbietung unserer ganzen Kraft und Zeit arbeiten und kämpfen. Das bedeute: Chamez (im Zahlenwerte gleich mit na'sa, „Fehler"), d. h. der Materialismus, die Sinnichkeit, das Streben und Jagen nach Gold und Gut, das das Grab unserer besten innersten Regungen ist, ist zu bekämpfen, auf das Minimum seiner unabweislichen Notwendigkeit zu begrenzen. Chomez ist nxina ilvrr verpönt für jede Nutznießung, wo es zu unserer Nahrung und Erhaltung nicht unbedingt notwendig ist. Wenn wir unS auch nur eine Woche im Jahr des Chomez, auch in dieser seiner symbolischen Bedeutung, enthalten, so soll sich die erzieherische Kraft und Wirkung dieser einen Woche im Leben deS ganzen Jahres zeigen und verdient machen. Darum wünscht die Mischna, daß man bereits in der Nacht zum Vierzehnten mit der Wegschaffung vom Chomez beginne. Man warte nicht bis zu einem vorgerückten Alte'- mit der inneren Reinigung nöKfi 7X '2' ,-urrw r>JÄKe>2*?, sondern mit Abschluß des dreizehnten Lebensjahres ist die Grenze erreicht zum Lande der jüdischen Pflicht. Und hier heißt es, die Untersuchung am Kerzenlichte vornehmen. Am Lichte der Thora, am Lichte der jüdischen Mtzwopflicht das Leben neuordnen und alles wegschaffen, was bisher in kindlichem Unverstand oder Uebermut an Chomez in die Ecken der Seele verschleppt worden sein könnte. Die Untersuchung muß bis zu allen pjna; pm Ecken und Spalten gehen, bis die völlige Reinigung für b»s! jüdische Fest herbeigeführt ist. (Fortsetzung folgt). meinden, von denen ein immer größerer Teil zu Zwerggemeinden herabsinkt, werden wir aber nicht einmal mit einer für den Staat minimalen Ziffer als Voraussetzung für die öffentliche jüdische Schule auskommen, sondern es müßte das Privatschulwesen in jeder Weise gefördert werden. So hat man in Bayern sogenannte jüdische „Bekenntnis - S on d er schulen" geschaffen, zu denen die jüdische Gemeinde 1400 Mark pro Lehrer, sowie die sachlichen Ausgaben beizusteuern hat, während alles andere der Staat trägt. Auch um des eigentlichen Lerne ns willen wäre die Schaffung eines Rahmens für ein blühendes jüdisches Privatschulwesen mit weitem Spielraum im Lehrplan dringend erwünscht, was sinngemäß auch für die höhere Schule gilt. Einen schicksalsschweren Einfluß auf unsere religiösen Interessen wird die Form ausüben, die schließlich die Lehrerbildung erhalten wird. Noch ist diese Form ganz ungewiß. Sollte in der T".t, wie die Lehrervereine fordern, der ganze Volksschullehrerberuf schlechtweg akademischer Beruf werden, sodaß an den Besuch irgend einer höheren Schule (Gymnasium, Realgymnasium, Oberrealschulk) ein zweijähriges Untversitätsstudium sich anschlöffe, so dürften für die so vorgebildeten Lehrer überhaupt nur noch die Stellen in den Äroßgemetnoen in Betracht kommen. Die Ausdildung desvnderer jüdischer Gemeindebeamter (Religionslehrer, Kantor Schächter) müßte dann in wohlüberlegter, shste^ mattscher Weise i Angriff genommen werden Für die Lehrer aber, die ja, falls neue Volks-' schulen in Städten erstehen, in diesen neuen großstädtischen Volksschulen ein begrenzte- UnterkunftSgebtet fänden, müßte vor allem während der zwei akademischen Jahre ein intensives Thorastudium an Je s ch iw os zum integrierenden Bestandteil der Berufsausbildung gemacht werden. Möglich ist immerhin auch, daß es bei der bisherigen semtnarischen Ausbildung der Lehrer bleibt, in welchem Falle die alten bekannten Probleme ihre Lösung weiter von uns forderten. Für die in bm letzten Kahren Gottlob immer zahlreicher werdenden privaten höheren jüdischen Schulen bringt das Grundschulgesetz eine ganze Reihe von Verwicklungen. Man wird sich vielfach entscheiden müssen, ob man, nachdem die vier untersten Jahrgänge ausfcheiden, jedenfalls kein Schulgeld mehr bringen, höhere Schulen in Mittelschulen mit Fachaufbau- (Handelsschule) verwandeln will. Je beweglicher jedenfalls das große Schulgesetz gestaltet wird, d. h. je freier es den Aufstieg von einer Schulgattung in die höhere läßt, desto leichter wird es den jüdischen Gemeinden werden, je nach ihren finan Aapoleon I. über die Arbeit der Juden m Sonntage. Angesichts -er geradezu verhängnisvollen Folgen welche has Gesetz über die Sonntagsruhe für die Juden in Polen mit sich bringt, weiche dadurch zwei Tage in der Woche in ihrem Erwerb gestört sind, erinnern wir an einen Erlaß des Kaisers Napoleon I. an Minister PortaliS vom Jahre 1897, der folgende Sätze enthält: „ES ist dem göttlichen Recht zuwider, dem Juden, der Sonntags, sowohl wie an den gewöhnlichen Wochentagen Bedürfnisse hat, zu verbieten, am Sonntage zu arbeiten, um sein Brot zu verdienen. Das Gouvernement könnte ein solches Gesetz nur dann erlaffen, wenn eS denen umsonst Brot gibt, welche kein'S haben; Polizei und Regierung haben daher hierüber nichts zu bestimmen. Selbst die heiligen Väter schrieben am Sonntage nur den Menschen Ruhe vor, welche im Wohlstände leben,, oder die soviel oon ihrer Wochenarbett erübrigen, daß sie den Sonntag müßig zubringen können. Daher auch der Brauch in allen christlichen Ländern, daß man mit der Erlaubnis des Bischofs oder Pfarrers am Sonntage arbeiten durste. . Warum sollten dies die Juden n:cht dürfen? Gehört etwa dem Bischof, der die Juden haßt, oder dem Magistrat, der die Juden nicht liebt, das Recht, diese Erlaubnis zu geben?