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Der Israelit · 1920-02-26 · Heft 8 (26.2.1920) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 8 (26.2.1920)
Date
1920-02-26
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Sette 8 91 x. 8 Der Mraelrs. 26. Februar 162» Me er Purim als Millionär gefeiert hat! „Wenn Ihr nicht so eilt, Reb Onkel, so werde ich Euch eine schöne Geschichte erzählen" hielt mich Paltiel auf der Straße an. Er wartete natürlich nicht ab, bis ich Miene machte, seine Erzählung anzuhören, sondern schoß gleich los, und seine Worte sprudelten wie ein überlaufender Bach. „Ihr müßt wissen", fing er an, „daß di? Säumigkeit, die Schiehmieligkeit manch einem in den heutigen Zeiten das Glück gemacht hat. Mein Vetter Loser, der vor dem Kriege zu faul und zu dumm gewesen ist, sein Warenlager zu verkaufen } weil er zu bequem war, aus dem Hause zu gehen, um die Kundschaft zu besuchen, — hat es erlebt, daß fünf Jahre später die Kunden zu ihm kamen und um die Ware bettelten. Er steht heute als Millionär da. Nun frage ich Euch, ist es nicht die Säumigkeit, die Schiehmieligkeit, die ihn zum Millionär gemacht hat?" „Na, na!" zweifelte ich, „Millionär . . . Er wird wohl seine hunderttausend Mark haben". „Nein", unterbrach Paltiel heftig. „Soviel hat er natürlich nicht. Aber doch mindestens seine 70—80000 Mk. Aber schließlich will ich ja nicht davon erzählen, sondern von mir selbst sprechen. Mich hat zwar die Säumigkeit nicht zum Millionär gemacht, aber sie brachte mir doch einmal einen sehr glücklichen Purim ein, und das ist es, was ich auch so gerne erzählen möchte, wenn Ihr es nur nicht so eilig hättet. Nun so höret: Ich bin von je her kein Freund von Lotteriespiel. Meine Frau aber dachte, da wir kein Glück in der usw. hatten, so sollten wir es einmal mit dem anderen Glücke versuchen. . . . Ich tat es des lieben Friedens wegen und war bald der glückliche Besitzer eines halben Loses der Preußisch- Hessischen - Landes - Lotterte. Ich tat den Zettel in meine Tasche und dachte, die Sache sei damit für alle Zeit erledigt. Aber wenn das Glück will. Es war an einem Freitag Nachmittag, schon so gegen Abend. Sabbatausgang sollte das Purimfest beginnen, und ich kam etwas früher heim, um noch einiges zu ordnen. Im Briefkasten lag eine halbgedruckte, halb geschriebene Postkarte mit der Firma der Lotterieagentur und folgenden Inhaltes: „Da Sie bis jetzt Ihr gezogenes Los noch nicht eingelöst haben, so werden sie gebeten, baldigst mit Ihrem Los zum Zwecke der Abrechnung und der Erneuerung des Spieles bei uns vorzusprechen". Ich sah die Karte mit großen Augen an und begriff zunächst überhaupt nichts. Dann dämmerte mir langsam die ganze Tragweite des Ereignisses auf: Ich hatte das große Los gewonnen. . . . Erst wollte ich aufjauchzen oder gleich ein wenig tanzen, aber als Mann von Kraft und Erziehung wußte ich mich zu beherrschen. Ich stieg langsam die Treppe hinauf, als wäre nichts geschehen. Meine liebe Frau war nicht in bester Verfassung und auch nicht in goldener Laune, es war kurz vor Sabbathünbruch und es gab vielerlei zu richten und zu schaffen. Ich aber stand und lachte ihr ins Gesicht und sagte zunächst garnichts.. Mein Benehmen erregte sie sichtlich und sie fing gleich in ihrer bekannten Freitagnachmittagmelodie an, über ihr Los zu klagen. „Das Los", unterbrach ich, „sollst Du nicht anklagen, ein Los kann zuweilen großes Glück bringen". . . . Da sie aber nichts verstehen wollte und weiter in ihrer Behauptung verharrte, sie habe das unglücklichste Los auf Erden, so wurde ich deutlicher. Ich sagte, man könnte zu Sabbath eigentlich noch etwas Kuchen und Torte beim Konditor holen und besonders für die Purimseuda wäre eine Gans und eine Flasche guten Süßweines auch noch am Platze... Sie staunte mich starr an und fragte, ob ich verrückt oder inzwischen gar Millionär geworden wäre. „Nein, verrückt nicht, aber Millionär? Darüber ließe sich Wohl noch reden.. Da sie immer noch nichts begriff, hielt ich ihr die Postkarte vor Augen. Der glüche Vorgang wie bet mir: Zuerst drzmpfe Sprachlosigkeit, dann Tränen und zuletzt noch eine kleine Rührungsszene, wie sie bet Eintritt von großen bedeutsamen Ereignissen unter Eheleute üblich zu sein pflegte. . . . „Hast Du auch das Geld gleich mitgebracht?" fragte meine Frau, nachdem sie sich vom ersten Glücksschauer erholt hatte. „Damit hat es gar keine Eile" sagte ich, „übrigens ist es ja bald Sabbath." „Und dann ist Sonntag," wandte meine Frau ein, „Du wirst doch nicht in der Ungewißheit drei Tage bis zum Montag warten wollen.-" „Das werden wir, üebe Frau. Dafür sind wir auch Juden und werden zunächst mal in Ruhe und Glück Schabbos und Purim halten. Den ersten Schahbas und den ersten Purim als wohlhabende Leute, vielleicht als Millionäre. . ." Damit gab sich meine Frau zunächst zufrieden und alles was Beine hatte, schwärmte aus, um im letzten Momente noch alle Barschaft, die im Vergleich zu dem Vermögen, das unserer harrte, ja garnicht mehr von Bedeutung war, in Speis und Trank für die kommenden zwei Tage umzusetzen. Sogar Blumen waren da. Als wir nach Schul das „Scholem Alechem" sangen, schien uns, als hätten die Engel selbst heute ein ganz anderes Gewand angelegt, wie es sich in einem Milllonärshaus geziemt. Frieden und Glück in allen Ecken. Noch einmal versuchte meine Frau, zu erwägen, ob es doch nicht „unter den ganz eigenen Umständen angebracht wäre," vielleicht mit Hilfe eines Ntchtjuden, des Dienstmädchens, etwa, auf der Lotterieagentur zu erfahren, was und wieviel und wieso. . . . „Wo willst Du hin," antwortete ich „Du wirst doch nicht schon andere Personen, und Nichtjuden gar, in unser neues Glück einweihen wollen?" „Aber die nächsten Verwandten dürften es eigentlich doch schon wissen", meinte meine Frau, „es wäre keine Art, wenn die es später aus dritter Hand, vielleicht aus den Zeitungen gar erfahren". „Nun ja, die nächsten," gab ich leise zu, und so kam es, daß am Sabbath Morgen nach Schul es bereits die ganze Kehillo wußte und alle Welt ins Haus geströmt kam, um uns zu diesem ganz unerwarteten Glücke freundschaftlich die Hand zu drücken. Kaum zu sagen, wieviel Freunde und Verwandte wir auf einmal hatten. . . . Einige entfernte Anverwandte ließen mehr oder weniger deutlich merken, daß wir auch unseres Fleisches und unseren Blutes nicht vergessen. . . . Unsere liebe Schwägerin Jachna hatte sogar einen ganz konkreten Fall: Ihre Aelteste nämlich wäre so weit. Bräutigam und alles Andere sind bereit, fehlt nur am Gelde und es wäre ein Fingerzeig vom lieben Gott, daß gerade jetzt, im rechten Momente, ein solches Glück in der Familie elngetroffen sei. . . . Daraus entstand bei Tisch nachher ein kleiner Familienstreit. Nicht eigentlich Streit, denn wir benahmen uns seit gestern Abend standesgemäß, wie es bei reichen, vornehmen Leuten üblich ist, und stritten nicht, sondern wir sprachen uns so ein bischen aus. Meine Frau war nämlich der Meinung, daß die Unterstützungen nicht allein in meine Verwandtschaft fallen dürsten, sie sei auch nicht „aus Stein" und habe auch Verwandte, die etwas brauchen können. Ich aber verwies zeitgemäß auf einen Satz in der. Megilla, wo klar zu lesen ist, daß „der Mann Herr im Hause sei und die Sprache seines Volkes spricht". . . . Natürlich sollten ihre Verwandten auch nicht ganz zu kurz kommen. . . . Cs fehlte nicht viel und aus dieser freundlichen Auseinandersetzung hätte sich doch noch ein richtiger Zank entwickelt, wenn wir uns nicht noch rechtzeitig dessen erinnert hätten, was wir von nun an unserem Stande schuldig waren. . . . Solche kleine Streitpunkte ergaben sich im Laufe des Tages noch mehr. Eine Neuorien. tterung in unserem Hause war unumgänglich. Die Wohnung war auf einmal klein, das Möbel altverblaßt. Meine Frau war zu allernächst für ein Klavier, ich für einen Bücherschrank. Wir einigten uns dann dahin, daß ich ihr das Klavier kaufe und sie mir den Bücherschrank. Bis zum Abend waren aber alle Klippen bei gegenseitigem Entgegenkommen und eingedenk der Tatsache, daß wir nun „ganz anders" sind, glücklich umschifft. Und nun war es Zeit, daß man „Schulen ging", zur Megilla. Während des ganzen Purimtages wurde das Haus nicht leer von Purimspielern, Vereins- Voten, Gelehrten und Ungelehrten, Sammlern und sonstigen Bettlern aller Art und aller Schattierungen. Meine Frau hatte in ihrem Glück»ihren ganzen Sparstrumpf geleert. Denn was hatten diese klingenden Münzen morgen, da die großen Gelder etntrafen, noch für einen Wert, und dem armen Volk machten sie heute Freude! Am Abend waren alle unsere Freunde bei uns zu Gast und die Seuda bildete sich unter der Hand zu einem kleinen Familienfest aus. Es wurden schwungvolle Reden gehalten und auf unser Wohl angestoßen. Mein Freund Ascher knüpfte an den vorgehenden und nachfolgenden Wochenabschmtt an und betonte, in kunstvoller Verarbeitung von einigen Dutzend Megiüasätzen, daß man auch „im Glücke seines Stammes und seiner religiösen Pflichten nicht vergesse". . . Ich wechselte einen stummen Blick mit meiner Frau. Und dieser war ein Gelöbnis: Wir wollten noch fernerhin treu zum Judentum halten. . . . So verging der glücklichste aller Purimabende. Am Morgen, Schuscham-Purim, stand ich Punkt halb neun vor der Türe der Agentur. Das Büro wurde aber erst um neun Uhr geöffnet. Der Mann hinter dem Schalter ließ sich aber geräumig Zeit, schrieb und schrieb und rechnete, wobei meine Ungeduld bis aufs Aeußerste wuchs. Ich hatte eigens einen Beutel mitgenommen, mit eigener Vorrichtung für große Banknoten, stand nun mit der. offenen Brieftasche da und wartete auf mein Glück. Endlich kam das Glück, in Form eines kleinen grünen Zettels, auf dem mir folgende Zahlen gespenstisch vor Augen tanzten: V« Los gezogen.Mk. 25.— ab neues Los ...... Mk. 20.00 Stempel.Mk. 1.50 Saldo Mk. 3.50 Und zugleich mit dem Zettel erhielt ich drei Banknoten mitsamt fünf Nickelmünzen ausgehändtgt, mit denen ich dann wie im Rausch die Treppe hinuntertcmmelte. Ich eilte mich nicht sehr, mein Glück nach Hause zu tragen, sondern ging ins Geschäft und suchte Betäubung in der Arbeit. Als ich um die Mittagszeit sehr kleinmütig und pochenden Herzens nach Hanse kam, empfing mich meine liebe Frau mit einer Flut von sanften Vorwürfen. Das eigentliche Zanken halte sie sich seit vorgestern abgewohnt, öemt man mußte fortan stkndesgemäst sich benehmen. Aber wie man eine arme Frau so Hinhalten könne ... Als ob sie nicht Teil an diesem Glück hätte. . . . „Ja liebe Frau, du Haft Teil daran," schoß ich mit echtem Galgenhumor heraus „im Betrage von einer Mark und sünfundsiebzig Pfennigen". Und ich hielt ihr schweigend die Abrechnung hin. Das gleiche Bild von vorgestern, in anderer Folge. Schweigen, Bestürzung, Tränen und am Ende eine Flut von Worten-- die ganz und gar nicht mehr standesgemäs anmuteten. Ich aber verlor meinen Humor nicht und sagte: „Beruhige dich, Liebling, wir haben doch nicht umsonst gespielt. Wir haben einen großen Treffer gemacht, haben einen glücklichen Purim gewonnen, einen echten Mtllionärspurim. ..." „Nun frage ich Euch", lieber Freund, beendete Paltiel seinen Bericht, ,^hatte ich nicht dieses große Purimglück einzig meiner Säumigkeit und Schlehmiltgkeit zu verdanken?" »---■qgg?

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