Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 9 (4.3.1920)
- Date
- 1920-03-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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f Getts Skr. » Me -er Sorfrichter Lajos einen Sied -efiraste. «on Bergingenieur L. Rosenthal-Basel. Der ungarische Jude ist nicht de- und wehmütig wie sein russischer oder galizischer Vetter. Cr. (rennt seinen Wert. Freimütig, selostbrwufft, rntelttgent, verwachsen mit dem Volke und angesehen von (diesem alS ein Gleichberechtigter, ja oft sogar, toi: in Mn slowakischen Distrikten, als ein Höherstehender, ist er nicht selten an der Spitze Der dörtlicheu Gemeinwesen zu finden. Der jüdische Dorsrichter, auch Torsnotär genannt, ist eine häufige Erscheinung in jenen Gegenden. Von einem solchen Dorsrichter will ich ein Stücklein erzählen. Lajos war „Faktor" eines großen Gutsbesitzers in der Nähe von Sillein, das jetzt von -den mit (Gewalt nationalisierenden Magyaren Szvlna genannt wird. Woher der Name „Faktor" fonimt, 'habe sich nie ergründen können — vielleicht vom Faktotum oder Kalfaktor, auch als „Macher" kann man ihn übersetzen. Und der Lajos machte in der Tat alles, womit ihn der gnädige Herr betraute. Brauchte der rasch Geld — Lajos beschaffte cs. War Getreide, ein Stück Vieh oder sonst was zu verkaufen — Lajos besorgte es. Alles ging onrch ferne Hände. Auch den Alleinvertrieb des Branntweins, der in der gutsherrlichen Brennerei hergestellt wurde, hatte er, sodatz er neben seinen vielen Gejch'iftea nock eine Wirtsstube hielt. Jin tiefen Winter war es. Ein eislgcr Sturm fegte den Schnee von den Hügeln zu Tal taub leine Kälte herrschte, daß .selbst die Wölfe aus den nahen Karpathen sich bis ins Torf hinabwagten, um irgend etwa« für ihre knurrenden Mägen zu erwischen. Im wohlgeheizten Schenkzimmer des Lajos saß nur ein einziger Gast, der Kleinbauer Joscy Bozewics, vor einem Glase Schnaps, ihm gegenüber der Wirt; sie redeten eifrig über einen Kuhhandel. Man sagt den Slaven nach — ob mtt Recht Uber Unrecht wollen wir dahingestellt sein lassen —, daß sie es oft mit dem Mein und Tein 'nicht Ezu tzeuau nehmen und erzählt sich darüber allerlei schnurrige Geschichtlein. Kommen da z. B. drei kroatische Soldaten gelegentlich eines Manövers zu einem niederösterreichischen Bauern ins Quartier. Kaum sind sie zehn Minuten da, sagt schon oer eine Zum sanvern: „Hast du gesehen Jeschko, Lössel silbernes, woZ hot Bauer?" Blinzelt der Jeschko mit den schlauen Aeuglein und antwortet leise: „Hob ich schon." „Host du gehabt", kichert da der dritte, der Petto, „hob ich". Und klopft aui seine Brusttasche. Der Joscy war auch einer von denen, die . . . sagen wir: „flavische Talente" hatten. Mühlsteine und glühendes Eisen beachtete er nickt. Dabei hatte er es gar nicht nötig, denn „er stand sich gut" wie man zu sagen pflegt. Wie schon erwähnt, besprach er sich mit Lajos über eine frtschmilcheno: Kuh, die dieser von ihm kaufen wollte; sie konnten aber nicht recht handelseins werden, bcmi Lajos bot nur 180, Joscy aber Verlangte 200 Kronen/ Ein Glas Schnaps nach dem andern hatte es sich LajoS sckon kosten lassen, aber umsonst — oer Bauer stand schließlich aus. zog seine dicke, mit ausgenähttn Tulpen verzierte Bund« an und machte Miene davonzugeheu. Da schellte die Ladentür auf der anderen Seite oes Flurs. „Einen Augenblick, Joscy ich &?ti gcejch znrück" rief Lüjliö und sprang davon. Ddr Bäüdr blieb stehen ini& sah sich grlcragtocili: lm BimsHfs um, ei'iii schsvV LKb-'SSüZ:• blicb shf kiriM <&tm LlveiMnMm BrrrkMumMn Aisten, oer auf einem Teller lag und an: nettster ftarw. Das Gelüst siegte über die Klugheit •- schon hörte er die Schritte des Zurückkehrendeitz und schnell wie der Blitz klatschte er sich daher den Klumpen aas den Kopf und stülpte seine hohe Fellmütze darüber. In die Tasche hätte er ihn nicht hinc-inbringen können, das batte er gleich gesehen. Mer der Lajos hatte auch was gesehen Allerdings nichts weiter, als daß der Mann so auffallend hastig die Mütze niederwg; aber als sein Blick auf den leeren Teller fiel, kombinierte er sich schon das Weitere zusammen, und sein Verdacht wurde noch bestärkt, als er das verlegene Wcken des Joscv bemerkte. Er verzog inoessen reine Miene -- mußte er sich doch erst überlegen, wie dieser Fall zu behandeln war — klopfte freundlich dem Joscy auf die Schulter und sagte in besorgtein Tone: „Ick laß dir nix fort bei dem Wetter. Hör nur, wie oer Sturm um das Haus heult. Tu commst nix onrch — den ganzen Gemcindehotter hat cs so mit Schnee verweht, daß du knietief darin versinkst. Komm, wir wollen einen starken süßen Grog trinken — ich Hab heut Geburtstag - brauchst nix zu zahlen dafür. Grog ist gut bei de:n Werter. Nachher urarschicrst du noch einmal so flink." Starken, süßen Grog - den traut der Joscy für fein Leben gern, besonders wenn es nicht aus seiner Tasche ging. Hatte er ihn drunten, dann tonnte cr fick noch inrmer davon machen. So besann er sich nicht lange und ließ sich von dem ränkevollen Wirt, der inzwischen schon»sein Planchen gemacht hatte, in den Winkst neben den Kachelofen drücken. Der TSrüLltt. i Damit et ihm nicht auskonnnen konnte, rückte La-! jos noch einen Tisch davor. Dann rief er sein f Söhnchen Sami Herbei. „Geh/ in die Küchst Sami. I' und sag' der Mumme, daß sie soll zurecht machen zwei große Gläser Grog, aber vom besten sagst du. Dann legst du von draußen noch, ein paar dicke Stücke Holz nach in den Ofen, denn es ist grausam kalt heut, und der Joscy soll sich noch gründlich durchwärmen, ehe er fortgeht." Damit setzte er sich an den Tisch, dem Slowaken gegenüber, während Sami davonging, die ihm aufgetragenen Befehle zu erfüllen. Im Stillen wunderte er sich ein wenig, daß der Tate heut so kalt hatte; denn es war doch in der Stube w heiß wie in einem Backofen. Aber als gehorsames Jüngelchen schob er vom Flur ans noch ein paar trockene, große Wurzelstücke, sogenannte „Stuken" in den feurigen Rachen des Osenungeheuers hinein. „Nu, - was is mit unserem Geschäft?" Lob jetzt der Lajos an, „180 Kronen sind ein schönes Geld mein ich — sag' ja und schlag ein." Damit streckte er dem andern die Reckte hin. Der aber wartete mit Ungeduld auf das Erscheinen des Grogs, den er noch schnell genehmigen und fick dann auf die Socken machen wollte. Cr fühlte den beginnenden Schmelzprozeß der Butter und bereute es schon insgeheim, daß er sich hatte aufhalten lassen. „Unter 200 Kronen gebe ich die schöne Kuh nicht her" murrte er. „Es ist gut, daß du mich daran erinnerst — ich muß heim sie zu füttern. Kommt der Grog bald? Sonst gehe ich." „Kommt sofort, Joscy. Aber sei doch nix so ungeduldig — sie wird nix gleich verhungern, die Kuh. Und deine Frau is doch auch noch da, sie zu versorgen. Nu hör mein letztes Wort — 190 Kronen sollst du haben — weil dus bist. Ick hoff' damit wirft du endlich sein zufrieden." Der Joscy überlegte. Er saß da ,,wie Butter an der Sonne", ein Vergleich, der sich ihm unwillkürlich von selbst aufdrängte. Einer Träne gleich lies gerade ein dicker Tropfen seine Nase entcaag. War das nun Angstschweiß oder . . .? Da brachte die Hausfrau den dampfenden Grog. „Sollst leben, Joscy!" rief Lajos und stieß sein Glas gegen das des anderen, der cs mit sichtlicher Wonne langsam, aber aus einmal ausschlürfte. Dann erhob er sich, um fortzugehen. „Tersmtete!" fluchte Lajos. ,,Wirst doch nock nix sortgchen — müssen doch erst noch unseren Handel zu Ende bringen." Und etwas pikiert setzt? er hinzu: „Nachdem du jetzt meinen guten Grog getrunken, willst du dich drücken. Sehr nett von dir." „Aber ich muß heim!" schrie der Geängftigte, „ich habe noch viel zu tun, darum Halter mich nicht länger auf. Die Sache mit der Kuh können wir ja ein andermal besprechen. Jetzt muß ick fort!" „Er — ei — das ist ja recht sonderbar, daß du es ,o eilig hast. Da steckt sicher was dahinter." Der Joscy erschrak. Er durfte sich nichts merken lassen. Der Jude war als klug bekannt — hatten sie ibn doch deswegen zuirr Dorsrichter gewählt — und es wäre eine verfluchte Geschichte, wenn er den Diebstahl, entdecken würde. O, wie er cs schon bereute, daß er sich hatte dazu verleiten lassen. Er .heckte Butter auf dem Kopf — nicht nur sinnbildlick — nein richtige, schmelzende Butter, denn er fühlte sie immer starker über sein Gesicht triefen. Und die Hitze! Der riesige Kachelofen prahlte eine Glut aus, als ob die Gaststube des Lajos in ein irisches Hcißlusrhao umgewandelt werden sollt:. Die „Stuten" ti-s Jüngelchens Sami raten ihre Wirkung. Aber der Lajos durfte lim keinen Pcvis stBsrvachr schöpfen. UUÜ so Uey; er sich beim bim diesem wietz^x ans itiNtii Platz im Qftuwirrköl uirderdrücken mb de- 'iKerffß minltmti „C? ist so heiß tzit? - mürr tzulls js kaum «as " warum behältst du denn auch deine Mütze auf?" frug Lajos und machte eine Bewegung, als ob er sie ihm vom Kopse nehmen wollt. „Nein - nein!" schrie der andere und fuhr blitzschnell mit beider! Händen danach, um sre fcstzuhalten, „ich bin erkältet — schwer erkält't - ick habe -- ich muß ..." „Schwitzen, Joscy, — tüchtig schwitzen mußt du — dann gchtS wieder weg", ergänzte Lajos den Satz, „uns da du gerade fest dabei bist, denn das Wasser läuft dir ja nur so übers Gesicht herunter, so halte noch ein Weilchen aus. Magst rwch einen Grog?" Der Joscy verneinte. Er saß da wie ein Häufchen Unglück und sann angestrengt darüber nach, wie er. ohne verdächtig zu erscheinen, es anfangen müsse, das Freie zu gewinnen. Aber es sah schlecht mrs sannt. Zer Lajos hatte noch seinen riesigen grauen Wolfshnnt-, dev in einer Ecke' schnarchte, herbetgepfiffen und sagte zu diesem: ,,2'ctz' dich daher, Török. Der Joscy will uns dadoussheu. Das soll er aber nicht. Paß gut auf!" Der Hund hob eine seiner Lefzcst, soduß die schneeweißen Fangzähne sichtbar wurden. Es sah aus. als ob er höhnisch lächele — wenigstens tarn es beia Joscy so vor. Auch behagte es ihm ganz und gar nicht, daß der Török nach den Wo'ten seines Herrn ein duinpstS vielsagendes Knurren bören li ß. Sicher hatte er ihn genau verstanom. (Schluß folgt.) I MSrz im MM»' i fi ®\ -'s. Ainderecke. Aus den Raschi - Geschichten.!!.*) Der Führer des ersten Kreuzzuges, Gottfried von Buullon, passierte auf dem Wege nach dem Heiligen Lande auch die Stadt Trotzes, und da er von dem großen jüdischen Rabbi Solomon Jrzchakl schon so viel gehört batte, beschloß er, ihn zu besuchen. Als er ins Haus kam, sah er die vielen Haufen Bücher und Rollen auf dem Arbeitstische Raschis, hörte auch seine Stimme, konnte ihn aber zunächst nicht sehen. Plötzlich aber erblickte er das strahlende Gesicht des Rabbi. Gottfried, der Raschi für einen Wundermann und Zauberer hielt, fragte ihn, ob sein Feldzug gegen die Ungläubigen irr Palästina von Glück begleitet sein würde. Nach einigem U eerlegen antwortete Nascht: „Ich weiß wohl, datz Du auf meinen Rat nicht hören wirst, dennoch wlll ich aus Deinen Wunsch Dir meine Meinung nicht voreuthatten. Du wirft die Heilige Stadt Jerusalem erober«, diese jedoch nicht Länger aiS drei Tage in Deiner Hand behalten. Schon am vierten Lage wirst Du aus der Stadt stüchten und vollkommen geschlagen in unsere Stadt mit nur drei und einem halben Pferde zurückkehren." Gottfried er zürnte über diese Weissagung und rief wütend: „Sollte ich jedoch mit ganzen vier Pferden wieder heimkommen, dann sollst du, Jude, diese Lügen mit Deinem Kopse büßen." Gottfried eilte von Sieg zu Sieg. An der Spitze seiner Schaar eroberte er die Stadt Jerujalem. Aber mcht lange dauerte d-.eseö Glück. Schon am vierten Tage mußte er mit seinem Heere aus der Stadt wieder heraus. Seine Scharen verminderten sich von Tag zu Tag und am Ende stand Gottfried nur noch mir einigen seiner Ntannen und vier Pferden da. In der ^iähe der Stadt Trohes errnnerre sich Gottfried der Weissagung Rajchis und er dachie: „So gavz ist diese ja doch nicht in Erfüllung g?» gnügcn, besitzk rch doch immtz noch ganze vier Äpst'L. Das koll mir der Judr rn der Stadr schon ItiicC öEzichlLitt" Slürrrrrsch pochre <&mkkb an das Stadttor. Die Torwächter, aus dem Schlafe geschreckt, veeilten sich, das Tor auszuziehen und der Ritter zog mtc semem letzeen Reste em. Bevor sie aber alle drinnen waren, Uetz der Torwächter aus Bersehen das Seil locker. Die Tordalken stürzten mit Rtachr herunter, fielen aus das vierre Pfero und teilten es in zwei Stücke. So hatte sich die Prophezeiung Raschis erfüllt, denn Gottfried halte, als er die Sradt wieder sah, in der Tat nur noch dreieinhalb Pferde. Gottfried gedachte, den R^ghi aßem Volke zu ehren, doch war Nascht inzwischen schon verstorben. *) Siehe No. 7 des „Israelit." (R. Aibo:) Kein Mensch scheidet von der Welr, der nur die Hälfte dessen, was er sich gewünscht hatte, erlangt hätte. Koh. rab. zu 1,13. * (N. Chama b. Chantna:) Wie Eisen Elfen schärst, so schärfen Weisenjünger einander im Studium. Taan. 7a.