Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 10 (11.3.1920)
- Date
- 1920-03-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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ielte « Nr. 10 wer JSraettr Berlin, 29. Febr. Die nicht uninteressante Frage, inwieweit jemandder unberechtigt in den Ruf eines Antisemiten gebracht ist, Anspruch aus Schadensersatz hat, hat kürzlich einen Ztvilscnat des Kammergerichrs beschäftigt, der sich auf folgenden Standpunkt gestellt hat: Es ist nicht zu verkennen, daß eine im gewerblichen Leben stehende Person dadurch Nachteil für ihren Erwerb oder ihr Fortkommen erleiden kann, daß sie in den Nus eines Antisemiten kommt, weil manche Kreise des wirtschaftlichen Lebens an diesem Rufe Anstoß nehmen und sich dadurch veranlaßt sehen können, von geschäftlichen Verbindungen mit einer solchen Person avzusehen. Daraus folge, daß jemand einen anderen dadurch lchlidtgen kann, daß er ihn in den Ruf eines Anlisemiien bringt. Es genüge aber nicht, daß dieser Ruf für den Erwerb oder das Fortkommen des Betreffenden Nachteile herbeizuführen geeignet sei, es muffe vielmehr der Nachweis geführt werden, daß infolge dieses Rufes dem damit Bedachten tatsächlich. Schaden zngcfügt sei. In dem vorliegenden Falle hat das Gericht diesen Nachweis vermißt, ebenso den Nachweis, daß der Kläger in der breiten Oeffemlichkeit oder in Kreisen, mit denen er in geschäftlichen Beziehungen stehe oder in solche treien könne, in den Ras eines Antisemiten gekommen ist, und daß er infolgedessen gejchäfttiche Nachteile erlitten hat. Das Kammergericht hat daher den Anspruch auf Schadensersatz nicht als berechtigt anerkannt. Berlin, 1. März. Der Verband der Oftjuden inDeutichland ruft iaeinem Rundschreiben alle Kreise zum Muhelsen auf. Bedeutende Mittel sind erforderlich zur Beschaffung von Unterkunft, Verpflegung, Bekleidung, Arbeirsmöglichkeiten und sozialer Hilfeleistung für die zahlreichen jüdischen Fiüchtlinge. Allein die Elnrichrung und der Unterhalt der Herberge, die in den von der Berliner jüdischen Gemeinde zur Verfügung gestellten Räumen des niten jüdischen Krankenhauses errichtet ist, erfordert jährlich einige hunderttausend Mark. Solche Herbergen sollen überall in Deutschland errichtet werden, wo jüdische Flüchtlinge in größerer Zahl sich üufhalren, damit sie Verpflegung und Unterkunft .finde», bis sie Arbeit? Möglichkeit erhalten oder Weiterreisen können. Vielfach find ganze Familien mit kleinen Kindern aus der Wanderung. Frühzeitig bezommen diese Judenkinder das bittere Los des Golus ju fühlen. Tatkräftige Hilfe durch Errichtung non Kinderheimen tut hier dringend not! Karlsruhe, 3. März. Bekanntlich hat der Studentenausschuß an der Technischen Hochschule in Karlsruhe an den Direktor Dr. Max Mayer ein Schreiben gerichtet, in dem cs heißt, dnß sein Erscheinen an der Hochschule als Semit unerwünscht sei und daß, falls er die Berufung dennoch annehme, er die Konsequenzen tragen muffe. Der Rektor hat sich scharf gegen das Auftreten der Sttlberiten gewendet und verlangt, daß dieser Brief zurückgenowmev werde, da er einen unerlaubten Eingriff in das Berufsrecht von Rektor und Senat bedeute und gegen die studentischen Sitten verstoße. Eine jüngst abgehaltene Studenienversammlvng kam zu dem Ergebnis, daß der Brief nicht zurückgenommen werden würde, da er keinen Eingriff in das Berussrecht des Rektors bedeute, sondern nur die Ueberzeugung der Studentenschaft zum Ausdruck bringe. Breslau, 17. Febr. Die Jugendgruppe der Agudas Jisroel BreLlau, veranstaltete am DienStag, Ist. Februar, im großen Saal der Leffingloge. einen Vortrag. Der Referent des Abends war Herr Haboiner Dr. Pinchas Cohn, sein Thema lautete: „Weg und Ziel der AgudaS Jisroel". Der Redner erörterte zunächst den Unterschied zwischen Zweckverbänden und Gemeinschaften. Währeud in den ersleren jedes einzelne Mitglied lediglich seine eigenen materiellen Jntereffen verfolgt, beruht der Sinn einer Gemeinschaft gerade darauf, daß jedes Glied den sittlichen Wert des andern anerkennt und sich mit ihm identifiziert. Die erste Gemeinschaft dieser Art war die am Berge Sinai gegründete. Und wenn wir uns jetzt die Frage nach dem Weg des jüdischen Volkes! vorlegen, so gtbt cS darauf nur eine Antwort: Es ist der Weg, den unser Volk am Sinai eingeschlagen hat. Dieser Weg, der zur Gemnnschaftswerdung des jüdischen Volkes führen soll, ist aber auch zugleich das Ziel von Agudas Jisroel. Der Redner schilderte sodann die Gefahren, die der Erreichung dieses Zieles im Wege stünden. Treue und Glauben scheinen in der heutigen Zeit geschwunden und die Menschen haben es verlernt, u:it ihrem Gotte Zwiesprache zu halten. Die Zeit, „da sich bereden die Gottesfürchtigen einer mit dem andern", hei beimführen, ist Aufgabe der Agudas Jisroel. Es folgte eine Aussinandersenung mir der heutigen Kultur, die durch die jüngsten Ereignisse kläglichen Schiffbruch erlitten hat. Ihr gegenüber bedeutet Agudas Jisroel den Weg zur wahren Kultur. Der Redner streifte dann noch kurz die Ostjudenfroge. Zum Schlüsse gab er der Hoffnung Ausdruck, daß der Weg der Agudas Jisroel von Erfolg gekrönt sein wird. Wir sollten, uns die Idee zunutze machen, das durch den Wegfall d«r Militärpflicht ersparte Jahr gänzlich dem Thoralernen zu widmen. Dann wird der Weg dass Ziel und das Ziel unser Leben bedeuten. Diese gehaltvollen Ausführungen, an die sich eine kurze Aussprache anschloß, wurden mit großem Beifall ausgenommen. Der Erfolg gab sich schon darin zu erkennen, daß eine größere Auzahl oer Gäste, besonders viele Ostjuden der Aguda beitraten. Darmstadt, 33. Febr. Antisemitische Wühlereien beginnen wieder in Hessen das öffentliche Leben zu vergiften. Der „Dcrmchvölkische Schutz- und Trutzdund" veranstaltete mit einem Redner aus Elberfeld am Samstag hier eine Versammlung, bei der es durch die Schuld veö VerarrstalteS zu wüsten Tumultszenen und beinahe auch zu Gewalttätigkeiten kam. Es hatten sich eine Anzahl israelitischer Mitbürger, zumeist Studenten, eingefunden, die zunächst stillschweigend die gröblichen Schmähungen des antisemitischen Redners über sich ergehen ließen, denen aber, als die Juden wiederholt größter Drückebergerei vom Heeresdienst und der Feigheit bezichtigt worden waren, schließlich die Geduld riß. Sie protesiierien laut gegen diese Verdächtigungen, worauf dann unter Beteiligung einer Menge von Mückebund-Schülern, die mit Trillerpfeifen ausgerüstet waren, sofort ein Höllenlärm entstand. Einen älteren kriegsverletzten Juden bedrohte man auch hier mit Gewalttätigkeiten. An diesen Skandalen beteiligte sich aus antisemitischer Sei e in besonderer Weise auch ein Angehöriger der Reichswehr 'N Waffen. In der Diskussion wiesen Prof. Goldstein, Lehrer Germann und Kauftnantl Wartensleben, sowie verschiedene Studenten die Ausführungen des Referenten zurück, ihre Ausführungen wurden aber von tumuituarischem Lärm begleitet. Tags darauf war eine gleichartige Versammlung in Ltndenfels mit dem gleichen Referenten und dem gleichen Bortrag anbecaumr worden. Hier wurden Juden gewaltsam verhindert, .der Versammlung beizuwohnen und die Erschienenen ließ »ran nicht zu Worte kommen. Der demokratische Landesparteisekcetär Kühl mann wies auf die große Feigheit hin, den angegriffenen Juden nicht einmal das Wort zur Verteidigung zu geben und erklärte es dann für lächerlich im höchsten Grade, einem Vruckfteil des Volkes die Schuld an allem Unglück zufchiebsn zu wollen. Verschiedene andere Diskussionsredner geißelten ebenfalls mit aller Schärfe die antisemitischen Treibereien. Hersfeid, 12. Febr. Am vergangenen Sonntag feierte der hiesige Jüdische Frauen verein sein 40 jnhrigrs Bestehen. Dem Ernste der Zeit entsprechend, wurde von jeglichem Answand Abstand genommen und das Fest in höchst einfacher, aber würdiger Weise begangen. Den Höhepunkt desselben bildeten die nach den Oppenheimffchen Gemälden vorfüglich gestellten Bilder aus dem jüdischen Familienleben in Verbindung mit Chorgesang und Rezitation. Während der Kaffeetafel würdigte Herr Gemeindeältester Hermann Wertheim in einem geschichtliche« Rückblick auf den Werdegang des Vereins die Verdienste seines Gründers, des Herrn Lehrers a. D. M. Nußbanm und feierte die anwesenden Milbegründerinnen örrrch Ueberrcichuna von schlichten Ehrendiplomen. Herr Lehrer Landsberg appellierte in feiner eindrucksvollen Festrede an den bekannten Wohltärigkeitssinn der Festteilnehmer mit dem 'Ergebnis, daß bet der amerikanischen Versteigerung des Benschens 1200 Mark für wohltätige Zwecke gebucht werden konnten. Reiches Lob erntete die rührige Vorsitzende der man, Frau Clara Nußbäum, für die vorbildliche Leitung des Vereins und die mühevolle Vorbereitung der so schön verlaufenen Feier. Ein gemütliches Beisammensein vereinte die Festteilnehmer bis Mitternacht. München, 28. Febr. In der letzten Zeit wurden mehrmals an verschiedenen Stellen der Stadt Zette! judenfeiüblichen Inhalts angeklebt. Die Entfernung solcher Anschläge durch Schutzleute ließ — so teilt die Polizeldireklion mit — in manchen Kreisen der Bevölkerung die Anschauung aufkommen, die Münchener Schntzmannschaft stünde in jüdischem Solde. Kein Vernünftiger wird unseren Schutzleuten solches Söldnertum anoichten. Die amtliche Feststellung, „daß die Schutzleute aus Gründen der öffentlichen Ordnung und Sicherheit angewiesen find, für die Beseitigung dieser verbotenen Anschläge Sorge zu tragen", richtet sich also gegen übelwollende Unvernunft. Ob diese durch eine derartige Erklärung auSgerottet werden kann? Wie», 3. März. Nachdem die Bukowina« Administration wie die rumänische Zentralregieruna die zwei jüdischen Deputierten im Parlamente, Hecht und Lier, als offizielle jüdische Lertr:ter anerkannt hatten, wurde der jüdische Rationakraij aufgelöst. Die Delegierten, die der jüdische Nationalrat in Bukowina nach Paris geschickt hatte, gehen damit ihres Mandates verlustig. Wien, 2. März. Auf Anregung der Herren B. Hofbauer und Rabbiner S. Neuwirth wurde vor wenigen Wochen in der inneren Stadt im Bet- Haufe „Machsike Hndath" eine orthodoxeJugendgruppe gegründet, die sich die Pflege jüdischen Wiffens und das Studium von Bibel und Talmud 11. März 1930 zur Aufgabe machte. (Hiner "Einladung der Jugend folgend, hielt am Sonntag, 1. Februar, Herr Dr. Benzion Feßler einen Vortrag über „DieBedeutung von Jabney für das Judentum". In äußerst klare» und überzeugenden Worten wies Redner nach, daß für das orthodoxe Judentum — und das ja der weil größere Teil der jüdischen Massen —- Palästina nicht Selstzweck, sondern nur >Mittel zur Erlangung jener Tugenden sei, die nach den Werten der. Thora, ei« jeder Jude erreichen sollte, um den Völkern als Mustermensch zu gelten. Jedes Bestreben, Palästina als Selbstzweck zu besitzen, sei daher gegen die jüdische Geschichte und Tradition. Großer Beifall lohnte.vouseiien der zahlreichen Zuhörer den Redner. In der darauffolgenden Diskussion sprachen Herr Dr. Kamin ka und Herr Rabbiner Neuwirth, Worte des Danketz sprach Herr B. Hofbauer dem Vortragenden für seine begeisternden Ausführungen. Es ist zu hoffen, daß die Jugendgruppviel zur Neubelebung der Orthodoxen der inneren Stadt beitragen werde. Wien, 1. März. Die „Dr. 'Bloch'sche Wochenschrist" hat für'S erste ihr Erscheinen eingestellt. Als Grund wird in der letzten Nummer eine längere Auslandsreise deS Herausgebers im Dienste jüdischer Angelegenheiten angegeben. Literarische Notizen. Das von Dr. MoseS Auerbach, Petach Tikwah auf den im Elul vergangenen Jahres abgehaltenen Delegiertentag der Agudas JiSroel erstattete Palästina- Referat, erscheint in Kürze unter dem Titel „AgudaS Jisroel und Erez Jisroel", im Berlage von S. Sänger, Frankfurt a. M. Im gleichen Verlage erscheinen „Die Neunzehn Briefe über Judentum" von Samson Raphael Hirsch. Diesem Buche ist eine größere Einführung von Salomo» Ehr mann beigegeben. Der während des Krieges in Stockholm gegründete Verlag „Judäa", ist in den letzten Wochen reorganisiert und in seiner Haupistelle nach Berlin verlegt worden. Der Verlag beabsichtigt hier die Herausgabe von Schriften über politische und ökonomische Fragen des jüdischen Lebens und zwar sowohl in jüdischer, als auch in andern Sprache» (deutsch, englisch, französisch). Als erste Ausgabe in Deutschland erscheint bereits in den nächsten Woche» ein größeres Buch über die Vogrome in der Ukraine. Die literarische Leitung des Verlages befindet sich in den Händen des Schriftstellers Leo» Ehasanowitsch. Die Geschäftsstelle befindet sich Berlin-Wilmersdorf, Bregenzerstraße^ „Ladenburger Megilla" nennt sich eine Purimzeitung des Jüdischen Vereins zu Ladenburg, dis der Zeit manche heitere Seite abzugewinnen weiß. Geschäftliche Mitteilung. Das „Hotel Braunschweig" in Homburg hat seinen Besitzer gewechselt. Es ist erfreulich, daß dieses alte, renommierte Hotel wieder in sehr bewährte Hände übergegangen ist. Herr Schönbach, der neue Besitzer, hat sich in Frankfurt a. M. bei vielen Gelegenheiten als ein Wirt erwiesen, der sein Fach durchaus versteht und auch umfangreiche» Anforderungen gewachsen ist und wird daher auch voll imstande sein, den Weltruf deS „Hotels Braiinschweitz" zu erhalten und zu befestigen. hnp'} rav ORTi Anfang Tat«« Ausgang Mr lMin. 1920\ 5680 Uhr Mw. Frankfurt a. M. S 50 13. März j S3.Adar 7 IS Berlin .... 4 — 4 SS München . . . 4 — 1 4 SS Stratzburg . . — — i — — Stuttgart. . . — — > — — Vose« — — j — — NüruberK. . . » ro 4 67 Hamburg . — — 7 SS Verlobte. ErmerShanse». Fanny Kisfinger mit Jakab Ra«