Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 10 (11.3.1920)
- Date
- 1920-03-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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mm 3m Jubenfiaai der Lhasaren. Historischer Roman auS dem achten Jahrhundert. (6. Fortsetzung.) Batsua ging auf die neue Wendung nicht ein' Machir, ein kleiner rühriger Mann, redete indes ohne die Mädchen zu sehen, mit heiserer Stimme auf Ben Chisdai ein: „Du wirst sehen, Chisdai, er bringt Unheil über uns und Israel. Sein kaltes Schweigenmit dem er alles bei uns sieht nnd hört, gefällt mir nicht. In seinem eckigen Schädel arbeitet es unaufhörlich und brüten finstere Gedanken, Chisdai, wir müssen ausser Hut sein. Ich sah auch, wie er unter dem langen Mantel Schwert und Dolch trägt . . „Du siehst schwarz, Machir", beruhigte Chisdai, ( „Wir müssen Vertrauen haben zu einem Manne, ' der sich edel und selbstlos gezeigt." „Wenn ihr ihm schon das LehrhauS geöffnet, so sollte ihm wenigstens die Familie verschlossen bleiben. Ich weiß, Chisdai, er geht bet euch aus und ein. Batsua und Nechamah hören seine Reden mit an. DaS bringt kein Heil, Chisdai.. „Du ereiferst dich,Machir, alssprächepersönlicher Zorn aus dir. Was sollte da schlimmes dabei sein, wenn die Mädchen unsere religiösen Gespräche mit anhören?" Machirs Antwort hallte an den Mädchen vorbei. „Komm, ich mag den Lästerer nicht weiter hören", bat Batsua, „kennst du übrigens diesen Machir näher?" „Nur soviel, daß er aus der Krim kam. Sein Vater, ein reicher Kaufmann, brachte ihn auf seiner Reise hierher, um ihn den schädlichen Einflüssen in der Heimat, wo allerlei neue Bewegungen im Gange sind, zu entziehen, und ihn hier in einem stillen Weltwinkel ans Thorastudium zu fesseln. Er ist warmherzig, aber leidenschaftlich und aufbrausend, und darum nicht überall wohl gelitten." „Er kommt auch des öftern zu unS", sagte Batsua, „doch weicht er sofort, wenn er Kosarios erblickt, während wiederum dieser ihn kaum eines Blickes würdigt". „Er mag Kosario nicht", bestätigte Nrchamah, „doch lassen wir diese Männer in ihrem Widerstreite allein, sie bedürfen unserer dazu nicht. Der Streit ist zumeist nur rein, edel und um große Dinge gehend, solange die Frau nicht in dessen .Mittelpunkte tritt. Ich h»ffe, daß dies hier noch nicht der Fall ist . . ." „Wie meinst du das, Nechamah?" „Daß die Männer ihre Abneigung gegen einander nicht aus der Neigung zu der Einen ableiten". „Ich sagte dir schon, Nechamah, Kosarios würdigt mich kaum eines Wortes, eines Blickes.. .* „Was will das bei diesem sonderbaren Menschen, bei dem das innere Feuer hinter kaltem, harten Erze lodern kann, heißen? Sei auf der Hut, Batsua, vor diesem Unbekannten . . Batsua lachte wieder ihr sonderbares Lachen, es klang beinahe wie Weinen. Im Lernzimmer Sangoris saß Nechamah, ihre Hand in die des Vaters gelegt, im vertraulichen Gespräche. Es war kurz vor Sabbatausgang, eine Dämmerstunde, die zum Studium sich nicht eignete und in der der Vater ihr, ganz ihr 10 des „Israelit". gehörte. DaS Mädchen freute sich die ganze Woche, von Tag zu Tag, auf diese Scheidestunden des Ruhetages noch mehr, als auf den Tag selbst, an dem selbst bei Tisch der Rabbi von Gästen und Jüngern umgeben war. Diesmal hatte sie der Vater sogar auf die Stunde vorbereitet. Er hatte etwas ernstes mit ihr zu besprechen, und sie brannte vor Neugierte, wiewohl sie den Inhalt zitternd ahnte. Sangori sprach zunächst von den gleichgiltigsten Dingen der Welt, vom Lehrhause, von dem dem Chakanat aözuführenden Tribute und von Anliegen des Hauses, bis daß er auf Ben Ch'sbai zu sprechen kam. Ein Beben ging durch des Mädchen Herz, doch hörte sie ruhig und schweigend zu. „Du weißt", sagte der Rabbi fast feierlich, „R. Amram ist mein Freund und Mitarbeiter seitdem wir hier eine heilige Gemeinde bilde:, und sein Brudersohn Chisdai ist unter den Jüngern dieses Hauses wahrlich nicht der unbedeutendste. — R. Amram selbst ist vom Himmel! ein Sohn versagt geblieben und er will Chisdai zum Träger seines Namens und Leiter des Hauses einsetzen. Nun dachte ich an deine Zukunft, Kind, wir wollen es kurz und offen machen, willst du das Weib von Chisdai werden?" „HatChtsdai selbst um meineHand angehalten?" zitterte Neckamahs Stimme.? „Nein, Kind,- es ist nicht Art und Sitte bet den Söhnen Israels, sich ohne Vermittlung Aelterer und Erfahrener, vielleicht nur in Aufwallung von Gefühlen, die nicht über den Tag hinaus ihre Glut erhalten, die Braut zu holen. ' R. Amram, sein Onkel, der ihm Vater ist,; sprach für ihn!" Nechamah führte des Vaters Hand schweigend an ihren Mund, und aus ihrem Auge fielen warme Tränen auf dieselbe. Ist das, was ich dir eröffnet wider deinen Sinn und Wunsch? Steht dir dein Herz nicht nach Chisdai?" In Sangoris Stimme zitterte hörbar die Sorge. „Nein, Vater", hauchte Nechamah leise, „aber ich habe schwere Sünde auf mein Gewissen gebunden. Mein Herz sprach, bevor es deine Vaterstimme gehört..." „Für einen anderen?" Sangori schrak auf. „Nein, Vater, für keinen anderen als Chisdai. Aber ist es nicht bedrückend, so des Herzens geheime und unerlaubte Wünsche ungestraft erfüllt zu sehen? Habe ich noch ein Anrecht auf das Glück, mit dem ich vorzeitig im Innern spielte?" „Damit ist dein Recht auf ihn verbürgt und begründet. Es war die innere Stimme, auf die zu hören keine Sünde ist". „Gilt das von f?der inneren Empfindung, von jeder zu einem Menschen gefaßten Liebe?" Nechamah dachte im höchsten Glücke im Stillen an Batsua, zu der eS sie jetzt unwiderstehlich hinzog. „Bon jeder, wenn sie echt und wahr ist, doch gleicht in solchen Dingen das Falsche oft dem Echten, wie der Eintagsschimmer des Glassteines dem Edelsteine". Es trat Stille ein, in die von drüben vereinzelte Stimmen. in weichem Singsang sielen. Im Lehrhause sammelten sich Jünger und Gemeindemitglieder zum Abendgebete, zum Abschiede vom Sabbat, den sie, bis die Nacht heranrückte, mit Psalmgebeten feierten. Nechamah lauschte und lauschte, ihre Seele suchte unter den vereinzelten Stimmen . . . Jetzt glaubte sie die gesuchte zu hören. Eine wundersam schmelzende Melodei, in der Davids Psalmlied erklang: „Gott ist mein Hirte, mir mangelt an nichts . . Ben Chisdai hatte den Gesang aus Babylon mitgebracht und er wirkte hier wie ein Gruß von Seele zu Seele. Ben Chisdais dunkle weiche Stimme war es, die jetzt den ersten Vers sang, worauf die Gemeinde i begeistert ein stimmte: „An grüner Weide läßt er mich lagern, „Am Gewässer der Ruhe führt er mich hin..." „Es ist Zeit", erhob sich der Bater. „Und nun wünscht R. Amram, daß wir schon in den nächsten Tagen, am Neumond des Adar die Hochzeit feiern, da er gleich nach dem Feste eine größere Reise anzutretea hat. Wir dürfen seinen Wünsche:! nichts entgegenstellen, nachdem unS der Heilige, gelobt sei er, den richtigen Weg gezeigt hat". Nechamah blieb allein, und das tat ihrem Herzen wohl. Wie war es ihr eigentümlich zu Mure! ES kam jemand mit goldenem Schlüssel und erschloß sanft und leise ihres Herzens tiefste Kammern, darin das Heiligste, vor ihr selbst ßchüset war, und nun ergoß sich flüssiges Glück durch all ihre Poren ... Sie horchte und horchte, drüben lobten sie im Chore Gott, der „gepriesen ist für und für". Sie schloß sich mit innigem leisem Gebete an. Weniger überrascht war Ben Chisdai als ihm Onkel Amram seinen Wunsch äußerte, in den nächsten Tagen Hochzeit zu feiern. Er hatte des öfteren offen und eingehend mit ihm darüber gesprochen und er war nun glücklich zu hören, daß der Rabbi seinen Anspruch auf den höchsten Lohn anerkannt?. Wie es tm Herzen Nechamahs aussah, wußte er, wiewohl sie selbst nicht deutlich, noch gern davon sprach. Batsua, die als erste aus beider Mund die Wendung erfuhr, empfand und teilte die Freude so tief, daß sie darüber ihren eigenen Schmerz eine Weile vergaß. Was ihr um so leichter fiel, als Kosarios seit Tagen ousgeblteden war. Sie wagte nicht, Ben Chisdai nach ihm zu fragen, aber aus der Unterhaltung der Männer kam ihr zu Ohren, daß er auch im Lehrhause fehlte, ohne daß der Grund seines Ausbleibens bekannt geworden wäre. Dagegen hatte jetzt das Haus Ämrams öfters den Besuch Machirs, des Jünglings mit dem kupfernen Gesichte und den kleinen sengenden Tatarenaugen, in denen zuweilen dunkles, unheimliches Feuer loderte. Biele liebten Machir nicht und noch weniger seine teilenschaftliche Art, seine Ansichten zu vertreten. Manche trauten ihm auch nicht recht, wegen seiner eigenen Anschauungen, die sich mit dem Gegebenen im Kreise Sangoris nicht immer ganz deckten. Spötter nannten ihn auch den „Tararen", sowohl infolge seines äußeren Aussehens wie auch des Umstandes wegen, daß er aus der Krim herübergekommen war. Rabbi Sangori selbst hatte aber nichts an ihm auszusetzen und auch Ben Chisdai zog der feurige Jüngling, der in allem „etwas anderes" wußte, an. Batsua sah zu Machir mit der freundlichen Gleichgiltigkeit hin, die sie für alle hatte. Einiges Interesse gewann sie für ihn jetzt erst, nachdem ihr klar wurde, das er Kosarios mied und ihr eine Ahnung aufkam, warum er ihn mied . . . Hatte nicht Nechamah recht, wenn sie meinte, der Widerstreit der Männer verliert an seiner Reinheit und Größe, er wird häßlich und klein, wenn die Frau dazwischen tritt? Stand sie zwischen Kosarios und Machir? Vielleicht? Aber sie hatte sich mit Wissen und Willen nicht zwischen sie gestellt. Den eine» kannte ihre Seele bis dahin nicht und zu dem anderen bekannte sie sich nie. Was hatte sie sich vorzuwerfen? „Glückliche Nechamah, du darfst den Namen des Mannes, für den dein Herz glüht, nennen, von morgen an offen vor allem Volk!" . . . kam es ihr über die Lippen, als sie jetzt die Freundin neben sich erblickte und ihr stürmisch um den Hals fiel. „Preise mein Glück, Batsua, doch trübt eS meine Freude, dich nicht gleich glücklich zu sehen." (Fortsetzung folgt.)