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Der Israelit · 1920-01-29 · Heft 4 (29.1.1920) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 4 (29.1.1920)
Date
1920-01-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Der Israelit. Seite 4 No. 4 wesen, eine große Zahl der von der Agudas Jisroel vermittelten Juden zur Bergarbeit zn gewinnen, wenn nicht gerade die Verwaltungen, mit denen die Agudas Jisroel in Verbindung getreten war, es an Verständnis für die Eigenart des jüdischen Arbeiters hätten fehlen lassen. Die Verwaltungen taten das Gegenteil von dem, was sozialer Instinkt und eigenes Interesse verlangt hättenstatt die schwerer Arbeit ungewohnten und unterernährten jüdischen Arbeiter mit Nachsicht - zu behandeln und die unteren Beamten entsprechend anzuweisen, reagierten sie auf die geringe Arbeitsleistung der Juden mit einer Herabsetzung der ohnedies notorisch niedrigen Löhne. Die Agudas Jisroel protestierte gegen dies Verfahren, aber die Grubenverwal- Lungen wiesen darauf hin, sie könnten ihren inländischen Arbeitern gegenüber es nicht verantworten, den jüdischen Arbeitern für ihre geringwertige Arbeit dresMeu Löhne zu zählen wie jenen. Sie hätten, so erklärten sie besonders später, als sie unterdessen Kriegsgefangene zugewtesen erhalten hatten und die Juden nicht mehr brauchten, weder Zeit noch Lust, Experimente zu machen und an den arbeitsuntü Hilgen Juden ein Erziehungswerk zu vollbringen. Sie konnten auch den Vorwurf erheben, viele Inden ließen sich nur zur Arbeit einschreiben, um einen Paß zu erhalten und so dem einträglicheren Schmuggel obliegen zu können. Die Lage der jüdischen Arbeiter wurde immer kritischer. Es gab wohl keinen Lichtblick im Leben dieser im Banne der deutschen Kriegswirtschaft gehaltenen Arbeiter. Die Grubenverwaliungen hatten ihnen als Wohn-, Schlaf- und Speiseräume die Schlafhäuser ihrer Friedensarbeiter angewiesen, Aufenthaltsräume, die wohi fester gebaut, abernoch unfreundlicher und düsterer waren als ihre elenden Wohnungen in der polnischen Heimat. Noch schlimmer stand es um ihre Verpflegung, übrigens nicht nur um die koschere Verpflegung der jüdischen Arbeiter - die inländischen Arbeiter waren, soweit ste von den Verwaltungen-aus verpflegt wurden, auch nicht besser gestellt. Es war die Zeit vor der Hindenbnrgspende und der allgemeinen Verbesserung der Lebensmittclversorgung der Schwerarbeiter. So lagen die Dinge, als die Agudas Jisroel mir die Fürsorge für die unter ihrer Obhut stehenden Bergarbeiter übertrug. Zwei Wege konnten etngeschlagen werden: entweder mußten bessere Lebensbedingungen für die jüdischen Arbeiter durchgesetzt, oder es mußte versucht werden, sie a.s den Bergwerken heiauszunehmen und in andere Arbeit zu bringen. Der letztere Weg wir vorerst nicht gangbar: das Generalkommando stand hinter den Grubenverwaltungen und hatte die Entblößung der Gruben von auch nur einem geringen Teil von Arbeitern damals nicht geduldet. Ich schlug darum den ersten Weg ein. Ich verhandelte mit den Verwaltungen und suchte den Arbeitern, die in ihrer traurigen Lage und besonders unter der Gewalt ihrer Vorgesetzten schon zu versklaven drohten, Mut und Selbstbewußtsein einzuflößen. Nach erlangter Genehmigung der Regierung gründete ich unter der lebhaften Anteilnahme der Lettnng der Agudas Jisroel Volksheime (Arbeiterheime) und strebte in ihnen die geistige Hebung der Arbeiter an. Bei meinen Bemühungen standen mir Mitglieder der jüdischen Gemeinden von Katiowitz, Laurahütte und Schoppinitz hilfreich zur Seite. Die Grubenverwaltungen begrüßten anfangs meine Arbeit, es währte aber nicht lange, so begannen sie, sie mit Mißtrauen zu brtrachtM. In den Volkshetmen sprachen sich die Arbeiter zu mir aus und trugen mir ihre Klagen vor. Ich suchte einerseits die Arbeiter zu beruhigen, andererseits hielt ich mich weder für verpflichtet, noch für berechtigt, den Funken von Fce-h-itsgefühl und trotziger Auflehnung gegen meuschenuu Würdige Behandlung, der in ihnen glimmte, zu ersticken: sie wurden zwar wie Sklaven gehalten, standen unter Kriegsrecht, waren der Möglichkeit beraubt, sich frei zu bewegen und sich andere Arbeitsstätten zu suchen, waren eingezwängt in das Räderwerk kapitalistischer Großbetriebe und der Willkür teilweise sehr roher Beamten Pretsgegeben — aber es waren doch frei angeworbene Arbeiter und Menschen. Die Verwaltungen erklärten mir: „Sie Hetzen die Leute aufentweder Sie gehen, oder wir". Als alle mündlichen Vorstellungen nichts fruchteten, richtete ich schließlich an die eine der beiden Gruben, mit denen ich arbeitete, ein Ultimatum. Als Antwort daraus verbot mir die Grubmverwaltung in einem drohend gehaltenen Schreiben den ferneren Besuch der Schlafhäuser ihrer jüdischen Arbeiter. Sofort nach Empfang dieses Schreibens reiste ick nach Oppeln, gab das Schreiben der Verwaltung zu den Akten der Regierung, trug eine ausführliche Beschwerde vor über die sklavenmäßige Behandlung der jüdischen Arbeiter und den Sklavenlohn, den sie erhielten, und ersuchte den Regierungspräsidenten um seine Intervention. Der Regierungspräsident gab meinem Ersuchen statt und erließ sofort eine Verfügung an den Landrat von Kattowitz, in der er die Untersuchung des Falles anordnete. Der Landrat gab alsbald der Grubenverwaltung von der Verfügung des Regierungspräsidenten Kenntnis. Die nächste Folge war, daß die Verwaltung die Löhne ihrer jüdischen Arbeiter schleunigst heraufsetzte. Es L dürfte kein Zufall gewesen sein, daß die andere j 29. Januar 196# Grube, in der von der Agudas Jisroel vermittelte Arbeiter beschäftigt waren, um dieselbe Zeit das gleiche tat. Von Oppeln fuhr ich nach Berlin und hatte hier eine Zusammenkunft mit dem Vorsitzenden der A. J.-Arbeitervermittlung. Dieser vom warmem Brudergefühl für die Ostjuden und insbesondere die jüdischen Arbeiter erfüllte Mann, billigte mein Vorgehen vollkommen und erklärte sich auch damit einverstanden, gleichgilttg wie der von mir begonnene Lohnkampf ausgehen sollte, alles -ranzusetzen, um vom Generalkommande die Herausnahme der jüdischen Arbeiter aus den Kohlengruben zu erlangen, und sie in neue Arbeitsstätten, möglichst in Polen selbst zu bringen, überhaupt das Experient, Juden nach Deutschland zu verpflanzen, aufzugeben und statt deffen die Arbeit der Juden in ihrer polnischen Heimat zu organisieren. Der mir unerwartet kommende Entschluß der Agudas Jisrvel, ihre oberschlesische Aktion zn liquidieren, zerstörte meine Pläne und zwang mich, einer Tätigkeit zu entsagen, die aufreibend, aber dankbar war, wie alle soziale Arbeit. Daß die Agudas Jisroel sich zurückzog, war übrigens weder die Ursache noch die Folge des Einführungs- Verbotes gegen jüdische Arbeiter, von dem Berger spricht. Ihr Entschluß stand auch mit meinen Bestrebungen in Oberschlesien nicht im Zusammenhang, sondern hatte andere Gründe, für die ich Verständnis hatte und habe. — Ich resümiere: nicht aus Parteipolitik, auch nicht aus irgend einem persönlichen Jntereffe, sondern aus reinem jüdischen Herzen hat die Agudas Jisroel polnische Inden in oberschlesische Bergwerke gebracht und für sie gesorgt und Tausende und Abertausende für sie geopfert. Das Fiasko, das sie erfuhr, kommt nicht auf das Schuldkonto der Agudas Jisroel, sondern letzten Endes auf das Schuldkonto des Krieges oder des Systems, unter dem so vieles litt und zugrunde ging. Ich freue mich, der Agudas Jisroel in Oberschlesien gedient zu haben: ihre Hände sind rein in dieser Sache. Lomspoudenzen und Aachrichteu. DEtsrtzAK Ketrh« öenfralftelle för lUandersrmenfürforae. Werlitt, 21. Januar. Die Umwälzung aller Verhältnisse, die der Krieg mit sich gebracht, hat auch die Voraussetzungen, auf denen sich die unter schweren Kämpfen bruchstückweise zustande gekommene Zentralisation der Wanderarmensürsorge aufbante, völlig über den Haufen geworfen. Das trat deutlich in der am 11. Januar stattgehabten anderen Götter find, — denn es könnte ja das Ansehen des Lehrers leiben, wenn auch andere, Alte mb Junge (diese vor altem!)als‘ybyz p'i? usw. fungieren oder gar „lernen" können ... 5. Es gibt Gemeinden, in denen — da kein Lehrer, da ist — Kinder jeden Alters aufwachsen ohne eine Stunde jüdischen Lernens in der Woche, Kinder, die nachher haltlos und unjüdisch in ihren Beruf, ins eigentliche Leben treten — und die, die sich am wenigsten auf dem Land und in den Städten darum Sorgen gemacht haben, tun am entrüstetsien, wenn sie sehen, wie solche Menschen darin immer mehr von ihrem Judentum über Bord werfen. 6. Es gibt Gemeinden, die bet Hochzeiten und Beerdigungen auch einmal etwas davon hören, daß sie einen Rabbiner besitzen; — falls er gerade am Kommen verhindert ist, haben sie Pech und sehen ihn vielleicht überhaupt nie im Jahre. 7. Es gibt Gemeinden, in denen ein „Gottesdienst" ein fortgesetzter ctwi mSn ist, bestehend aus ,rn »to v n, p2^ ,rmöi s'mn ‘r/i'n, ne 'im ,nbn mmn ,ns mm T' p T1 rv (auch das kommt vor!) usw. usw. — Wem das nicht genügt, der magan der betreffenden Stelle noch andere Bezeichnungen finden, die sicher auch oft zmreffen .... 8. Es gibt Gemeinden, in denen Haß und Bösrede und Mißgunst Viele so entzweit, daß der Begriff srnp für die nwp eine vor n*3pn ausgesprochene Unwahrheit tst. ' 9. Es gibt Gemeinde», in denen die Ostjuden in rückstchtsloser Verallgemeinerung imurer noch als ein Fremdvoik ausgefatzt werden — und in denen die Oftjuden glauben, ihrerseits nichts tun zu brauchen, um die unselige Kluft zu überbrücken. 10. Es gibt Gemeinden, in denen all diese Dinge traurige Wahrheiten sind — und die trotzdem sich viel darauf zugute tun, gute jüdische Gemeinden genannt zu werden. 11. Es gibt Gemeinden, in denen alles Reden ein fortgesetzter Protest gegen das Rischus von außen tst — während alles Reden ein fortgesetzter Protest gegen die Unjiidischkeit in der Gemeinde sein müßte. 12. Es gibt Gemeinden, in denen viele echte Jehudim alten Schlags sich bemühen, nichts von all jenen Dingen aufkommen zu lassen — und doch immer noch Tag und Nacht glauben, nicht genug getan zu haben, unermüdlich auf der Suche nach Auszurottendem, nach zu Besserndem sind, und doch immer noch streben, den Begriff der nb.np npnp in alter, reiner, unverfälschter Form zu vervo llkommenen. Und nun helft,*wo zu Helsen ist! Seid '32 und '212! (Die antisemitelnde „Gartenlaube"). Die „Gartenlaube", die zu den ältesten deutschen Familien^ t Zeitschriften gehört, und seit Jahren dem Berliner Grotzverlag Scherl angehöit, ist mit den übrige» Z ilschristen dieser Massenproduktion für Geistersatz ins altdeutsch-antisemitische Lager hinübergeschwenkt. In einer Bemerkung über den Pazifisten Alfred H. Fried wird dieser als „deutschsprachiger Jude" bezeichnet, „der während des Krieges zu einer Kolonie gehörte, d e von der sicheren Schweiz aus Gift in alle Wunden Deutschlands spritzten und sich bitter beklagten, wenn 'man von deutscher. Seite gegen die Einfuhr dieses Giftes sich zu wahren suchte". Herrn Fried, der unseres Wissens dem Judentum längst den Rücken gekehrt hat, bewahrt sein Austritt nicht vor dem Schicksal, als jüdischer Defaitist abgetan zu werden. Daß nun aber auch die lammfromme „Gartenlaube" antisernit?lt, ist ein Zeichen für die neue antisemitische Hochflut iu Deutschland, wo man jetzt krampfhaft nach Sündenböcken fahndet. Sadbat-Ansang und Ausgang. map rw 0 R Ts Anfang I Datum AuSgang Uhr 5680 Uhr Min. 30. lO.Scheb. Frankfnrt n. M. 4 50 Jan. 6 05 Berlin .... 4 4t 5 34 München . . . 5 — 5 S4 Straßburg . . — — — — Stuttgart. . . — — — — Posen .... — — — — NürubevL . . 4 50 5 52 Hamburg . . . — 5 48

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