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Der Israelit · 1920-02-12 · Heft 6 (12.2.1920) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 6 (12.2.1920)
Date
1920-02-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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12. Februar 1820 Milderungen in der Praktischen Handhabung des Gesetzes keineswegs etwas getan. Die Aktion muß eine einheitliche sein und muß aufs Ganze gehen. Es ist geradezu unumgänglich, daß hier die berufenen Organe der Entente, die über den jungen Frieden zu wachen haben, 6uf einen Rechts- und Vertragsbruch aufmerksam gemacht werden, den sie im Interesse des Völkerfriedens, wie sie ihn erstreben, nicht dulden können. Dabei ist freilich zu erwägen, daß nach dem bekannten Talmudsatz oniDKn froh ivxv Tna V12N p* eine solche Aktion nicht von Polen selbst ausgehen kann und darf. -S-tadlonus/ „Schtadlonus" ist ein Wort, das bei den national bewußten Jungjuden im Osten sehr im Mißkredit steht. Denn Schtadlonus bedeutet: Bitten, Sickbemühen um Abwendung von Verhängnissen, Milderung drakonischerBesttmmungen. Sie aber, die Jungnationalen, wollen keinen erflehten" und „erbettelten" Schutz, sondern sie „fordern" ihr gutes Recht. Dos geht schon so ein paar Jahre lang. Wenig erbaulich wirkt es aber, daß zu einer Zeit, da jeder Tag ein neues Verhängnis über die polnische Judenheit bringt, da die Zwangssonntagsruhe nun vom Fremdengesetz noch übertroffen wird, eine gewiffe jüdische Presse so wenig den Ernst der Stunde erfaßt, um noch fernerhin auf diese Weise mit Worten zu streiten. Die hebräische „Hazefira" macht sich über die Orthodoxie luftig, die in ihrer Seelennot einen Bittgang beim Erzbischof und bei anderen hochstehenden Persönlichkeiten unternommen hätte, und lacht wieder einmal aus vollem Halse über das jüdische Schtadlonuswesen, als hätte dieses alles Leid und Unglück verschuldet. ' Diesem dämonischen Lachen der „Hazefira" ruft das'Organ der Orthodoxen „Der Jud" ein paar kräftige, beherzigenswerte Worte entgegen. Was sollte der Jude eigentlich in dieser kritischen Stunde anders tun, als bitten und flehen, was haben unsere Altvordern in all den Generationen der Verfolgungen denn anderes getan, als daß sie von dem Einen zum Andern gingen und mit dem Einsätze ihres ganzen Ich zu schützen und das zu retten gesucht, was noch zu retten war?! Was bliebe uns in einer Zeit, da die Faust und das Schwert herrschen, überhaupt anders übrig, als die Wege der Väter einzuschlagen? Sollte darin eine Erniedrigung liegen, so betrifft diese nicht uns, die wir auf Faust und Schwert nicht bauen können, sondern diejenigen, die uns zwingen, als Beltsondern 'die Menschen, deshalb kamen sie zu dem betrübenden Resultate, daß die Schöpfung des Menschen zu beklagen sei. Der Schöpfer des Menschen aber, der seine Menschen nicht zählr, sondern wägt, kommt zu einem anderen Resultate. Es handelt sich somit bei dieser Untersuchung nicht um einen gewissen Streit über Dinge, an welcher keine Diskussion mehr etwas ändern kann. Sondern die Konsequenz, zu welcher diese Diskussion drängt, ist eben der Sporn durch Leistungen zu ersetzen, was die Zahl und die ihr anhaftenden Mängel zu hoffen übrig lasten. Deshalb klingt diese Diskussion in die Mahnung aus, die vergangene und künftige Tat des, Lebens einer sorgfältigen Prüfung zu unterziehen, damit sie die Unzulänglichkeit und Mangelhaftigkeit sühne, welche der gezählten Maste anhaften. Wenn daher Gottes Wort uns lehrt, die Menschen nicht nach ihrer Zabj, sondern nach ihrer Leistung zu schätzen, so sagen die Schekalim, welche diese Leistung symbolisieren, schon durch ihren Namen (^jw-wägen), daß Menschen nicht zu zählen, sondern zu wägen sind, und daß ihre Tai und Leistung den Mahstab für dasjenige gibt, was die Gezählten repräsentieren. Dieser Gedanke lehrr uns daher unsere Pflicht treu erfüllen und unfern Beitrag redlich zu steuern, für die Zwecke und Ziele, die Gottes heiliger Wille uns gesetzt hat. <« v-®s ist der Beitrag, der Einsatz, mit dem wir das Recht erkaufen, in Gottes Welt zu atmen und zu leben. Wie gering auch Menschen darüber denken mögen, in Gottes Augen wiegt die freie, sittliche Menschentat schwer. iJ'mtPßi vp -»rb p-oi? 'n nvn. OBS Der JSraeM. ler in' Dingen aufzutreten, wo wir unser Recht hätten erhalten müssen! Haben diejenigen, die der Bittsteller der alten Schule spotten, andere Mittel, um zum Ziele zu gelangen, so mögen sie es gefälligst zeigen! Wer die derzeitige Lage der Dinge in Polen kennt, weiß, wie berechtigt diese Worte sind. Aus dem jüdischen Amerika. Mit. der Oeffnung der Grenzen treffen auch die jüdischen amerikanischen Zeitungen mit leidlicher Regelmäßigkeit wieder ein. und sie ergeben ein Bild über das Leben und Treiben innerhalb des amerikanischen Judentums. Die erste Stelle nimmt noch die Hilfstätigkeit für die Brüder im Osten ein. „Die Brüdex", das ist für die Amerikaner keine schöne ethische Phrase, aus dem jüdischen Soltdarträlsgkfühl geboren, sondern es handelt sich für sie tatsächlich und wörtlich um Brüder, um Freunde und Anverwandte, die .in der russischen, galizischen oder rumänischen Heimat in Not und Elend geraten sind. Jeder der Emigranten, auch in der zweiten und dritten Generation, sagt sich, daß es nur Zufall sei, daß er sebst heute das Los der Unglücklichen nicht teilt und statt im Maffengrabe zu verwesen, im Lazarett dahinzusiechen, oder in den Straßen von Warschau zu verhungern, dank dem klugen oder verzweifelten Einfall seines Vaters oder Großvaters, vor so und so vielen Jahren mit sein'er Familie über das große Wasser zu ziehen, heute großartige Geschäfte in New Hork oder Chicago macht. Dieser Dank wird, das gereicht dem amerikantschku Judentum zur hohen Ehre, in flüssiges Gold umgesktzt, was zur Folge hat, daß die Spalten sämtlicher Zeitungen angefüüt sind, mit Schilderungen der Not, Anregungen zur Mithilfe, Aufrufen, die die Herzen aufrütteln und Berichten über eincjeleitete und durchgeführte Aktionen, die mit echt amerikanischen Zahlen operieren. Freilich bleibt bei der Ausführung der großzügigen Pläne die Tücke des Objektes nicht aus- Auch unlautere Elemente missen sich ins Werk, auf echt amerikanische Weise die Hochkonjunktur ausnutzend. So wird im New Aorker „Haint" über gewisse jüdische Bankiers in Amerika bittere Klage geführt, die bei Vermittlung von Geldern entweder sehr säumig zu Werke gehen, oder sich sogar auf Kosten der Armen bereichern. Besonders werden von solchen gewissenlosen Geldinstituten kleine Leute in Amerika hineingelegt, die in Unkenntnis des Geschäftsganges und des Geldmarktes sich diesen Häusern anvertrauen, um durch sie ihre Unterstützungen an die Heimat zu vermitteln. Mit Recht wtrd verlangt, daß auch diese Privat- 4 Nr. 6. Seite 8 Unterstützungen von irgend einem Comitee zentralisiert wtrd, auf daß sie rechtzeitig und in vollem Maße den Notleidenden zu Gute kommen. Recht unzufrieden ist auch die amerikanische Preffe mit den diplomatischen Erfolgen der Union zu Gunsten des jüdischen Rechtes in Europa, und nicht sehr gut kommt dabei Morgenthau weg, dem vorgeworfen wird, daß er als Polenfreund in Polen aufgetreten sei und die dortigen Judenverfolgungen wie auch die Regiernngsmaßnahmen gegen die Juden auf Umwegen sogar zu erklären und zu rechtfertigen gesucht hätte. Daß in diesen Vorwürfen hemmungslose Uebertreibung liegt, muß nicht erst gesagt werden. Jedenfalls geben sie Zeugnis von der Stimmung im Lande, und dieser sollten doch die Führer und die „offiziellen Wohltäter" in einem höheren Maße als bisher geschehen, Rechnung tragen. Neben der Geldunterstützung ist man in den Emigrantenkreisen auch darauf bedacht, die in der Heimat verbliebenen Familienglieder, Verwandte und Freunde möglichst und auf raschestem Wege nach Amerika herüberzuschaffen. Aus diesem Grunde haben sich Landesverbünde gebildet mit der Aufgabe, die für die Ausreise in Betracht Kommenden ausfindig zu machen und ihre Auswanderung zu ermöglichen bezw. zu erleichtern. Drei große Verbände, der ukrainische, der galtzische und der rumänische, wirken auf diese Weise mit bestem Erfolge. Ihre Vertreter sind bereits in Polen, Galizien, Litauen usw. angelangt, um alles Nötige in die Wege zu leiten. Man kann sich leicht denken, wie unter diesen Umständen, da Lausende der Ankunft ihrer Anverwandten entgegensetzen, unzählige Familien ihrer endlichen Wiedervereinigung entgegenharreu, die Kunde von den neuen Jmmigrationsbefttmmungen gleich einem Blitz einschlug. Es regnete Proteste und in langen Auseinandersetzungen wtrd erwogen, ob und wie das neue Gesetz die jüdische Einwanderung trifft. Beruhigend wirkt die Aeußerung Jacob H. Schiffs, der auf einer Versammlung von fünftausend Juden versicherte, daß all die Erschwerungen, wie sie heute für die Einwanderung getroffen sind, den jüdischen Emigranten nicht im geringsten angehen. Die zwei Hauptbedingungen: Besitz von einigen Mitteln und Kenntnis irgend einer Sprache (einschließlich der jüdischen oder hebräischen) werden beim Juden immer zutreffen, da der jüdische Auswanderer von seinen Annehmern mit dem Minimum an Geldmitteln versorgt wird, und in keinem Falle Analphabet ist. v Im Großen und Ganzen wrht auS dem jüdisch-amerikanischen Blätterwalde ein sanfter Hauch jüdischer Liebe, aber auch ein kräftiger Zug von Tat und Leben. ♦ Erlebtes und Erlauschtes. Hi. Nur ein Bleistift Ich besitze einen Bleistift, d2r mich, so oft ich ihn anschaue, sehr wehmütig stimmt. Ein Bleistift wie taufend aride »e Bleistifte, in seinem unteren Teile in gelbes Messingblech gefaßt, mit einem Ringchen daran zum Anhängen, in feinem oberen Teile stark abgespttzt und abgebraucht. Also ein Bleistift nur. wie sie zu Tausenden täglich die Fabrik verlassen. Und dennoch erhält er in stiller Stunden Seele und Sprache und erzählt eine wehmutvolle Geschickte, die mir einstens Schmerz bereitet hat. Es war im Winter des ersten Kriegsjahres. ./Gefangene" waren noch eine Sensation, und von jüdischen Gefangenen sprach man im Tone eines wundersamen Märchens. Da durfte ich nach schwerer Mühe bei allen Instanzen, mit dem zuständigen Rabbiner die dreißig oder vierzig jüdischen „Russen" im Gefangenenlager zu O. besuchen. Es war ein tiefes Erleben für mich, als nach der Predigt des Herrn Rabbiners sich die drei Dutzend jüdischer „Feinde", zum Teile aus litauischen Jeschtwaus kommend, um mich, den Nicktkombattanten und durch kein Amt Gebundenen, mit ihren Fragen und Klagen und der Sehnsucht ihres Herzens gruppierten. Ich erbot mich, da fie selbst nicht frei schreiben konnten, Ihren Eltern und Familien Kunde von ihrem Aufenthalt und Wohlbefinden zu geben, sie sollten mir nur die Adressen notieren. Das war nicht so leicht. Von den Dreißig besaß nur einer einen Bleistift und dieser wunderte nun von Hand zu Hand. Jeder führte ihn, daß er besser schreibe, erst an den Mund; als wollte er das Heiligtum küssen, das die Kunde an die Lieben in der Ferne vermitteln sollte .... Dreißig Adressen deckten die Blätter meines Notizbuches. Zuletzt nahm ich noch den Bleistift, um einige Vermerke anzubringen und — steckte ihn in alter Gewohnheit in meine Westentasche .... Im Eisenbahnwagen entdeckte ich meinen Irrtum und allmählich dämmerte es in mir auf, mas ich da getan hatte! .... Ahnen wir. .was so ein Bleistift bedeutet für einen Menschen in Einsamkeit und Abgeschiedenheit, herausgerissen aus seinem Kreise und als Feind in eine wildfremde Sphäre versetzt, wo jedes Wort der Menschen gewogen, jede Miene Befehl ist? De^ Bleistift war für die Dreißig noch das einzige Symbol einer Welt des Lebens und der Tat, sie einzige Verbindung mit dem Einst und dem Morgen, mit Heim und Lieben! Und nun komme ich aus der Stadt, wo eö der Bleistifte so viele gibt und dieselben so feil sind, und nehme ihnen, wie im biblischen Gleichnis vom Schäfchen des Armen, das einzige, was ihnen von der Welt noch übrig blieb, den Bleistift .. . Der Bleistift drückte mich bei Tag und begleitete mich in meine nächtliche Träumen. Ich sah eine Mutter, wie sie liebevoll dem scheidenden Sohne einen Bleistift in die Hand drückte: „Schreibe oft"! Sah eine Braut, dle dcrn Geliebten als letztes AvschiedSwort zuflüsterte: „An der Nhrkette hängt der Bleistift, benutze ihn viel!" Sah, wie in Nacht und Not ein junger Mensch zum Bleistift greift, um sich alles «eid und allen Druck von Her-en zu schreiben ....

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