Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 7 (19.2.1920)
- Date
- 1920-02-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Feuilleton-Vellage zu Ar. 7 des „Zsraem". Kenttlrto«. MN Zm Zudenstaat der Lhasaren. Historischer Roman aus dem achten Jahrhundert. N (3. Fortsetzung.) Rabbi Jzchak Sangort war von der Lektüre des gaonitlschen Werkes in Babylonien ganz gefangen genommen. Die kurzen Thesen waren klar und bestimmt und enthielten all das in geordneter gut gesichteter Form, was man sich sonst erst mühsam aus des Talmudmeeres tiefem Grunde hervorholen wußte. Sangori las und las, prüfte die Quellen nach' und brachte Bemerkungen am Rande an. Denn es galt fürihn, sich über den Wert und die Bedeutung des Buches für die religiösen Fragen des Tages ein klares Urteil zu verschaffen. Da kam Nechamah auf leisen Sohlen ins Zimmer geschlichen und legte sanft ihre Hände um des Vaters Hals. „Hast du einen Wunsch, mein Kind?" „Zunächst nur eine Frage, lieber Vater." „So feierlich Nechamah? Frage nur!" „Darf sich eine Jungfrau von einem Manne beschenken lassen?" - „Von einem fremden Mann?" „Ist alles fremd, Vater, was nicht blutverwandt ist?" „Nein Kind, geistige Verwandschaft schätzt der Talmud hoch, so hoch wie Blutsverwandschaft oder noch höher. So bin ich beispielsweise der nächste Verwandte all meiner Schüler." „Auch des Ben Chtsdai?" „Natürlich, und erst recht, warum fragst Du?" Sie warf statt der Antwort die Brosche auf den Folianten. „Das hat er in Bagdad eigens für mich gekauft." Der Rabbi sah sich den Goldschmuck mit prüfendem Auge an.. „Ein goldenes Herz!" lachte er vielsagend. „Darf ich es behalten? Er selbst möchte nicht darum fragen." „Er hat es für Dich eigens gekauft," sagte der Vater scharf betonend, „und auch du darfst Chisdat nicht wehtun, nachdem er sich um uns alle so verdient gemacht hat". „Dann wird der Vater auch seinen Wünsch nicht ablehnen", lenkte Nechamah ab, „Chtsdai hat einen Freund mitgebracht, den er ins Lehrhaus eingeführt wissen möchte". „Du weißt, Nechamah, die Pforten unserer Lehrhäuser stehen jedem offen, der ganzen Herzens und reinen Willens kommt". „Er ist aber nicht unseres Glaubens, oder «och nicht", fügte sie leise und unsicher hinzu. Eine kleine Pause trat ein. Der Rabbi runzelte die Stirn. „Ein Nichtjude?w sagte er gedehnt, „Heide, Christ oder Araber? Welches Interesse kann er an unserem Kreise haben?" „Lernen, erfahren, die Wahrheit erforschen". „Die Sache ist nicht unbedenklich und — hat ihre Gefahren. — Der Rabbi sah in die Weite, als wollte er sich von irgendwoher Rat holen. — Viele kommen heute auf der Suche *ach neuen Zielen und neuen Idealen zu uns und nur wenige sind vom ernsten Wahrheits- -drang getrieben, und noch geringer ist die Zahl derer, die befähigt sind, den^anzen Ideengehalt unserer Lehre in sich auszunehmen, ohne Mtß-^ Verständnissen und Mißdeutungen zu verfallen." Auch find Judas Feinde allüberall noch wach und am Werke, uns Fallen zu stellen, man muß Vorsicht üben . . ." „Ben Chisdai bürgt für ihn, er ist sein Freund, sein Lebensretter und hat ihm das Wort verpfändet, ihn ins Licht der Lehre blicken zu lassen". „Dann müssen wir hoffen", beendete Sangori die Unterhaltung, „daß Chisdai nicht voreilig gehandelt hat." Der Ton klang wie Zusage, und Nechamah tänzelte, froh des Erfolges ihrer Mission, aus dem Zimmer. Sangori saß wieder ganz vertieft in die Lektüre der Rolle, sodaß er das Fortgehen seiner Tochter kaum merkte. Im Hause R. Amrams herrschte eitel Freude und Jubel. Ben Chisdai, der nach dem Tode von Vater und Mutter in diesem Hause ein zweites Elternheim gefunden und zur Tochter d.'s Hauses Batsua, von Kindheit an wie ein Bruder stand, war von der weiten Reise im Aufträge des Lehrers und im Interesse der jüdischen Gemeinschaft ins Land der Chasaren glücklich heimgekehrt und höchster Ehren teilhaftig geworden. R. Amram durfte stolz auf seinen Brudersohn sein, den er so mit Hilfe seines treuen Weibes Hanna für die heilige Lehre und die Gemeinde erzogen hatte. Lange hatte schon Batsuas Lachen nicht so silberhell durch die Räume geklungen, wie jetzt, da sie nicht müde wurde, sich vom Heimkehrenden alle Einzelheiten seiner Reise und alle Dinge in der Welt jenseits der Berge berichten zu lassen. Ein echtes geschwisterliches Gefühl wand seit der Kindheitszeit um die beiden jungen Seelen ein Band, das alle Befangenheit ausschaltete. * Auch jetzt war sie gern mit dabei, als mehrere junge Freunde aus dem Lehrhause in später Nachmiitagsstunde in der Nähe des Kamins auf Teppichen und Fellen um Ben Chisdat saßen und auf seine Erzählungen von der weiten Reise lauschten. Zur Rechten Ben Chisdais ragte Kosarios stämmige stramme Gestalt in weitem Ledermantel und hoher Fellmütze über alle anderen hervor. Abseits auf einem Diwan saßen neben Mutter Hanna Nechamah und Batsua, erstere ernst und gehalten wie immer, letztere voller Leben und Bewegung. Man merkte es ihr an, es fiel ihr schwer, nur stille Zuhörerin zu spielen, am liebsten hätte sie sich unter die Männer gemischt und sich als der lautesten eine, an der Unterhaltung beteiligt. Ben Chisdat hielt in der Erzählung tnne, ging an die Frauen heran und erkundigte sich leise bet Nechamah über das Befinden ihres Vaters. Sein stummer Blick aber enthielt die Frage: „Wie steht es um meine Sache und — um das Geschenk. . .?" Nechamah verstand den Sinn der Worte sogleich. „Er hat die ganze Nacht über dem neuen Folianten gesessen", berichtete sie mit gezwungener Ruhe „und scheint im Momente keine Zeit noch Sinn für etwas anderes zu haben . . . Doch konnte ich heute morgen einen Moment wahrnehmen, da er mich anhörte. Er lobte das goldene Herz sehr . . . Auch habe ich für deinen neuen Freund ein Wort gesprochen". „So kann ich denn Kosario einführen?" „Der Vater äußerte schwere Bedenken, doch willigte er am Ende ein— Ben Chisdais wegen. Ihm dürfe kein Lohn zu hoch sein... Nechamah brach rasch ab und wandte sich wieder den Frauen zu, als wollte sie die leisen heißen Dankesworte Ben Chisdais überhören. Die Frauen unterhielten sich auf ihre Art, hörten aber dann und Dann auch verstohlen auf das Gespräch der Männer hin, das sich um Dinge des Wissens und Glaubens drehte.! Kosarios ging aufs Ganze und wollte den Dingen auf den Grund sehen. Jetzt, nachdem Nechamah die gute Nachricht gebracht hatte, konnte Ben Chisdat die Behandlung manch ungeklärten Frage mit den Worten vertagen: „Sangoris Lehrhaus steht dir fernerhin offen und dieses bringt Klarheit". Die Unterhaltung wandte sich dann ganz den Erlebnissen der Reise zu und die Frauen waren ganz Ohr, als die Reisenden von fremden Ländern und Sitten berichteten. Besonders Batsua hatte in ihrer lebhaften ungezwungenen Art soviel zu fragen, daß Ben Chisdai lachend um eine Ruhepause bat. Kosarios machte jedoch dieses ihm ungewohnte Frauentemperament sichtliche Freude und er ging auf jede ihre Frage bereitwilligst ein. Er erzählte kurz, aber schön und anschaulich. Ben Chisdais Schilderungen waren aber so voll und lebendig, daß alles gebannt an seinem Munde hing. III. Seit Wochen ging Kosarios bei Rabbi Sangori aus und ein, wohnte Gottesdiensten und Lehrstunden bei und nahm an allem reges Interesse. Was ihn neu und fremd anmutete, gab dann Anlaß zu Fragen und Erörterungen mit seinem Freunde Ben Chisdai, die zuweilen in der Behausung des R. Amram in Gegenwart Nechamahs und Batsuas vor sich gingen. Im Lehrhause hatte man sich an die breitschultrige große Gestalt mit den ehernen Zügen im dunklen Gesichte gewöhnt. Aber selbst seine besten Freunde wußten wenig über Herkunft und Abstammung des Fremdlings, sein Wesen und Wollen. Er kam fast alltäglich so um die Morgenzeit von irgendwoher in die „Schechunah", weilte im Lehrhause Sangoris einige Stunden bet Studium von hebräischen Büchern, deren Sprache er auf Grund seiner vollen Kenntnis des Arabischen sich rasch und leicht aneignete, hörte Lehrvorträge an und ging dann zumeist mit Ben Chisdai nach Hause, um an einem bescheidenen Mahle, bestehend aus Brot, Reis und Früchten tetlzunehmen. Bei und nach Tisch wurde dann das im Lehrhause Gehörte noch einmal besprochen und vertieft. Als Kosarios eines Tages bei besonderem Anlaß Wein in einem großem Tonkruge mitbrachte, vom köstlichsten, den die Heimatberge trugen, belehrte ihn Ben Chisdat mit schonenden Worten, daß es ihnen im Hause verboten sei, diese herrliche Gabe aus seiner Hand zum Genüsse anzunehmen. „Der Wein ist rein", beteuerte Kosarios, „und auch nicht im Tempel gebraucht, ich schwöre, ich habe seit ich von meiner Reise zurück bin, den Göttern nicht geopfert". „Und dennoch Kosario", erwiderte Ben Chisdai, „müssen wir uns den Wein als den eines Ntchtjuden versagen." „Geht die Abgrenzung so weit? Wie wollt ihr euch denn gegen euere Feinde wehren, die euch des Dünkels zeihen?" „Dadurch, daß wir sie einladen, in unsere Lehr-, Gebet- und Familienhäuser zu kommen, die ihnen offen stehen, wie das Buch unserer heiligen Lehre selbst, und wie am jüdischen Tisch jeder der hungert, — nach Brod oder Wissen — Platz findet". „Ich bin gekommen, Ben Chisdai, und doch ist die Grenze noch nicht einmal so weit aufgehoben, daß wir eine Schale Wein mireinander leeren könnten". Es lag in diesen Worten kein Vorwurf, war nur eine Frage gleich den anderen Fragen nach dem Grund ter Dinge. Die Mädchen horchten gespannt auf. Versprach doch die Entwicklung des Gespräches einiges Licht über das Wesen des rätselhaften Mannes . . . (Fortsetzung folgt.) nsgn