Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 10 (11.3.1920)
- Date
- 1920-03-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 3 Nr. IS „als gute Juden" aufspielen und Volksführer sein können. Selbst wenn es den sogenannten Nationalräten gelingen sollte, noch weiterhin da und dort einzelne empfängliche Gemüter auch in orthodoxen Kreisen für ihre Bestrebungen einzufangcn — grade der orthodoxen Masse werden die Augen aufgehen und — übergehen, itt dem Augenblick, wo sie plötzlich ihr ^Judent um", das ihr soviele Jahrtausende mit dem Göttlichen idmüsch war, durch eine nüchterne Deklaration auf den Rang des „Czechenrums", „Deutschtums" oder „FranZosentumZ" hergbdrückeri soll. Wir halten es also für höchst unwahrscheinlich, daß das jüdisch-nationale Kataster in der Slowakei eine nennenswerte Zahl öoit Eintragungen erhalten wird. Daß diests Kataster ab rr zustande kommt, ist trotzdem sicher, da ja wohl Leine Minimalziffer zur Vorbedingung gemacht, sondern das Ganze auf die individualistische Grundlage der persönlichen Gewissensfreiheit gestellt ist. Die Folge also wird, wenn man die Dinge ihrem Laufe i'iberläßt, ein ungeheurer Tobuwawohu sein, unter dessen Herrschaft die gefährlichen politischen Nachwirkungen der offiziellen Fremdvolk-Erklarung für die Gesamtheit aller Juden — einerlei, ob sie sich jetzt als Fremdvolk „bekennen" oder nicht „bekennen", um so verhängnisvoller sein werden. Diese offizielle Kennzeichnung der bodcnuub heimatlosen Judengemeinschast als „Fremdvoll", mag man sie nun in Partetverblödung als Errungenschaft bejubeln, in ernstem sittlichem Heroismus als notwendiges Martyrium hinnehmen oder endlich als vernunftwidrige Desperadopolitik bekämpfen — sie scheint, sobald die Nationalisten ein jüdischnationales Kataster schaffen, nun einmal Tatsache zu sein, und die slowakische Orthodoxie stcht vor der ernsten Frage, ob sie nicht auf Grund dieser Tatsache, für die sie ja mit gutem Gewissen die Verantwortung ablehnen kann, der Wahrhaftigkeit und zugleich der Wahrung ihrer eigenen und damit der Volksiniercssen durch eine positive Politik zum Durchbruch verhelfen könnte. Sie könnte nämlich erklären: Wenn der Friedensvertrag von religiösen, ethnischen oder sprachlichen Minderheiten spricht, so kann damit unmöglich int Namen der Gewissensfreiheit der unerträgliche Gewissenszwang ausgrübt werden sollen, der darin besteht, daß man einer Minderheit, bei der Religion nun einmal bedingendes Kriterium aller Gemeinschaft ist, geringere Rechte gewährt als einer andern, die sich nur durch Rasse und Blut Der JSraeUt. gebunden fühlt. Wir beanfpruchen staatliche Anerkennung als religiös-ethnische jüdische Minderheit in der Slovakei und Eintragung aller derjenigen Individuen in das Kataster dieser Minderheit, die sich durch Zugehörigkeit zu einer orthodoxenGemeinde zu deren Grundsätzen bekennen. Schon der Aufbau eines orthodoxen Erziehungswesens mit staatlichen Zuschüssen, die Anerkennung derJeschiwaals höhere Schule dieser orthodoxen ethnischen Minderheit wären Ziele, die Bemühungen nachher Richtung unserer Vorschläge gewiß als höchst wünschenswert erscheinen ließen. Außerdem wäre damit aber auch der Gefahr begegnet, daß eine kleine lärmende Minderheit von Nationalisten sich dauernd als politische Vertretung ber Gesamtheit vor dem Staate aufspielt, während die an die Wand gedrückte „bloß" konfessionelle Autonomie ihr Dasein in der Rumpelkammer historischer Reminiszenzen fristen kann. Hier beißt es jedenfalls scharf beobachten und im rechten Moment entschlossen handeln. Eine deutsche Stimme für die Müden. In der „Bossischen Zeitung", der man keine Vorliebe für jüdische und gar ostjüdische AZ vorwerfen kann, spricht Herbert Eulenburg, unbeirrt vonr Geheul der wild hinter den Eiugewanderten hertrabendrn Meute — es sind leider nicht allein Antisemiten an dieser Jagd beteiligt — ein treffliches Wort zur Oftjudenfrage in Deutschland. Nach zweifelsfreiem Ausweis über seine rein arische Abstammung erzählt er, was ihn während des Krieges zu den Ostjuden geführt und wie er diese gefunden hat. Natürlich fand er, daß es Menschen wie allerorts aus Erden waren. Das heißt, Wesen mit guten und schlechten Eigenschaften. Was ihm besonders stark zunächst bei den litauischen Juden aufsiel, war ihre Geistigkeit, ihre lebhafte Vorliebe und Begierde, sich immerwährend zu bilden. Man trifft unter ihnen, berichtet er, sehr viel unterrichtete Menschen. Früher .. hat man sich hier vor allem mit dem deutschen Schrifttum befaßt. Erft im letzten Jahrzehnt kam auch die Beschäftigung mit den russischen Dichtern mit Tolstoi und Dostojewski, sehr auf. Indessen begegneten ihm unter den Juden Litauens und Polens zahlreiche Leute, die beispielsweise Gerhart Hauptmann wörtlich anzuführen wußten. Der litauische Jude gilt unter den Oftjuden überhaupt als der bildungsfähigste und am tiefsten veranlagte. Auch in Glaubensfragen. Hier neigt er 11. März 1920 | tat Gegensatz zu den weniger gebildeten polnischen Juden stark zur Aufklärung und zum - Nationalismus. Von einer rein und ausj schließlich gezüchteten Kaufmannsnatur kann bei diesen Leuten, die sich viel und gern mit geistigen und künstlerischen Dingen beschäftigen, gar keine Rede sein, natürlich spielt der Handel eine große Rolle bet ihnen, weil die meisten auf ihn angewiesen sind. Eulenburg schildert das halbbetrübte, halb entsetzte Gesicht des armen kleinen Gasthausbesitzers in Janow, der als Handelsjude und Schmuggler bei der deutschen Behörde figurierte. „Als ob Jude und Schmuggler ganz genau das gleiche wäre, tut Ihr Deutschen immer!" so jammerte : er mir zum Lachen kläglich vor und entschuldigte sich ein über düs andere Mal vor sich selber: „Ich war auch gern etwas Besseres geworden, ein Studierter oder Beamter. Aber'ich Hab doch nichts anderes gelernt wie Handel treiben. Man hat mich ja zu nichts anderem zugelassen." Doch die schlechte Behandlung, die man schon im Kriege von tonangebender Seite gegen die Oftjuden beliebte, auf deren Vermittlung die Offiziere,, wie die Zivilverwaltung fortwährend arigewirsen war, hatte auch ihre sehr ernsten Seiten. Die Freude, um nicht zu sagen Begeisterung, mit der die Ostjuden den etnrückenden deutschen Heeren entgegenkarncn, mit denen sie sich schon durch das Jidisch so schnell verständigen konnten, schlug bald in Verstimmung und tiefe Verbitterung um. Auch der Ostjube sieht sich nämlich nicht gern wie einen Hund behandelt. Und die Verkehrsform durch die Reitpeitsche,-mit der manche unserer Herren dort nur zu leichtfertig umgingen, verletzt sein trotz aller Demütigungen gern auf Stolz gestellte Gemüt. Infolgedessen hat sich nur zu oft das von Nietzsche aufwühlend zergliederte Ressentiment bei ihnen gegen das Deutschtum herausgebildet, ein grollendes Nachträgen, das sich gelegentlich auch häßlich äußern kann und keinesfalls zum gegenseitigen Verständnis der Rassen beiträgt. Man hüte sich wie vor Allgemeinheiten überhaupt so auch davor, die Ostjuden unter dem Decknamen „Galizier" als Schieber in einen Kehricht zu fegen. Es gab und gibt im ostjüdischen Proletariat beispielsweise viele Handwerker, durch deren Aufnahme wir nur gewinnen könnten. Die Juden haben in Polen vor dem Krieg die zuverlässigsten Schuster wie die geschicktesten Schneider gestellt. Eine Torheit ohnegleichen ist es, diese Leute mit Gewalt undVerhetzung eiligst ausDeutschland herauszudrängen. Man erwehre sich nach Kräften vermittels des Strafgesetzbuches und der vielen Zusatzgesetze dieser Zeit der schlechten und unehrlichen Klaffen und Kreise „Schieber st Hl 1 Mini braucht es nicht e::ft zu erlauschen, man hört cs in allen Gassen schreien, laut und vernehmbar: „S ch i c b e x"! Wie leicht sich uns das Wort aus dem Munde schiebt. Wer etwas kaust oder verkaust, wer Ware anvtetet oder danach fragt, besonders wenn er gar östlicher Typ ist, ist Schieber. Hat er aber auch noch einen guten Rock an, so ist er Großschieber und bringt Unglück über Deutschland oder über die Judenheit . . . Wenn deine vor orgliche Frau das fettlose Mehl — zum Ersatz — stark gewürzt har und du dem Verdursten nahe, auf dem Wege zur Nachmittagsarbeit zu einem schwarzen Kaffeeersatz mit Saccharin einkehrst, so kann es dir passieren, daß du bald zwischen blitzenden Bajonetten der tapferen Reichswehr in Gesellschaft von hohen Herrschaften aus der edlen Lcmgfingerzrmft zum Gaudium aller Marktweiber und der gesamten Schuljugend den Parademarsch auf das Polizeipräsidium mitmachst.... Man schiebt eben nicht ungestraft Kaffeeersatz mit Saccharin versüßt —in die durstige Kehle hinunter.... Doch -vollkc ich keine Kriminalromane erzählen. Ich wollte zunächst vom Begriff Schieber über- Haupt sprechen. Der Deutsche nennt Geschästemachen „H a n d e l", was sicher daher kommt, daß der Händler die Ware mit der „Hand" von Mann zu Mann geschoben hatte. Da dieses Geschäft wohl nicht immer ungestört in Frieden und Frcundsch >ft vor sich ging, so entstanden bei dem Handel auch Handel. Der Hebräer hat dafür das treffliche, kaum restlos wiederzugebende Wort: „Massou matton", wörtlich,- „Geben und nehmen", d. h. von einem zum anderen schieben. Und der Bolksurund sagt von einem, mit dem man nicht in Händel geraten möchte, man sollte mit ihm gar kein „Masso umatton" haben .... Der Aramäer nennt Händler „Tagri", die aber zuweilen so laut und lebhaft, vielleicht auch mir schlagenden Beweisen arbeiten, daß dabei „Tigro" (Händel) nicht ausbleiben. Aber ich wollte ja keine philologische Vorlesung hier hallen, sondern vom Schieberlume sprechen und beweisen, daß, ohne ein rvenig geschoben, es bei keinem Volke, in keinem Lande, zu keiner Zeit und in keiner Sprache abging .... Wenn ich etwas kaufe oder verkaust, so habe ich selbstverständlich einen Gegenstand, der sich bis dahin in meinem Besitz befand, in den Besitz eines Anderere geschoben. Darum bin ich noch lange kein Schiebert Auch der Ausländer verdient, wenn er scharr nicht geliebt und geachtet wird, daß wir ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen. Ich kenne einen Mann, der vor etwa zehn Jahren hierher verschlagen wurde, staatenlos, ohne Papiere, ohne Geld, ohne Heimat, ohne Annehmer. Sein Vermögen bestand in sieben Kinderchen und einer Frau, die so werrig wie er 'wußte, suie man hier auf dem! fremden teueren Pflaster die Kleinen, die die Unartigkeit hatten, dreimal täglich essen zu verlangen, zu I befriedigen. Ein Handwerk hatte er nicht gelernt,! vom Handel wußte er nichts. Wir verschafften ihm j verschiedene Stellen, deren jede er mit gleicher metster- > i ho.per Ungeschicklichkeit versah, bis er sie, rlchriger, sie? ihn, ausgab. Der Manu war ein Problem, ein i wachsendes Problem, da jedes neue Jahr der Familie s ein neues leberides Glied anfügte. Nun kam der Krieg. [ Man hörte von dem Mann nichts. Auch seine Gönner, die ihm zuweilen an die Hand gingen, bekamen ihn eine zeitlang nicht zu Gesicht. ( Bor kurzem traf ich ihn aus.der Straße. Er hatte einen tadellosen Heberzieher an und nagelneuen Hut auf irnd eine lederne Mappe unter den: Arm. i „Na, auch Millionär geworden"?, wunderte i ich mich. i „Jawohl", war die Antwort, „auch Millionär." Sein Vermögen betrug beinahe 80 000 Mark. Wer ' hätte das gedacht? .... „Was sollte ich machen"'?, sing der „Kriegs- Millionär" an, als müßte er sich seines Reichiumes entschuldigen. Ich wußte nichts anzusangen und der Krieg nahm mir die allerletzte Verdienstmöglichkeit. Da mußte \l)f wie so viele andere, mich ans den Handel werfen. „Ich verkaufte alte Säcke, alte Flaschen, dazu reichten meine Geschästskenntnisse noch gerade aus. Und so kam eS, ohne daß ich es wollte .... War gezwungen, Geld zu verdienen. Ich muhte, um nicht mit meinen' Kindern gänzlich zu verhungern, „Millionär" werden . . ." So verteidigte sich der Mann, und das ist typisch für Hunderte, ja für Tausende. Alan macht den Leuten einen Vorwurf daraus, daß sie das tun, was ihnen allein noch übrig blieb, um nicht betteln zrr gehen und der Oeffentlichkeit zur Last zu fallen. ES gibt auch wirkliche Schieber, echte rechte Schädlinge der Gesellschaft und besonders des Judentums. Diese sollen weder geschont noch geschützt werden. Diese treffe die ganze Strenge des Gesetzes und die ganze Schwere des Fluches, den Thora