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Der Israelit · 1920-03-11 · Heft 10 (11.3.1920) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 10 (11.3.1920)
Date
1920-03-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nü. 10 dem Ramm ei den Judeü im Golus" an. Er wird darin seine Eindrücke irr Litauen und Polen Wiedergaben. Die önjanasfonnfagsrufte. Warschau, 2. März. Eine non 304 'Rabbinern unterschriebene Petition in Sachen der Sonntagsruhe wurde vonk Deputierten Rabbiner Halpern dem Landtagspräsidenterl überreicht. In dem Memorandunl wird diese Frage unter allen Gesichtspunkten gründlich behandelt und auf die Gefahren hingewiesen, die das Gesetz für die religiöse und wirtschaftliche Leben der polnischen Judenhrit bringt. Wie man hört, wurde das Gesuch der Rabbiner der Landtagskommission für Handel und Industrie überwiesen. Warschau, 6. März. ES ist bezeichnend, daß auch polnische und ausgesprochen antisemitische Zeitungen gegen dieZwaugssonntagsruhe hervortreten. Die Unzufriedenheit, schreiben die Blätter, ist auf beiden Seiten in gleichem Maße zu beobachten, auf Seite der Konsumenten sowohl wie der Kaufleuie. Eine kleine Umfrage, die die Lemberger Zeitung „Gacetta Witschorna" veranstaltet hat, ergab ein niederschmetterndes Gesamturteil über die Zwangsmaßnahme. Scharf gegen die Sonntagsruhe spricht sich auch daß Stadtpräsidium in Lemberg aus. Das Handelsamt beim Magistrat erkennt an, daß das Gesetz den Bedürfnissen voll Handel und Handwerk direkt zuwider läuft, erklärt sich aber machtlos, gegen das Gesetz etwas zu unternehmen. Ferner spricht sich der „Christliche Kaufmännische Verband" gegen das neue Gesetz aus äkonomische« und wirtschaftlichen Gründen entschieden aus. Dieser Stimmung kommen in mehreren .Städten Polens und Galiziens die jüdischorthodoxen Ratmänr.er entgegen, mit Interpellationen in den Stadtverwaltungen,- in denen diese ersucht werden, geschlossen gegen die Zwangssonntagsruhe und den achtstündigen Arbeitstag bei der Regierung einzutreten. ManauLversorgung. Warschau, 3. März. Wie aus Danzig berichtet wird, hat man dort mit der Ausladung des amerikanischen Schiffes begonnen, das 42000 Sack Mehl für; die Zubereitung von Mazzos für die notleidenden Juden tu Polen brachte. Das Schiff enthält außerdem als Ladung 2000 Ballen Baumwolle für die Lodzer Fabriken und 7000 Kisten kondensierte Milch für hungernde Kinder. Der Israelit. kin unerhörter Sali. Warschau, 5. März. Bezeichnend für die innere Verirrung ist der unerhörte Fall, daß ein Jude, der Deputierte Grünebaum, der als einziger in der Konstitutionskommission des Landtags" die polnische Judenheit vertritt, dort eine Erklärung aügab, daß die Juden Polensuicht wünschten, im Senat der höchsten Regierungsbehörde, durch einen Rabbiner vertreten zu sein. Der „Chillul Haschem" ist um so größer, als für die Geistlichen der anderen Konfessionen je ein Sitz im Senat voll vorn herein gesichert ist. Es ist selbstverständlich, daß die „Schlaume emune Jisroel"-Organtsation sich-.berufen fühlte, gegen einen solchen Akt von Entrechtung energischen Protest einzulegen. Hinterher k»ramt aber der „Hatnt" und wirft der Orthodoxie vor, sie wollte Zwietracht säen und den Frieden stören. Man sieht, mit welchen Waffen hier gegen die Orthodoxie, insbesondere gegen die Rabbtnee gekämpft wird. GEsien. ein ölig jUöifchen Elends. Zürich, 3. Wärz. Das Zentralbüro der Agudas Jisroel in Zürich stellt uns den nachfolgenden Brief einer jüdischen Dame aus Gliniany, einem kleinen Städtchen in der Nähe Lembergs, zur Verfügung. Die eindrucksvolle Schilderung der grauenvollan Anstände in diesem Orte, bietet ein Bild der traurigen Lage fast aller kleinen Städte in Galizien und Polen. Fest vertrauend auf das im jüdischen Herzen treugehegte Prinzip unserer traditionellen Barmherzigkeit und Bruderliebe, lasse ich an Euch den Ruf ergehen: Rettet Eure unglücklichen Brüder, deren Witwe» und Waisen! Helfet ihren Schmerz lindern, die blutigen Tränen trocknen, denn, preisgegeben dem grenzenlosen Elend, sterben sie nach unmenschlichen Qualen massenhaft dahin. Es ist mir unmöglich zu schildern, welch' grauenvolles Bild unser Städtchen bietet. Fast alle jüdischen Häuser abgebrannt und ein Stübchen, wo einige. Familien zusammengepfercht hocken, kann alles eher, als eine Menschenwohnung genannt werden. Gebrochene, erwerbslose Väter, kranke, dahinsiechende Mütter, Schatten gleich, und Kinder m't Gesichichen, wie welke Herbstblätter, mit bläulichen Lippen und so tiestraurigem Blicke.... die abgemagerten Körperchen in Lumpen gehüllt, die armen Beinchen in Fetzen umwickelt. . . Das ist ewig hungrig und zittert vor Kälte. Ja überall herrschen unbarmherzig Hunger, Kälte und Krankheit: Bauch- und Flecktyphus. Da stirbt ein Vater von sieben I Kindern — war Handwerker, konnte Familie er- I halten —, bald' einer von 5—0 Kinderndann bleibt ° (Der geachtete „Macbeth".) Sfo Mitglieder des „Vereins der schottischen Veteranen des Weltkrieges" in Netvhork haben sich an die amerikanische "Regierung mit der Forderung gewandt, L-hakespeares „Macbeth" ans dem Lehrplan der ame,Muttchen Schulen vollständig zu entfernen. Diese Tragödie soll weder in den LiteratnrstNlldcrr erwähnt, noch etwa gar gelesen werden. Die Schotten berufen sich all? den Vorgang der j ü d i s ch e n Gemeinde v o n New Jersey, die bei den Unterrichtsbehörden den Antrag gestellt hat, beit „Ka n sm an n von Benedi g" aus den Schulen zu verbannen, weil der Charakter des Shhlvck eine Beleidigung des jüdischen Volkes darstellt. Die in Amerika" lebenden Schotten glauben nun, daß ihnen recht sei, was den jüdischen Landsleuten billig sei- Sie verlangen, daß in ^Anbetracht des Beschlußes der Behörden zugunsten der Juden dasselbe Vorrecht auch für Schottland anerkannt wird." (GeftLschast zur Erforschung und Förderung jirSischcr Musik in Wien). Unter großer Anteilnahme der musikalischen Kreise hat die Gründungs- Versammlung der neuen Gesellschaft stattgefunden Der Einhernfer dar Versammlung. Tr. Lindcnbaum, führte in feinem Referate ans, dag es vorläufig noch än einem wissenschaftlichen Kriterium für das jüdische Clement in der Musik fehle und das; die Schaffung eines solchen zu den Hauptaufgaben der Gesellschaft "gehöre. Insbesondere würde eS sich darum handeln, die religiöse Musik der Vergangenheit und der Gegenwart, worunter die alte Tempclmusik, die Singweisen der Bibel, die synogogalen und anßersynogogalen Gesänge gehören, nach Siedlungen, sowie chronologisch zu sichten und zu sammeln, und aus diesen Untersuchungen auf Grund verglsichendsr Arbeiten die spe-i; -irische Eigenart dieser Atusik sestzustellen. Ein gleiches r gelte dann von der weltlichen Musik, wobei vor i allem das Gebiet des Volksgesanges und -tanzes des Orients Wie des Mcndlandes zu ergründen wäre- Tie bisherige Untätigkeit der Forschung für diesen Zweig wissenschaftlicher Arbeit habe die Gründung der Gesellschaft veranlaßt. Zugleich verfolge sie aber auch das Ziel einer Organisation alles dessen, was für die Entwicklung und .Pflege der jüdischen Musik notwendig sei und wolle so den Boden vorbereiten, aus dem dereinst in heimatlichem Lande eine Nationalmnsik im eigentlichen Sinne entstehen könne. Zu diesem volkstümlichen Ziele rufe di^Gesellschaft alle Kräfte des jüdischen Volkes auf. Lwdann gab Dr. Erwin Felder eine Darstellung jener Probleme, die den Forscher bei Untersuchungen über jüdische. Musik beschäftigen. (Antisemitisches Mißtrauen). Wir lesen im „Vorwärts": Herr A. Z., Stimmungsbilder der „Deutschen Zeitung", dem das bemitleidenswerte Los geworden ist, mit krampfhaften Witzen die Niederlagen seiner Partei im Parlament usw. verdecken zu müssen, müht sich auch jetzt im Schweiße seines Angesichts, die Blamage der „Deutschen Zeitung" im Falte „Ostrava" (Prozeß Erzberger-Helfsimch) ans der Welt zu witzeln. Und da Herrn A. Z. nichts besseres einfällt, so zeichnet er die Typen der Zeugen in dieser Sache mit folgenden Worten: „Zuerst der Herr Notarius. 66 Jahre. Mosaisch: einem „Goh" vertrauen sich die Herren von der Ostropa, io arisch sie an sich anssehen, in schwierigen Angelegenheiten wohl nicht gerne an." Armes Opfer antisemitischer Gedächtnisschwäche! Wenige Zeilen vorher hat Her, A. Z. erst den gescheiten verteidlgsr HMferich» sp d.?u H,tM«i»l s»hoSsn> Dieser Wmm 11. März 1880 die Witwe mit den armen Würmchen zurück hilflos, verzweifelt. Woher die Mittel nehmen, um weiter - vegetieren zu können? Die Teuerung ist groß, die Kälte bitter. Da erzählte neulich ein jüdischer Arzt, der von der nahen Bezirksstadt herüberkam und die Armen besuchte, daß, wohin er kam, er die ganze Fanrilie auf ihren Lagerstätten liegend gefunden habe. Manche waren Kranke, die übrigen antworteten ans die Frage, was ihnen fehle: „Nichts, mir ist kalt". Sie haben nichts zu essen, kein Holz zu heizen, keine Kraft, oder keine Möglichkeit etwas zu verdienen, Opfer der Zeit und Verhältnisse! Um gegen dieses Elend anzukümpsen, hat sich hier ein jüdisches Rettungskomitee gebildet, das vom Leu berget Rettungskomitee eine monatliche Suvoentw > im Betrage von 10000 Kronen - bekommt — bn heißt hier soviel, als ein Tropfen im Meer, denn wollman nur die Aermsten der Armen unterstütz'.:', müßte man wenigstens 50 000 Kr. monatlich zur Vc ■ - fügung haben. Da bekommt ein Krüppel, dem des Weib krank darniederliegt, 50 Kr. — was hat er davon'? Den Arzt zu bezahlen, und wo bleibt d e Arznei, ein bischen Tee, Holz in der grimmigen Kälte? Eine Witwe, deren sechs Kinder zum dritten M >. an Bauchtyphus liegen, kciegt 150 Kr. — für wie lange reicht dieser Betrag? Einer Frau, deren Kind es droht das Augenlicht zu verlieren, bekommt 70 Kr. um. zu einem Arzt nach Lemberg zu fahren, und wenn sie dort einige Tage ausbleiben muß? Dann sei ihr Gott gnädig! So wird das Geld gar bald verteilt, doch die meisten gehen leer aus. Und da weinen sie und verfluchen ihr hartes Schicksal und man kann ihnen nicht Helsen und alles Mitleid und Weh', das man dabei empfindet, nützt ihnen garnichts — die Kasse ist und bleibt leer bis zum nächsten Monat und das gibt 30 bange kalte Hungerlage! Seit zwei Monaten bin ich hier und soviel Elend habe ich schon gesehenes ist wie ein schwarzer, bodenloser Abgrund und nirgend, nirgends ein heller Strahl zu erspähen. Mein Mann Dr. T.. ist zum Präsidenten vom Rettungskomitee gewählt worden und wenn manchmal eine Sitzung in der Kanzlei statlfindet, habe ich Gelegenheit die schaurigen Seiten des Menschenlebens (?) kennen zu lernen. Da zitiert in mir ein so heißes Weh', über das unwürdige Schicksal, dem meine armen Brüder verfallen und was mich am meisten schmerzt ist, daß ich ganz machtlos dem gegenüberstehe, weil ein Mensch hier nicht zu helfen vermag, und wir leider durch den Krieg alles verloren haben. Doch eines kann ich: hinausschreien in die weite Welt, daß alle, die ein Herz tm Leibe haben, Hörer, und empfinden, welch' blutige Tragödie sich hier abspielt! 2300 Seelen gehen zu Grunde, lechzen nach einem Stückchen Brot! Unschuldige Menschen sterben, täglich, stündlich vor Hunger, Kälte und Kummer. Es gtbr doch noch irgendwo einen friedlichen Winkel ans unserer schönen, verunstalteten Erde, wo Menschen kraftvoll und fröhlich schreiten, wo gesunde, sat:e Kinder sich am Spielplatz tunrmeln! An diese Glücklichen, an Euch meine werten Brüder, wende ich mich mit der Bitte: Helfet den armen Brüdern in unserer Stadt! Sendet Geld, Lebensmittel, Kleider! Helfet sie aufzurichten, die verwahrlosten Kleinen dem Leben wiedergeben? Die innerliche Genugtuung, welche uns das Bewußtsein verleiht, viel Menschenleid gelindert zu haben und die Welle heißer Dankbarkeit Eurer so schwer heimgesuchten Brüder, möge Euer Lohn sein! Ich vertraue auf euer jüdisches Herz und menschlich-brüderlichen Gefühle. Ich zittere nicht für die heißt Dr. Alsberg. Und nun ist Herrn A- Z. gar nicht ausgefallen, daß also auch Herr Helfferrch, so arisch er an sich aussieht, in dieser schwierigen Angelegenheit sich gar nicht gerne nfwusw. (,,N«chnrt es den Faden weg!") AUS Budapest wird berichtet: Ministerpräsident Huszar hielt disse Woche in einer im. Redoutensaale abgehaltenen Mousterversammlung eine Rede zugunsten der von ihm eingeleiteten Notstandsaktion für die notleidend'« Bevölkerung.. Budapests. Er teilte mit, daß sein Notschrei bisher eine Sammlung von etwa vierz.'hn Millionen ergeben habe, während er zumindest fünfzig Millionen haben müsse, um dem großen Elend wenigstens teilweise abhelfen zu können. Er hoffe wohl, aus dem Auslande, an welches er sich mit seinen, Appell gleichfalls gewendet habe, ansehnliche Zuwendungen zu erhalten, doch sei es vor allem notwendig, daß das Inland seine Opfer bringe. Bei diesen Worten des Ministerpräsidenten ertönte aus den ersten Sitzreihen der Zwischenruf: „Nehmt cs den Juden weg!" Der Ministerpräsident: Das Problem ist nicht so einfach. Wer hungert, den frage ich nicht, ob er Jude ist oder Christ. llttd wer heute praßt und dabei den Notleidenden gegenüber geizig ist, dem verzeihe ich nicht, oh er Jude ist oder Christ. Das kann keine Küttsessionsfrage sein. Hier kann man nicht als Parier. Vorgehen, hier muß man handeln als Ehristenmensch. Jeder, der mithelfen will, sei willkommen. Wieder der Zwischenruf: „Nehmt es den Juden weg!" Nun wird Ministerpräsident Huszar unwillig, halt einen Moment in seiner Rede inne Und sagt dann, jedes Wort scharf oetonerrd: „Ich weiß nicht, wieviel Sie, mein Herr, zu dem Liebeswerk beigetragen haben. Di« aber, .di« Sie apostrophieren, haben das uMff» grtauch Kwischenruser würftzmumte.

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