Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 1 (8.1.1920)
- Date
- 1920-01-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Die Erzählung: „Im Invenstnnt der Ehnfnren" keginnr in Ko. 4. ft«.. ■»n hiii.1 i So ein Pech! Wahre Begebenheit aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Bon L. Rosenthal. In einer der schönsten Gegenden des ehemaligen Kurfürstentums Hessen liegt, von hohen waldigen Bergen umgehen, bas altertümliche Städtchen Z.Noch heute sicht man die Spuren seiner ehemaligen Wallgräben, Teile der Stadtmauer mit epyeuübersponnenen Turmstümpfen und einige halbverfallene Tore. Ein urgemütliches altes Nest. Auch ein Dutzend jüdischer Familien wohnen darin, die mit den christlichen Einwohnern im besten Einvernehmen leben. Am Marktplatz stand das Haus des alten Joel Stern, der im Erdgeschoß ein Gemischtwarengeschäft betrieb, dessen Hauptstütze zur Z?it unserer Geschichte sein einziger Sohn Sally war. Er hieß eigentlich Solomon, und viele nannten ihn noch immer so; aber er hörte es nicht gern: Sally klang entschieden schöner. Er zählte jetzt 28 Jahre und war verlobt mit Riekcheu, der hübschen Tochter des Pferdehändlers Juda Hamberg, dessen stattliches Giebelhaus schräg gegenüber lag. In vier Wochen sollte die Hochzeit stattsinden. Wie das so üblich ist, beabsichtigen die Brautleute sich vorher gegrnsestig ein wertvolles Geschenk zu machen. Sollt dachte an einen Brillantring, den er in der nahen Residenzstadt kaufen wollte und Rickchett an eine schöne Uhr mir Kette, beides non EeLnstknr Goldes aö?r damit wa^ leider schau versehen. Da mußte also etwas anderes gefunden werden, und sie beschloß, ihm dieserhalb vorsichtig auf den Zahn zu fühlen' Die Gelegenheit dazu stellte sich auch bald ein. Der Kammerherr von Sch.ein reicher, ttrnä wunderlicher Junggesellewar plötzlich vom Schlage gerührt Worden. Sein Neffe und Erbe, der sich auf Reifen befand, hatte van Palermo aus den Notar des Städtchens — Möllmann hieß er — beauftragt, seine Rechte wahrzunehmen und die bewegliche Habe an Möbeln, Spiegeln, Bildern, Teppichen und Kuriositäten (der alte Herr war ein leidenschaftlicher Sammler von letzteren gewesen) öffentlich versteigern zu lasten. In kurzer Zeit würde er selbst nach Z. kommen, um die Erbschaftscmgelegenhetten endgültig zu erledigen. Notar Möllmann war gleich daran gegangen, dem Wunsche seines Klienten nachzukommen und -richtete den ganzen Nachlaß zum Verkauf her. In acht Tagen schon sollte die Auktion stattfinden. Den Kaufltebtzabern war es fretgestellt, sich vorher die Sachen in der Wohnung des Verstorbenen ansehen zu können. Schon aus Neugier gingen viele hin, und auch Sally und Rlekchen kamen überein, mal hinzugehen, um die ausgestellten Gegenstände zu betrachten. Von ihren beiderseitigen Hintergedanken ließen sie nichts verlauten. Jedes von ihnen dachte nämlich: „Vielleicht findet sich da etwas Paffendes, was man schenken kann." Das war wirklich wie auf einer Ausstellung. Hier Tische, Stühle, Seffel und Sofas, dort enettanische Spiegel, geschliffene Krystallgläser, seltsam gemusterte Teppiche, allerlei altmodische j Pendulen, dazwischen Waffen aus allen Zeiten j und Ländern, Rüstung? stücke, Meißner Porzellan l usw. Das Schönste aber waren die Bilder, die j n einem besonderen Zimmer aufgestellt waren.! iSally sowohl als Riekcheu glaubten, noch nie so! etwas Herrliches gesehen zu haben. Besonders! das größte Bild, das tu der Mute des Raumes r auf einer Stafflet stand, gefiel ihnen ausnehmend gut. Es stellte eine dramatisch bewegte Szene j aus alter Zeit vorman sah darauf behelmte j Reisige in Harnisch oder Lederkoller, Edelleute j In spanischerTracht, aber auch Damen in örokatnen i Gewändern, Spitzenkragen und rachem Gold-; schmuck, ferner Bauern, fahrendes Volk, zigeuner-! artige Weiber und Kinder. SeUy beehre das! Kartonblättcheu, das unten au dem Bilde hing i und die Nummer 16 zeigte um — vielleicht, daß! da was Näheres über den Titel oder Preis j stand —, aber diese Hoffnung sollte sich nicht! erfüllen. Die Rückseite war leer, i Nun, es war jedenfalls ein Prachtstück, und auch der prunkvoll, reich verzierte Goldrahmen imponierte Sally nicht wenig. Die Malerei schien ihm freilich schon etwas alt und mitgenommen zu sein, aber sie kannte sich doch noch sehen lassenaus den nachgedunkelren Farben leuchtete es noch hie un) da goldig von den Gewändern der edlen Herren und Frauen, blinkten Panzer- und Schwertgriffe, und ein Wachtfeuer seitwärts warf glühende Streiflichter über die verschiedenen Gruppen.? „Wenn das in unserer guten Stuoe hängen würde" dachte sich heimlich Sally, ,das wär^ eine Pracht. Wahrhaftig, — ich möchte es kaufen utib Riekcheu schenken. Ist bester wie so'n Brillantringelchrn, das stich: verloren gehen kann und kostet vielleicht nicht halb s. viel. Aber wer weiß, ob er itzr recht ist". Seine Zukünftige hatte ihn scharf von der Seite be-bschtet. Sie sah daß das Gernälde ihn ' höchlichst interessierte, wollte aber noch weitere . Gewißheit darüber haben. Wirklich ein schönes Bild" sagte sie, „gefällt es Dir nicht auch?" »Gefallen?^ er, «großartig ist es- __ sch jBffjte, noch niemals fo etwas Präch- : ttzes Zeichen |« Hajen. Das hat „Chain" (bestechende Wirkung) wirklich Chain!" „Wie freut es mich, daß unsere Empfindungen j immer übereinstimmen - — auch ich finde das Bild entzückend." SaÜY'K Bück hatte etwas Lauerndes, als er j frag: „Ist das wirklich wahr, Rlekchen?" l „Wie Dn nur fragen kannst? Ich habe Dir j doch gerade gesagt, daß ich es einfach hivunlich finde." „Komm' weiter, Schatz", drängte Sally „es! ist noch so viel zu sehen." Er fürchtete, sich! zu verraten, denn sein Plan war gefaßt. Aber auch Rtrkchen wußte jetzt, was sie dem Geliebten schenken konnte. Dos Bild. Im Geiste malte sie sich es schon aus, welch ein Gesicht er machen würde, wenn man es ihm ins Haus trage. Das sollte eins Ueberraschung werden. Am nächsten Morgen begab sich Sally in den Laden des Althändlers Tannenbaum, der 1 gerade dabei war, eine wurmstichige Kommode! mit einem selbsterfuudenen Firnis etwas aufzufrischen. „'Morgen Tannenbaum!" begrüßte er das kleine alte, aber noch sehr rührige Männchen. „Gott's Willkommen, Herr Stern!" erwtederte dieses und lüftete höflich das mit bunten Blumen gestickte Sammtmützchen „Womit kannj ich dienen?" „Ihr müßt mir 'neu Gefallen tun, Tannenbaum. Ihr geht doch so wie so nächsten Mittwoch auf die Bersteigerung des allen Sch . . . und da sollt Ihr etwas für mich kaufen." „Machen mer, Herr Stern ,— machen mrr. Sagen Se nur, was es sein soff." „Ein Bild ist's. Ich wills innrer Braut schenken, und deshalb darf niemand davon wissen. Nr. 16 steht aus dem Zettel, der daran hängt." „Ich Hab' die Sachen schon angesehen un auch de Bilder. Js 'n Kunstwerk Nr. 16. Niederländische Art. Kann „jauker" (teuer) werden." „Wieso jauker? S' is doch'« altes, verbrauchtes Bild, un der Nahmen ist das Beste daran " Der Alte schien auf diesen Einwurf nicht viel zu geben. Er wiegte bedächtig den grauen Kopf und sagte: „'S is 'n seines Bild. Ich hatt' mer vorgenommen, selber darauf zu bieten." „Wie hoch wär't Ihr da mitgegangen?" „Bis mindestens 400 Taler." Sally erschrak. 400 Taler: Das Brillantringelchen rückte wieder in den Vordergrund. Aber dann erinnerte er sich des Entzückens seiner Braut über das herrliche Bild, und — sein bester es Selbst siegte. „Schön also," sagte er, „geht mit bis zu 400 Taler oder auch noch etwas darüber, wenn es sein muß. Ich hoffe jedoch, daß Ihr es viel billiger kriegt. Wer, hier inZ . . . . wird wohl so viel Geld für ein Bild ausgeben? So „beltußt" is keiner. Etnenn Lujedor (Louisdor) bekommt Ihr von mir für's „Zassern", (Vermitteluna), vielleicht auch zwei, wenn Ihr das Bild billig ersteht." „Abgemacht, Herr Stern. — Was ich tun kann, soll geschehen." Ein Handschlag besiegelte das Abkommen. Dann verließ Sally das Häuschen des Trödlers durch eine Hintertür und schritt, vorsichtig um sich spähend, wieder dem väterlichen Geschäft zu. Er war überzeugt, daß von den hiesigen Bürgern keiner für ein halbverräuchertes, altes Bilb, das allein bei d m Kammerhi'rn schon Gott weiß wie Viele Jahre gehangen hatte, viel bieten würde. Unterdessen war aber auch Nie? den nicht müßig geblieben. Bon dem gleichen Gedanken beserit wir Sally, hcitbe sie ihren Onkel mütterlicherseits, btn verwitweten Gsmbshändler Simon Meise, ausgesucht, rhu ln ihr Bo-Haben mb Leanfrragr, ds§ Bstd Rr. 1§ zu steigern, koste es, was es Mülle. Für ihren geliebten Sally wärtihr nichts zu teuer. Allerdings backte auch sie dabet nur an eine Summe von höchstens 2 bis 300 Talern, vielleicht aber kam die Sache noch viel billiger. Man sieht: auch hier zeigte sich die „Übereinstimmung ihrer Sedan ken mir denen Gallys", die sis gestern so betont hatte, auf's neue. Jedenfalls kostet das Bild kaum mehr, als sie für die bewußte Uhr mit Kette ausgegeben Härte. Onkel Simon gab ihr die Versicherung, daß sie sich auf ihn verlaßen könne, nur solle sie keinem Menschen etwas davon sagen. „Stuke" (Stillschweigen) s.i eine Hanptmche dei dergleichen Händeln. Das vmprach Riekchen gern. „Ung ück nimm Deinen Lauf!" sagt irgendwo der Dichter. Und so kam denn auch alles, wie es kommen mußte. (Schlnß folgt.) Eine Kriegs-Ehanucka. Von Gutti Alsen. (Schluß) „Hierher also hast du dich geflüchtet, schönste Blume aus dem Orient?" In seiner Stimme ist Sarkasmus und doch Frohlocken. „Herr Polizeimeister, nicht dies jetzt! Sa helfen Sie uns doch!-Sie müssen helfen! .... Was haben diese arruen Leute verbrochen? Es ist Krieg .... Kämpfen nicht auch ihre Söhne, ihre Männer, ihre Brüder, — alle Ungehörigen dieser unseligen Verfolgten in Ihren Reihen? . , . Gerechtigkeit! Herr Polizeimeister. . . Nur Gerechtigkeit. .