Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 4 (29.1.1920)
- Date
- 1920-01-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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29. Januar 1626 Der Israel?;. fünften ordentlichen Mitgliederversammlung zu Tage. Von auswärts waren infolge der ungünstigen VerhMnffse nur wenig Herren erschienen. Die Zentralstelle hat sich mit Recht entschlossen, ihre ganze Aufmerksamkeitder Versorgung der jetzt über die Grenze kommenden Ostjuden zuzuwenden und sich zu diesem Zwecke an das jüdische Arbetterfürsorgeam t in Berlin angeschlossen. Sie fordert auch die ihr nahestehenden Verbände und Kassen im Lande zu gleichem Vorgehen auf. Den Vorstand bilden die Herren: Sanitätsrat Dr. Wreschner, Berlin- B. Feilcheuftld, Cöln- Dr. Berhard Kahn, Dr. Reumann, H. Aron, Dr. Beer, Berlin - Dr. Emil Hirsch, Halberstadt. Berr v. Delbrück un3 Ser finfifemifismus- Merlin, 11- Januar. Der ehemalige Staatssekretär v. Delbrück, der sich bei den Derrtschnationalen nie recht wohl gefühlt hat, hat sich in einem Briefe, den die „Jenaische Zeitung" veröffentlicht, zum Antisemitismus geäußert und dabei zunächst zwar allerlei den Antisemiten Wohlgefälliges über den „jüdischen Einfluß" gesagt, dann aber erklärt: Dagegen verwerfe ich jede Bekämpfung, Verfolgung des einzelnen Inden auf Grund seiner Abstammung und verurteile aufs schärfste die unwahrhafte, niedrige und verhetzende Kampfesweise eines Teiles der antisemitischen Presse, für die ich gestern einzelne Belege beigebracht habe. Die antisemitisch-alldeutsche „Deutsche Zeitung" äußerst natürlich ihre Empörung über eine solche Haltung des Herrn v. Delbrück, und sie versichert iu den deutschuationalen Kreisen Thüringens, wo Herr v. Delbrück gewählt worden ist, werde die Stimmung gegen ihn „immer erregter". Er gefährde „die Geschlossenheit der Partei". ßefamf-Organifafion 3er öeulscken Zu3en. Merlin, 25. Januar. Verband der deutschen Juden und Gemeiudebund, die bekanntlich wegen der Führung einer zu schassenden .Gesanrtvrganisatiou irr Konflikt .geraten waren, chabeu sich nunmehr geeinigt. Ter in Aussicht getrommene Entwurf sieht einen freiwilligen Zusammenschluß, der Gemeinden auf Basis der Gleichberechtigung der „Richtungen", die Schaffung zweier getrennter „Kultuskommissionen" und, eine Vertretung der durch die Seminare dargestellten religiöse:: Richtungen im Zentralorgan vor. Die neue Mscke Verkeilung in Württemberg Kcilöromt, 25. Januar. Vom Württemberger gesetzestreuer: L a n b esve r b a u d wird u:rs geschrieben : Wr sind mit dem Schreiber des Artikels übe? die „Revision der israelitischen Kirchenverfassung in WÄrtbemberg" darüber einig, daß wir an einem wichtigen Wendepunkt stehen unb unsere Pflicht und Schuldigkeit tun müssen, um unsere Interessen in der neuen Verfassung gefördert 'zu sehen, wenngleich wir für die Erhaltung der Thauro die Vertretung durch einen oder einige Herren in den Verwaltungskörpern für nicht sd wichtig halten als die Forderung, daß jeder i n s e i n e m Hau s e, seiner Familie und Gemeinde sein Möglichstes tut, 'DJH jeder a,.f seinem P.'stm, firn als gesetzestreickr Jude jn der Praxis zu betätigen. Der Artikelschreister hätte aber, ehe er gegen unseren Landesverband den Vorwurf der Untätigkeit erlM, sich doch gerechterweise erst überzeugen sollen, ob nichts darin geschehen sei. Wir Wolken zugeben, daß nrehr geschehen könnte und sollte, wenn sich nicht auch hier hie „schwäbische Gemütlichkeit" geltend machen würde, kommt noch hinzu, daß die von jeher nicht Naphtalis Geschwindigkeit besitzenden „schwäbischen Eisenbahnen" durch Zugeinstellung und Sonntagssperre 'Einberufung von Versammlungen erschweren. Was über vorerst des wichtigste, das geschah wohl, indem der Verband in xiner Ausführlichen und dringlichen Eingabe die Oberkirchenbehörde bat, die orthodoxen Interj essen durch KooMerung einiger Herren als F-raktionsvertreter würdig zu berücksichtigen, auch den Ausländern das Wahlrecht zuzubilligen — womit sich der Artikelschreiber gleichfalls beschäftigt —, da wir ja nicht als Angehörige irgend eines Staates, sondern der jüdischen Gemeinschaft wählen, und das jüdische Gesetz „ein. Recht den: Fremden rvie dem Einheimischen" fordert. Wir hoffen, daß der Geist der Freiheit und Gleichheit auch uns vorn Gewissenszwang befreien wird, und werden selbstredend nicht versäumen, hei hen bevorstehenden Wahlen nach Kräften für die Vertretung des gesetzestreueu Judentums zu sorgen. Prööühflöe ttckett ohne Me 3er MMölriM- Warschau, 17. Jan. Bei den Beratungen, die dieser Tage in Warschau die Vorsteher der verschiedenen Comitees unter Beteiligung von Delegierten der ausländischen Hilfsorganisation über die produktive Hilfe an den jüdischen Massen pflegten, wurde besonders in Betracht gezogen, daß bei der Verteilung der amerikanischen Nnterstütznngs-! gelder jede Parteilichkeit ausscheiden müsse. Die! Erfahrungen auf diesem Gebiete lehren, daß! Vertreter der Assimilation und der nationalen Richtung bei der Verteilung der Gelder in erster Reihe ihre Institutionen berücksichtigen. Bet der Neu Organisierung des Unterstützungswerkes, das sich auf Zuweisung von Maschinen, Werkzeug! und Rohstoffen bezieht, soll jedoch jede Bevorzugung- oder Benachteiligung irgend einer Richtung vermieden werden. Nichtsdestoweniger wurde von verschiedenen Seiten verlangt, daß die Arbeit auch jetzt nicht in die Hände der Assimilanten gelegt werden darf, die kein Mandat von den jüdischen Bvlksmaffen dazu haben. Einige Vorsteher hiesiger Hilfsaktionen erklärten sogar kategorisch, für den Fall, daß die ausländischen Hilfskomitees nach wie vor die Assimilanten mit zu ihren Vertrauensmännern machen sollten, aus den Kommissionen auszntreten und sich der weiteren Mitarbeit zu enthalten. Die ausländischen Vertreter sind dagegen der Ansicht, daß in den Verteilungskommissionen all die Rlchrungen vertreten fein müssen, die im Ausland die Unierstützungsgelder aufbringen. Eine Verständigung ist ßis dahin nicht zustande, gekommen. Die Organisation „Schlaumei Emunei Jtsroel" und das Warschauer Rabbinat sind bei den Sitzungen mit je zwei Delegierten vertreten. NriegLwailenlitiuser 3er «NguSss 3isroel“. Wnschan, 10. Januar. Als Delegierter der„Agudas tzisroe!" weilt hier Herr Timberg ans Haag, um die Kriegswaisenhäuser in Warschau und Kalisch zu inspizieren und wegen einer staatlichen Subvention mit der polnischen Regierung zu verhandeln. Litauen. Die erste Konferenz 3es jüSisck-lifamscken Kafionalrafes. Kowno, 16. Januar. Jn Fortsetzung der Verhandlungen (stehe telegr. Vorbericht in jüngster Nummer) besprach zunächst der jüdische Minister Dr. S o l o w e i t s ch i k die antijüdische Politik der Beamten in der Provinz, gegen die energisch protestiert werden müsse. Landau, Poniwiesch, verliest eine Resolution der Fraktion der „Demokratischen Intelligenz und Handwerker", die dem jüdischen Minister das Vertrauen der Fraktion ausdrückl. Am Nachmittag erhält Herr Rabbiner Kahnemann -Pontwesch, der Führer der Orthodoxen, das Wort zu seinem Referate über „die Kehilla und ihre Aufgaben." Er führt ungefähr folgendes aus: Das Kehrlloleben bei den Juden ist so all wie das Golns alt ist. Nach Verlust unseres nationalen Zentrums in Palästina rrar als Mittelpunkt die Ketzillv Rr. 4 Geste 5 I^Funktion und nmlonal war diese Kehilla schon zur Zeit des babylonischen Exilarchen. So oft die jüdische Gemeinde ihre Gestalt geändert hat, so b.hielt sie doch lmirrer ihre innerliche Au'oiiomie. Neu ist nur die Art, wie jetzt von gewisser Seite die nationale Amonvmie der Kehtltv gedacht ist Für die Reorganisation der Kelsillo kommen jetzt drei Formen in Betracht. 1) die religiös-nationale: 2i die weltliche und 3) die national Gemeinde, die religiöse Bedürfnisse befriedigt. Die Frage, ob religiöse Bedürfnisse befriedigt werden sollen oder nicht, ist recht eigentlich nichts anderes als die alte Frage: Revolution oder Evolution? Die revolutionäre Anschauung setzt sich hu Galopp über alle religiösen Bedenken hinweg und willdre Verwandlung der religiösen Kehilw in eine weit« siche. Dis Bswnnenen wollen dagegen die Evolution, d. h. sie wollen das religiöse Gefühl langsam und schmerzlos, auf dem Wege mählicher Entwicklung löten, und sic nennen darum ihr Programm t „Nationale Gemeinde unter Berücküchtiguna rund Befriedigung der religiösen Bedürfnisse." Mit scheint die letztere Art weit gefährlicher als die krste. Im erste« ren Falle netzt man den Feind klar vor sich und man kann den Hieb wirksam parieren. Jy letzterem Falle glaubt man einet» Freund vor sich zu haben und läßt alle nötiger« Borsichts- und Abmehrn. aßregeln außer Acht. Der Redner geht aus die Frage, der Trennung von Staat und Kirche ein und kommt zu dem Schluß, daß diese Frage bet uns Juden vollkommen gegenstgudslos sei. Unsere Thors ist keine Kirche unch von unserer Orthodoxie ist eine Hirarchie oder Theokratie nicht zu befürchten. Die Thora ist eins Lehre für SitS Volk, für das ganze Volk ohne Ausnahme und seine"- Hüter u cd Lehrer bilden keinen Klerus, sondern gehen jv.it dein Volke und arbeiten für das Volk. Im Städtchen liegt die Sache so, daß die Intelligenz wie ' auch die Wohlhabenden sich immer weiter vom Volke entferne«:, während der eigentliche Mittelpur'kt der Gerneinde der Rabbiner ist. Darurn kanrt für uns nur die national-religiöse Gemeinde in Betracht kommen. National ohne religiös ist soviel als wollte man dem Kinde zum Leben verhelfen u««d die Mutter! dabei töten. Im Schulwesen rvie bei der Palästina- : arbeit haben die Liberalen von uns Orthodoxen nichts j zu befürchten. Wenn «vir für' Freiheit in Palästina eintreten, so werden wir mit der gleichen K^aft rvie gegen die Roten Pässe der alten Türket auch gegen die modernen bl au weißen Bässe ankämpsen. Unsere Hauptarbeit muß dahin gehen, das heilige Land soviel wie möglich mit traditionellen Juden zu besetzen. Und auch dies ist eiye Aufgabe der Keütllaus. Ebenso muß die kulturelle Arbeit wie die politischen Aufgaben in der Hand der Gemeinde liegen. Was das Steuer-- wesen berrisst, so kann die Zwankssteuer nur für die Großstädte empfohlen werden. In den kleinen Gemeinden muß die Steuer eine freiivillige auf der moralischen Basis der Zusammengehörigkeit bleiben. Dieses läßt sich aber nur dann durchführen, wenn die Gerneinde ihren religiös-nationalen Charakter behält und das Vertrauen der gesarr«tcn jüdischen Bevölkerung genießt. Auch mutz das Matrikelwesen so geordnet werden, daß Heirins- und Scheidungsnkte nur mit Gene,hmtgung des Rabbinates ausgesührt werden dürfen. Als oberste Instanz für die Gemeinden gilt die Gemeindekonferenz, in der die jüdischen Volks-- Massen entsprechend vertreten sind." Daraus ergreift btr Führer der zionistischen Fraktion, Dr. Rosenbau m, das Wort zu seinem Referat über das Th?ma: „Der jüdische Nationalrat und sein; Aufgaben.^ Er geht auf die Ausführungen Kahitemanns ein und erhärt, daß er „kein Feind der Rabbiner" fei. Dann ergeht er sich in scharfen Angriffen gegen „Frankfurt", das seiner Ansicht nach aus dein Munde des Rabbiners Kahnemann spricht, wobei er gegen den „Frankfurter Klerikalismus" loszieht und sich über die litauischen Rabbiner lustig «nacht, die heute in Polink rriacheu . . . Rosenbaum erklärt sich für absolute religiöse Gervissensfreiheit. Die Thora geht aber bei ihm nicht bis zum „Chnfei Odorn", sondern er möchte nur die „leuchtenden Perlen" aus dem altjüdischen Geistesschatz herausgeholr und gepflegt wißen. Dem religiös-nnitonalen Prinzip in der Kehilla ständen Intelligenz unb Arbeiterschaft entgegen. Ironisch bemerkt err „Man gründe ennveder Lerri-Ctzewraus» d nen wir nicht angehvren wollen, oder man rufe solchr autonome Gemeinden ins Leben, in denen wir uns alle betätigen können." Man rvürde es nicht so rveit kommen lassen, daß jetzt „Frankfurt" in Litauen unter dern früheren zionistischen Rufe: „Eroberung der Geineinde" seinen Einzug hält. Er spricht ferner von d n Aufgaben der Konferenz des Nationalrates Die jüdische Selbstverwaltung könne sich in den Gemeinden der Diaspvra nur auf Kultus, soziale Hilfe und Kulturarbeit erstrecken. Was Len jüdischen Minister betrifft, so müsse dieser Stimrne im Kabinette haben, um die jüdischen Interessen wirksam schützen zu können. Andererseits muß Lee Minister für jüdische Angelegenheiten von der Konserenz gervählt «verden, das Vertrauen der jüdischen Bevölkerung besitzen und im Kontakte mit dem Nationalrat arbeiten. Er rät aber dern Nationalrat, sich so wenig «vie mög. sich in die Arbeiten des Ministers einzumischen . . . Er spricht sich noch zuletzt für eine Beteiligung an btt jüdischen Weltkonserenz ans, ans der die Förderung des * piRschen Volkes auf Palästina erhoben werden muß.