Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1920-01-15 · Heft 2 (15.1.1920) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 2 (15.1.1920)
Date
1920-01-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450088-2450090--67982-2525056
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 2 Nr. 2 Der Israelit. 1-) Kanuar ILM Buber selbst fühlt gewiß, daß hier die schwächste Stelle seine- Systems liegt. DaS ergiebt sich aus seiner Diskussion mit der Orthodoxie. Diese, die „Gesetze-dogmatiker" läßt er zu seinen Jüngern sprechen: „Den Geist, den ihr bekennt, bleibt ein Schatten, das Gebot, das ihr verkündet, ein leerer Schall, wenn ihr ihnen nicht Leben und Bewußtsein leiht aus dem einzigen Ort, aus dem ihr sie schöpfen könnt, auS dem Quellbrunnen der jüdischen Ueberlieserung. Sonst gebt ihr die Richtung nach Wtllkür an und nicht nach Notwendigkeit. Die wahre Gemeinschaft wollt ihr — aber wo anders wollt ihr ihr Gesetz vernehmen als aus Gottes Wort, das er zu seinem Volke sprach? — Es ist nicht anders; wollt ihr Juden sein und Judentum verwirklichen, so müßt ihr zurückkehren zu der gläubigen Ergebenheit an Gott und sein Gesetz. Nur in diesem, in der einzigen dolkSgemeinsamen jüdischen Form, könnt rhr mit dem Volk wieder zusammenwachsen und festen Boden unter eure Füße bekommen." Das ist ja in der Tat die einzige berechtigte Konsequenz 'aus der Ablehnung des I2v, E'IJQ frVWl/ aus der Ablehnung der grade existierenden Volkkgrsamtheit als alleiniger Schöpferin deS legitimen jüdischen Geistes. WaS hat Buber nun auf den von ihm selbst richtig formulierten Einwand zu erwidern? Ts ist der Stolz des Nicht-Wissenden, des Zweifelnden, Suchenden, mit dem er sich und seine Anhänger wappnet. Er höhnt die „Sicheren und Gesicherten, die sich hinter der Brückenwrhr des Gesetzes bergen, um nicht in Gottes Abgrund blicken zu müssen." Er behauptet von den Gesetz es treuen: „denn euch ist Gott einer der einstmals schuf und nicht weiter", von sich und seinen Jüngern aber: „uns aber ist er der, von dem das Volk bekennt, daß er an jedem Lage das Werk der Schöpfung erneut," und „wahrlich er erneut es an uns und durch uns und will durch uns zu neuer Wirklichkeit eingehen-" Durch uns — durch die von europäischer Kultur genährten und mit jüdischem Firniß in deutscher Wortfchönheit glänzend übertünchten Buber-Bekenner? Wirklich? Wir möchten ganz bescheiden fragen, ob es denn wirklich Martin Buber und seine Jünger waren, die das Wort von der mit jedem jungen Lage aus Gottes Händen sich erneuernden Schöpfung geprägt oder nicht vielmehr geisterfüllte Männer aus dem Kreise jener Sicheren und Gesicherten, die hinter dir Brückenwehr deS Gesetzes und nur hinter ihr eine berauschende Fülle farbenreichen, bewegten Lebens gewahren, ja die aus dieser Brückenwehr selbst den Strom eines gotterfüllten Daseins in ihr Herz und Hirn sich ergießen fühlen? Es ist grobe Verkennung, ist vollendete geistige Farbenblindheit, wenn Buber die „Spannung der Seele ins Unendliche" in einen absoluten Gegensatz zu stellen sucht mit dem Beschlossensein des rechten Gehaltes in den Formen. Aus den Formen, den Siegelbewahrern des sonst nicht zu tradierenden Geistrs, dringt dieser in die lebendigen Seelen derer, die diese Formen in liebender Inbrunst als Grüße ihres Gottes ergreifen, und mit ihnen zieht in die Seelen — mehr oder minder, je nachdem sie vom Geiste überhaupt geküßt sind — die Unendlichkeit ein, die Menschensinn ja doch immer nur ahnen, nimmermehr ergreifen kann. Zwischen der Willkür der Nationaldogmatiker aber, die jenseits von Gut und Böse die Erscheinung der jeweiligen Volksgesamtheit zur gesetzgebenden Gottheit erheben, und der Willkür der Gottsucher, die aus der eigenen Seele und ihren Stimmungen, frei von aller Form, das Gesetz der neuen Gemeinschaft schöpfen — besteht kein prinzipieller Unterschied. Darüber kann keine Buber'sche Dialektik hinwegtäuschen. Wie in seiner an die Jugend gerichteten Rede über das „Cheruth"') so trifft auch hier wieder ein besonderer Hieb Bubers die Grdankengänge I. Breuers, die auf die willensmäßige Unterordnung unter das Gesetz, abgesehen von jeder individuellen Ueberzeugung, hinauslaufen. Buber erblickt in dieser Breuer'schen Konstruktion den Versuch, das Gesetz ohne die Gewißheit seiner Göttlichkeit wie einen erdrückenden Panzer von außen aufzuerlegen, wie ein historisches Paradekostüm, unter dem alles Leben stirbt. Wäre das der innerste Sinn der von Breuer in seinen drei Büchlein vertretenen Theorie, so würden wir Buber in seiner Kritik beipflichten. Aber diese Voraussetzung trifft auch nicht im entferntesten zu, und ein Mißverständnis, das bet „Lehre, Gesetz und Nation" noch möglich war, sollte für den, der die „Messiasspuren" gelesen hat, ausgeschlossen sein. Freilich verlangt Breuer, durchaus im Einklang mit der Tradition, die von individueller Zustimmung nnd religiöser Ueberzeugung unabhängige Unterwerfung des Einzelwillens unter das von der ganzen Nation empfangene und angenommene göttliche Gesetz— aber dabei, bet der äußeren Wtllensdisz.iplin, soll und darf es nicht bleiben. Nicht Knechte, sondern Kinder des Hauses sind Sohn und Tochter Israels. Die nationale Gesetzespflicht führt und lenkt auf den von Gott selber erchauten Wegen das frei sich unterordnende Jn- *) Eheruth. Eine Rede über Jugend und Religion von Martin Buber. Wien 1919. R. L ü - w i t, Verlag. I dtvtduum zur Erkenntnis Gottes, zur inneren Harmonie wit dem GotteSwillen, zur wahrhaften Gottesliebe, zur Hei ligkeit. Der Panzer erdrückt nicht, er stützt und hegt, und mehr noch, weil er aus Gottes Hand, des Ewig Lebendigen, stammt, darum lebt er selber und weckt Leben in den Herzen derer, die nicht zu feig, zu schwach oder zu stolz sind, um ihn anzutun, oder zu stumpf, um seine Sprache zu verstehen. Wie könnte es denn anders sein! Wie könnte aus Millionen selbstherrlicher Individuen, die mit achtzehn Jahren ein jeder eine eigene „religiöse Ueberzeugung" zur Grundlage seiner individuellen Lebensführung zu machen beanspruchen, eine Gemeinschaft gleichgestimmter Geistigkeit, wie auch Buber sie ersehnt, auferbaut werden? Das Leben spottet eines solchen Versuches mit unzulänglichen Mitteln — und bis auf weiteres hat die sinaitische Gesetzgebung im Ringen mit dem spröden Stoff des jüdischen Volkes ihre überwindende Kraft dennoch tausendfach besser bewährt als die Stimme aus „nebelndem Chaos", auf welche Buber seine Jünger lauschen heißt, auf daß das Wortlose zu neuer Offenbarung sich forme. Die gesetzestreue Jugend, die jüdisch lebt und lernt, wird fähig sein und gewillt, aus Rathenau's und Bubers Unzulänglichkeiten einen gewaltigen Zuwachs an eigenster religiöser Kraft und Gewißheit zu schöpfen. Was dort an Goldkörnern des Geistes ausgestreut liegt — und es darf gewiß nicht gering angeschlagen werden —, es zeigt sich dem tiefer Schürfenden als eine kleine, schwache Lese neben dem verschwenderischen Ernte- Reichtum der urjüdischen^Geisteswelt des Judentums-der Thora, das so seine ewig-göttliche Wahrhaftigkeit im W.mdel der Zeiten immer neu bewährt. Mchenrulidschau. Die Einwanderung aus dem Osten. Die antisemitische Presse fährt fort, wider die Duldung ostjüdischer, insbesondere polnischer Zuwanderer in Deutschland zu zetern. Pas ist nicht weiter verwunderlich, denn Rücksichten der Humanität, zumal wenn :s sich um Juden handelt, scheiden für diese Kreise erfahrungsgemäß von vornherein aus, und das fünfjährige Morden und Brennen, das hinter uns liegt, hat nicht grade dazu beigetragen, die Empfindung für menschliches Elend fremden Volkszugehörigen gegenüber sonderlich zu verfeinern. Wenn aber Kleines Mlleton. Gut Schaddor. Zwei Worte kenn' ich, hold und mild, Sie sind so klein und doch so groß! ._ ES lebt in mir manch' heil'ges Bild Hör' ich den Ruf: „Gut SchabboS"! Hab' in der Woch' ich heiß gerungen. Gekämpft, geweint um besi'reS Los Fühl' ich oon Engeln mich umschlungen. Hör' ich den Gruß: „Gut SchabboS"! Als ich die Welt mit ihren Freuden, Des Taumels Lust so wild genoß, Da hört ich mahnend oft im Weilen DaS fromme Wort: „Gut SchabboS"! Dann sah ich mich im Kreis der Lieben Und wähnt' mich auf der Mutter Schoß, Ich merkte nicht die schweren trüben Zeiten. Ja, weil ich hört- „Gut SchabboS"! ES ist ein Gruß so voller Weihe! Leb' ich auch stets im Elend blos, ES mahnet mich zur Glaubenstreue Tönt wir der Ruf: „Gut SchabboS"! Und kommet einst die letzte Stunde, Die mich erlöst vom Erbenlos, Ruf' ich mit ehrfurchtsvollem Munde Als AbfchtedSgruß: „Gut SchabboS"! M. Sch. Zum ZahrzeMage S. R. Hirsch'- ‘T'st. SV. Trwes. Eine wahrhafte Freude hat die Verlagdfirma Sänger u. Friedberg in Frankfurt a. M. der großen Hirsch-Gemeinde auf dem Erdenrunde durch die Herausgabe einer neuen, nach den Korrekturen des Versagers verbesserten Auflage - der „Ersten und zweiten Mitteilung aus einem Briefwechsel" bereitet. Das Merkchen, das sich in hübschem Gewände präsentiert (Preis 8,80 Mk. geb), umfaßr die berühmten „Mitteilungen aus Naphtalis Briefwechsel" auS dem Jahre 6598 und dre sechs Jahre später erschienenen Fragmente. Die Funken sprühen aus diesen getsterfüllten, wuchtigen Auseiandersetzungen mit den Rittern der Reform, aber es fehlt auch nicht an dem packenden Emste der Ermahnung und der fortreißenden Begeisterung. Es sei gestattet, hier zum Gedächtnis des Unsterblichen ein paar Sätze aus dem Einlettungsbriefe an Simeon wiederzugeben, die das Vernichtungswerk der Reform in dem Bilde des „wahnsinnigen Perez" schildern: „Noch stanv die heilige Veste in erhabener Ruhe) und gern hätten sie des Tempels geschont, aber das von ihnen entzündete Feuer war nicht, mehr in ihrer Macht. Ein wogendes Feuermeer deckte den Tempelbergvon der Hitze sprangen auf die weiten hohen Flügeltüren, und das Heiligtum nahm auf die Jlammenglut, die seine eigenen Söhne angezündet. Nieder brannte der Tempel, nieder brannte der Altar und der heilige Tisch, nieder brannte der Vorhang — und -um Allerheiligsten drang die Glut — und verzehrte die Tafeln und das Gesetz — und von Zijauns Höhen strömte das Feuermeer herab durch Länder und Städte, und brannte alles Hohe und Heilige nieder, bis die Erde eine dampfende Wüste ward und auf der großen, weiten, ödrn Brandstätte das Feuer erlosch. Nacht war es wieder, und Stille in der Nacht, und nur ein 'Schein flackerte durch die Finsternis, es war die Fackel in Perez's wahnsinniger Hand. Mit wahnsinnigem Jauchzen streifte er umher, und suchte, ob noch irgrnd etwas verschont geblieben, und als er nichts fand — stand er stille, mit' wahnsinnigem Entzücken stille, die Fackel zum Himmel-streckend, freute sich seines Werkes, freute sich der Nacht ringsum, und daß er das einzige Licht in der Nacht — da stand er stille, und die Fackel, die nichts mehr zu verzehren hatte, begann sich selbst zu verzehren — nieder brannte sie, immer niedriger, und Perez merkte nichts — da fand die Fackel noch einen Gegenstand für ihren Fraß — sie faßte Perez — und aufdampfte der Unglückliche in dunkler Glut. So hatte die zerstörende Fackel in wahnwitziger Hand, zuerst gegen die Ueberlieferung gewendet, Gottes Heiligtum selber vernichtet, mit ihm alles Hohe und Heil-ge der Menschheit- und zuletzt — nachdem sie die Hand, die sie mu, selber verzehrte — erlosch sie — und hinaus starrte ich in die grausende Nacht — ^da dampfte der letzte Hauch von Perez'S Fackel in die Höhe, Und aufging am östlichen Himmel ein Strahl tagenden Morgens, und hervortrat ein. langer Zug hoher Männergestalten in glänzend weißen Gewändern. Es waren Jisroels Aelteste und Richter, Propheten und die Männer der großen Versammlung )ßnd die Weisen des Talmuds und die Rabbinen. Und,an der Spitze der großen, erhabenen Reihe stand- Mäuschöh als Führer, und von feinem Angesicht strahlte wieder

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.