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Der Israelit · 1920-02-12 · Heft 6 (12.2.1920) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 6 (12.2.1920)
Date
1920-02-12
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 8 Nr. 6 H0*c 35*taeiu. Der letzte Mann. Von Andreas Latzko.*) Der junge Musiker Gadsky sah einige Schritte weit von der leeren Muniiionskiste, auf die er wieder zusteuerte, einen Soldaten, den Kopf gegen die Grabenwand gelehnt — und erkannte bei näherem Hinschauen den Gescmgskorniker. „Nun, was Hab' ich gesagt?" klang es ihm traurig entgegen: und er mußte lächeln, trotz aller Sympathie, über den gemütlichen Singsang dieser Sprache, die an übermütige Nächte in Spezialitätentheatern, an vielbelachte Anekdoten erinnerte, und seltsam fremd und widerspruchsvoll ausstieg in der heroischen Umgebung von Sandsäcken und Grabenmörsern. \ Verlegen suchte Gradsky nach irgendeinem trostreichen Satz, den er dem Kleinen hätte schenken können: und erzählte ihm endlich von der Gefangennahme des älteren Krülow, mit einer schüchternen Nutzanwendung, die nicht gerade überzeugend klang. Der Schneider schwieg eine Weile, wiegte nur nachdenklich den Kopf, ängstlich besorgt, nicht herauszutreten aus dem Schatten, der sein Gesicht vor prüfenden Blicken beschützte. Dann zog er mit einemmal die Achseln bis über die Ohren, ließ beide Arme hochfliegen und erwiderte bitter: „Der Herr von Krülow? . . Ja, so ein Kavalier, der mit'm Schnuller im Mund schon hoch zu Roß gesessen ist! Wenn ich denselben Schuß in meine schmale Schneiderlunge kriege, bin ich tot, bevor die Franzosen unfern Graben erreichten. Uebrigens! . . . Warum wollen Sie mir Hoffnung machen? Helsen Sie mir lieber, die Hoffnung aufzugeben! Seit zehn Stunden tu' rch schon nichts, als mir elnreden, daß ich verloren bin!.. Und kann's noch immer nicht glauben." -Gladsky senkte den Kopf und starrte auf seine Stiesel. Es war zu traurig, diesen schlagfertigen Spaßmacher so ganz anders reden zu hören, als man es von ihm gewohnt w^r! Er hatte, weiß Gott, recht! Wozu ihm Hoffnung m achen?-Und doch konnte sich Giadsky nicht entschließen/ den armen Teufel einfach stehen zu lassen, allein mit diesem erschwitzten Gleichmut, der sthm so schlecht, beinahe spafftg, wie der Sturmhelm zu Gesichte stand. So legte er zum Abschied d:e Hand auf die Schulter des Schneiders und sagte mit einer Wärme im Herzen, die er willig in seine Stimme überftrömen ließ: „Bleiben Sie nicht hier draußen! Man trägt es viel leichter unter Menschen, wenn man sich ein wenig zusamme,mehmen . . Noch ehe er den Satz beendet hatte, entzog sich die Schulter seiner Hand, und eine ganz fremde, gehässige Stimme ließ ihn erschrocken zurückprallen: „Ich danke! Das darf sich der Herr Unteroffizier Fröbel erlauben, ich nicht! Darüber hav' ich gerade nachgedacht, als Sie gekommen sind, wie schön sie es alle haben! Wenn sie mutig sind, bann kämpfen sie wie einer von den vielen braven Deutschen! Wenn sie aber weiß, wie ein Bettuch, im Unterstand Herumsitzen, mit verweinten Augen, dann sind sie der feige Karl Fröbel, und weiter nicht! Ich muß mich hier verkriechen, damit nicht für jeden Seufzer, den ich mir zuschulden kommen lasse, meine drei jüdischen Kameraden im Bataillon mttbezahlen müssen. Und wem nütz' ich was, wenn ich mich zusammennehme? . . . Ich habe mich gefragt, wem es zugute kommen kommen wird, wenn ich hier so großartig sterben werde, als wäre ich mein Leben lang Löwenbändiger oder Drachentöter und nicht ein kleiner jüdischer Schneider gewesen? . . . Niemanden, sage ich ihnen! Kein Mensch wird etwas davon haben! Kein Mensch auf der ganzen Welt! Wenn meine armen Buben einmal groß sein werden, wird man sie doch wieder feige Juden heißen, ganz gleich ob ihr Papa ein Tiger oder ein Hase war." Erschüttert lauschte Gadsky diesem bitteren Grimm, der ihm wie eine giftige Flamme ins *) Aus der Novelle „Der letzte Mann", die eben ln der Sammlung „Die Pforte" des Dreiländer-LerlageS erschienen ist. Gesicht spritzte. War das wirklich der „Gesangskomiker" der so sprach? Konnte man so monatelang neben einem Menschen dahinleben, ohne den Haß zu ahnen, der ihn zerfraß. „Ihre zwei Buben werden eben nicht mehr so heißen!" — sagte er energisch, mit bewußt forcierter Entschiedenheit. „Sie haben doch . . . ." Ein höhnisches Lachen schnitt ihm das Wort ab. „So? . . . Meinen Sie? . . . Dann werde ich Ihnen was erzählen. Gestern war die Reihe an mir, den Unterstand der Herren Offiziere auszumisten- und da habe ich mir ein paar alte Nummern von der Zeitung mitgenommen, die sich unser Herr Hauptmann schicken läßt. Wollen Sie sie lesen? Sie können sie haben! . . .Da steht schwarz auf weiß, daß wir Juden die Geier dieses Krieges sind, daß wir nur Papiersohlen verkaufen und Wuchergeschäfte machen und die feinen Restaurants überschwemmen. Von uns vieren hier im Bataillon weiß der Mann nichts! Naiürtich, er sitzt ja auch in den feinen Restau-! rants, sonst wüßte er ja nicht so genau, wer sich! dort sattfrißt. Aber können Sie mir sagen, warum j er sich nicht einmal die letzte Sette von so einem l verdammten Judenblatt etwas genauer anschaut und die Siegfried Cahns und Moritz Rosenthals zusammenzählt, die sich dort, geehrt mit dem eisernen Kreuz neben ihrem Namen, als Helden empfehlen? . . . Lassens mich zufrieden! . . . Meine Buben haben genau so krumme Berne und so krumme Nasen wie ich. Und wer sie trifft, wird immer nur an die seiten Gauner denken, die er irgendwo Hummern fressen und Brillanten tragen gesehen hat, und niemand niemand sag' ich Ihnen, wird was von den vielen tausend krummen Nasen wissen wollen, in die hier draußen die Würmer kriechen! — — Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, Sie können : ja nichts dafür!" I Stumm streckte Gadsky dem Kleinen seine Hand entgegen, tiefgerührr von dem gutmütigen Schlußsatz der allen Vorwürfen die Spitze abbrechen sollte. Er fühlte die Dankbarkeit, die schüchtern hinter diesem Freispruch hervorschtelte,! und die Herzlichkeit, mit welcher der Schneider ' seine Hand umklammerte, beschämte ihn. Hatte er sich nicht selbst cmden billigen Witzeleien be- 8 teiligt, früher im Hinterland, wenn die dicke Frau j Schneidermetfterin im Sonntagsstaat flankiert von den abstehenden Ohren der beiden Sprößlinge, ihren Mann vor der Kaserne aöholte? -Wieviel Selbstüberwindung, wieviel fressende mühsam unterdrückte Empörung mußte das devote Männchen, hinter der gutmütigen Maske verborgen, in sich herumgetragen haben? Und weil in letzter Stunde, in die Einsamkeit, in die er sich trotzig zurückzog wie ein angeschossenes Tier, einige gnädige Worte fielen — weil dem aufblitzenden Zorn, ehe er für immer verstummte, einer herablassend sein Ohr lieh, das Almosen einiger Minuten schenkte, fühlte er sich schon reichlich entschädigt, preßte die Hand des Feindes so heiß, als hätte sie ihn nie geschlagen! v Es war schwer, eine Entgegnung zu finden auf diesen Angriff. Das war nicht flüchtige Laune! Diese Vorwürfe waren tausendmal durchdacht: in Stunden der Erniedrigung gründlich ausgetragen, „Sie sehen schwarz!" — entfuhr es Gadsky, nach langem Schwanken- und der Schrecken über die frostige Banalität seines Ausspruches wich der Scham, als der Schneider entgegenkommend, auf dem konventionellen Ton einging, mit gequältem Lachen den Scherz zurückgab: „Ich heiße ja Schwarz, wie sie wissen." Wieder kam, wie kurz vorher im Offiziersunterftaud, das Gefühl über Gadsky, auf einer Bühne zu stehen. Die Frage: „Warum spielen wir uns jetzt noch gegenseitig Komödie vor?" fiel ihn an. Er ließ die Hand des Schneiders fahren und wandte sich zum Gehen, durchfröstelt von der Erkenntnis, daß nur seine Gegenwart diesem braven Hasenfuß die Kraft gab, sich Scherzworte von den Lippen zu reißen! Warum ihn noch länger zwingen, sich zu verstellen? „Viel Glück!" — warf er hastig über die Schulter zurück. 12 Februar' 1820 Der Kleine lachte ihm nach : „Glück? . . Was heißt noch Glück? Wünschen Sie mir einen guten Kopfschuß)" Gattzki trug die bitteren Worte mit' sich fort, und zog unbewußt die Schulter hoch, angesteckt von der übertriebenen Gelenkigkeit des anderen. inderecke MM Die vier Rider. Ein Märchen von den ^vier Sabbaten" von Heinrich Einstädter. In vielen Ländern erzählte man früher von einem Fürsten, der die meisten Könige seiner Zeit überragte durch den Glanz seiner Schlösser, die Kraft seines Körpers, die Klugheit seiner Rede und die Frömmigkeit seines' Lebenswandels. Einst erwarb dieser Fürst vier herrliche Gemälde, die den Reichtum, die Macht, die Weisheit und das Gottvertrauen darstellen. Er ■ ließ sie mit kostbaren Rahmen versehen und im Prunksaale seines Schlosses aufhängen. In gleicher Höhe wurden sie an der Wand befestigt, die dem Throne gegenüber war. Einige Wochen später feierte der Fürst den Jahrestag seiner Thronbesteigung. Große Festlichkeiten waren vorbereitet worden. Eine glänzende Versammlung füllte den Prunksaal des Residenzschlosses, als der Fürst unter Trowpetenschall eintrat und sich auf den Thronsessel niederließ. Sein erster Blick fiel auf die Gemälde an der Gegenwand. Doch fieh? Das Bild des Gottvertrauens hing nicht mehr in der gleichen Reihe mit den anderen, sondern über ihnen in der Mitte der Wand. Der Fürst fragte den Hofmarschall, auf wessen Anordnung die Umstellung vorgensmmen worden sei. Dach der Marschall beteuerte, daß ihm nichts darüber bekannt wäre, und alle Diener erklärten^ daß sich das Bild noch am Morgen an seinem früheren Platze befunden hätte. Einige Minuten vergingen in bangem Schweigen. Dann beugte der Fürst demütig das Haupt und stieg langsam vom Thron herab. Die Festlichkeiten wurden abgesagtdafür errichtete der Fürst an jenem Tage viele fromme Stiftungen.. „Also spricht der Herr: der Weise rühme sich nicht seiner Weisheit, der Starke rühme sich nicht seiner Stärkender Reiche rühme sich nicht seines Reichtumssondern dessen rühme sich, wer sich rühmen will: daß er mich erkenne und daß er einsehe, daß ich, der Herr, Liebe, Recht und Gerechtigkeit übe auf Erdendenn daran habe ich Wohlgefallen, spricht der Herr! (Jer. 9)." Liebe Freunde! Da zu meiner Freude eine große Anzahl von Euch die Aufgabe in Nr. 2 lösen konnte, so zweifle ich nicht daran, daß Ihr auch in der Bibel bewandert seid. Machen wir eine Probet Suchet die angedeuteten Wörter auf und übersetzt sie: 4321 steht Deworim 25,17. 432 „ Jecheskel 22,22. 42 „ ' Jeschajohu 16,1. 24 „ Bereschis 18,7. 41 „ Schemaus 25,11. 21 „ Wajikro 24,2. Es grüßt Euch herzlich Euer Onkel in der Kinderecke. Ccgo

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