Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 6 (12.2.1920)
- Date
- 1920-02-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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3m Zudenfiaat der Waren. Historischer Roman aus dem achten .Jahrhundert. (2. Fortsetzung.) „Sagtest Du, R. Achat ist nach dem heiligen Lande gegangen?", erkundigte sich der Rabbi, „ist er nicht Träger der Gaonatwürde in Pumbedtta?" „Das Gaonat bekleidet zur Zeit ein früherer Schüler R. Achais, Rabbi Nutronai, ein würdiger Jünger seines Meisters. R. Achat selbst wollte sich durch die Amtsgeschäfte des Gaonar von seinen Forschungen nicht ablenken lassen. — Und nun muß ich diese Freudenbotschaft um ein wenig trüben, durch die Kunde, daß es auch in Babylonien nicht an Männern fehlt, die Zerrissenheit in Israel bringen wollen und ganze Teile an Gott und seiner heiligen Lehre irre machen?. „Was wollen diese Männer und wer sind sie?" fragte der Rabbi ernst. „Ein Mann, der aus gekränktem Ehrgeiz — weil ihm die Exilarchenwürde nicht zuerkannt wurde —, viele um sich sammelt und sie lehrt, dem Talmud die Anerkennung zu versagen, steht im Mittelpunkt der Sache. Sie nennen sich Karatm und lassen die Irrlehre der Z?duckim neu aufleben, doch nimmt die Bewegung Gott sei gedankt, keinen großen Umfang an. Bis auf einige Wenige hält alles treu zum Gaonat und der heiligen Lehre". Zum Schluffe berichtete Ben Chisdai von der Gebetordnung in Babylon und anderen Ländern und gab Kunde von neuen Paitanim (Gebetdichtern) und deren jüngsten religiösen Dichtungen, von denen er mehrere mitbrachte und zur Prüfung vorlegte.- Während Ben Chisdai sprach, faß in der untersten -Reihe ein hochgewachsener, stämmiger Mann, der in der Art wie er schweigend, die Hände auf die Brust gekreuzt, dasaß, wie auch schon durch Gewand und Aussehen sich von all den Andern sehr abhob. Die nach oben abgespitzte Fellmütze zeigte in Gemeinschaft mit denscharfen wetterharten Zügen im dunklen schönen Gesichte auf die n.ichtjüdisiche Gasse. Der Fremde war mit stummen Munde, aber offenen Augen und scharfgespitzten Ohren bei der Sache, und man konnte oft bemerken, wie es in seinem Gehirn angestrengt arbeitete, um Schwierigkeiten in der Erfassung der Vorgänge überwinden. Der Mann war mit Ben Chisdai gekommen und lenkte zuerst aller Aufmerksamkeit auf sich. Später aber war alles Interesse dermaßen dem Berichte Ben Chtsdai's zugewandt, daß man des Nichtjuden in der hintersten Ecke nicht mehr achtete. .Mit Ben Chisdai verließ auch der Fremde als einer der letzten das Lehrhaus und er nahm nach kurzem Abschiede von diesem seinen Weg über den Gababerg in die Chasarenstadt. II. Die Familie ChtsdaiS war etwa ein Viertel, jahrhundert vor Sangori aus Babylonien über das heilige Land mit anderen Flüchtlingen hierher verschlagen worden. Chisdai, der Vater, entstammte einer Gaontmsamtlte, die -ihren Stammbaum bis zu Hillel Nachweisen konnte. Mitbegründer der Gemeinde und des Lehrhauses zu Balagar, sollte er die Blütezeit seines Werkes nicht mehr erleben, denn er starb kurz bevor fein geliebtes Weib eines Sohnes genesen war. Der Knabe wurde nach dem Vater Ben Chisdai genannt, und vom Bruder Ehisdais,dem frommen ^Gelehrten R. Amram ins Haus genommen und großgezogen. An der Sette Batsuas, der einzigen Tochter R. Amrams, wuchs der Knabe zur Freude aller und Rabbi Jzchok Sangorts, der große Hoffnungen auf ihn setzte, hekan. Zum Jüngling herangereift,besaß er infolge seiner hervorragenden Begabung und seines eisernen Fleißes ganz das Vertrauen des Rabbi. In dem wunderbaren Gelingen seiner Reife sah Sangori vollends einen Fingerzeig dafür, daß Beu Chisdai zu großen Taten berufen war, und er geizte nicht mit Worten der Freude und der Anerkennung. Auf dem Flure zwischen der Wohnung und dem Lehrhause stand, sanft und züchtig, Nechamah und begrüßte mit lächert dem Kopfnicken Ben Chisdai. Ueber dem runden frischen, vom schwarzen Seidentuch umrahmten Gesichte lag leichte Röte, wie Heiligenglanz. Wie eine Erscheinung aus fernen Höhen trat sie ihm in den Weg, daß er verblüfft zurück trat. War denn Nechamah immer so schön und er wußte es nicht, oder hatte sie sich erst im Jahre seiner Abwesenheit zu dieser Blüte entfaltet? Die Frage schoß ihm durch den Kopf, und sie schien ihm beinahe Sünde; als könnten solche Gedanken die Reinheit und Lieblichkeit dieser Erscheinung trüben und beleidigen. „Ihr seid geehrt worden, Ben Chisdai, und und habt diese Ehrung auch verdient", kam es wie leiser Hauch über ihre Lippen. „Und diese letzte Ehrung aus dem Munde Nechamahs setzt dem ganzen die Krone auf", gab er bewegt zurück. „Vielen Dank!" sagte das Mädchen, noch mehr errötend. „Dank schulde ich", erwiderte Ben Chisdai innig, „Dank, daß Nechamah mich nach einjähriger Abwesenheit noch ihrer Huld würdigt. Und — der höchste und letzte Preis der von mir ausgeführten Mission soll Nechamah heißen. . . " Nechamah wandte das Gesicht ab. „Verzeihung" bat Ben Chisdai, „wenn ich in Aufwallung des Gemütes zu viel gesagt und voreilig dem Ausdruck gab, was mein Herz all die Zeit erfüllt hat und worüber zu sprechen, nicht Sache der jüdischen Töchter ist. Doch werde ich beim Rabbi Anspruch auf diesen höchsten Preis machen, wenn — wenn Nechamah mir das Zeichen gibt, nach dem ich schon so lange lechze, ein Zeichen, daß ich es tun darf . . Nechamah wandte ihm wieder das Gesicht zu und die lachenden Augen sprachen: „Ich bin dein, Ben Chisdai!" „Ein sichtbares und untrügliches Zeichen", bettelte er. „Mer das „Herz" aus reinem Golde mit dem Edelsteine in der Mitte. Ich erstand es in Bagdad bei einem Araber, der sagte, der Schmuck möge die Brust einer Königin zieren. Er ist Dir zugedacht, Nechamah. Nimm ihn hin und ich habe das Zeichen, auf das ich warte ..." Nechamah betrachtete mit glühenden Augen das kostbare Stück. „Da sind auch Blüten und Blättchen in der Oeffnung eingepreßt"/ konstatierte sie, ohne den Schmuck an sich zu nehmen. „Auch das stammt aus Bagdad", sagte er einfach. , „Bagdad?" wiederholte Nechamah scharf, als löste das Wort heilige Gefühle in ihr aus. „Warst du auch auf dem alten Friedhofe?" „Auch am Grabe der Mutter" sagte er kurz. Eine Träne perlte in den Augen Nechamahs. Sie hielt Ben Chisdai den Schmuck wieder hin. „Will Nechamah mir das erstehte Zeichen versagen?" „Weiß der Vater um das Geschenk?" fragte sie mit bebender Summe. „Nein", sagte er, „das Geschenk, das ich ihm überbringen durfte, die Frucht der Geistesarbeit derer in Babylon, ist so groß und gewaltig und nahm so sehr seine Sinne gefangen, daß ich tm Vergleich dazu nicht wagen konnte, von solchen Kleinigkeiten zu sprechen. Nechamah selbst wird es ihm zeigen und damit, durch dieses gleiche Zeichen, das meinen Anspruch begründet, diesen bei ihm unterstützen ..." ' „Was bedeuten die trocknen Blättchen darin?" fragte sie, indem sie das Angehänge langsam an sich steckte. „Bielen Dank, Nechamah", srrgiL er innig. „Und nun zum Berichte wieder. J^war, wie schon gesagt, in Bagdad auf dem alten Friedhofe, am Grabe deiner Mutter. . . Dort blühte eine wilde Akazie und begoß den ganzen Berghügel mit braunroten Blütenköpfchem Ich hob deren einige auf, um sie, in dftfts Gold gefaßt, Nechamah zum heiligen Gruße zu überbringen. — Dabei wäre es mir aber schier ums Leben gegangen. . ." „Dank! Dank!" flüsterte Nechamah und ihre Augen flehen um rasche Fortsetzung des Berichtes. „Ein wilder Geselle, der es hinter dem Zmne gesehen hatte, kam, wohl vom Glanze des Goldes angelockt, auf mich mit gezücktem Dolche zu. Ich sah das Eisen gegen meine Brust gerichtet und — der im Himmel kanns bezeugen — mein einziger Gedanken in diesem Momente war: „Nechamah . . Da Plötzlich donnerte es von irgendwoher so gewaltig auf den Gesellen ein, daß dieser die Hand sinken ließ und der Dolch zu Boden siel. Ich sah einen großen starken Mann vor mir, der mit eiserner Hand den Räuber an der Kehle festhielt, daß dieser dem Ersticken nahe war. Ich mußt? flehentlich für den Morobuben bitten, daß ihn mein unbekannter Lebensretter nicht gänzlich erwürgte. Ein e vorüberziehende Soldatenwache griff ihn aber auf und führte ihn an den ersten Baum . . ." „Wer war der Erretter?" bebte Nechamahs Stimme. „Es ist der Mann, der heute mit mir das Lkhrhaus besuchte. Er nennt sich KosarioS und ist nicht unseres Blutes, noch unseres Glaubens. Im weiten Pilgerrock sah ich ihn, und er wies all meine Dankbezeugungen zurück. Darauf wollte er wissen, was ich am Grabe betete und wie wir über Leben und Tod denken, was wir vom Fortleben, der Auferstehung und ähnlichem mehr wissen. Ein junger Chasare, den Wissensdrang in die Welt hinaus getrieben hat. Mehr weiß ich nichts von ihm. Er spricht nicht von' Familie und Abstammung, doch spricht trotz seiner groben Gewandung aus Wort und Biick, Wesen und Art das edle Geblüt. Er hat sich mir seitdem eng an geschlossen) wir legten die Heimreise gemeinsam zurück und es kamen uns bei der Unterhaltung über Dinge des Geistes und Glaubens kaum die Beschwernisse der langen Wanderung zum Bewußtsein. Kosarios Mut und scharfes Schwert schützte uns und die ganze Karawane, der wir uns angeschlvsseu auch sonst mehr denn einmal vor Näubern und wilden Tieren. Dabei ist er gut wie ein Kind und gelehrig wie unserer Besten einer. Er bat mich inständigst, ihn in Balagar beim Rabbi und in seinem Kreise Eingang zu verschaffen, damit er all das, was er bereits von unserem heiligen Glauben weiß, mit eigenen Augen sehen und miterleben kann. Ich versprach es chm und Nechamah wird mir auch dabei behilflich sein". (Fortsetzung folgt.)