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Der Israelit · 1920-02-05 · Heft 5 (5.2.1920) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 5 (5.2.1920)
Date
1920-02-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Ar. 5 des „Maelit". 3m 3udenflaat der Gasaren. LMM Historischer füßman aus der» achten ZahrßurrherL, Dort an der LüdoftsrruZr zwischen EMHPä und Asien, wo sich die Wolga br»usend in das KaSpische Meer ergießt, hatte da» Chasarenvolk von alrerSher sein Heim, von wo auS es über da- Schwarze Meer hinaus bis zu den Kaukasusbergen, Armenien und zur Halbinsel Krim seinen Weg fand. In der Hauptstadt B alagar auf der Insel Sajatz im Wolgadelta (dem heutigen Astrachan) thronte der Chakan, dessen Machtbefugnisse die eine-Selbstherrschers älterer Zeiten waren. Mutig und kriegerisch, wie das Chasarenvolk allezeit war, stand eS in hohem Ansehen bei allen Nachbarvölkern. Sowohl die Perser, die sich zwischen dem Kaukasus und dem Meere stark gegen die Ehasaren verschanzten, als auch die byzantinischen Kaiser hielten es für gut, mit ihnen in Frieden zu leben, da sie ihre sturke Faust kaum n und auch fürchteten. Und bis zu dieser schwarzen Erde ging des Juden Golusweg. Aus der Halbinsel Krim wie aus den Ländern der byzantinischen Hörigkeit gingen viele Juden im Anfang drS achten Jahrhundert, da die ReltgionSverfolgungen des Kaiser Leo einsetzten, über die kaukasischen Berge und fanden inmitten des als grausam und unerbittlich verschrieenen ChasarenvolkeS zunächst eine Heimat, wie sie ihnen in den Ländern der hellenischen Kultur versagt wurde. Mt», den Gebräuchen ihrer Heimat brachten die Juden auch Handel uno Verkehr ins Land. Und durch sie erhielten die halbwilden, aber von Natur aus gutartigen Chasaren zuerst Kunde von fremden Sprachen und fremden Kulturen. Die Bedeutung der jüdischen Gemeinschaft zu Balagar begann mit der Einwanderung des Rabbi Jizchok Sangori auS Mesopotamien. Er war ein Thoragelehrter von hervorragender Größe und auch in allen weltlichen Dingen und Wissenschaften so bewandert, daß er von der wachsenden jüdischen Kolonie in Chasarten sogleich als ihr gegebener Führer erkannt und anerkannt wurde. Ohne von Sraatswegen in ein eigenes Biertel gezwungen zu sein, hatte die Juden Balagars das Gefühl der Zusammengehörigkeit und der Drang zum Gemeinleben in einer Gegend zusammengesührt. Dort wohnten sie einfach und beschewentlich und zeichneten sich von den chasarischen Nachbarn in ihrer äußeren Lebensweise fast in nichts auS. Im Hause wurde aber tiefer Familiensinn g pflegt. Sie betrieben zumeist Handwerke oder Handel, zu dem der reiche Fischfang und die Holzetnfuhr Gelegenheit boten, und die arbeitsfreie Zeit war mit Beten und dem Studium des Gesetzes reichlich ausgefüllt. Am Kopfe der „Schechuna", wie man die Judenstraße nannte, stand der pagodenartige Hallenbau mit bescheidener Holzkuppel, der in seinem ersten, kleineren Teil eine Wohnung für die Familie des Rabbi Sangort abgab, während die anderen weiteren Räume zum Gebets-, Lehr- und Versammlungshaus der Gemeinde diente. Die Gemeinschaft hatte noch keine festen Traditionen. Die älteren Mitglieder erinnerten sich noch ihrer Großväter, die aus den verschiedensten Weltgegend, n hier zusammentrafen, und in innigster Davkewpsindung für Gott, der unter, seinem weiten Himmel ihnen nach langen Irrfahrten eine Ruhestätte zeigte, und für den Ehak-n und seine Ratgeber, die wohlwollend die - Flüchtlinge Aufräumen und sie ungestört bei der Ausübung der Väterreligion ließen, die Gemeinde gründeten und das Beihaus errichteten, dav nun Rabbi Jizchok Sangori zu einem Lehrhaus großen Stils auDhaute. Nun scharten sie sich um den Mrnn, der sie leitete und lehrte und den Weg zu Gott und zu ihren Brüdern in der Diaspora zeigte. Rabbi Jizchok Sangori hatte auf dem Wege nach Balagsr feine geliebte Frau verloren und irr Bagdad begraben, Seins Töchter, ba4 einzige Krrrb, trug Sen Rsrrrerr Rech au sh, und in Balagar wurde dieser Name fast mit der Innigkeit eines Gebetes ausgesprochen. Denn Nechanah war nicht nur der Trost und das LebenSzlück ihres Vaters, sondern auch der Liebling aller. Sie war wie sie in Balagar ankamen, ein Kind von kaum sieben Jahren und entwickelte sich in der würz gen Luft der von Wald und Nasser umkränzten Stadt und in der geruhsamen Beschaulichkeit des Vaterhause-, unter Folianten und Menchen, die wie die Bücher still, ernst und voller Weisheit -aher-tngen, zu einer Jungfrau. von unvergleichlicher Anmut und Li blichkeit. DrS fe ngeschnittene Gesicht, in dem sich ält ster jüdischer Adel spiegelte, war von schwarzen, weichen Haarwellen umwogt, die sich nur widerstrebend unter dem S ioenihawl verbargen ließen, wie es die jüo sche Sltrfamkert wünschte. Ihre schlanke sansie G. stult vermochte kein noch so rinsaches formlos s Gewand in ihren feinen Linien zu beeinträchtigen. Nechana war aus dem engen Kreise ihrer sse selten hinausgekommen, aber ihv grist ger Horizont war für ihr Aller ein ungemein weiter. Sie wußte um das Ge«etz und seine Auslegung mehr als eS damals bet Töchtern übl ch war. Denn in Ermang lung eines männlichen Sprossen duldete e» R^bbt Jizchok stillschweigend, ja sogar mit sichtiich m Wohlwollen, daß Nechanah dem Studium der Männer und der Schüler in. der gebotenen Distanz lauschte. Er selbst aber führte sie in die jüdische und arabische Literatur ein und weckre ihren Sinn für Welt und Wissen. Mit achtzehn Jahren stand sie dem Vater in allen. Omgen des Hanfes treu zur Seite, ein treues Ebenbild der frühverstorbenen Mutter. Er unterhielt sich mir ihr wie mir einer Vollendeten, und ihr frischer, von deS Lebens Leid und Lust noch nicht getrübter Sinn, ihr feines, unbestechliches Urteil war bet seinen Entschließungen von Gewicht. Während die treue Debora, ihre frühere Amme, das HauSweien bestens versorgte, machte sich Nechanah selbst in der Hauptsache die Sorge um deS Vaters persönliches Wohl zur Lebensaufgabe und hatte auch noch Zeit und Gelegenheit genug, mit deffen Hilfe an ihrer geistigen Vollendung fortgesetzt zu arbeiten. — Es galt heute im Lehrhause des Sangori ein kleines Empfangsfeft zu begehen, zu Ehren des Vertrauensschülers Ben Chesdai, der nach Babylon nach den Lehrhäusern der Gaonim gesandt worden war, um dorthin den Gruß und die Spenden derer in Chasarten zu überbrtngen und wiederum mit Kunde über die Lage am Euphrat, und neuen Entscheidungen deS GaonaiS wteoerzukehren. Ein ganzes Jahr war Ben CheSdat, der mutigste und verständigste der Jünger, aus geblieben. Nun kehrte er, reichbeladen Mit geistigen Schätze heim und das Lehrhaus zu Balagar sah dem Boten hoffenden Herzens entgegen und xüftetctc sich zu einem festlichen Empfange. 'Ein „Baruch habo" in großen Goldlettern auf Weinlaubengewtnde, daS am Eingänge prangte, war das Werk NechanahS und ihrer Freundin B a t s u a, der Tochter des reichen frommen R. Amram, der infolge seiner Frömmigkeit und Wohltätigkeit neben Sangori wohl die meist geschätzte Persönlichkeit der Gemeinde war. Im Lehrhause waren um Rabbi Jlzchsk Sangori, R. Amram sämtliche Jünger und alle Angesehenen der „Schechuah" zum Empfange versammelt. Zar festgesetzten Stunde irar Btt The-oai durch das geschmückte Tor in die Halle; ein großgrwachsener junger Manu m't braungebranntem von einem rabenschwarzen, schönen Voll» barte umrahmten Gesichte, in tem zwn dunkle tikfli gende Augen von Mnt, Unerschrockenheit und WeUg'Wundheit sprachen. Alles hatte sich zu flirren Ehren erhoben, und Rabbi Jizchok Sangori reichte dem Bst?n b r Hand entgegen mit dem Gruße; böäßka Fäökalöm?“ Chesdai stand etwas verlegen gegenüber der dieser Ehrung vdnsettett so vieler würdiger und verdienter Männer, verneigte sich bankend und erhielt gleich daS Wort zu seinem Berichte über seine Erlebnisse und Erfahrungen in Babylon. Gewandt und fließend mit wohllautender Stimme sprach Ben Chesdai, mit feinem Takte alles vermeidend, waS seine eigene Person und weniger die Aufgaben seiner Mission berührte. „Groß war die Freude, erzählte er, in allen Ländern, durch die mich der weite Weg führte, beionderS in Babylsnien selbst, als sie auS meinem Mun)e den Gruß unserer Gemeinde vernahmen und de Kunde, daß der vrriprengte R st in Cyasurien seine Fühlung znm Ganzen sucht und zum Ausdruck bri'gt. HnPumbediia danken sie auch für die gesauoir.-n Gaben und entbieten ihren lnüdeUtchen Gruß du: v^rehru':: Rabdi und t'tx ganzen heN-gen Gemeinde zu Balagar". „Und wie gehr es unseren Prü)ern in Oer Zer st euung?" fragte der Rabbi. „Seitdem di- L hre Mohumeds in den La» den des Morgens platzgegriffen", berichtete Ben CheSdat, „haben sie dort unter der m lüen Herrichaft te. Cailfen Nicht zu klagen. B sonders r. Baoylon herrscht Rahe uud Wohlstana, unsere Bcüder genießen hohes Ansehen unter Führung des Exäarchen, uud die Messtwta (HochschuU) unter dem Gaonate zu Pumdadlta steyt m höchster Blüte. Wie wohl der Talmud seit bald dreihundert Jahren abgeschlossen ist, wir) dort am Bau.unausgesetzt weiter gearbeitet. So hat der Gelehrte Rad Achat aus Schadcha sein Buch „Scheelloth" beendet, das 171 Bort ägc zu den einzeln n Abschnitten der Tho.a enrhalt uuö fast den ganzen ralmudischen Stoff, H.lnchu und Agadat, verarbeitet. Irr Babylon w rroe dieses Handbuch für alle religiösen Fragen dcS praktischen Lebens mit Freuden begrüßt und wird allgemein benutzt". Sangort stand mit einer freudigen Erregung auf. „Und hast Du dieses Buch der Fragen, das der Mühe enrhebt, bet jeder einzelnen Frage im ganzen Meere des Talmuds erst herumzusuchen, mit eigenen Augen gesehen?" „Ja" erwiderte Ben Chesdai gelassen, indem er eine umfangreiche Rolle aus feinem Pergamente auspackte u»d aufwickelte. „Ich habe das Werk für uns abschretben lassen und die Babylonier waren uns dabei behilflich". Der Rabbi hatte zunächst keine Wovfür seine Freude. Er brachte die Rolle an seine Lippen und küßte sie inbrünstig, dann umarmte er Ben Chesdat. „Nimm ötefeu Kuß", sagte er unter Tränen, „als Dank auch für diejenigen, die uns dieses kostbare Geschenk m unsere abgeschiedene Einsamkeit geschikt haben. Ist dies das ganze Werk?" „Nein", berichtete Ben Chesdai, „R. Achai ging nach dem heiligen Lande, am dort auch noch die Schätze aus dem jeruflilemit ischen Talmud zu heben und sie seinem Buche ewzuversttben. Eine Abschrift der neuen Zusätze, ebenso eines vom blinden Gaon R. I e h u o at m Sura angefangenen und noch nicht beendeten ähnlichen Werkes unter dem Titel „Halachoth Keruvoth" wird uns mit dem nächsten Boten zugehen." (Fortsetzung folgt.)

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