Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 7 (19.2.1920)
- Date
- 1920-02-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 Nr. 7 Der MraetU. 19 Februar 193pogromflüchtlinge. Ein aus Jaffa datierter Aufsatz der N. Z. Z. schildert den Zustrom flüchtiger russischer Juden nach Palästina wie folgt: Auf den wildschäumenden Wellen des vom eisigen Nordwind durchgepeitschten Schwarzen Meeres wackeln, Rußschalen gleich, Segler, Frachtschiffe, Fischerbarken, Küstenschoner, sämtlich mit eigentümlicher Ladung beschwert: Greise, Frauen, Kinder, Jünglinge mit vor Todesangst und Frost verstörten Gesichtern, vor Kälte zitternd, in ihren leichten, zerschlissenen Kleidern, mir ihren hölzernen Kistchen, in denen Reste armseliger Haushalte zusammengepackt sind. Diese von der Seekrankheit gepackten, von Hunger und Dnrst geplagten Menschen sind pogromflüchtige Juden aus Rußland, weiche die letzten paar tausend Rubel (und in Rußland ist heute der Tausendrubelschein die kleinste, einigen Wert besitzende Münze) geopfert haben, um in die schrecklichste aller Verbannungen zu gehen, ohne Paß, ohne sicheren Schutz, ohne daß sich irgendeine organisierte Körperschaft oer Welt um sie kümmerte. Viele von ihnen sind letzte Ueberlebende aus einer Stadt, die dem Erdboden gleichgemacht wurde, andere haben ihre Frau, den Vater, eilten Sohn verloren und sind selbst durch Aufopferung des ganzen Vermögens mit knapper Not dem Tode entronnen. Wie einst, nach der Austreibung aus Spanien, wird diesen Leuten nicht erlaubt, Mittel für mehr als einen Monat Unterhalt mitzuneymen, und genau wie damals, vor vierhundert Jahren, find sie unterwegs Herren- und rechtlos. Wohin fahren diese Unglücklichen, die ihr Heimatland aus speit und deren kein anderes Gebiet Asyl gewähren will? Sie segeln gen Osten, ihr Ziel ist die alte Heimat ihres vielgeprüften Stammes: Palästina. ^Sie wissen, daß sie Wochen, ja sogar monatelang unterwegs sein müffen, daß sie durch Sturm, Kälte oder Krankheit umkommen können, sie ertragen geduldig alle Demütigungen und die endlos langwierigen Quarantänemaßnahmen, erbetteln bei fremden Leuten oder bei eigenen Stammesgenoffen/ wenn sie das Glück haben, solche-irgendwo anzutresfen, den Unterhalt des nackten Lebens, bis sie sich nach fürchterlichen Reisestrapazen nach Jaffa durchschlagen können. Sie erzählen dann den Brüdern hier ihre Not, die blutige Not eines für vogelfrei erklärten Volkes in einem Lande, wo sich über die Hälfte desselben beisammen findet. Sie zahlen die Namen der Getöteten, Gemarterten, Erhängten, Erschossenen, lebendig Begrabenen, zu ewigen Krüppeln Geschlagenen auf, und Ströme heißer Tränen fließen aus ihren und der Zuhörer Augen ob der himmelschreienden Gewaütutsn, dis ihresgleichen in der Geschichte suchen. Die Bolschewicki hauen es ans die Reichen unter ihnen abgesehen, sie gewaltsam ihrer Habe beraubt und beim leisesten Widerstand sie wie die Hunde niedergeknallt. Den Zionisten m Rußland rückten die Bolschewicki ganz besonders auf den Leib, weil sie im Geruchs standen, ententefreundltche Gesinnung zu haben. Hunderte von Proskriptionsliften wurden mit jüdischen Namen ausgefüllt, und zahlreiche Opfer ihrem grausamen Schicksal zugeführt. Was aber vor der Wut der proletarischen Diktatur sich verbergen konnte, kam unter das Schwert der Drnikinschen Kosaken, die wahre Blutbäder anrichteten. Mit dem Schlagworte „Die Juden sind eine Gefahr für das rechtgläubige Rußland" als Parole durchzogen Trupps berittener Kosaken und Freischärler die jüdischen Städtchen, drangen in die Häuser ein und mordeten die Insassen oft bis auf den letzten Säugling, schändeten die Frauen und steckten die Häuser in Brand. Die Zahl der Getöteten beläuft sich nach vorsichtigen Angaben in die Zehntausende und die Art des Verfahrens bei diesen Maffenschlächtereien ist in Worten unmöglich zu schildern. In manchen Gegenden wurde die Brutalität bis zum Wahnsinn getrieben. In einem ukrainischen Stäbchen wurde der Rabbiner gezwungen, am Ufer des Stadtflusses unter gezückten Bajonetten die religiöse Weise „Kol Nidre" zu singen, um dann mit einem Stein am Halse ins Wasser geworfen zu werden. An anderen Orten kleideten sich die Mörder in die jüdisch-rttuellÄr GebettüLer und in diesem Aufzuge drangen sie in die jüdischen Häuser ein und schlachteten die Insassen ab. Ainderecke. Aus den Aaschi - Geschichten. I. lieber die Geburt Raschi's erzählt man sich folgendes: Zu Beginn des 11. Jahrhunderts lebte in Trotzes (Nordfrankreich) ein einfacher und angesehener Mann, namens Jzchak, der sich und seine Familie aus einem kleinen Handel schlecht und recht ernährte. Die Zeiten waren schwer/denn die Kreuzfahrer zogen durch das Land, die den Juden das Leben auf jede Art und Weise verbitterten. Was Jzchak und seine Frau am meisten bedrückte, war aber, daß sie kein Kind hatten und ihies Herzens höchster Wunsch blieb, daß ihnen der liebe Gott einen Sohn und Träger ihres Namens bescheeren möge. Da ergab es sich, daß ein Ritter auf dem Wege nach Palästina Trotzes passierte und dort in Not geriet. In seiner hilflosen Lage suchte er den jüdischen Händler Jizchak auf und bot ih m eine kostbare Perle zum Ankauf an, für die er 10000 Gulden forderte. Jizchak, dessen eigestes Vermögen diese Summe nicht erreichte, suchte aber aus Mitleid mit dem Hilfesuchenden ihm diese Summe zu verschaffen und so erstand tx den kostbaren Schmuck,!N der Hoffnung, ihn mit gutem Nutzen weiter zu verkaufen. Inzwischen hatte sich die Sache herumgeredet und viele Leute kamen in das Haus Jzchaks, um den seltsamen Glanz des Kleinodes zu bewundern. Zur großen Ueberraschung des einfachen Juden erschien, eines Tagesder Prior des Klosters in seiner bescheidenen Behausung und wünschte die Perle zu sehen. Wie er sie erblickte, sprach er sofort den Wunsch aus, sie für das Kloster onznkaufen, damit sie-dort das Herligenbild schmücke. Ein Beben überkam Rabbi Jizchak, als er das Ansinnen des Mönches vernahm, und er beschloß in seinem Innern den Schmuck zu diesem Zwecke nicht h::rzugeben. Da er es aber nicht wagte, den hohen Geistlichen glatt von sich zu weisen, forderte er eine ganz fabelhafte Summe. Wie erschrak er aber, als der Prior ohne Weiteres daraus einging und ihn nun aufforderte, mit ihm zu gehen, um den Betrag in Empfang zu nehmen. In Heller Verzweiflung trat Jzchak, die Perle in der Tasche, den Weg an der Seite des Geistlichen an. Auf seinem Wege griff er dauernd in die Tasche, die mit Nüssen angefüllt war, und führte diese in den Mund. Wie sie auf der Brücke anlangten, die über einen kleinen Fluß führte, tat Jzchak so, als würde er einige Nußschalen ins Wasser werfen und warf damit auch die Perle weit von sich. Nun schrie er aber ganz verzweifelt: „Der Edelstein ist mir in den Fluß gefallen, wehe, mein ganzes Vermögen ist dahin." Man suchte nach der Perle, konnte sie aber nirgends mehr finden. Alle Welt bedauerte den armen Mann, der so plötzlich um sein ganzes Vermögen gekommen war und keiner ahnte, daß der Jude mit voller Absicht das getan harte. Man suchte nochmals den ganzen Fluß ab, jedoch ohne Erfolg. In der Nacht war aber sein Schlaf gestört. Er hatte wohl mit Wissen und Willen den kostbaren Schatz, von sich geworfen, aber nun machten sich doch auch Gefühle der Sorge bemerkbar und er dachte darüber nach, ob sich nicht auch ein anderer Ausweg hätte "finden können. Da tönte ihm eine Stimme in die Ohren: „Jzchak, Du hast einen kostbaren Edelstein deinem Gott geopfert und dein Lohn bleibt nicht aus. Ein anderes Kleinods wird dir b'e» schieden sein, das auch Deinen Namen in sich tragen wird". Nach Jahresfrist erblickte im Hause Jzchaks ein Knabe, das, Licht der Welt, der den Namen Salomo erhielt. Es ist der spätere Salomo ben Jzchaki nach den Anfangsbuchstaben Raschi genannt, und in diesem Namen ist auch der des Vaters für alle Zeiten verewigt. Die perle im Sande. In der Schrift heißt es: „Dies sind die Häupter der Familien". Doch nur von Rüben, Schimon und- Levt werden die Nachkommen genannt, und als die Aufzählung bei Mosche und Aaron anlangt, bricht sie plötzlich ab. Hierzu erzählen unsre Weisen ein Gleichnis: Einem Manne war eine Perle zur Erde gefallen. Er füllte ein Gefäß mit dem Sande und ließ sorgfältig jedes einzelne Körnchen durch seine Finger gleiten. Als er endlich sein Kleinod gefunden hatte, schüttete er den übrigen Sand fort und erfreute sich feines Fundes. So beschäftigt sich auch die Schrift in der Folge nur mit Mosche und Aaron, den iGröhten unseres Volkes. Aus dem Talmud und Midrasch. Die sich beschimpfen lassen, ohne selbst zu schmähen, die hören, wie man sie beleidigt, ohne zu erwidern, die stets aus Liebe handele und frohen Sinnes Leiden ertragen, auf die. findet der ^Schriftvers Anwendung: „Gottes Freunde gleichen der Sonne, wenn sie aufgeht in ihrer Kraft." (Talmud Skbb. 88b) Wer dem Dürftigen ein Darlehen bietet, tut mehr als derjenige, der ihm eine Gabe reicht. Wer ihn aber in sein Geschäft ausntmmt, der übt die größte Wohltat. (Talmud Sabbat 63a) * Drei Kennzeichen weist der Jude auf: Er ist barmherzig, schamhaft und wohltätig. (Talmud Jeborn 79a), Rabbi Jannai beleuchtete die Worte „zu hoch ist dem Toren die Weisheit" (Prov. 24,7) mit einem Gleichnisse von einem hochgehängten Laib Brot, das dem Törichten für unerreichbar gilt, wahrend der Kluge, erwägend, daß irgend jemand das Brot so hoch gehängt haben müsse, es also — mit Hilfe von verbundenen Stangen “= auch wieder heruntergeholt werden könne, sich in seinen Besitz zu setzen weiß. Ebenso denkt ein törichter Schüler: Wie werde ich mir aneignen können, wgs mein Lehrer an Wissen besitzt. Der kluge Schüler aber spricht: Er hat es ja auch von einem anderen allmählich erlerntich will heute zwei Sätze lernen, morgen wiederum zwei, und so weiter, bis ich alles erlernt Habe. Schir rabba zu 5, 11. R. Jizchak: Wenn dir jemand sagt: „Ich habe mich — im Studium — bemüht, aber nichts gefunden!" — glaube es nicht,- „ich habe gesunden^ ohne mich bemüht zu haben!" — glaube es nicht „ich habe mich bemüht und habe gefunden!" — das glaube. Megilla 6b. (R. Jonathan b. Eleazar:) Zu Ps. 11,5. Der Töpfer macht die Probe nicht an den schwachen Töpfen, welche brechen, sobald er nur an sie schlägt, sondern an den starken Gefäßen, welche er hundertmal anschlagen kann, ohne daß sie brechenebenso stellt Gott nicht die Frevler auf die Probe, sondern Er prüft den Frommen." Gen. rabbah c. 33.