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Der Israelit · 1920-01-29 · Heft 4 (29.1.1920) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 4 (29.1.1920)
Date
1920-01-29
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Feuilleton-Vellage zu Ar. i des „Israelit". So ein »ech! Wahre Begebenheit aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Bon L. Rosenthal. (Schluß). Aber auch ohne Schaden brauchte das Braut paar für den Spott nicht zu sorgen. Wochenlang noch lachten die Z... r über das schnurrige Stücktein. Damit könnten wir nun unsere Erzählung schließen, wenn — sie nicht noch ein Nachspiel gehabt hätte, das wir als gewissenhafter Autor dem Leser nicht vorenthalten dürfen. Ein halbes Jahr war vergangen. Riekchen hieß jetzt Frau Stern und lebte glücklich und zufrieden mir Sally, der sie, wie man zu sagen pflegt, auf Händen trug. So war er auch heute gern bereit gewesen, Rükchen in die Residenz zu begleiten, wo abends im Theater ihre Lieblingsoper „Der Freischütz" gegeben wurde. Schon mit dem Mtttagszug fuhren sie fort, da der darauf folgende sie nicht rechtzeitig genug nach dort gebracht haben würde. Um die Zeit bis zum Beginn des Theaters.einigermaßen angenehm zu verbringen, gingen sie zuerst in das elegante Residenz, koffee, und als sie dort aus der Zeitung ersahen, daß die große Kunstausstellung, die alljährlich im Herbst stattfand, eröffnet war, beschlossen sie, auch dorthin zu gehen. Das Gefallen an schönen Bildern steckte noch immer in beiden. Nur schenken wollten sie sich keine mehr! Bet dieser Gelegenheit können wir nicht umhin zu verraten, daß Sally seine ursprüngliche Absicht, nämlich Riekchen einen Brillantrtng zu schenken, ausgesührt hatte, wogegen diese sich mit einer wertvollen Kravattennadel revanchierte, die einen großen, von kleinen Diamanten eingefaßten Rubin zeigte. Da wußten sie doch, was sie sich gegenseitig verehrt haben. Als Sally und. Riekchen den Mkttelsaal betraten, wartete ihrer eine große Ueberraschung. Da hing ihnen gerade gegenüber das verwünschte Bild, das fie in Z ... sy lächerlich gemacht hatte, ihr Bild. Kein Zweifel, — es war's. Unten am Rahmen stak wieder ein Zettel, aber keine Nummer stand darauf, sondern das inhalsschwere Wort: „Verkauft". Ein dichter Menschenhaufen drängte sich vor dem Gemälde, das allem Anschein nach das wertvollste der ganzen Ausstellung war, und mancher Ausruf der Bewunderung wurde laut. Mit begreiflichem Interesse suchte das junge Ehepaar jede Aeußerung, jedes Wort zu erhaschen und sich etnzuprägen. „Es ist eigentlich eine Schmach", sagte da ein älterer, vornehm aussehender Herr mit einem Ordensbändchen im Knopfloch zu feinem Begleiter, emem Offizier, „daß diese englischen und amerManischen Protzen unS so unsere besten Kunstwerke vor der Nase wegkaufen können. Wenigstens sollte man gesstzliche Bestimmungen erlassen, die ihnen das ei igermaßen erschweren würden." „Ich wäre neugierig, zu erfahren, was für das Bild bezahlt worden ist," meinte der Ofsizier. „Wissen Sie es, Herr Graf?" „O ja. Ein reicher Schweinezüchter aus Cinnctnatt hat diesen echten Teniers für 10,000 Taler an sich gebracht." Ein leichter. Schrei auS weiblichem Munde ertönte. Riekchen hatte ihn ausgeftoßen. Halb ohnmächtig wurde sie von ihrem über das Gehörte ebenfalls ganz faffungslosen Mann nach dem großen Rundsofa in der Mitte des Saales geleitet. Der Ausstellungsdiener kam mit einem Glase frischen Wassers gelaufen. Um kein Aufsehen zu erregen, trank Riekchen einen Schluck davon, erhob sich dann und nahm Saüys Arm. Der drückte dem gefälligen Diener noch ein größeres Silberstück in die Hand und frug im Davongehen: „Ist es wirklich wahr, daß das große Bild da für 10,000 Taler verkauft worden ist?" „Jawohl Herr Baron" — unter dem tat es der Mann in Anbetracht des reichen Trinkgeldes nicht — „10,000 Taler sind dafür bezahlt worden." Mit welchen Gefühlen das Paar die Ausstellung verließ, kann man sich denken. Wie hatten sie sich gefreut, als sie damals ihre 500 Taler wieder bekamen und nun, .... es war um an den Wänden htnaufzulaufen. Zwanzigmal so viel war es wen. Ob der Neffe des Kammerherrn das gewußt hatte. Wer konnte es ihm beweisen? — Zu Hause gab es auch große Aufregung. Juda Hamberg, Joel Stern, ihre Frauen, Onkel Simon und Tannenbaum — alle schrien Zeter, als sie die Kunde vernahmen. Den kleinen Trödler griff es am meisten an. Die Haare hätte er sich ausraufeu mögen! Da er aber nicht mehr viele besaß, überlegte er es sich noch einmal. Der Stadtklatsch über das verhängsvdlle Bild bekam nun neue Nahrung. Man konnte wieder einmal sehen: Die reinste Freude ist die Schadenfreude. Der „Neffe" war abermals auf Reisen gegangen, wre Gally von dem Notar erfuhr. Wo er sich zur Zeit aufhielt, wußte er nicht zu sagen. ES bedurfte einer Reche von Jahren, ehe Sally sich über das „Danaergeschenk" fernes Frauchens einigermaßen hinwegsetzen konnte. Sein stets wachsender Wohlstand lreß ihn die ärgerliche Geschichte schließlich verwinden. Kam aber doch 'mal die Rede darauf, so ballte er unwillkürlich die Faust, und halb ingrimmig, halb wehmütig dachte er sich: „So ein Pech!" Eine Wawgeschichle. Bon David Frsichmann.*) Gerauscht hat der Wald und gerauscht, gelärmt hat er und geplappert, und wohin der Wind geweht, dorthin haben sich die Bäume geneigt. So ist einmal die Natur des Waldes .. . Das ganze liebe Jahr sich abgemüht, tagaus, tagetn und niemals Zeit gehabt. Einmal aber, an einem schönen Frühltngsmorgen, geschah etwas Wunderbares. Eine junge Birke blickte zufällig auf ihren Abrechkalender und wurde bietch vor Schrecken. Mit ihrer ganzen Kraft ries sie aus: „Du großer Gott im Himmel, morgen ist doch der fünfzehnte Schebat, Rosch-Haschanah!" Und der Waldwind, dieser alte Schwätzer, hat bald einen Ausruf von Baum zu Baum weirergetragen und in wenigen Minuten wußte schon der ganze Waid von Eck zu Eck: 'morgen ist Rosch-Haschanah! In der Nacht darauf ist alles wie durch einen Zauber verwandelt worden, so daß man in der Frühe den Wald nicht mehr erkennen konnte. Fromm und andächtig standen sie schon bei Tagesanbruch, die Augen gen Himmel gerichtet. Mit der Frömmigkeit eines einzigen Tages wollten sie alle Sünden eines vollen, runden Jahres abwtschen. So ist einmal die Natur des Waides ... Der ganze Wald war in Weiß gehülltvom *) Aus dem Jüdischen. frischgefallenen Schnee waren ' ie Taleißim, und die Zizts hingen in langen Eiszapfen herab. Eine alte närrische Fichte hatt: sich eine weiße Haube zierlich aufgesetzt. Und ein Zittern entstand; ein ehrliches Zittern ging durch den Wald. Die Zeit der Gewissensregung war gekommen. Sie begriffen plötzlich ihr ganzes nichtiges Dasein. Ihre Jungen wurden zum Heizen geholt .. . und ihre Alten werden in Bretter zersägt ... Nicht beneidenswert sei ihr Los! Ob es wirklich damit getan sei, wenn man sich das ganze Leben lang nach allen Winden schaukelt ... Und die Bäume fingen bitterlich zu weinen an. An der Seite stand ein müder, greiser Tannenbaum und sang seit Morgen, halb verschlafen, seine T'htlim. Die Sonne, blaß und trüb, sandte einen schachen Strahl durch das Gehölz ... und plötzlich gebot ein junger Ahorn Schweigen und begann sein Adaun--Aulomsein Jüdisch war schlecht, aber es kam von ganzem Herzen ... Und fort ging es der Reihe nach: der Baal- Schachris war ein fester Eichenbaum und der Baal-Muffaf ein brummiger Erlenbaum. Der Wind blies kräftig das Tekyo-Scheworim-Truyo, und die ganze Gemeinde erhob ein Klagegeschrei. Ein alter, dicker Fichtenbaum versuchte bei Waanachnu-Kaurim, sich bückend bis zur Erde herabzulaffen ... und konnte sich kaum noch wieder aufttchten ... Und ein Krächzen entstandein ehrliches Krächzen ging durch den ganzen Wald, von Eck zu Eck. Der Nachmittag rückte heran und die Stimmung begann allmählich, nachzulassen. So ist einmal die Natur des Waldes .. . Das junge Volk schickte sich anscheinend an, zu Taschltch zu schreiten, und die Alten standen und unterhielten sich. Ein närrischer Erlenbaum erzählte stolz von seinem Großvater und seinem Vater seligen Angedenkens. Sein Großvater, als er verschieden war, wurde sorgfältig zersägt und aus seinem Holz wachten sie einen Thron für die Königin von Saba, und aus seinem Vater schnitten sie Mastbäume für die Schiffe des Königs Htram. „Solch ein Glück! Solch ein Glück 1" nickten ihm die Zuhörer begeistert zu. Und der Erlenbaum fuhr fort: „Sollte mir am heutigen Rosch-Hoschanah beschteden sein, dies Jahr von der Welt zu gehen, so wünsche ich mir keinen besseren Tod , - " . Ein frommer Kastantenbaum versteifte sich: „Wenn schon der Tod, so wünsche ich allerdings lieber, daß man aus mir einen Rabbinerstuhl für einen großen Rabbi mache und aus meinen Zweigen Deutgrtffeln schnitze, womit man den Kindern in den schulen auf das heilige Alej.h- Beth deuten solle." „Welrfcemd!" dachte sich ein langer, dürrer Faulbaum... Eine junge, einsame und unfruchtbare Linde ließ die Augen hängen und flüjterte verschämt: „Wenn schon sterben, so soll man aus meinem Leib Kinderwiegen machen . . ." Die Nachmittagsstunden waren vorbei. DoS junge Geschlecht am Bach hatte inzwischen sem Taschlich begonnenes schüttelteseine w.iken Blätttr ab, die ins Wasser fi len. Eme junge Birke trieb indessen einen Furt mit einem ieichtsinn gen Westwind ... sie tändelten und plauderten veriraulch und wurden nun minutenweise durch die Stimme des grellen Tannenbaumes gestö't, der noch immer abseits stand und müde und schläsiig feine T'h I m sang, die er von vorne ang»fangen halte: „Lamah ragschu goym ulumim jehegu rtk. Warum toben so die Völker und trachten öle Nationen Böses." Die Heiligkeit des Jaum-Hadin war nun ganz entschwunden und das junge Volk nahm sein gewohntes Rauschen wieder auf. . . Plüsch aber ereignete sich etwas Ungewöhnliches. Em alter Rabe war krächzend und kreischend angeflogen

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