Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 10 (11.3.1920)
- Date
- 1920-03-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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11. Mrz 1920 ** 4ncsaa Betz IHrmks. unter den eingedrungenen Ostjuden. Sie in Bausch mld Bogen zu verdämmert, ist ebenso töricht wie niedrig. Auch ist es irrig, wenn inan glaubt, unter dem ostjüdischen Proletariat, das 10 000 bis höchstens 15000 Köpfe stark seit dem Krieg nach Deutschland gekommen ist, seien lauter bolschewistisch gesinnte Seelen Zu finden. In Wahrheit haben die rneisten dieser armen Leute,. die noch den Schrecken von den heimischen Pogromen in den Knochen spüren, neben der Russenfurcht nur den Hauptwunfch, möglichst bald in den Westen oder in neutrale Länder auszuwandern. Zu einer Aufwiegelung deutscher Arbeiter, zu der sich die Sowjetregierung ganz anderer geistiger Anstifter als dieser kleinen Proletarier bedient, fehlt den Ostjuden Fähigkeit und Neigung in gleicher Weise. Fast alle ^wollen heute vor allem endlich ihre Ruhe haben. Man gewähre sie ihnen auf Ihrer meist nur jl kurzen Rast bei uns nach Möglichkeit. Diejenigen, I die als Landarbeiter oder im Bergbau bei uns 8 verwendet worden sind, haben sich nach vielfachen I Zeugnissen, die über sie vorliegen, recht gut ein- I geführt. Da die jüdischen Arbeiter größteils k gewerkschaftlich organisiert sind, ist auch eine F Lohndrückerei von ihnen nicht zu befürchten. Die niedrige Verhetzung gegen die Ostjuden und Galizier, die nur ein Teil der allgemeinen Judenfeindschaft ist, die heute betrieben wird, ist leider fast schon gedankenlose Gewohnheit in Deutschland geworden. Ohne sich jemals um die Ostjuden und ihr schweres Grenzdasem wie ihre wirtschaftliche, und . geistige Entwicklung bekümmert zu haben, wird auf diese Menschen losgeschimpft, als ob seit je dort der Abhub der Menschheit gehaust hätte und Russisch-Polen, Litauen und Galizien eine Verbrecherkolonie wie ehemals Tesmanien gewesen wäre. Wer nur den aufstrebenden Gewerbesteiß dieser drei vermögenden Landstriche vor dem Kriege verfolgt hat, weiß, wie verkehrt ein solch oberflächliches Gerede über das niederträchtige Galiziertum ist. Die Liebe zur Gerechtigkeit und Wahrheit treibt Eulenburg, auch der geistigen Beweglichkeit und Tiefe dieser Leute hier rühmend zu gedenken, die im allgemeinen nicht schlechter und nicht unanständiger sind als die ganze verfluchte menschliche Rasse, ü. qui nons appartenons, zu sein pflegt. Soweit Eulenburg. Wir haben dem nichts hinzuznfügen, als daß es einem heute, in einer Zeit, da der Haß bis zum Knüppelprogramm gediehen ist, besonders wohl tut, das rechte Wort eines rechten und aufrechten Mannes zu hören, dessen Urteil von der Gasse unbeeinflußt bleibt. Man darf hoffen, daß trotz allem und allem, was man in letzter Zeit hörte, sich auch die Regierung nicht von der Gaffe zu Maßnahmen bewegen läßt, die dazu angetan' wären, das neue freie Deutschland in der großen Welt stark in Mißkredit zu bringen. Wir wissen uns in dieser Hoffnung einig, mit allen, die es wahrhaft gut mit Deutschland meinen. <5t r m M« EomWvndenzen «nd Nachrichten. Ae«tsttze» MiH. Bäiißurunssrscft! Ser Religiansoe[eH{rhaffen. > Merlin, 7. März. In der Nationalversammlung wurde § 14 a des Landessteuergesetzes, der den Religionsgefellschaften das Recht gibt, Steuerzuschläge^ zur Reichseinkommensteuer für ihre Bedürfnisse zu! erhalten, in zweiter Lesung angenommen. > öeskimlokMriisslikm 9er Ostindien 3u9en. Merlin- 5. März. Am Sonkltag fand hier auf Einladung des D. I. G. B. und des „Verbandes der deutschen Juden" eine Beratung von Vertretern größerer deutscher Organisationen über den von Dr. Jsmar Freund ausgearbeiteten Entwurf einer Gesamtorganisation statt. Den Vorsitz führte Justizrat Makower. Der Allgemeine Rabbiner- Verband war durch seinen Vorsitzenden Dr. Nobel, der Lehrerverband durch Lehrer Fein vertreten. Die „Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" ließ ein Schreiben überreichen, wonach sie sich als grundsätzliche Gegnerin jeder Gesamt- "organisation erklärt, welche die vorhandenen tiefen religiösen Gegensätze als bloße Nichtungsunterschiede im Rahmen einer einheitlichen Weltanschauung auffaßt. Da der Freundsche Entwurf sich gänzlich auf dieser Voraussetzung aufbaue, erscheine ihr eine Beteiligung au der Beratung über diesen Entwurf zwecklos. Der „Gruppenverbänd der Agudas Jisroel" hatte, grundsätzlich aus demselben Standpunkt stehend, zu Jnformationszwecken Herrn Jacob Levy-Berltn mit I feiner Vertretung beauftragt. Von zionistischer! Seite waren als Wortführer die Herren Dr. 1 Felix Rosenülüth--Berlin und Dr. Victor- § »Nr. 10. Gelte 3 Wandsbeck erschienen, die einen (in der „Jüdischen Rundschau" veröffentlichten) aus dem Prinzipe der neutralen VolMgemeinde beruhenden Gegeneniwurf überreichten. In der Aussprache kam der bekannte Wettbewerb zwischen „D. I. G. B." und „Verband" zu scharfem Ausdruck. Endlich wurde mit 30 gegen 20 Stimmen beschlossen, eine neue Versammlung einzuberuftn, die ohne Bindung an irgend einen Entwurf die ganze Frag? einer erneut-m Prüfung unterziehen soll. Für die Schaffung einer Gesamtorganisation überhaupt sprachen sich sämtliche Anwesende aus, mit Ausnahme des Vertreters des „Gruppen- Verbandes der Agudas Jisroell, der sich der Abstimmung enthielt. Noten. tfgll9gsi-ö6w6gung in polen. Warschau, 1. März. Seit kurzem weilen hier zwei'Delegierte des Misrachi, die Herren Meier Berlin und Rabbiner Ephraim Epstein, zu dem Zwecke, eine Vereinigung zwischen Misrachi uno der polnischen Orthodoxie herbeizusühren. In einer gemeinsamen Beratung machte der Gerer Rebbe die Herren darauf aufmerksam, daß der MiSracht nur deswegen in Polen eine gewisse Rolle spielte, weil es eine andere orthodoxe Organisation in Polen noch nicht gab. Das Gleiche werde wohl auch für Amerika noch zutreffen. Irr Polen sind aber z. Zt. die Gesetzestreuen in dem „Schlaume Enmne Jisroel-Verband" vereinigt und die Erstarkung der orthodoxen Weltorganisation Agudas Jisroel läßt hoffen, daß auch die amerikanische Orthodoxie ihr festes Gefüge noch erlangen werde. Im weiteren riet der Gerer Rebbe von der geplanten Gründung eines Komitees unter dem Namen „Esras Thora" ab, da es eher angebracht sei, alle Mittel und alle Kräfte zur Unterstützung der bereits vorhandenen Thorainstitute, die im Geiste der Aguda geleitet werden, anzuwenden. Ein bekannter Philantrop überreichte einem Agudaführer in Warschau 30000 ML. mit der Bestimmung, das Geld als Grundstock für die Herausgabe einer orthodoxen hebräischen Wochenschrift anzulkgen. Man hofft, daß der Plan noch weitere Förderer sinden wird. In Wilna tagt zur Zeit eine aus sämtlichen Rabbinern Litauens vertretene R aöb in er- Konferenz. Auf der Tagesordnung stehen wichtige Fragen von großem Interesse für die littauische Judenheit. Der Warschauer „Jud" kündigt für die nächsten Nummern den Abdruck einer neuen Broschüre von Dr. Nathan Birnbaum unter Propheten und Talmud für diejenigen haben, die des schnöden Gewinnes wegen den Namen ihres Gottes irnd ihres Volkes entehren .... Aber gewöhnt euch um Himmels mitten nicht, in jedem, der etwas kauft und verkauft, uni sein Haus zu erhalten und seine .Kinder zu ernähren, einen Schieber zu verdannnen! . . . Eine OrganMon de? Juden „Haolam" erhält von seinem Berichterstatter in Algeerras einen Bericht, aus dem hervorgeht, daß die unter spanischer Herrschaft Lebenden Juden ein reges Gesellschäftsleben führen. Bor zwei Jahren wurde in der spanischen Zone von Marokko unter Lern Namen Assoeialion Hispano Hebräü eine Gesellschaft gegründet, welcher Spanier und Juden angehören und in Tanger, Tebuan, Abacar, Ansila und anderen Städten Zweigstellen besitzt. Der Zweck dieser Gesellschaft, die heute bereits mehrere tausend Mitglieder zählt, ist, eine Annäherung zwischen den Juden Spaniens zum Zwecke gemeinsamer Arbeit für das Land zu fördern und das Ansehen der Juden in der spanischen Oeffentlichkeit zu heben. Der stärkste Zweigverein der Gesellschaft ist in Tetuan, der Hauptstadt des spanischen Gevietes von Marokko, woselbst auch der größte Zweigverein besteht, dessen Präsident der jüdische Arzt Dr. Jakob Gueta ist. Im Präsidium und den Ausschüssen der einzelnen Vereine fitzen auch viele angesehene Spanier, unter ihnen hohe Offiziere und Beamte. Dieser Umstand sichert der Gesellschaft das Ansehen und den nicht geringen Einfluß, den sie bei den Lokaldehörden und bei der Zentralregierung genießt. Dies geht wohl am deutlichsten aus der Tatsache hervor, daß König Alfons XIII. von Spanien das Ehrenpräsidium und somit das Proiekloint über die Gesellschaft artgenommen hat. Der Große Rat der Gesellschaft hat seinen Sitz in Madrid. Präsident dieses Gran Coufejo ist der bekannte judenfrerlndlrche Senator und Publizist Dr. Angel Pulido, der feit Jahren eine starke publizistische Agitation für die Repatriierung der spanioltschen Juden führt. Sein interessantestes und au historischen! Material reichstes Buch auf diesem Gebiete ist das Werk: „Efpanoles gin Patria o!a rnza seferdt" (Spanier ohne Vaterland oder der sephardlsche Stamm). Zu den Mitgliedern dieses Obersten Rates gehören bedeutende Schriftsteller, Parlamentarier, Gelehrte, unter ihnen auch die Juden Dr. A. S. I a h u d a und Dr. Leon Gueta. In diesen Tagen findet in Madrid ein großer spanisch-jüdischer Delegierteistag der Gesellschaft statt, der laut Programm durch den Minister des Neußern, MaryuiS de Lima, eröffnet wird. Auf dieser Tagung stehen sehr wichtige Fragen betreffend die politischen und bürgerlichen Rechte der Juden in Spanien, sowie bezüglich Heranziehung der „verstoßenen Söhne Spaniens", der im Orient und in Amerika zerstreut lebenden sepyardischen Juden, znr Beratung. Auch »kn Empfang des Delegiertentages durch den König steht auf dem Festprogramm der historisch interessanten Tagung. (Der protze Kurfürst). Zum 80». Geburtstag des Großen Kurfürsten ist hervorzuheben, daß sich des Großen Kurfürsten religiöses Duldsamkeitsgeftthl auch aus die Juden erstreikte und seine Forderung, „das unchristliche Verketzern, Verlästern und Verdammen'* zu unterlassen, inbczug auf die Juden nicht ganz ohne Wirkung sein konnte. Unter dem Kurfürsten Johann Georg (1571—159S), waren die Juden aus der Mark Brandenburg ausgewseseu worden. Ju seiner staatSmännischen Weisheit und menschenfreundlichen Gesinnung gestattete der Große Kurfürst 1671 sünszig wohlhabenden jüdischen Familien, die mit vielen untreren aus Wien vertrieben worden waren, sich in der Kurmnrk nnzttsiedeln. Einige vor! diesen — etwa sieben — begründeten die Jüdische Gemeinde in Berlin. Der Aufenthalt war für 1 bie damalige Zeit selbstverständlich — mit gewissen Bedingungen und Beschränkungen verknüpft. So war jede Familie verpflichtet, jährlich Schntzgeld zu entrichten, dagegen waren sie im ganzer: Lande von Entrichlttug eines Leibzolls befreit. Im übrigen traf der Große Krrrflirst Beifügungen, die die Juden von Bedrückungen und Verfolgungen beschützen sollten. Die Juden waren rrnd sind allezeit diesem edlen Herrscher zu aufrichtigem Dank verbunden. (Nicht jeder Moritz ist ein Jude). Aus Budapest wird geschrieben: Gras Moritz Esterhazy, der gewesene Ministerpräsident, wurde vor einigen Tagen in Budapest tu der Nacht von vier bis fünf Personen übersatten und blutig geschlagen. Bei der Affäre spielt, wie man armimmt, der fatale Umstand die Hauptrolle, daß man den stolzen Aristokraten, der als einer der Kandidaten für den Staatsoberhauptposten genannt wurde, für einen Juden hielt. Seil einiger Zeit machen kleine Gruppen von Personen die Straßen von Budapest vom konfessionellen Standpunkt aus unsicher. Als nun Graf Esterhazy in der erwähnten Nacht von einem Bekannten . mit den Worten „Servus Moritz" angesprochen wurde, sielen mehrere Männer über ihn her und mißhandelten ihn.