Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 2 (15.1.1920)
- Date
- 1920-01-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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J - .ii V ■!’? : - ■ WM' So ein Pech! Wahre Begebenheit, aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Von L. Rosenthal. (Fortsetzung.) Die Auktion war im besten Gange. Auf einem erhöhten Platze stand Kluckhuhn, der Bureaudiener des Notars, und rief die Gegenstände der Reihe nach aus. Neben ihm an einem Tische saß dieser selbst und trug die erzielten Preise für jedes Objekt sowie die Namen der Käufer in ein Aktenheft ein. Tische, Stühle, Sessel, Sofas, Silberzeug, Teppiche, Küchenaeschirr usw. fanden willige Abnehmer, nur die Raritäten wollten nicht recht ziehenfür dergleichen hatten die etwas spießbürgerlichen Z. .. er kein Geld übrig. Wenn leblose Dinge eine Seele haben könnten — und es ist nicht zu leugnen, daß ein gewisses seelisches Band zwischen ihnen und ihrem Besitzer, der sie oft ein Menschenalter hindurch liebevoll bewahrt hat, besteht —, so mußten sie sich freuen, einstweilen noch nicht in fremde gleichgilttge Hände zu geraten. Freilich die Erinnerungen, die sie mit dem Gestorbenen verbanden, wurden mit diesem begraben — auf ewig. Ein tiestrauriger Gedanke. Tempora mutantur- Um jeden Verdacht, als habe er mit der Auktion etwas zu tun, von sich abzuwenden, war Sally schon frühmorgens mit seinem Einspänner — der „Kleechaise", wie Spötter sagten — nach dem zwei Stunden entfernten N . . . gefahren, um eine „geschäftliche Angelegenheit" in Ordnung zu bringen. Vier Uhr aber schlug es vom Turm der Hauptkirche, ehe die Bilder zur Versteigerung kamen. Die kleineren wurden zuerst vorgenommen und gingen zu mäßigen Preisen ab. Einige uneingerahmte Stücke mußten wieder weggestellt werden, da sie niemand haben wollte. „Nummero 16!" krähte da Kluckhuhn „das größte und schönste Bild! Was wird geboten?" „5 Taler" ließ sich schüchtern eine Stimme aus dem Hintergründe vernehmen. „Und 10 Silbergroschen" fügte eine zweite hinzu. Aber sie verstummten sofort, als nun Tannenbaum vortrat und mit Stentorstimme rief: „20 Taler!" „20 Taler zum ersten!" schrie Kluckhuhn und hob sein Hämmerchen. Nun glaubte Oakel Simon seine Zeit gekommen. Er hatte sich ebenfalls vorgedrängt und pflanzte sich breit vor Tannenbaum auf. „30 Taler!" lautete sein Gebot, wobei er einen giftigen Seitenblick auf den kleinen Trödler warf. Er konnte ihn überhaupt nicht leiden, da er vor Jahren mal einen Prozeß m§t ihm gehabt, den er — Onkel Simon — in allen Instanzen verloren hatte. Hetzt war die Gelegenheit da, sich dafür „naukem" zu fein. Aber Tannenbaum war so leicht nicht aus dem Konzept zu bringen. „50 Taler" sagte er kalt. „60" — Onkel Simon. „80" — übertrumpfte ihn der andere und nahm eine Prise aus seiner silbernen antiken Schnupftabaksdose. Kommst Du mir so, alter Halunke, will ich Dir noch ganz anders kommen, dachte sich Onkel Simon und rief: w „120 Taler!" Wenn er aber geglaubt hatte, damit seinen Gegner nun endgültig aus dem Felde geschlagen zu haben, so täuschte er sich gewaltig, denn ganz gelassen und mit größter Seelenruhe sagte dieser: „150 Taler!" Der^ dicke Getretdehändler bekam nun selber einen schrecken und einen ganz roten Kopf. Aber zurücktreten — niemals. Ging es doch nicht aus seiner Tasche- — und „koste es was es wolle" hatte ja Rtekchen gesagt. Tannenbaums Gedankengang war der gleiche nur mit dem Unterschiede, daß er im Interesse seines Auftraggebers nicht über 450 Taler zu gehen gedachte. Eigentlich hätte er nicht mehr wie 400 bieten dürfen, aber schltmmstenfalls konnte er ja das Bild selbst behalten, denn er witterte instinktiv, daß es von hohem Kunstwert war. Die fette Stimme Kluckhuns riß ihn aus seinen Betrachtungen. „150 Taler sind geboten! Wer bietet mehr?" „Ich!" sprudelte Onkel Simon zornig hervor und schlug mit der Faust so zornig auf den Tisch, daß das Tintenfaß des Notars erschreckt in die Höhe hüpfte und ein dicker Klecks sein Aktenheft besudelte. „Ich gebe —." „Erlauben Sie 'mal", unterbrach ihn da ein dürrer Herr mit langem weißen Haar und einer goldenen Brille, indem er ihn etwas beiseite schob und zu dem Ausrufer gewendet sagte: „Einen Augenblick, — ich will nur das Bild ein wenig naher besehen. Sie gestatten es doch, Herr Notar?" Jener nickte zustimmend, und nachdem der fremde Herr sein Gesicht ganz in die Nähe des heißumstrittenen Kaüfobjektes gebracht hatte — er schien kurzsichtig zu sein —, sagte er laut und bestimmt: „Ich biete das Doppelte — 300 Taler." Das war ein harter Schlag für die beiden anderen. Aber Onkel Simon übetwand ihn zähneknirschend auch diesmal. Als Kluckhuhn wieder den Hammer hob, rief er: „320 Taler." „Und fünfzig", näselte Tannenbaum kaltlächelnd, indem er eine zweite Prise nahm. 7 „Daß Dich" — schrie Onkel Simon und sprang vor Wut von einem Bein auf das andere — 400 Taler!" „Und fünfzig", sagte freundlich lächelnd der kleine Mann. Zog dann sein blaugewürfeltes Taschentuch, und begann, sich umständlich zu schneuzen. „So geb' ich 500!" jauchzte förmlich yor Grimm mit überschnappender Stimme Onkel Simon. Der Blick, den er dabei unter seinen buschigen Augenbraunen hervor auf den verhaßten Trödler schoß, glich dem Blinken eines halbgezogenerr Dolches, seine Fänste ballten sich, und wenig'fehlte, so wäre er ihm an den Hals gesprungen. . Der fremde Herr hatte nicht mehr mitgeboten. Tamrenbaum überlegte. 500 XaUt waren kein Pappenstiel für Sally Stern, und er beschloß daher, nicht weiter mitzngehen. Mochte seln Widersacher das Bild behalten. Es kam ihm teuer genug. „500 Taler zum ersten — zum zweiten — und zum-—" Kluckhuhn machte hier die übliche Kunstpause, aber es blieb mäuschenstill. „Dritten!" beendete er den Handel. Der Hammer fiel- Onkel Simon hatte das Bild. „Maseltow!" Glück dazu rief ihm Tannenbaum zu und verließ lachend das Lokal. Voller Gift sah ihm Onkel Stman nach. Der hatte ihm das Bild schön teuer gemacht, aber — er war aus dem Felde geschlagen. Das kühlte des Onkels Zornesglut ein wenig. Dann entnahm er seiner etwas abgegriffenen^ fettigen Brieftasche fünf ähnlich aussehende Hunderttalerschetne, händigte sie dem Notar ein und ersuchte ihn, das Bild in die Wohnung des alten Joel Stern bringen zu lassen. ,,S' is 'n Geschenk von meiner Nichte Riekchen für Sally, ihren Bräutigam", fügte er erläuternd hinzu. Das wurde gern gewährt, und als der Kutscher des Notars gegen Abend das Bild bei Sailys Eltern ablieferte, ließen diese es in die Stube ihres Sohnes tragen, wo es einstweilen auf dem Sofa seinen Platz fand. Die Alten wußten ja von der Sache, denn Sally hatte ihnen gegenüber kein Hehl daraus gemacht, daß er das Bild kaufen und Riechen schenken wolle. Gerne hätten sie erfahren, was es gekostet hätte, aber der Kutscher, dem Joel deswegen ein schönes Trinkgeld in die Hand drückte, konnte ihnen leider keine Auskunft darüber geben. (Schluß folgt). Die Kohleimol im Dienste der Thora. (Ein Sabbat in den Räumen der Agudas Jisroel- Jugendgruppe, Frankfurt a. M.) Die Kohle und der Strom sind knapp, darum frieren wir zuweilen und tappen im Dunkeln, wenn wir, schon in früher Abendstunde, zu Fuß — weil die Elektrische nicht verkehrt — nach Hause wandern. Auch das ist H och ko n funikt ur. Nicht allein für Holzbändler, Karbidverkäufer und Droschkenkutscher. Auch ideale Interessen können bei dieser Kohlennot „warmgehalten' werden und „Licht leuchtet aus der Finsternis", wenn der Wille zur geistigen Arbeit Menschen zu gemeinsameul Tun vereinigt. Das alles wußte der Vorstand der Agudas Jisroel Jugendgruppe sehr wohl, als er hansvaierlich für Holz so gut vorsorgte, und nun sind durchgehend Tag Und Abend alle Räume des Vereins so mollig durchwärmt, daß jedermann durch die allezeit geöffnete.» Pforten ziehen und so viel Licht und Wärme — auch innerlich und geistig gesprochen — aufnehmen kann, als ihm gerade lieb und recht ist. Ich lade den Leser ein, eine kleine Tageswanderung mit mir durch die Bereinsräume zu machen und das frische, treibende Leben mit zu beobachten. Es ist Freitagabend. Die Synagoge ist aus und der Zeiger steht erst auf fünf. Die Familien sammeln sich um das Sabbatltcht zum Plauderstündchen. Wer aber keinen Familienanschluß hat oder sucht, kann die Zeit bis zum Abendessen mit bestem Nutzen bei einem der vielen auf diese Zeit gelegten öffentlichen Schiurim verweilen. Es gibt aber junge Leute in Menge, Studenten, Jeschiwohhörer, junge Kaufleute, die diese Stunde gern unter ihresgleichen verbringen. Ihnen öffne» sich gleich „nach Schul" die warmen, Hellen Räume der Jugendgruppe. Vornehmlich das Beshamidrasch mit seiner reichen S'ivll-Bibliothek. Hier wird gelernt nnd gelesen, disputiert und verhandelt, und man merkt nichts davon, dah „hart tm Raume sich flohen die Sachen". Rur von drüben, von Nr. 3 Herüber kommt zuweilen, wenn es gar zu laut wird, ein warnendes „Pscht. Denn hier sitzt zur gleichen Zeit ein ansehnliches Damenüuditoriuni vor einem Dozenten, der alles, was irgend' greifbar, aus der Sidra herausholt. Ein äuherst dankbares Publikum. Die jungen und jüngsten Zuhörerinnen sind ganz Ohr, und manche wird später bet Tisch manches, zur Freude der Grotz-n, wiedergeben. So findet hi? Aguda auf dem Wege der Kinder Eingang ins Sabbarhans der Familie , . . Kaum find die ersten Besucher aus dem Hanse, als sich bereits die ersten Vorzeichen der „gemütlichen ZnsammmtftlunW'i die eigentlich erst nach Tisch beginnen soll, einstellen. „Nach Tisch", das tst am Frriiag abend die Zeit zwischen sechs und neun- Gegen „acht" aber sängt die „osfizielle Gemütlichkeit" an, die sich auf alle drei Zimmer erstreckt. Das Bild ist von früher her (Mekor Chaiim) wohl bekannt: Teeunb „etwas dazu", ernste Thoraworre und heitere Teereden, Semirausgesänge und andere Gesänge oder Rezitationen kunstbegabter Mitgiteder. An besonderen Sabbaten auch Tischlieder, von der gutberühmten Marke E. N. . . Am Sabbatmorgen muß schon früh begonnen werden mit dem Lüften und Heizen. Denn schon von den Jrühminjonim her kommen die Besucher, die hier ihre „warme Schabbosstube" finden wollen. Wennmöglich auch ihren warmen Kaffee, denn der gute Joseph kann und hat — gegen gute Worte: und das, was dazu gehört — alles. Ein vielgeplagter 1 «sasss««« ÜSh