Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 3 (22.1.1920)
- Date
- 1920-01-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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So ein Pech! Wahre Begebenheit aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Von L. Rosenthal. (Fortsetzung.) Eine halbe Stunde darauf kam Sally ungefähren. Aus den vielsagenden Mienen der alten Leute konnte er schon einigermaßen entnehmen, daß Tannenbaum seines Amtes gewaltet, und diese Vermutung wurde zur Gewißheit, als sein Vater lächelnd mit dem Daumen üb,er die Schulter hinweg nach seinem rückwärts gelegenem Zimmer deutete. „Geh' mal da rin, im guck, was for Dich angekommen is", sagte er. Sallh hatte eine riesige Freute, als ihm das schöne Bild mit dem breiten goldenen Prunrrahwen vom Sofa aus entgegenleuchtete. So dicht vor sich kam es ihm in dem kleinen Raum noch weit größer und eindrucksvoller vor als früher. Nur über den Kostenpunkt hätte auch er gern etwas Näheres gewußt. Gleich nach dem Abendessen machte er sich daher auf, um Tannenbaum' darüber zu befragen. Aber der war nicht zu Hause, und die alte Magd, die ihm den Haushalt führte, konnte ihm nicht angrben, wohin er gegangen sei. So mußte er denn warten bis zum nächsten Morgen. Der Gang wurde ihm aber erspart, denn als er früh um aast Uhr zufällig zum Fenster hinaussah, bemerkte er Tannenbaum, der eilig und eifrig gestikulierend mit einem Geschäftsfreund die Straße herabkam. Schnell riß Sally den Flügel auf und rief hinunter: „Tannenbaum — he Tannenbaum! Kommt! mal 'n Augenblick 'rauf."! „Keine Zeit jetzt, Herr Stern — muß zu I einem Termin auf das Amtsgericht", lautete der i Gegenruf, „nachher komme ich zu Ihnen und! erzähl' Ihnen alles. Sind S? zufrieden mit mer, > un Hab' ichs recht gemacht so?" „Sehr recht Tannenbaum. Aber sagt mir doch wenigstens den Preis?" i „500 Taler!" rief schon halb im Aögehen j der Trödler zurück. Sally erschrak gewaltig. Eiskalt siel es ihm j in den Leib hinein. Er hatte auf höchstens 200 bis 250 Taler gerechnet, und nun kostete ihn das Bild doppelt so viel. Das ging über seine Verhältnisse, — das konnte er sich nicht leisten. Wenn seine Ettern es erfahren, machten sie ihm gewiß schwere Vorwürfe. — Da klopfte es an der Tür, und arff Sallys „Herein!" erschien ein vornehm aussehender Herr in grauem Reiseanzug auf der Schwelle. „Habe ich das Vergnügen, Herrn Stern zu sehen?" begann nach artigem Gruße der Eingetretene. „Zu dienen Herr —" „Kurt von Sch ...." stellte sich der Fremde vor. „Ich bin der Neffe des verstorbenen Kammerherrn und sah gestern Abend, daß dieses Bild da — er wies nach dem Sofa — hierhergetragen wurde. Ich möchte es gern zurückkaufen, da es ein Familienandenken ist und meine schönsten Jugenderinnerungen damit verknüpft sind. Würden Sie es mir ablaffen? Auf den Preis soll es mir nicht ankommen." Sallh fühlte eine Felsenlast voll seinem Herzen gleiten. Wie eine Hinmielsb-tschaft klangen die Worte an sein Oyr. Gott sei gedankt, — er k wurde das teure Ding wieder los und die 500 Taler waren gerettet. Aber als kluger Geschäftsmann ließ er sich nichts merken. „Tja", sagte er gedehnt, „das ist so'ne Sache. Ich habe das Bild als Geschenk für meine Braut gekauft, und cs geht nicht gut, daß ich —" „Bester Herr", unterbrach ihn der andere, indem ein besorgter Ausdruck über sein sonnengebräuntes Gesicht flog, „es gibt ja noch so viele reizende Sachen, die man Damen schenken kann. doch das Bild auf dem Sofa gesehen haben. Der Kutscher hatte bei seiner Rückkehr noch ausdrücklich erwähnt, daß er es darauf gestellt habe. „Nun — was gibt's Neues?" begann Sally wieder. „Ich dachte, Du solltest uns was Neues erzählen", antwortete Riekchen, daS „Du" besonders betonend. Das Weinen war ihr näher als das Lachen. Aber Sally tat nichts dergleichen, zeigte seine Ich wäre tief unglücklich, wenn ich dieses teure! alltägliche Miene, ja wandte sich sogar halb Familienstück fremden.Händen übellassen müßte.! ihrem Vater mtt einer Frage nach dem letzten Weiß Ihr Fräulein Braut von der Sache? „Das nicht, Herr von Sch...., ich wollte sie damit überraschen." Nun also Verehrtefter, — dann macht sich die ja um so leichter. Ueberhaupt, — ein Bila. Paßt nicht für eine Dam?. Ich bin überzeugt, wenn Sie ihr einen Schmuck, eine , Broch?, Halskette, ein Armband oder einen Brillantring kaufen, werden Sie damit mehr Ehre eiulegen." Ein Brillantring. Ja, an den hatte Sally auch gleich wieder gedacht, als sich ihm die Aussicht cröffuete, aus dieser schlimmen Geschichte jj heiauszukommen. War das doch seine ursprüng- | lichs Idee gewesen. Niekchen wußte ja noch I nichts von deru ganzen Handel, und so konnte er noch immer tun und lassen, was er wollte. . Welch ein Glück, daß dieser Herr noch zur rechten! Zeit gekommen war. . Der studierte indessen aufmerksam die Gesichtszüge Sallys. Er sah, daß er überlegte und Pserdehandel zu. Das war zu viel für die gekränkte Schöne. „Sally — lieber Sallh", rief sie, „verstellst Du Dich, oder willst Du mich „uzen"? Es tut mir lei^, daß ich davon anfaugen muß, aber Haft Du gestern Abend, als Du nach Hause kamst, nichst Außergewöhnliches in Deinem Zimmer bemerkt?" Jetzt war es vorbei mit - der erheuchelten Gleichgültigkstt Sallys. Leichenblaß wurde er, und eine böse Ahnung dämmerte in ihm auf. „Ich Hab' doch geglaubt, Dir 'ne große Freude mit dem Bild zu machen", schluchzte Riekchen, die ihre Tränen nicht länger zurückhalten konnte. Ganz verdutzt schaute Sally drein. „Du also Haft das Bild gekauft", rief er, „ich war der Meinung, Tannenbaum hatte —" „Mitgeboten — ja — deshalb ist es auch so teuer gekommen. Onkel Simon war ganz wütend darüber, hat aber nicht nachgelaffen. Nun, das eine gewisse Fröhlichkeit nicht verbergen konnte. I soll weiter nichts machen. Aber es scheint, daß , Die Sache stand gut. Als gewiegter Menschenj Dir mein Geschmk keine besondere Freude macht." k kenner tat er, als ob er nicht länger lästig fallen j , „Riekchen, — mein liebes, gutes Riekchen?" möge und griff nach seinem Hut. „Gott — er wird doch nicht fortgehen wollen"', sagte sich ängstlich Sally, und laut setzte er hinzu: „Sie meinen also, ich soll etwas anderes schenken? Es kommt mir jetzt selbst so vor, daß l ein Gemälde nicht das Richtige ist." i „Ganz und gar nicht, Herr Stern. Also, — | was verlangen Sie für das Bild?" j „Nicht mehr, als es mich selbst gekostet hat: - 500 Taler." l „Abgemacht? Wahrhaftig, Sie sind ein ebenso! liebenswürdiger als ehrenwerter Charakter. Mein! Diener wird das Bild nachher abholen. Hier I das Geld." | Damit zog er seine Banknotentasche, die i etwas anders aus sah als die Onkel Simons, z denn sie war dom feinsten Leder und mit dem! goldgedruckteu Wappen derer von Sch.... ges ziert. Auch die fünf Hunderttalerscheine, die er Sally auf den Tisch legte, waren noch ganz neu. Seelenvergnügt schloß Sally sie in seinen Schreibtisch und geleitere dann den vornehmen Besuch bis auf die Straße hinaus. „Recht haste gehabt, Sally" sagte der alte Joel, als dies r ihm und der Mutter den ganzen Sachverhalt mitgetetU hatte, „'n Präsent, was wert is 100 Taler, is — weiß Gott — anständig genügt Aber 500 Taler — Cholile! (verhüt' es Gott) —, das ts ja allem schon 'n? kleine „Nedinje" (Mitgift). Nun drängte es Sallh, sein Bräutchen aufzusuchen. Das arme Mädchen hatte sich schon schier die Augen nach ihm ausgeschaui, denn nach einem so teuren Geschenk häite er eigentlich bereits gestern Abend sich einstellen oder richtiger ihr jubelnd an den Hals fliegen dürfen. Da kam er über den Platz — sie hatte ihn gleich erspäht —, aber von „fliegen" merkte sie nichts. Ganz, gemächlich schritt er auf ihr Haus zu. In gewohnter Weise begrüßte er sie und die Eltern. „Wird heiß heute", sagte er. Erstaunt'sah ihn Riekchen an,' — sie wußte nicht, was sie von ihni halten sollte. Er mußte rief gerührt der junge Mann und schloß des aufgeregte Mädchen fest in seine Arme, „da haben wir etwas Schönes gemacht; — ich wollte Dir das Bild schenken und hatte Tannenbaum beauftragt, es für mich zu kaufen." „Ne merkwürdige „Maße", (Geschichte) ließ sich jetzt der alte Hamberg vernehmen, „da habt Ihr „Schetehim" (Narren) Euch gegenseitig hm Preis in die Höhe getrieben. Die ganze Stadt wird über Euch lachen. ' Was hat denn das Ding gekostet?" „500 Taler", würgte Sally hervor. „Bist Du „meschugge?" (verrückt) schrie der Alte voll Entsetzen, „gib' mern' Stuhl Frau, ich muß mer setzen, mich trefft der Schlag!" „Er wird Dich nix treffen, Schwiegervater«. Ich Hab' das Bild schon wieder für den gleichen Betrag verkauft. Onkel Simon kriegt heut noch seine ausgelegten 500 Taler zurück, — sie liegen schon in meinem Schreibtisch." „Ein Glück!" sagte tief aufatmend Hamberg „daß De das Bild wieder „poter" (los) bist. Ohne Eure gegenseitige Htnauftrerberet hättet Jhr's „efscher" (vielleicht) for 10 oder 15 Taler gekriegt. — Der Schreck is mer ordentlich in de Beine gefahren." Damit ließ er sich mit einem Seufzer der Erleichterung in den großen, gepolsterten „Sorgenstuhl" nieder, den ihm seine Frau herangeschoben hatte. „Seht Kinder", sagte diese, „das kommt davon, wenn man Heimlichkeiten vor einander hat. Nehmt Euch vor, niemals wieder so etwas zu tun. Immer offen und ehrlich. Seid froh, daß das „Schlamasel" (Unglück) diesmal noch so j gut ausgegangen is." Nun sie waren wirklich alle froh, auch Onkel Simon, der für seine fünf schmierigen Hundrrttalerscheine die neuen des Herrn von Sch.... erhielt und außerdem noch das Vergnügen genoß, den verhaßten Tannenbaum gründlich geärgert zu haben. Leer ging der übrigens auch nicht aus, da ihm Sally seine Mühewaltung mit einem Louisdor belohnte. (Schluß folgt).