Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 4 (29.1.1920)
- Date
- 1920-01-29
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2446951-2450088-2450092--68018-2525094- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
. Seite 12 No. 4 4 Der JSraeltt. Januar 1926 gekommen ... „Ein Wahrsager, ein Wahrsager ist erschienen!" In wenigen Minuten wußte es der ganze Wald, daß ein Wahrsager gekommen ist. Die junge Birke war die erste: „Kinderchen wollen wir uns nicht Karten.legen und wahrsagen lassen?" Die ganze Gemeinde lachtejeder stellte sich so, als ob er an solche Narrheiten nicht glaube/ im Herzen aber zog und zog es mächtig dahin zum krächzenden, schwarzen Propheten . .. Die Birke natürlich war wiederum die erste gewesen. Sie reichte ein Zweiglein dem Raben, der an den Liniert abzulesen begann: „Siehst du hier diese mittlere Lmie?" sagte er krächzend und kreischend, „sie geht hinaus und oben ist sie spitzda droben zieht sich eine andere Linie über die Spitze hinweg und fällt' an den Seiten in zwei Enden herab. Wisse! bevor noch das Jahr herum ist, wirst du unterm Beil fallen und aus deinem Holze wird man einen Galgen machen und an dem Galgen wird ein armer, unschuldiger Mensch hängen. Einige Minuten wird er dort zappeln und dann sterben. Eine arme Witwe mit hungrigem Waisen werden ihn beweinen." „Genug! Genug!" Die Birke zog mit Todesschauer ihr Zwetgleitt zurück und wandte sich hastig ab. Ein junger Eichenbaum, eilt halber Freigeist, streckte mit gezwungenem Lächeln mutig einen Zweig aus. Der Rabe besah ihn sich und begann nachsinnend seine Prophezeiungen. „Bevor noch dreimal drei Tage ins Land ziehen, wird eine Axt dein Haupt zerschmettern und aus deinem Holze wird man von der einen Hälfte eine Tragbahre und eine Leichenbahre machen und von der anderen einen Sarg. Ein Schrecken wirft du sein für alle, die dich sehen, ein Abscheu für alle Menschen." Aer Eichenbaum rückte hurtig seitwärts ab. Plötzlich aber ließ sich der greise, fromme Tannenbaum räuspernd und schaukelnd vernehmen: der Wind schien ihm etwas zngeflüstert zu haben. Er ließ von seinem T'hilim und streckte dem Raben einen Ast entgegen. „Keine dreimal drei Monate werden vorbei sein und aus der Hälfte deines Holzes wird man eine Bank machen. Weißt du aber, was für eine? Eine Bank für Angeklagte wirst ou im Gerichtshof stehen, und sitzen wird auf dir ein unglücklicher Mensch. Eine schmähliche falsche Beschuldigung hatte ihn dorthin gebrachter trinke Blut von kleinen Kindern . . . Aus der anderen Hälfte deines Holzes wird man einen schönen Richterstuhl Herstellen . . . und auf diesem wird derjenige sitzen, der das Urteil über den Unglücklichen auf der Bank fällen wird. Der Tannenbaum verhüllte das Angesicht in seine Zweige nnd wollte nicht weiter hören. Und gerauscht hatte wieder der Wald und gerauscht, gelärmt hatte er und geplappert, und wohin der Wind weht, dorthin hatten sich die Bäume geneigt... Jüdische Kunst und Kultur. ftrio Gurlüt kündigt die Gründung eines neuen „Verlags für jüdische Kunst und Kultur" an. Der Verlag will durch Mitwirkung aller Kunstsreunde Graphik- und Büchersammler und Liebhaber seltener Drucke die Kultur des Ostens und des Orientes der Vergangenheit und der Jetztzeit dem modernen Verständnis näher bringen. Als erster Band der Bibel im Urtexte erscheinen „Die Psalmen" mit 20 Holzschnitten bau Budko. Es folgen dann „Samuel, erstes nnd zweites Buch", „Klagelieder" und „Buch Esther" (Urh, Struck, Budko). "Zugleich mit den hebräischen Texten erscheinen in gleicher künstlerischer Ausstattung Ausgaben in deutscher Uebersetznng. Aus älterer Volksliteratur erscheinen „Zet'uoh urervb" u!d „Kaw Hnjo^ü-er' u. n. Neben Gabirol und Jehuder Haletii kommen auch Dichter der neujüdischen Literatur zu Wort. Als Herausgeber zeichnet Dr. Karl Schwarz. inderecke Ehamischo Osor dischwat. Mir zu Füßen sinket hernieder Linde und tnilde der friedliche Schnee, Breitend die reine, die schonende Decke lieber der Menschheit Schuld und Weh. — Kahl und entblättert strecken die Bäume Ihre Zweige gen Himmel empor, Flehend und klagend, daß starr und vernichtet, Was einst keimte, einst blühte hervor. Mir zu Füßen sinket hernieder Schnee in stiller, in friedlicher Ruh', Deckend mit reinen, mit schützenden Armen Kamen des Guten, der Zukunft zu. Und in kahlem, entblättertem Dasein Quillt scks wie Frühlingsahnen hervor, Daß es wieder sprosse und grüne, Sprosse nnd grüne zum Himmel empor. M. Sp. Das Neujahrsfest der Säume. Ein Märchen yon Max Speier. „Aber natürlich," sagte das pausbäckige Aepfelchen und blähte sich breit, „ich bin dabei!" „Und an mir soll's auch nicht fehlen," zirpte die Grünnase von Birne mit dem länglichen Kinn. „Ich halt mit," kollerte die braunnackige Nuß und schlebelte sich ein Stückchen vorwärts. „Und ich durchdnfte dann das Ganze," meinte gelassen die stolze Goldorange. „Aiso heut' Nacht pünktlich um 12 Uhr draußen im Garten," rief errötend die Zwetsche und ließ sich im' Vorgeschmack des erwarteten Vergnügens den Saft von den Wangen herunterlaufen. „Aber wer schließt unsdie Türen auf?" krachte die Mandel auf einmal dazwischen. „Das ist eine Frage, die wohl bedacht werden muß," brummte der behäbige Kürbis. „Schon gelöst," lachte die glutvolle Ananas, die zwar eingemacht, aber doch reichlich süß und frisch gebettet war, „der Nußknacker!" Der lag faul und steckcnsteif zwischen den Obstkörben und Konservengläsern, unter denen das heimliche Gespräch stattfand, rührte kein Glied und machte sich nichts hören. „Hedda," zupfte ihn die bärtige Kastanie, „mach' Er doch die Ohren auf, Er bequemer, unwirscher Geselle." „Ich bin so müde", knarrte der blanke Bursche, zu dem die blaue Traube mit verliebtem Wohlgefallen hinsah, „ laß mich in Ruh!" Wird nichts draus", richtete sich die Banane in ihrer ganzen schlanken Größe auf, „wir wollen - heut' Nacht unsere Väter und Mütter und -sonstigen Anverwandten im Freien besuchen und uns mit ihnen über das vergangene Jahr und unsere zukünftigen Hoffnungen unterhalten, da mußt Du uns beiftehen". „Meineihalb m", bollerte er heraus, „was ist denn eigentlich los?" „Ehamischo Osor b'schwat", antwortete kurz das Johannisbrot und rollte ihm einige Kerne an die Rippen, „unser Neujahrsfest". „Du brichst die Türen auf, damit wir herauskönnen", sagte hellsttmmig die blanke Kirsche, „und geht's nicht gutwillig, so krachst Du Schloß nnd Schlüsse entzwei". „Gute Nacht, weckt mich dann, wenn's Zeit ist". Der Nußknacker streckte sich, und die geschwätzige Gesellschaft ward auch stumm, weil eben das Töchterlein des Hauses mit der Lampe ins Zimmer trat. * ¥ ¥ Der riesige Schneemann starrte mit seinen schwarzen Augen neugierig in den dunkeln Hof hinaus. „Wasg?ht denn da vor? Was drängt sich denn da, was schiebt sich denn da, was wackelt denn da und fackelt denn da? Sonst kann man doch wenigstens in Frieden ruhen, wenn man den ganzen Tag das Gelärm von den wilden Buben um sich herum gehört hat, und heut Plötzlich zu nachtschlafender Zeit, wenn alle bewaffneten und unbewaffneten Bürger sich beschaulicher Stille htngeben, sowas von Getöse! Bin doch gespannt, was da kommt!" Er wollte gerade mit dem Stock drohen, als ein leises, süßes Sümmchen ertönte: „Ach bitte, bitte, lieber Herr Schneemann, tue uns doch den Gefallen und kehre uns mit Deinem großen Besen einmal den Weg vom Schnee frei, damit wir zu unserer lieben Familie können. „Potztausend, wer bist du denn", murmelte der Weißbart und wollte sich niederbeugen. „Ei, Fräulein Rosinchen! Guck mal an, so spät und so wach! Bist wohl aus dem leckern Geburtstagskuchen heransgekrochen, den die Mutter fürs Nesthäkchen gebacken hat? Der kleine Kerl hat es mir freudestrahlend erzählt. „Aber wo wollt Ihr denn hin, Ihr Nachtschwärmer?" „O bitte, bitte, nicht böse sein, guter Herr Schneemann", bettelte das niedliche Rosinchen, „die Apfelsine setzt Dix auch ganz gewiß eine schöne rote Kappe auf, wenn Du uns durchläßt!" /,Recht also, weil Du's bist, liebes Kind." Der Schneemann fegte mit dem alten Besen eine rein Gaffe. „Vorwärts marsch!" kommandierte der Kürbis als Corporal der kleinen Schar, die sich gemächlich und in gleichmäßigem Takt zu den Bäumen des großen Gartens hintrollte. Die hatten's schon gespürt, daß ihnen was Besonderes bevorftand. „Ich weiß nicht", hatte schon am Tag der Apfelbaum zu seiner Nachbarin, der grünen Edeltanne, gesagt, „mir ift's eben so seltsam zu Mut, ich glaub', ich Hab' Wachsschmerzen." „Ja", hatte drauf der Zwetschenbaum zustimmrnd genickt, „mir ist's auch heut auf einmal bei dem starken Schneegestöber so warm und eigen geworden, daß ich meine, der Frühling kommt." „Du, Eiche", rief die wißbegierige Pappel in den benachbarten Wald hinüber, „schau doch mal bet Deinen Ringen im Jahreskalender nach, was denn für ein Tag ist." „Der vierzehnte Schwat", brummte die Eiche gravitätisch und vernehmlich. „Also der Ehamischo Osor vor der Tür!" jauchzte das Aprikosenbäumchen, „Kinder, das ist fein!" „Naseweis", gaben die Nußbüsche zurück, „weißt viel, was ein Neujahrsfest ist!" „Heut hat sich die Katze vor mich in den Schnee gesetzt und ihren borstigen Bart geputzt", erzählte der Birnbaum, „das bedeutet Besuch." Da dröhnte auch schon ganz in der Nähe der verschlafenen Ranke vom Weinlauö die Stimme des Kürbisses: „Stillgestanden! Mamsell Birne, melde Sie uns!" „Alle zur Stelle!" erstattete die Birne gehorsam und militärisch Rapport. Der Jubel kannte keine Grenzen. Die Bäume streckten ihre Zweige ihren Kindern und Freunden zu herzlichem Willkomm entgegen, manche hoben ihre treuen Früchtlein empor und ließen sie auf )en Aesten schaukeln, der Wind sang ihnen ein 'röhliches Lied dazu, und die Fichte vergoß sogar vor lauter Rührung ein paar dicke Harztränen. Jetzt gabs ein Fragen und Liebkosen und Berichten ohne Ende, man hatte sich seit Monaten nicht gesehen und war um das Schicksal jedes Einzelnen natürlich aufs ängstlichste besorgt. Der Schneemann spitzte von der Ferne seine Ohren aus. Apfelschalen und machte ein immer freundlicheres Gesicht trotz der unerlaubten Störung. (Schluß folgt.)