Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 2 (15.1.1920)
- Date
- 1920-01-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450088-2450090--67983-2525057- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
iß. Ianuar163E Graf Reventlow im Verlaufe seiner wiederholten Expektorationen in der „Deutschen Tageszeitung" treuherzig meint, die deutschen Juden müßten doch in ihrem ureigensten Interesse für schärfste Grenzsperre und rücksichtslose Ausweisung eintreteü, so können wir dem edlen Grafen ausnahmsweise einmal zustimmen! Gewiß — unter dem Gesichtspunkte des Interesses gäbe es für die deutschen Juden nichts Natürlicheres als eine kühle Handbewegung, die ihren Glaubens- und Stammesbrüdern aus Polen den Rückweg in das polnische Paradies wiese. Aber es ist nun einmal — dem Grafen Reventlow mag das unverständlich erscheinen — jüdische Art, nicht nach dem eigenen Interests zu fragen, wo Leben und Glück unschuldiger verfolgter Menschenbrüder auf dem Spiele stehn, und wo der Donnerruf des alttestamentlichen Rachegottes: „Du sollst nicht still stehen beim Blute Deines Nächsten" und das erlösende Wort dieses Gottes: „Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst" alle Politik des nationalen Egoismus als unsittliche Barbarei verurteilen. Der viel besprochene Erlaß des Ministers des Innern, der zwar die Grenzsperre ausdrücklich aufrecht erhält, im übrigen aber für die b ereit s im Lande befindlichen ostjüdischen Elemente einen modus vivendi zu finden bemüht ist, hat nun merkwürdiger Weise auch liberalen Organen, z. B. der „Frankfurter Zeitung" Anlaß zur Kritik gegeben. Diese Kritik scheint uns auch vom Standpunkte des nichtjüdischen objektiven Beurteilers sachlich nicht berechtigt. Vor allem ist übersehen, daß ein ganz erhebliches polizeiliches Interesse besteht, die nun einmal im Lande befindlichen ostjüdischen Elemente, die sich bisher aus begreiflicher Angst vor Ausweisung und sonstigen Unannehmlichkeiten nicht meldeten, zum Teil aber einfach aus Mangel an Legittmationspapteren nirgends melden konnten, zur polizeilichen Meldung zu veranlassen. Denn ohne eine solche Anmeldung ist ja jede Kontrolle unmöglich. Will man aber im Interesse der öffentlichen Ordnung diesem Uebelstand abhelfen, so giebt es gar keinen andern Weg, als die Heranziehung der das Vertrauen der Einwanderer besitzenden Hilfsorganisationen zur Feststellung der Personalien zwecks Ausstellung von Ausweispapieren. Nur dies; Hilfsorganisationen sind auch imstande, die jugendlichen Zuwanderer vor dem Schleichhandel und Schiebertum zu schützen und sie einer produktiven Arbeit zuzuführen. -Die Zwangslage, die der Ministerialerlatz für die Hilfsorganisationen und ihre Schützlinge vielfach schaffen wird: „Ausweisung oder nutz- Der * bringende Arbeit" ist ein erzieherisches Moment, das äußerst wirksam seia dürfte. Bei dem Mangel an ungelernten Arbeitern, der sowohl in der Landwirtschaft wie in zahlreichen Gewerben zur Zeit in Deutschland herrscht, ist die' Heranziehung der Einwanderer auch volkswirtschaftlich vom deutschen Standpunkte durchaus nicht unerwünscht, und waS. die Wohnungsnot betrifft, fo hat ja die Frankfurter Zeitung selber bereits zugegeben, daß die „Wohnstätten" dieser Flüchtlinge für deutsche Arbeiter-, ja selbst für deutsche Proletarierkreise, gar nicht als benutzbare Wohnräume in Betracht kommen. Wir meinen, daß grade der Ministerialerlaß in der Einwandererfrage eines der bedeutsamsten politischen Symptome für daS Aufkommen eines neuen Geistes internationaler Menschlichkeit in Preußen ist, eines Geistes, der allein auch Deutschlands Rettung für die Zukunft bedeuten kann, und den man daher, wo er sich zeigt, im wohlverstandenen deutschen Interesse grade aus dem Lager der Frankfurter Zeitung — schon aus Gründen der auswärtigen Politik — freudig begrüßen sollte. Me Aussichten dUischen Palästina. Während die türkische Frage als Ganzes noch immer der Losung nicht nur harrt, sondern jeder die widerstreitenden Interessen der Großmächte versöhnenden Lösung zu spotten scheint, glauben nüchterne Beobachter fcststellen zu können, daß die englische Besatzungsbehörde in Palästina neuerdings eine bewußt freundlichere Haltung gegenüber den jüdischen Bemühungen um größeren wirtschaftlichen und politischen Einfluß einnimmt. Zwar ist der Nachricht, daß Herbert Samuel zum Gouverneur von Palästina ernannt werden solle, keineswegs zu trauen, aber soviel scheint wahr zu fein, daß General Allenby diesen jüdisch, englischen Politiker zu seiner Beratung nach Jerusalem gebeten hat, und in dieser Rolle, als Berater der englischen Behörden, dürften auch weiterhin jüdische Persönlichkeiten an der Gestaltung der Dinge in Erez Jisroel mitzuwtrken berufen sein. Solange dabet die zionistische Organisation unter Ausschaltung der breiten Massen des jüdischen Volkes, insbesondere der Orthoboxte, sich der englischen Regierung gegenüber als die einzig berufene Vertretungs-Instanz der Gesamtheit auszugeben vermag, bedeutet auch diese beratende Mitwirkung eine eminente Gefahr für die ganze Zukunft Erez Jtsroels. Man beachte nur, was Dr. Ruppin in einem auf der Durchreise nach Palästina in Wien stattgehabtem Interview soeben über die zionistische der himmlische Abglanz, und an dem Strahl entzündete sich der Leuchter, der einzig übrig geblieben in der Zerstörung des Heiligtums. Und wie das Lichtmeer den Leuchter umfloß — stehe, da stand der Tempel in seiner erhabenen Ruhe, und der Altar und der Tisch erhob sich, und der Vorhang wallte vor dem Allerheiligsten nieder, und in der Lade ruhete wieder das göttliche Gesetz, geschützt unter Gottes Chruwim — und die Erde füllte sich wieder mit Segen und Freude."- " Zum ehrenden Gedenken. (Rede anläßlich der Enthüllung einer Gedenktafel z Ehren gefallener Helden.) Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Wrescheu Ein Tag ernster Erinnerung und weihende Sammlung ist heute, der 10. Tewes, der unsere Ge danken durch die Flucht der Zeiten zu Zions sinkende Herrlichkeit zurücklenkt. Und diese Stunde, die uns z> Andacht und zu erhebender Wethe um die Altar des Herrn schart, will ^ns Trsst und Erhebung in- Herz senken. Zuvor wird allerdings noch einmal ti uns lebendig all der Jammer, den der Menschen un endlich riese Schuld über die Wett gehäuft, und innig Wehmut ergreift uns, daß wir das Elend so nahe ge schaut, wie es über so manche Familie tnnerhall unserer Gemeinde gekommen, als den Eltern der un erbltiliche Kriegssturm die Lust ihrer Augen uni Chices Herzend, den Stolz ihrer Jugend uni Hoffnung ihres Alters vernichtete. Aber bald wir! beschwichtigt der Sturm der Gefühle in unserer Brus und verliert der Schnierz seinen Stachel, vernehme» wir das Wort des Propheten, das wir eben gelesen '»l taten n» was tan? wm, „Und ich gebe ihnen in meinem Hause und in weinen Mauern Denkmal und Narnen bester als Söhne und Töchter, einen ewigen Namen gebe ich ihnen, der nicht vernichtet wird." Diese Verheißung gilt den Frommen und Edlen, die in der Blüte ihres Lebens htngerafft we»den, sie wird heute zur Wahrheit auch an den Lieben und Teuren, deren Heimgang als Opfer des Weltkrieges mit ihren Angehörigen wir alle beklagen. Als ein Werk der Pietät, das in sinniger We.se, in treuer' Kameradschaft die Glücklichen, die durch des Herrn Gnade heimkehren dursten, gestiftet, rvird die Gedenktafel im Hause deS Herrn immer von neuem eine Mahnung und Erinnerung sein an die, die ihr junges blühendes Leben für die Gesamtheit hkngegeben und so dpi n» werden: Denkmal ihres Heldenmutes, ihres OpferlvillenS, ihrer Pflichttreue. So bleibt denn die Ehrentafel als Bttn t als Erinnerungsmal die Verkörperung der Idee: „Und daS Leben ist der Güter höchstes nicht." Das lehrt uns aber auch unser Judentum mir seiner heiteren Weltanschauung, die uns zum Leben und Frohsinn ruft, wenn uns das Thorawort einschärft: -ipd' "ipB, „der Herr gedenkt eurer", wie im Diesseits, so auch dann, rvenn ihr die Hülle der Zeitlichkeit abflreift. Keme Saat ohne Ernte, — auch aus der Tränensaat der furchtbaren Zeit, die wir durchlebt, wird die Ernte des Heils hervorsprießen Die Gräber der jüdischen Helden werden am Ende denn doch Israels Gegner entwaffnen und die Verleumdung zum Schweigen bringen, und auch dieses das hier errichtet ist im Hause des Herrn, wird schon durch die Tatsache, wie man in Israel die Helden ehrt, die für das Wohl -e- Vaierlandes gestorben, ein Zeugnis dafür bleiben, daß der Jude die Scholle liebt, auf der er steht, und bereit ist, sie mit feinem Herzblut zu verteidigen. Die Ge- Nr. 2. Seite 2 Bodenpolitik erklärt hat. Die zionistische Organisation erstrebt und erhofft danach mit ziemlicher. Sicherheit, gleich nach der jetzt bevorstehenden Eröffnung des Grundbuches ein Vorkaufsrecht bet allen Bodenkäufen zu erhalten und außerdem die früher dem Sultan gehörigen StaatSländereien erwerben zu können. Da» würde also nicht etwa ein jüdisches, sondern ein parteiztonisttsches Bodenmonopol bedeuten, das unter Umständen grade denjenigen Kreisen, deren TradittonStreue zwar nicht die politische Ausmünzung, wohl aber die Erhaltung der Chibas Zion durch die Jahrtausende zu verdanken ist, in dem Lande ihrer Sehnsucht daS härteste GoluS bereiten kann! Man stelle sich die Jabotinsky, Turow und Genoffen als faktische Beherrscher Palästinas vor, und man wird verstehen, was wir meinen. Der Etnwurf, daß die zionistische Organisation ja kein geschloffener Verein sei, sondern jedermann offenstehe, der sich seinen und seiner Kinder Anteil an Erez JiSroel sichern will, trifft in keiner Weife zu, denn man kennt die Gründe des Gewissens und der tiefsten religiösen Ueberzeugung, die allüberall Millionen Seelen der jüdischen Gesamtheit, getreu der Losung ihrer geistigen Führer, den Zionismu» als Verfälschung der jüdischen Wahrheit und den Anschluß an ihn als Bekenntnis zur Unwahrheit radikal verwerfen lassen. Wäre es nicht ein bitterer Hohn auf alle weltgeschichtliche Gerechtigkeit, wollte die englische Mandatarmacht, die in Balfours Brief an Lord Rothschild ein jüdisches national Iioinv verheißt und kein zionistische», auf die Dauer — für das Stadium der Vorverhandlungen blieb ja kein anderer Weg — die Herrn Weizmann und Sokolow, zwei bei allem persönlichen Werte durchaus unlegitimterte Parteileute, al» Vormünder der jüdischen Gesamtheit betrachten? Wenn schon innerhalb der zionistischen Partei die Unzufriedenheit mit der dauernden Anwendung des Systems der Vertretung ohne Auftrag im Wachsen begriffen ist, so müßte erst recht die Orthodoxie auf dem ganzen Erdenrunde endlich einmal aufhören, au» Rücksicht auf die ungestörte Durchführung der zionistischen Ansprüche ihren eigenen Anspruch auf unabhängiges Leben im Lande der Väter bescheiden zu verschwe/gen. Wir wissen, daß unter der nach vielen Hunderttausenden zählenden organisierten Orthodoxie Polens sowohl — Polen umfaßt heute über drei Millionen jüdischer Seelen, vonoenen sicherlich zweidrittel uns zugehören — als in England selbst immer drängender sich der Wunsch nach energischem Vorgehen gegen die Gefahr einer rechtigkeit siegt, da» Licht überwinde» die Macht, und die Dünste und Nebel der Berge zerfließen vor der Sonne der Wahrheit. HBXn pKö dök. Die Wahrheit wächst au» der Erde empor, und die Liebe schaut vom Himmel hernieder. Wenn erst die Wahrheit gesiegt, dann überwindet die Liebe die feindlichen Mächte in der Menschenbrust. Aus den Gräbern wird die Wahrbeit hervorsprießen und die Menschen werden es erkennen, welchen Idolen die Welt nachgejagi, da sie nach Macht und der Erdengüter Fülle gerungen. Die Hügel, die sich über so vieler Glück und Hoffnungen erhoben haben, bet den Siegern nicht minder wie bei den Besiegten, bleiben eine ewige Warnung vor Entstellung jener Wahrheit. Auch diese Ehrentafel ist als t gleichsam eine Hand, ein Wegweiser zu den .Pfaden der Liebe und Gerechtigkeit, eine Mahnung, daß wir selber nicht zu sehr unser Streben und Sehnen an die vergäng. lichen Güter der. Welt hängen, sondern im Geiste unserer' Lehre, zur Verherrlichung unseres Judentums für die Ewigkeit zu pflanzen suchen. So laßt uns diese Stunde schon weise , nützen und werten, daß sie un» zur Einkehr und «eibstbesinnung führe. Dann wird »mö ewig die Hoffnung umstrahlen, daß dem Frommen und Glaubensstarken daS Allerbarmen verleiht „einen Namen für die Ewigkeit." (Aus dem „Schleiniel"). Awromel begegnet seinem a'ten Freunde Chajim, den er seit Jahren nicht mehr gesehen hat. „Wie gehr eS dir"? — „Nu, Gott.sei dank, ich habe mein Kaffee und Kuchen zur rechten Zeit, mein Gläschen Wein, mein Hühnchen, meine Kreppchen, meine Gänsegrieben, — alles zur rechten Zeit". — „Go, so, ist doch »virklich gut, bist du denn ein glücklicher Mann! — „Schaute, verstehst du