Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 2 (15.1.1920)
- Date
- 1920-01-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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16. Januar 1920 Der JSraelit. Mann übrigens, von dem jeder etwas haben will. Aber er ist die „Mutter der Kompagnie" und trägt seine Last mit echter Bonhommie und der Würde des Mannes, der mit dem Ganzen eng verwachsen ist: „Und wenn ich nicht will, dann stehen alle Räder still" .. Er will aber immer, und dennoch steht zu. weilen manches still. . . Das ist die Tücke deS Ob. jektes, die nicht zu umgehen ist, so lange es Oefen gibt, die mehr rauchen denn brennen und elektrische Birnen, die plötzlich ihr Augenlicht votieren. Das wird im Allgemeinen mit gutem Humor ge« tragen und frisch bleibt der Lernbetrieb den ganzen Sabbatvormittag im Geleise. Gemoro", M t s ch n a, für Herren - Teffilloh, Htrschlektüre für Damen; Doroth horischaunm" für Damen und Herren. Der Nachmittag setzt mit D t n i m für Schüler ein, denen ein Gemorohfchtur für V. I. Aer folgt. Wieder füllt sich das Haus mit Damen, die an einem Taurohkurs teilnehmen. Daneben wird im Beshamedrasch von Einzelnen und in kleinen Gruppen gelernt und im Lesezimmer g"lesen, bis zur vierten Stunde, da zu Mincha gerufen wird. Es folgt Mtnjan auf Minjan, und die Zeit bis zum gemeinsamen Maariw ist wiederum mit Lernen ausgefüllt. Aber auch mit der Hawdoloh ist das Tagesprogramm noch nicht erschöpft. Für Zusammenkünfte gewisser Art eignet sich kein Abend so gut wie der Samstagabend, das weiß sowohl die Mädchen« gruppe wie andere Gruppen, die an diesem Abend sämtliche Zimmer im Beschlag haben. Alle vierzehn Tage erleben aber um diese S'unde die vom Sabbat- 'glanze noch verklärten Räume ihren „großen Tag". Die Ortsgruppe — diese ehrwürdige Matrone hat wie durch ein Wunder Jugendsrische erlangt und wetteifert mit ihrer jüngeren Schwester, der Jugendgruppe, gar nicht übel — hält bei immer vollbesetztem Hause ihre Aussprachabende. So oder ähnlich geht es alle Tage. Das Leben setzt allmorgentlich bei Tagesanbruch mit gemeinsamem Gottesdienste ein und endet spät abends mit Schiur oder Vortrag. Und ist das letzte Lernwort verklungen, so sitzen im Bureau wohl noch Borstands, und Ko'mmissionsmttglieder bet eifriger Arbeit . . . An vielen Nachmittagen der Woche herrscht aber lautes Leben in den Räumen. Die Esrajugend hält ihre „gemütlichen" Versammlungen ab, unter Leitung von Führern und Führerinnen, deren Liebe zur Jugend höchstens noch von der eisernen Stärke ihrer Nerven übertroffen wird . . . Und dennoch geht es der Neige zu ... Nicht die Liebe zum Lernen und zur jüdischen Geselligkeit — aber das Holz im Keller. Am Holz hängt alles. Ist das letzte Scheit verkohlt, dann ist — der Himmel verhüte es — dieses ganze schöne geistige Lrben erloschen. Wer wollte dieses verantworten; met daran dächte, daß hier mit dem Holze „jüdisches Feuer" angefacht und erhalten wird und wollte nicht dazu beitragen, daß sich die Holzkammer der A. I. Jugend, gruppe wieder füllt? ... Inbesetzte Gebiet. I. .. Sie find schuld ... Im Bureau der französischen Kommandantur muß ich lange auf meinen Paß warten. Zwei junge Franzosen unterhalten sich ungeniert und ohne der vielen Warten, den zu achten, lebhaft gestikulierend über die Lage in Deutschland. Ich kann ihrem brausenden Redefluß in einem dialektgemischteu Französisch nicht Wort für Wort folgen.Dte Worte 8e1§i'au6 und dlormsnäie wiederholen sich häufig und der Tenor ihrer Rede ist: „Die Boches habendes nicht besser^ verdient-". Im Abteil ist es vollkommen dunkel, denn es ist gegen sieben Uhr morgens und wir fahren einer Uhr entgegen, die erst sechs'schlägt (französische Zeit). Ich kann meine Nebenmänner nicht sehen, aber Ihre Rede ist deutsch, gut Sachsenhänserisch, darum entsetzt kein Wort meinem Ohre. „Die Judde, die Judde sind an allem schuld, verschiebet Geld und die Waar', die Judde . . Es wird wir etwgs unheimlich zumute und ich suche eiueu anderen Abteil, aus. Gort sei Dank, Heimatkiängel Frankfurter unseres Kreises. Man spricht von Geschäften, guten und schlechten und der sage. „Die Pollnken, die mache» alles kaputt, verschieben die.. „Soeben habe ich das gleiche von „den Jndde" gehört", wischte ich wich ins Gespräch. „Nein, nein, die Polläken . . /'! * * Subjektiv haben sie wohl alle nicht ganz unrecht. Gewiß haben die Franzosen mehr wie einen deutschen Zeitgenossen gesehen, der ln Belgien oder in der «J!tmonj5*c "icht gerade würdig den Eroberer spielte, sicherlich trat den Leuten im gegenüberliegenden Abteil schon ttgendwo ein Jude in den Weg, der „etwas zu ^rMeben" hatte und ohne Zweifel kennen » eine Nachbarn zur Linken irgend einen Ausländer, der „alles kaputt" macht. Der Irrtum - und das Unglück - besteht jedoch darin, baß sie alle von „den Boches", „den Judde", „den Pollaken" sprechen . . II. Die bekannte Melodie. An der Paßkontrolle vor dem Bahnsteig zu Höchst stehen vier Stühle, darauf vier Franzosen sitzen. Halbschwarze, Marolkaner wohl, in strohgelben Mänteln mit niederem Fez von gleicher Farbe. Auch weiße grünbejackte Franzosen, das Käppi schief und schick auf dem Kopse. Wenn ein Zug ankommt, stellen sie sich in Positur und lassen die Reisenden wit den vorgehaltenen Pässen und Grenzkarten an sich vorbeipasfieren. Wenn keiner kommt, pfeifen sie gelangweilt, vor sich hin. Franzosen pfeifen immer, wenn sie nichts besseres wissen; wie die Vögel im Walde. Zuweilen wirft einer einen Ton hin, der andere greift ihn auf und ein Liedchen setzt ein, das schon mitten in der ersten Strophe unter lautem Lachen wieder ab« bricht. Dann pfeifen sie wieder. Der am äußersten Ende, sitzt mit übereinandergeschlagenen Beinen und pfeift ganz für sich allein. Höre ich recht, oder ist es Täuschung der Sinne? Die Töne steigen auf, sie steigen ab, sie langen aus und lenken ein. Wirklich und wahrhaftig, die alte Moaus zur-Melodie . . . Seine Augen sehen in die Ferne. Ueber Berge und Täler vielleicht in ein kleines trautes elsäsüsches Haus, wo vor fahren vor einer brennenden Menora Vater und Söhne standen und sangen . . . Vielleicht ist der Sohn, dem das Haus klein und eng geworden war, allein über die Vogesen gegangen, vielleicht ist die ganze Familie hinüber und muß jetzt ihre Söhne gegen das frühere Vaterland stellen . . . Vielleicht, vielleicht ... Er sagt eS mir nicht. Er steht — es ist inzwischen ein Zug eingetrossen — wie angenagelt auf seinem Posten. „Paweport"! Die Sendung Moses! Von David PineaS. Siehst Du an seinem Stabe dort den Hirten? Hochaufgerichtet steht er da, sein Auge, Das volle, große, klare, scharfe Auge — Es überblickt der Herde weit gezog'nen KreiS, Läßt ketns der Tiere unbeachtet weiden. Stehst Du die herrliche Gestalt, die hohe, Gewölbte Stirn, den Thron von Hochgedanken —, Den mächtigen Bart, der auf die Brust herabwallt? Doch was Du nicht siehst, was nur Gott erschaut, Das ist das Herz, das heil'ge unseres Moses, Das einst, von himmlischem Erbarmen voll, Ihn trieb, ein Lamm, das von der Herde weit Entlaufen und ihm müde dünkt', zu Heven Auf seine Schultern und zurück zu tragen. — Wie oft wohl mocht' das große, weite Herz In edlem Zorne laut geschlagen haben, Wenn Moses dachi' der schwergeprüften Brüder, Die im Aegypterlande, fern von ihm, In Knechtschaft und Mißhandlung ächzend keuchten. Dann wallt sein Blut, es ballt sich seine Faust, Empörung blitzt aus dem entflammten Auge. Der mächtigen Brust entwindet sich ein Stöhnen — Doch ach! Welch Sterblicher hö>t hier die Klage? Wer merkt die Zeichen seines edlen Zorns? Stumm grasen seine Tiere, stumm und fühllos. Und Moses ist mit seinem Schmerz allein, Einsam auf Midjans Steppe, die sich weithin Vor seinen Blicken dehnt bis zum Gebirge. In dieser Stille, dieser Einsamkeit Da wuchsen ihm die Schwingen der Gedanken, Da zündete die Liebe zu den Brüdern In seinem Herzen heilige Flammen an, Die loderten in Mitleid und Erbarmen Für die in Sklavenketten Seufzenden. Und sinnend, wie den Armen war' zu helfen, Und voll die Brust ob seines Volkes Elend — Führt' MoseS einst „der Trift nach" seine Herde Und kam zum Gottesberge, kam zum Horeb. Da wird fein Blick ans einmal jäh gefesselt: Am Berg ein Dornbusch steht im stillen Feuer, Der Dornbusch brennt, doch wird er nicht verzehrt. Und Moses will dem Wunder näher irrten, Will srh'n, warum der Dornbusch nicht verbrennt — Da rusr ihm Gottes Stimme warnend zu: „Tritt nicht hierher! Zieh' Deine Schuhe auS — Denn wo Du stehst, der Ort ist heiliger Boden! Ich bin der Gott, den Dich Dein Vater lehrte: Gott Abrahams, Jsäks und Gott Jakobs btn ich." Und tief erschauernd ob der Gotternähs, Verhüllt sein Antlitz Moses scheu im Mantel. Doch Gott, der Herr, ließ also sich vernehmen: „DaS Elend meines Volks Hab ich gesehen, Und seine Klagen drangen an mein Ohr. Zar Freiheit soü's aus Knechtschaft auserftetzen, Ihr Morgenrot — eS leuchtet bald hervor, Bald werden meine Scharen freudig gehen Durch der Erlösung weitgeöffnet Tor. Dem Elend will ein Ende ich veretten, Denn ich erkannte ihre harten Leiden. So bin vom Himmel ich herabgestiegen, Zu retten sie aus ihrer Peiniger Hand, Die jetzt tin Staube noch, verzweifelnd liegen - Ich bringe sie in'S längstverheiß'ne Land. Dort findet jung und alt ein Vollgenügen An Milch und Honig, wie fie'S nie gekannt. — Zu Pharao zu gehn, will ich Dich küren, Du, MoseS, sollst sie auS Aegypten führen! Seite'9 No. 2 Einem fernen Kinde. KEES Wenn ich als Junge Dich zu Bett gebracht, Mit einem Kuß Dir sagte Gutenacht, Dann frugst Du stets, eh' Dich umfing der Schlaf: „Mama, war ich heut brav?" Und sagt ich ja, so schliefst Du glücklich ein. Doch traurig machte Dich mein Nein. Heut bist Du groß und fern von mir. Doch immer eilen die Gedanken hin zu Dir, Und fragen jede Nacht, eh' michumfängt der Schlaf: „Mein Kind warft Du heut brav?" Und sagst Du ja, so schlaf ich glücklich etn Wie damals, als mein Kind noch klein. S. R. VIHHVHIIVHvl WIMVIh Auf fest gesronenem Schnee die WintersonneI Seit morgens 9 Uhr scheint sie so warm, daß der Mantel dem Wanderer lästig fällt. Er legt sich in den Liefen Schnee und läßt sich sonnen. Das Behagen, das er dabei empfindet hier oben, in der reinen Luft, hoch über das schale Alltagsleben hinausgehoben, ist unbeschreiblich. BtS gegen 3 Uhr kann man die Wintersonne genießen, erst dann fängt es an, kalt zu werden. Jeden Tag zieht es uns hinaus ins Freie. Uns? Das unzertrennliche deutsche Kleeblatt. So nennt man uns schon seit dem Herbst, seitdem wir dem Mtnjan in St. Moritz an den Jomim nauroim den deutschen Stempel aufgedrückt, die Sucko in unserer Art aufgeputzt und an den Freitagabenden unsere Semiraus eingeführt haben. Damals waren wir Nvch zu Dreien. Wie wir im November zu unserem vierten Mitgliede gekommen sind, das eben will ich heute erzählen. Sitzen wir da einesMittags in der Nähe des Hahnensees an einer Bergeshalde tm Schnee, von zwei Felsen auf beiden Seiten verdeckt und von den warmen Sonnenstrahlen geradezu durchglüht, um nach reichlichem Mittagessen, das wir aus St. Moritz tm Rucksacke mitgenommen hatten, zu benschen. Meine Freunde hatten mir gerade „Boruch scheochalnu mtschelau" geantwortet, als von der anderen Seire laut m-rufen wurde „Uwtuwau chojinu". Wir konnten kaum vor Neugierde das Ende des Tischgebetes er-' warten. 'Warum der Nufer nicht zu uns kam? Das sollten wir bald erfahren. Er hatte sich beim Schneeschuhlausen den Fuß ein wenig verstaucht und dazu noch beim Ausruhen einen Krampf bekommen, der ihm das Erheben unmöglich machte. Tatsächlich mar das Angstgefühl das Hauptziel gewesen. Wir nahmen uns natürlich seiner an und brachten ihn durch einen Schluck Kognak und die Reste unseres Mahles bald wieder ans die Beine. Er aber ist der festen UeLerzerrgung, daß seine unjüdische Lebensweise ihn schon die Schatten des Todes hätte sehen lasten, und seitdem gehört er voll und ganz zu uns. "Er freut sich jetzt schon damit, daß uns nun die Eröffnung der Wintersaison ein ständiges Minjan ermöglichen wird, und er ist ernstlich bestrebt, fehl ganzes Leben nach den Satzungen unserer heiligen Religion etnzurichten. ■»r.’7*wga;- Swvy v,