Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 6 (12.2.1920)
- Date
- 1920-02-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Gelte 2 Nr. S HabenSiejKBstelli? Samson Raphael Hirsch’s großen PentateuchCommentar in neuer Auflage erhalten die Abonnenten des „Israelit" (auch neu hinzutretende) als Prämie mml i. 25-unter lim Lidiiirtlsi zu Mit. 36.— statt Mit. 60.—. Lieferung in 15 Heften zu je Mk. 2.40, auf "Wunsch auch bandweise. Wir bitten um eifrige Propaganda für den „Israelit“ in Freundeskreisen. Vertreter gegen Provision überall gesucht. Frankfurta. M. Verlag des „Israelit" G. m. b H. . Ein hervorragender englisch-jüdischer Staatsmann hat vor kurzer Zeit gegenüber einer führenden Persönlichkeit der englischen Aguda erklärt, „Agudas Jisroel" könne sich von dem ihr anhaftenden Verdachte des „Deutschtums" erst dann befreien, wenn an ihrer Spitze nicht ein Neutraler, sondern ein Pole oder ein Engländer stehe. Wir sehen keinerlei Grund, die Erörterung dieser Dinge irgendwie mit dem Schleier des Geheimnisses zu umkleiden. „Agudas Jisroel" hat mit dem Deutschtum genau soviel und so wenig zu tun, wie der Zionismus, der seine Entstehung und geistige Kraft ebenfalls aus dem deutschen Kulturkreise gesogen har, und das Märchen von der deutschen „Agudas Jisroel" ist genau so zu durchsichtigen politischen Zwecken erfunden worden wie das vom „staatsgefährlichen" Zionismus. Allein, weshalb wertvolle Kräfte an die bloße Bekämpfung von Vorurteilen setzen? Besteht ja unseres Erachtens heute keinerlei Grund mehr, einer Verlegung der politischen Leitung der Aguda nach England zu widerstreben, sofern sich dort eine Anzahl Männer finden, die das Herz auf dem rechten Fleck haben und wissen, wjas fü.r die jüdische Gesamtheit, insbesondere für Erez Jisroel, auf dem Spiele steht. Und diese Männer müssen sich finden — so ■Ä Zählen, Zahlen und Mgen. (Zu Paraschat Schekalim). Paraschat Schekalim Ii’fii uns alljährlich die große Wahrheit nahe: wenn die Kinder Israels gezählt werden sollen, so müssen sie zahlen. Nur durch das, was sie zahlend leisten, läßt sich ihre Zahl und Bedeutung feststellen. Wollte man nur die Köpfe zählen und nicht die leistenden Hände in Anschlag bringen, so würde das den Untergang Israels bedeuten. Wenn die bloße größere oder geringere Zahl entschiede, dann wäre Israel verloren, vpa.i anx „Ihr seid die Minorität"! hat der scheidende^Lehrer Israel in seinen letzten Worten zugerufen, und uns für alle Zeit die Tatsache hinausgegeben, daß es nicht die Autorität der Majorität war und ist, der wir Gottes Wohlgefallen verdanken. Zählt man aber nicht die Personen, sondern ihre Leistungen, ihre Hingebung, ihren Opfersinn, mit welchen sie sich in der Geschichte der Menschheit verewigt haben, dann eröffnet sich erst die wahre Bedeutung der Gezählten. Dann überragt das zählige Häuflein des Gottesvolkes viele gigantische Der Israelit. gut wie sie sich fänden, als die Seele des jüdischen Volkes von Babylonien nach Spanien, von Spanien nach Nord-Frankreich, von Deutschland nach Polen wanderte. Das Valuta-Elend allein ist ein Fingerzeig, der uns die Sammelstelle für die halben Schekolim des Klall Israel nach jenem Lande verlegen heißt, wo sich in den letzten Jahrzehnten doch wahrlich ein reicher Schatz wahrhafter Thora-Kultur, Jeschiwos und Bothe Midrasch, Männer des Geistes und der Tat, der Prinzipientreue und der praktischen Einsicht gesammelt haben, und wo es nur der Arbeit einiger weniger entschlossener' und begeisterter Gleichgesinnter bedürfte, um ein wirkliches Zentrum zu schaffen: „Ks ist eine Zeit für Hott zu wirken — „Sie (jaöerr Seine T-ora anfgesto-en." “]min nan 'rb nw? r\v WochenMdschau. Die neueste Zudenentrechtung in Polen. Trotz Versailles, und allen Abmachungen und Versprechungen zum Hohne ist es den polnischen Nationalhelden gelungen, durch Schaffung eines „Fremd engese tzes" hunderttausend Juden in ihrem eigenen Lande recht- und heimatlos zu machen. In seiner Sitzung vom 20. Januar hat der polnische Landtag den Gesetzentwurf über die polnische Staatsbürgerschaft ohne Aendernug und Besserung angenommen. Polnischer Staatsbürger kann danach nur der Bewohner Polens sein — ausgenommen sind bis Gebiete, welche ehemals zu Galizien und Preuße«: gehört haben, wo der dort heimatberechtigte Bürger nach internationalem Recht die polnische Staatsbürgerschaft erwirbt, wenn er nicht anders optiert — welcher in den ehemaligen russischen Bürgerbüchern eingetragen ist oder das Recht hat, dort eingetragen zu sein. Damit sind zahlreiche Juden im ehemaligen Russisch-Polen entrechtet. Denn die Eintragung in die von der russischen Polizei geführten Bürgerlisten war eine Formsache, welche fast niemand durchführen ließ, da sie äußerst schwierig und kostspielig war. Alle Bemühungen der jüdischen Deputierten, die Landtrgsmehrheit von der rechtlichen Unmöglichkeit des Gesetzes zu überzeugen, alle Hinweise auf den Widerspruch zum Versailler Friedensvertrag blieben erfolglos. Der Abgeordnete Glombinski, Berichterstatter über das Gesetz, leistete sich sogar die kühne Behauptung, der " ' ' 12. Fsbrüar 1-2- Gegenantrag" des Abgeordneten Grünbaum, das Staatsbürgerrecht allen am 1. August 1914 in Polen seßhaften Personen zu geben, sei eine eklatante Verletzung des Vertrages von Versailles., Es ist also soweit gekommen, daß in Polen ebenso wie in Rumänien ein rechtlicher Unterschied zwischen „Bürgern" und „Einwohnern" konstruiert ist. Was das für die Juden bedeutet, das wissen wir aus dem rumänischen Beispiel. Die jüdischen Abgeordneten haben nach der Annahme des Gesetzes eine Protesterklärung zu Protokoll gegeben. Kann man sich aber von diesem Proteste irgend eine Wirkung versprechenkann ein Appell an Vernunft und Gerechtigkeitsgefühl überhappt noch in Betracht kommen, wo alle Vernunft so außer acht gelassen und die Gerechtigkeit so mit Füßen getreten wird? Wo ein letzter Rest von Rechtsgefühl vorhanden ist, müßte doch dieser es unmöglich machen, daß man hunderttausend Menschen mit der Strafe aller Strafen, der Strafe des Fremdseins belegt, einzig und allein deshalb weil sie es früher unter der Geißel einer schikanösen, beutesüchtigen Beamtenschaft verabsäumt haben, eine polizeiliche Formalität zu vollziehenwo sich ein Volk einen letzten Rest von Menschlichkeit erhalten hat, müßte es ihm doch aufdämmern, daß es Verbrechen, Maffenraub und Massenmord ist, Hunderttausenden, die lange Jahrhunderte an des Landes Wohl und Weh mit ihrer ganzen Kraft, mit ihrem ganzen Sein und Tun beteiligt waren, eines schönen Tages zu erklären: Ihr seid Fremde im Lande, habt an dem, was Ihr mitgeschaffen und miterhcfft, keinen Anteil mehr und könnt gehen, wohin ihr immer wollt! Wo bleibt die polnische Rechtsmoral, die in Versailles die höchsten Töne fand, wenn es um den Schutz der schwachen Völker ging? Sie schweigt in Warschau vollkommen, diese Moral. Aber auch die Vernunft schweigt, die Vernunft, die dem polnischen Volke sagen müßte, daß man einen solchen Gewaltakt an Menschenmassen nickt ungestraft begeht, daß es in gleichem Maße politisch unklug wie wirtschaftlich unheilvoll ist, eine ganze Bevöikerungsschicht von sich und ins Elend zu stoßen, daß es sich damit ins ejgene Fleisch schneidet zu einer Zeit, wo das junge in Entwicklung begriffene Land alle Kraft zu seinem Wiederaufbau dringend nötig hat. Allein mit dem Gerechtigkeitsgrsühl scheint in Polen auch jeder Sinn für die eigenen Interessen, auch die Vernunft zum Schweigen gekommen zu sein, und darum ist zu befürchten, daß mit den Protesten im Landtag nicht viel auszurichten sein wird. Auch wäre bei der katastrophalen Bedeutung des Gesetzes hier mit einigen erwirkten Völkerkoloste, mit denen es gerungen, unter denen es gelitten und geblutet und die es trotzdem überdauert hat. Die Vereinzelten, welche gegen die. übermächtige Mehrzahl Stand hielten, konnten überwältigt der brutalen Macht unterliegen. Aver sterbend blieben sie die Sieger. Sie ließen sich brechen, aber nicht biegen. Was sie der imponierenden Mehrzahl entgegenzusetzen hatten, war nur wenig, war hinfällig und scheinbar ungenügend. Es waren nur halbe Schekel- Leistungen. Aber Gottes Gnade hat die unzulänglichen, hälftigen Leistungen zusammengefügt, und in dieser Gemeinsamkeit haben sie den Tod und den Untergang überwunden, denen der Einzelne sicher verfallen gewesen wäre. Wir stehen immer noch unter dem Zeichen der Gewalt. Wer noch eine große Zahl von Soldaten ins Feld stellen kann, gilt als der Sieger und üdt als solcher die Gewalt aus. Und doch ist die Geschichte reich an Beispielen dafür, daß die Opfersreudigkeit und der Heldensinn kleiner und arm gewordener Staaten, diese zur Wtedergesundung .führt, daß nicht die Zahl, sondern die Leistung der Gezählten den Ausschlag gibt. Diese jüdische Lebensanschauung, welche die Menschen nicht nach ihrer Zahl zählen, sondern nach ihren Leistungen schätzen lehrt, dürfte auch einem sonst dunklen Ausspruch unserer Weisen im Traktat Erubin, Fol. 13 d zu Grunde liegen. Es heißt daselbst-: „Zweiundeinhalbes Jahr stritten die Schule Schammai's und Hillel's. Die Einen . sagten, es wäre für den Menschen besser, wenn er gar nicht erschaffen worden wäre und die Anderen sagten, es ist für den Menschen bester, daß er geschaffen worden ist. Sie zählten und kamen zu dem Beschluß: Es wäre für den Menschen bester, er wäre nicht geschaffen worden. Jetzr, da er einmal erschaffen ist, j prüfe er seine (vergangenen) Handlungen und, nach anderen, seine künftigen Handlungen". Wir brauchen auf die Schwierigkeiten dieses Ausspruchs glicht erst aufmerksam zu machen: sie drängen sich jedem von selbst auf. Wie ist es möglich, daß unsere großen Meister, über einen Gegenstand auch vur streiten konnten, den Gottes Weisheit durch die Tat bereits entschieden hat, und wie konnten sie gar schließlich zu einem entgegengesetzten Resultate kommen, . als dasjenige, das in der Existenz des Menschen nun doch einmal als unabänderliche Tatsache dasteht? Beobachtet man jedoch die Lausende und Hunderttausende von Menschen, die geboren werden, leben und sterben, ohne einer höheren Regung fähig zu sein, die ein Spielball ihrer Sinne und Leidenschaften keine Spur eines Fortschritts und einer Vervollkommung erkennen lasten, so möchte man wohl an der Menschheit irre werden und an ihrer Zukunft und einstigen Vollendung verzweifeln. Sieht man dagegen aus der. großen Maste von Existenzen, die scheinbar ihre Bestimmung verfehlen, einzelne Geister wie Meteore aufleuchten, so söhnt uns diese Tatsache wieder mit der Menschheit aus. Solche das gewöhnliche Niveau weit überragende hehre Gestalten. zeigen denn doch, westen die Menschheit fähig ist und lasten die große, stumpfe Maste als den Stamm begreifen, dessen Blüte und Frucht eben diese genialen Menschen bilden. In diesem Sinne sagen z. B. unsere großen Weisen a'PtP "s332 ^pr um nB>D X121, daß unser Lehrer Moscheh, die Sechsmalhundert. , tausende seines Volkes aufwog. Menschen dürfen § eben nicht gezählt, sondern müssen gewogen werden. Nicht die Zahl, die Leistung entscheidet. i Von den Schulen Hillels und Schammais wird uns dagegen berichtet: 11831 1383 sie zählten nicht die streitenden Stimmen, wie man gewöhnlich annimmt