Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 1 (8.1.1920)
- Date
- 1920-01-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Gelte i Bt». 1 Der JSraeM. 8. Januar 1888 Unbestritten ist die Talsache, daß der Lehrer der geistige Mittelpunkt der Landgemeinde ist. Mit ihm und seiner Leistungsfähigkeit sieht und fällt ihr jüdisches Leben. Die meisten jüdischen Lehrer auf dem Lande beziehen jedoch heute noch ein Gehalt, das ihnen in Fliedenszeiten kaum ein Auskommen gewährte, sie jedoch heute zumal bei dem durch Rationierung des Fleischverbrauchs vermtnderteu SchSchteiukommen der drückendsten Rot überantwortet. Die Abhängige keit vom Vorstand, die Rücksichtnahme auf Nebenverdienste schwächen seine Autorität, und die Nahrungssorgen verleiten manchen Kollegen zu Beschäftigungen, die weder seinem Ansehen noch dem Ruf der Gemeinde förderlich, aber aus den Verhältnissen heraus begreiflich sind. Wie ist aber bet solchen Zuständen eine gedeihliche berufliche Wirksamkeit möglich, f’K Http l'-r DK min/ wie kann der Lehrer in Sorgen und Kunrmer seine Fortbildung betreiben und religiös und sozial befruchtend wirken? Mehr als je gilt heute das Mahnwort Samson Raphael Hirichs, das er vor 65 Jahren im Jeschurun gesprochen hat: „Es fehlt an Lehrern und vielen der vorhandenen Lehrer fehlt die Ertüchtigung für ihren großen Beruf, und den meisten tüchtigen Lehrern fehlt die von Kümmernissen und bitteren Sorgen freie Stellung, deren für die Frische des Gemüts, für die Heiterkeit des Geistes, für die Freudigkeit des Wirkens kein anderer Stand also, wie der Stand des Lehrers bedarf!" Ich will gerecht sein und zugeben, daß in der jüdischen Lehrerschaft Persönlichkeiten sind, die nicht die nötige Liebe und Befähigung zur Sache besitzen. Aber sind uicht die Zustände daran schuld? Wenn in den jüdischen Lehrerbildungsanstalten die Frequenz in den einzelnen Kursen stetig abntmmt, wenn wirklich fähige Elements sich nach dem Seminaraustritt dem Studium oder anderen Berufen zuwenden und so der Schule verloren gehen, wenn viele auf das Wohl des Kindes bedachte Eltern bei allem Idealismus sich zurückhalten, dieses einem Berufe zuzusühren, der ihm in N1."k nur Sorge und schweren Lebenskampf in Aussicht stellt, dann wird man die traurigen Erscheinungen begreifen. Darum ist eine Besserung im Niedergang der jüdischen Landbevölkerung nur durch Konsolidierung der Schule und der Lehrerexistenz zu erzielen. Mit kleinen Mitteln wie Hilfsaktionen für einmalige Teuerungszulagen ist hier nichts auszurichten. Hier muß großzügig Bleibendes geschaffen werden. Wiederholt muß ich deshalb Klage gegen die jüdische Gesamtheit erheben, daß sie den Ernst der Lage nicht begreift, daß sie, die die reichsten Mittel für ideelle Zwecke aufbringt, sofern sie dem Judentum im Ausland dienen, versagt, wo es sich um die elementarsten Interessen im eigenen Lande handelt. In der Erhaltung der Religiosität auf dem Laude liegen di^ Wurzeln unserer Kraft. Man schreite zur Tat, gründe Verbände, die geistig und materiell alle Wege zu diesem Ziele erforschen, ziehe die Vertreter aller Stände, Rabbiner, Seminarleiter, Lehrervereine, Vorstände von Stadt- und Landgemeinden, leistungsfähige und tatkräftige Männer heran und berate die notwendigen Maßnahmen. Vor ollem aber schaffe man tüchtige Lehrer und gebe ihnen volle Beschäftigung und sorgenfreies Auskommen. Die Vorschläge hierzu gehen über den Rahmen dieses Artikels hiuaus. Ich stimme Herrn Einstädter bei, daß die Bvrtsebe und Empfänglichkeit für ein einfaches Thorawort in vielen Landgemeinden vorhanden ist, und ich könnte manch drastische Aeußerung schlichter gläubiger Männer auf dem Lande anführen, die schmerzlich den Mange! an geistiger Anregung beklagen, deshalb unterstütze ich den Vorschlag, angesehene und thorakundige Männer öfters zur Belehrung der Gemeinde aufs Land 8u senden. Größeren Erfolg verspreche ich mir «Uch davon nicht. Wünschenswerter wäre ein engerer Konnex der Rabbiner mit den Han d ge me in den. Die bereits durch ihre amtlichen Beztehmigrn bestehende Kühlung mit diesen könnte noch mehr vertieft werden, besonders durch häufigen Besuch der Gemeinden am ADtf- Nichts wirkt nachhaltiger als persönlicher Verkehr und unmittelbare Einflußnahme auf Gemeinde und Jugend. Das Beste bleibt jedoch auch hier die Schaffung und Erhaltung tüchtiger Lehrer. In dieser Hinsicht möchte ich einen dringenden Mahnruf an das Publikum unserer gefttzestreuen Gsoßgern?ind?n richte«, nicht nur materiell, sondern auch persönlich Bausteine für die wichtige Sache zu liefern. Jede Anzweiflung des guten Willens meiner Kollegen liegt mir fern, und mit Genugtuung muß konstatiert werden, daß Lehrer aus den kleinsten Verhältniffen hervorgegangen, ein schönes Gememdeleben schufen und kraftvoll beseelten, weil sie eben Persönlichkeiten waren. Persönlichkeiten wachsen aber im allgemeinen nicht in jedem Milieu, und bilden, erziehen und befruchten kann nur der, der selbst gebildet, erzogen ist und mächtige Anregungen empfangen hat. Darum sollten unsere gesetzestreuen Gemeinden das Material für den jüdischen Lehrerstand nicht allein dem Mittelstand, dem Proletariat oder gar dem Ausländertum überlassen, sondern statt ihre Kinder dem höheren Studium und dem Handel zuzuführen, sie für die hohe Ausgabe begeistern, Volkslehrer zu werden, hinaus aufs Land zu gehen und die herrlichen, durch bildsame und vorbildliche Institutionen ihrer Heimat gewonnenen Anregungen beispielgebend und befruchtend zu verwerten für die Bildung eines tüchtigen Geschlechtes ans dem Lande, wie es in schwerer Zeit und bei ebenfalls den Bestand des thoratrruen Judentums bedrohenden Gefahren große Männer unseres Volkes! R. Elasar ben Asarja, R. Aktba und ein R. Gamltel getan haben. Die Wirkung all dieser Vorschläge wird sich nicht über Nacht zeigen, aber neues Blut und neues Leben kommen in Schule und Gemeinde, der Lehrer und feine Tätigkeit werden mehr geschätzt werden, jüdisches Leben wird auf brach liegendem Boden erjpriehen, und unsere Landgemeinden werden m. G. Hilfe wieder wie früher der Quell eines unverfälschten thoratreuen und gesinnungsstarken Geschlechts werden. Korrespondenzen «ad Aachrlchte». Dsrrtfches Keiiir. lvskilen Im Lllnsgogenoerbanv. Furnörrrg, 4. Januar. Bei den Ergänzungswahlen zum Delegiertenkollegium de§ Synagogenverbands wurden die Herren Samson Goldschmidt, Semmy Hesse, Dr. Lipmann Schlesinger, Herman Philipp — bei 857» Wahlbeteiligung — gewählt. Ein Lflffiinennun In vsoor P<i90s, 26. Dez. (indirekt.) Der Schneefall der letzten Tage hat zu einem furchtbaren Lawinennnglück geführt. Einer Staublawine vom Schinhorn fielen zwei Menschenleben zum Opfer. Im Sanatorium Davos- Dorf wurden eine Krankenschwester und eine Patientin getötet, mehrere Personen verletzt. Das herrliche jüdische Sanatorium Etanta, das seit dreiviertel Jahren seine Segen spendende Wirksamkeit entfaltete, wurde von einer Lawine vollkommen verschüttet/ zwei Angestellte de- Sanatoriumsollen um- Leben gekommen sein. Die Verbindung mit Davos ist unterbrochen, lieber die Einzelheiten wird uns von Augenzeugen nach folgendes berichtet: Davos, 23. Dez. Wenn uns die Herbstfeiertage besonders in Erinnerung geblieben sind, da wir sie in so schöner und würdiger Weise begehen konnten, so werden wir die Chanukkatage 1919 auch niemals LerKösfen. Auch itt diesen Tagen entbehrten wir nichts, was wir von Haufe aus gewohnt waren und herrschte fröhliche Trimmung Sei Gros und Klein. AHerinal? yryignvw stchtn diesen Lagen ein große» Wunder und kann nian auch hier die Worte anwenben: Biy -'.1 ‘jhj Ci, denn daß wir Alle heil davon gekommen sind, ist nur a'S ^ni fci zu bezeichnen. Was wir in diesen wenigen Stunden am vorletzten Chanukkatage erlebt haben, läßt sich durch kurze Schilderungen nicht veranschaulichen. Zwei kurz aufetnünderfolgenbo Lawinen, die vom Schinhorn kamen, beschädigten auf ihrem Wege in nicht geringem Maße die jüdische Heilstätte „Etania". Große Schneemassen^ drückten die Fenster und einzelne Wände ein und füllten viele Zimmer und Treppenhaus bis zur a. Etage und versperrten den Ausgang. Mit Hilfe der herbetgeeilten Feuerwehrmannschasten gelangten wir ins Freie. Dank der guten Organisation des in unserer Mitte weilenden Vorstandsmitgliedes, Herrn Gans, wurden wir noch am selben Abend in zwei Häuser untergebracht. Geraume Zeit wird verstreichen bis die „Etanla" wieder heilsuchende P^tienren beherrbergen kann. Große Mitte! sind erforderlich, um dies so edle Menschenwerk weiter zu unterhalten, und es ist Pflicht eine* jeden Juden nach seinen Kräften mttzuhelsen. ES ist doch die einzige Institution ihrer Art, die eS uns neben dem Sanatoriumsleben ermöglicht, ganz nach unseren Gesetzen zu leben. Wir zweifeln nicht daran, daß es, dank der Hilfe Aller gelingen wird, unsere Hoffnung auf Wiedereröffnung der „Marita" z» verwirklichen. JJxrUrc. ßJaMsuer Brief »e* ,811»" «18 LagLszettmig. — «ie «outttogrrube. Katastrophe. — Wirtschaftsuöte und AuswanderunU. — «ine Taaung der jüdischen Ratmänner. Marsch«», 24. Dez. Als erfreuliches Zeichen der Erstarkung der polnischen Orthodoxie oder, besser gesagt, ihrer politischen Organisatton darf das Wiedererschetnen einer orthodoxen Tageszeitung, der einzigen, über welche die Orthodoxie bisher überhaupt verfügt, begrüßt werden. Der „Jud", die bisherige Wochenschrift der „Schlome Emune Jisroel", erscheint nunmehr täglich, unter der Redaktion von M. Kam in er, in großem Zeitungsformat vier bis sechs Setten stark. Hoffentlich findet das Blatt überall, im Jn- und Ausland, die nötige Unterstützung durch Abonnement und Mitarbeit, damit es die Interessen der gesetzestreuen Judenhett, insbesondere diejenigen der Agudas Jisroel mit steigendem Erfolge vertreten kann. Die Annahme de- Sonntagsruhe-Gesetzes durch den Landtag ist vielleicht der furchtbarste Schlag, den die Judenheit Polens treffen konnte. War soll aus den Z-Hntausenden werden, die weder den Sabbat opfern, noch die zweitägige Wirtschaftsruhe ertragen können? Mit tiefer Bitterkeit gedenkt man jetzt der Fanfaren vom Minderhec tsschutz, die ausParis nach Polen herübertönten und die das elementarste Recht, das Recht auf religiöse Treue ohne den Preis des Verhungerns, dem unglücklichen polnischen Juden nicht erringen konnten! Die orthodoxe Delegation, die an den Pariser Verhandlungen teilnahm, versichert öffentlich, daß es ihr. trotz aller Bemühungen n cht gelungen sei, die nationalistischen Delegationen in Paris zu gemeinsamer energischer Vertretung deL Sabbats ln dem entscheidenden Punkte der Sonntagsruhe zu ge. winnen, weil man der hohen Politik insbeson^ dere dem Palästina-Problem größeres Interesse entgegenbrachte als dieser Lebensfrage der reltgiös gesinnten Massen. Die Folgen sind gar nicht abzusehen, zumal die wirtschaftspolitischen Sturmzeichen sich mehren. Jetzt soll gar der ganze Handel mit Artikeln deS täglichen Bedarfes konzessionSpfltchttg gemacht werden, ein Vorhaben, das im Falle der gesetzgeberischen Verwirklichung die Juden proletarisieren oder von der Willkür der Beamtenschaft gänzlich abhängig machen mühte.