Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 8 (26.2.1920)
- Date
- 1920-02-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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♦ // ♦ -7rAWMM°" LM WM «Ls W**’; 3m Iudensiaat der Lhasaren. Historischer Roman aus dem achten Jahrhundert. (4. Fortsetzung.) „Kosarios", Ben Chisdai legte die Hand auf die Schulter des Freundes, „Du kamst zu uns und wir fragten nicht woher und wohin. Mein Zeugnis, daß du starken Mutes und selbstlos mir rn harter Not beigestanden hast, genügte schon, dir alle Türen zu öffnen. Du hörst unsere Lehre und kennst unsere Art, ohne daß wir gefragt hätten, von welchen Gedanken und Interessen der Fremde zu uns geführt wurde. Siebt das etwa nach Absperrung und Abgrenzung aus?" „Das ist es eben", sagte Kosarios, „was ich an euch nicht verstehe. Nirgends in der weiten Welt, die ich gesehen, soviel Liebe, soviel Vertrauen, wie bei euch. Bis auf ein Letztes : aber, das immer noch in einem gewissen Augen- \ bllck trennend zwischen uns tritt .. . Heute war ' es der Wein ..." „D u, Kosario, hast die letzte Grenze nicht überschritten, du bist Nichtjude ..." „Meinst du damit, die Verschiedenheit des i Blutes, so ist dies eine Grenze, die nie veri schwinden kann, füglich bleibt ihr und bleiben \ euere Wahrheitsquellen den Anderen, bei aller I Zuvorkommenheit verschlossen." I „Nein, Kosarios, eine Grenze des Blutes er- I kennen wir nicht als unbedingt an, denn Blut I ist Angeborenes, göttliche Wahrheit kann aber I freie Errungenschaft, inneren Kämpfens höchster Preis sein.- Hast ja gehört, wie Sangori heute f aus dem Talmudbuche vortrug: Es heißt in der Schrift von den Geboten: „Daß sie der Mensch betätige, auf daß er durch sie lebe". Also wohl- , gemerkt, der Mensch? Nicht Priester, Lewtte j. oder sonst Jsraelite, sondern der Mensch wird hier an den Lebensquell gewiesen,' woraus hervorgeht, daß der Nichtjude, der sich die Thora aneignet, einem Hohenpriester gleichzustellen ist." „Und dennoch?!-" f. „Ja das Letzte, meinst du. Nun wohl, an den l Anderen liegt es, dieses Letzte zu überwinden) j ohne unser Zutun, ja trotz unseres Widerratens. [ Die Lehre vermählt sich mit ihrem neuen Bei kenner erst dann ganz, wenn dieser alle praktischen l Folgerungen daraus für sein Leben im Großen : und Kleinen gezogen hat . . ." „Ben Chisdai!" sagte Kosarios feierlich, „Ich war nahe daran, diesen letzten Schritt zu tun. Aber ich gestehe, auf der Reise, da ich die Welt und die Menschen in ihrer brausenden Fülle gesehen habe, sind mir von neuem Zweifel aufgestiegen. Siehe, Freund, all die Millionen auf [' dem weiten Erdrunde, in Ost und West, Nord j und Süd, am Meere und in den Bergen, die alle nicht eueres Glaubens und euerer Art sind! Sollten diese alle, die von euch nichts wissen oder sogar euch hassen, sollten sie alle im Unrechte sein und im Dunkeln tappen, während ihr allein, das hier und dort versprengte Häuflein, dazu 'auserkoren seid, die Wahrheit über Gott und ff Welt zu besitzen? — Ihr verzeiht diese offene 'Sprache, es ist nicht die Sprache des Hasses, r; sondern die von Zweifel gequälter Liebe. Es ^geht um die letzte Grenze.,. . ." Es trat eine kleine Pause ein. ,/Die offene Sprache ziemt dem ehrlichen Gemüte", sagte Ben Chisdai nach einigem Nachdenken. „Sprechen wir zunächst von unserer Auserwähltheit. So viel weißt du bereits von unserer Lehre und unseren Pflichten, daß diese Auserwähltheit kein Vorrecht bedeutet, sondern die ganze Schwere der Verantwortung, wie sie auf des Hauses Aeltestem lastet." „Ich verstehe", sagte Kosarios, „ihr nehmet für euch innerhalb der Bölkerfamilie die Rechte und Pflichten des Erstgeborenen in Anspruch. Aber die Anderen, die Vielen? Behält nicht gerade nach dem Grundsätze euerer Lehre die Mehrheit immer recht) wie wollt ihr euere Vorrechte oder, wie ihr sagt, euere höhere Verantwortung ihr gegenüber begründen?" „Wenn ich als unwissendes Mädchen ein Wort wagen dürste", griff jetzt Nechamah in die Diskussion ein, „so könnte ich hier den Vergleich anführen, den ich neulich vom Vater hörte. Es ist merkwürdig, dqß diese Frage im stillen Nachdenken auch mir schon in den Sinn kam, wie wohl ich die Welt und ihre Menschenfülle nur von Hören und Sagen kenne. Als ich jüngsthin Vater darüber befragte, wie es möglich sei, daß däskleine Häuflein der Juden gegen eine große Welt sein Recht geltend mache, zeigte er auf das Licht im Gemache, ein kleines winzigesOelflämmchen und es beherrscht drn ganzen Raumdann wies er auf das dicke alte Talnmdbuch auf dem Tisch. Ein Werk, sagte er, von Einzelnen und Wenigen geschaffen und es beherrscht die jüdische Welt bis ans Ende der Generationen. Wo bleibt hier das Gesetz vom besseren Rechte der Vielen? Hält nicht der eine Lehrer am Podium die Hunderte gefesselt? Da wo der Geist, der Gedanke herrscht liegt die Führung nicht in der Vielen Hand, sondern in der der Wenigen, Auserlesenen. Die Propheten waren einzelne und ihre Donnerreden erschüttern tausende Herzen bis auf den heutigen Tag . . ." . „Vortrefflich!" sekundierte Batsua, die voller Leben dasaß. „Siehst du nun Chisdai", fügte sie lachend hinzu, „was unsere Nechamah alles in der Zwischenzeit gelernt hat!" Ben Chisdai nickte zustimmend. War ihm der Inhalt ihrer Rede auch nicht gerade neu, so staunte er doch über die klare Art, in der Nechamah ihre Meinung zum Ausdruck brachte. Auch Kosarios hörte mit sichtlichem Interesse auf das Mädchen hin. „Ich verstehe", sagte Kosarios nach einiger Ueberlegung, „Israel ist das Licht, darum kann es den g anz en Raum beherrschen, es ist Prophet und Künder der Wahrheit, darum steht es, kraft des Geistes un^Gedankens, über der Welt — das ist von euerem Standpunkte aus alles wohl erklärlich. Aber nach Selbstbeischrtdung sieht, verzeiht, ein solcher Standpunkt nicht aus.'-" „Du übersiehst, Kosarios, daß unser täglich Gebet lautet, „es mögen alle Bewohner der Welt erkennen und anerkennen, daß sich vor Ihm beuge jedes Knie." Dünkel hat andere Stämme dazu geführt, sich mit ihrem Nationalgotte abzusperren. Unserer Wünsche letzter ist aber, daß das Licht, das wir tragen und das Worr, das wir verkünden, Gemeingut aller werden." „Dann müßtet ihr folgerichtig zu den Mitteln greifen, die die Töchterreligionen, die aus dem Schoße Israels hervorgegangen sind, angewandt haben, und noch anwenden. Ihr hättet gleich den Nazarenern Apostel in die Welt htnausfenden oder, wie Rr Prophet von Medina vor zweihundert Jahren, euerer Lehre mit dem Schwerte die Bahn ebenen müssen, um den Endsieg zu erringen." „Nein Kosario", erwiderte Ben Chisdai lebhaft, „die Wahrheit trägt ihre Werbekcaft in sich, ihr öurch das Schwert oder den Sendboten Nachdruck zu verleihen, halten wir für verfehlt und schädlich. Einst ist die Welt unser, in dem Srnne, daß wir uns zur Welt erweitern. Wer heute schon kommt — ohne unser Zutun und trotz! unseres Widerratens, von der Macht der Wahr- \ i heit angelockt und von ehrlicher Ueberzeugung geleitet, ist uns als der Erlesenen einer, die der Welt vorauseilen, willkommen." „Ihr weist aber den Einzelnen, der in eueren Bund ausgenommen werden will, zurück". „Nickt ganz und gar. Nur wenn äußere Beweggründe für die Tat sich Nachweisen lassen, wie materielle Vorteile oder Liebe zum Weibe. Ist der Uebertritt Erfolg inneren Ringens, dann /werden wir den Übertretenden dreimal warnen, ihn über die Folgen seines Schrittes für ihn und fein ferneres Leben aufklären und endlich den Beharrenden nach Erfüllung gewisser Vorschriften, wie sie für den Profelyten vorgesehen sind, als vollwertigen Bruder aufnehmen -" Kosarios dachte still nach und überlegte, als wollte er sich jedes Wort tief einprägen. „Kennt die Geschichte Fälle, in denen ganze Völker oder Stämme zum Glauben Israels übergegangen sind?" fragte er, „ich meine nicht, daß das Judentum — wie vor fünfhundert Jahren unter Konstantin dasNazarenentum — von irgend einer Macht zur Staatsreligion ausgerufen wurde, ich meine, ob schon jeeinganzerStamm Belehrung von seiten seiner Führer, ans innerer Ueberzeugung heraus sich zu dem Glauben Judas gefunden hat und damit auch zu der Lauterkeit des Herzens, die er erwartet hatte?" „Ja", sagte Ben Chisdai, „gerade bet meiner Anwesenheit in Babylonien konnte ich aus Urkunden und deni Munde zettenkundiger Weisen Genaueres erfahren über die Geschichte des Hauses Monobaz in Adiabne" „Erzähle, Chisdai, erzähle", drängten die Mädchen ungestüm. Und Batsua fügte noch, das brennende Äuge auf Kosarios gerichtet, hinzu: „Wie danken wir euch, edler Mann, daß ihr durch euere Fragen unserem Chi?dat die Zunge löset." „Es war um das Jahr zehn oder zwanzig nach der Rechnung der Nazarener", begann Ben Chisdai seine Erzählung, „die Zeit des großen Suchens nach einem Halt, da die Götterwelt in Rom und Hellas zu stürzen begann. Auch in Judäa und besonders in den Straßen Jerusalems fanden im allgemeinen Drang nach Erlösung neue Propheten, die neue Lehren verkündeten, das Ohr das Volkes. Um diese Zeit lebte in Adiabne, einem parthischen Vasallenstaate am Ufer des Tygris, der König Monobaz mit seiner Frau Helena. Diese erfaßte eine unwiderstehliche Liebe zu der Lehre Israels und sie ließ auch ihren Lieblingssohn Jzates im Geiste des jüdischen Gesetzes durch einen frommen jüdischen Gelehrten, namens Chananja, erziehen. Nach den Tode des Monobaz bestieg dieser mit Einwilligung des älteren Bruder den Thron von Adjabne, den er als Jude in echt jüdischem Geiste, bei Uebung frommer Taten, verwaltete. Nach und nach bekehrten sich alle Brüder, die ganze königliche Famile, alle Großen im Staate, sowie ein großer Teil des adjabnittschen Volkes zur Religion Israels, der sie durch Uebung frommer Werke und Entrichtung reicher Spenden für den heiligen Tempel in Jerusalem ihre Treue bekundeten. Sie empfanden ihre Zugehörigkeit zum Judentum so tief, (»daß sie sogar siegreiche Kämpfe mit den Heiden im Lande führten, die das jüdische Wesen befehdeten, zum Ruhme des einzigen Gottes. Ueber dreißig Jahre regierte der fromme König und von seinem Bruder Monobaz II., seinem Nachfolger auf dem Thron, erzählt der Talmud, daß er fast allseine Schätze für die Armen verwendete. Von den Verwandten darüber zur Rede gestellt, erwiderte er: „Meine Väter haben Schätze angesammelt, allein schlecht aufbewahri, an Stellen, wo sie vor Räuberhand kaum gehütet waren, ich lege sie besser, sicherer und fruchttragender an . . ." (Fortsetzung folgt.)