Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 1 (8.1.1920)
- Date
- 1920-01-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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©rite 5 Nr. t Der JSraelit. S Kanuav 1LOH lichkett wie Michael Tahn überwinden konnte. Ihm zur Sette wirkte dikongeniale Gattin, di- Tochter deS Oberrabbiners Stern in Hamburg, die in bewußtem jüdischem Pfltchternst dem jungen Rabbiner aus der Großstadt in die kleine, große Welt des ländlichen Volkserziehers gefolgt war, und mit der es ihm gelang sechs Söhne und vier Töchter allesamt zu ebenbürtigen, würdigen Trägern der väterlichen Ideale D'iro 1122 T2 zu erziehen. Allein diese West deS „Provinzialrabbtners", sie war dem Feuergeiste des Heimgegangenen doch Viel zu eng. Wie kaum b-i einem zweiten hatte sich in seinem Innern eine Synthese HildeSheimer'sche« und Htrsch'schen G-istes vollzogen, auS der eine weitverzweigte und einheitlich bestimmte öffentliche Wirksamk-it größten Stiles emporwuchs. Die auf das Persönliche eingestellte, die Menschen gewinnende, das Bedürfnis des jüdischen Lebens tief erfassende Art verdankte er Hildesheimer; die prinzipienklare, mit eiserner Konsequenz auf die Reinheit des religiösen Gedankens htnziel-nde Formgebung seiner politisch, religiösen und literarischen Wirksamkeit war ge. wiß eine Frucht der von dem Frankfurter Meister auSgestreuten Saat. So trat er diesem von der Gründung der „Freien Vereinigung für die Interessen deS orthodoxen Judentums" an als hervorragendster Mitarbeiter und Mitstreiter zur Seite und hat als einer der Führer dieser Organisation, in treuer Freundschaft auch dem Nachfolger Hirsch'S verbunden, drei Jahrzehnte lang dem Wirken der „Freien Vereinigung" namentlich in allen politischen Dingen den Stempel seines starken Wollenaufgedrückt. WaS er hier auf praktischem wie auf politischem Gebiete, beim Schutze der Schechito, des Sabbats, der Mezizo, beim Kampfe um die jüdische Volksschule, der Gründnng des gesetzestreuen Lehrerbundes, in der Abwehr der unheilvollen Bestrebungen zur z w a n g sweisen Vereinheitlichung des Judentums, im Ringen um die Reinheit der religiösen Begriffe, gegen das Schlagwort von der „Gleichberechtigung der Richtungen" Gewaltiges geleistet, das zu beschreiben, würde den Rahmen dieses kurzen Nachrufes sprengen. Denn Michael Cahns politisch. religiöse Wirksamkeit schildern, heißt die Geschichte des deutfchen Judentums der letzten Jahrzehnte schreiben. Das muß ruhigerer E.tunde Vorbehalten bleiben. Der Inhalt dieses seines Wirkens, das auch innerhalb der „Freien Vereinigung" sich nicht erschöpfte, sondern mit gleichem Ernste, soweites das MW»—W""."» ■ ■ .... *■ * Ser lichtspendende Leuchter. ES gibt kein Volk auf der Welt, das wie das jüdische, die Poesie, aus der Volksseele heraus geboren, so sehr in den Dienst der höheren Wahrheit, der Ethik, der Gotteserkenntnis, der Selbsterziehung und der Veredelung der Menscheugatrung stellt. Iw Talmud sind die agadischen Wunderblumen wahllos verstreut, die Len ganzen massiven und verschlungenen Gedankenbau harmonisch schmücket« und anmutig gestalten. Da- Bestreben, die agadischen Teile, getrennt vom halachischen, füc die Bildung des Geistes und des Herzens zu fruktigicren, hat uns bereits in ältester Zeit die bekannten Midraschim gegeben. Speziell die im babylonischen Talmud enthaltenen agadischen Den. rungeu und Karsten werden uw? im Werke „En Aakvw" gefummelt und gesondert geboten. Der Erste, der auf den Gedanken gekommen iss, hierin methodisch vorzugehen und aus den tausend Sentenzen, Fabeln und Parabeln, geistvollen Ausdeutungen und Bibelsprüchen, Erzählungen und Gleichnissen ein Buch der Erziehung für Groß und Klein zu machen, war wohl Rabbi Isaak A b s a b. der um 1>00 das große Werk Alter gestattete, auch Agudas tztsrsel galt, umfaßt eine Verwirrende Fülle. Von Einzelheiten — allein alle getragen und geordnet Von dem einen Strebeziel, ernst zu machen mit der Gewinnung der jüdischen Gesamtheit für ihre alleinige Aufgabe, die Erfassung und Verwirk, lichung des Gotteswillens auf Erden. Zur Kennzeichnung der wunderbaren Art jedoch, wie der Heimgegangene gearbeitet hat, dürfen wir vielleicht die kurzen Sätze wiederholen, die wir ihm vor wenig Monden, als er die Schwelle des Greisenalters überschritt, an dieser Stelle widmeten. Wer jemals das Glück gehabt hat, dm Fuldaer Rabbiner bei irgend einer Arbeit, sei ihr Gegenstand kleinlichsten oder weltumspannenden Charakters, zu beobachten, der wird einer ganz neuen Auffassung von dem Begriffe des rPXSO pllpi tetihaft geworden sein. Da ihm jede Aufgabe Mizwo war, ob sie auch „profan" scheinen mochte, so wendete er ein so ungeheures Maß von Ernst, von Gewissenhaftigkeit, Gründlichkeit und Umsicht an jede Einzelheit, daß unter seinen Händen die kleinsten Dinge groß wurden, und hinter scheinbar verschlossenen engen Wänden Perspektiven in die Weite ungeahnter Beziehungen, damit aber oft überraschendst? Konseguenzen und — Erfolge aufgingen. Und wer käme Dr. Cahns Hingebung an die Menschen gleich, seinem ruhelosen,'vor nichts zurückschreckenden Gemiluß Cheßed-Bcdürfms, das eiserne Mauern zertrümmert und „goldene" Berge als seien es sanfte Hügel erklimmt? Nur eine Persönlichkeit die sich in jedem Moment ihres Daseins als Werkzeug Gottes fühlt, kann so wie Dr. Cahn alles klein Menschliche des eigenen Jchs hinter sich lassen und ganz den Dingen und den Menschen untertan werden, um ihnen das Siegel des Gotteswillens aufzuprägen. Daher die Absolutheit, die Unbedin gt h eit seines eigenen Wollens — die Blinden nennen es Fanatismus, die Sehenden beugen sich vor der Größe einer Persönlichkeit, die durch ihre verstehmde Milde, ihre sonnige Heiterkeit und Bescheidenheit dieRetnh eit ihres Pineas-Eifers tausendmal erwiesen hat. Charakteristisch für die innige Verflochtenheit des Praktisch-Politischen und des Grundsätzlichen in Cahns Persönlichkeit ist das große Werk, das er kurz nach dem Broschüren: „DieVerbände und das Judentum" und „Das Plaid oyer des H errn Justizr at Makow er" erscheinen ließ: „Die religiösen Strömungen im zeitgenössischen Judentum." Hier folgen auf die inS Kleinste gehenden gründlichen Auseinandersetzungen über die Vorgänge bei der t»sd;i mwö („Der lichtspendende Leuchter") der Welt geschenkt har. Wer die erzieherische Kraft dieses WunderbucheS kennen lernen will, .der gehe nach dem Osten und sehe, wie die Massen an den langen Tischen dem Vonrage lauschen und Glück und Trost auS diesenr Buche wie aus einem Jungborn schöpfen für den Kampf des Tages. Im Westen, wo ‘ im letzten Jahrhundert die Kenntnis der hebräischen Spräche und der alten Quellenlsteratur leider sich vermindert hat, mußte auch die Wirkung dieses besten unserer alten Erziehungsbücher in diesem Maße ausblciben. Wie dankbar muß nun die jüdische Welt dem Manne fein, der uns von neuem diesen Quell erschlossen, irr einer prachtvollen Ausstattung und modernen Ausmachung, in guter gießender deutscher Sprache, den ganzen tiefen Gehalt des großen Werkes mundgerecht macht.*) Ueber die Veranlassung zum vorliegenden Buche schreibt der Verfasser des Urtextes ein eigenes Kapitel, dem wir folgende Steüerl entnehmen i „R. Alexander rief auf den Straßen aus, wer will Lebe» kaufen? Alle Leuts strömten herbei, da trug er die Psalmverss (Ps. 31, 13) vor: „wer hat am Leben Wohlgefallen, möchte Glück in seinen Tagen schauen^ der weiche vom Bösen und tue das Gute und strebe nach Frieden". Bon diesen drei Regeln also ist das Leben abhängig. Zunächst weiche der Mensch »am Bösen, denn der erste Trieb im Menschen zieht ihn zur Sünde, wie es die Schrrfr *) *iu®n mW Der lichtspende» deLe uchror von R. Isaak Aboab s. A., Eine Sammlung der jüdischen Ethik aus Bibel und Talmud. Bearbeitet und ins Deutsch« übertragen von Rabbiner Dr. S. Bamberger, Hamburg. Verlag von Georg Kramer, Buchhandlung, Hamburg. Preis Mk. 16.50. Schaffung des Volksschulunterhaltungsgesetzes von 1906 tiefeindringende Untersuchungen zu den dogmatischen Grund Problemen der jüdischen Lehre. Ihm war eben Politik nichts anderes als die Verwirklichung der Gotteslehre im öffentlichen Leben, und der kleinste Buchstabe in einem Gesetzesparagrapheu gewann ihm Würde und Heiligkeit, wenn an 'ihm Gedeihen oder Verderb für Mtzwo-Tat oder Thora-Erkenntnis zu hängen schien. Das ist das Geheimnis dieses an Erfolgen reichen Lebens .-— — Seine Spuren werden hiuieden nimmer verwehen, und die unauslöschliche Dankbarkeit aller derer, die zum Gottesvolke sich zählen, wird Dr. Michael Cahn für alle Zeiten geweiht bleiben. .* 4- * Die Bestattung am Sonntag., den 13. Tewes gestaltete sich zu einer überwältigenden Kundgebung der Beehrung und Liebe, die dem Verstorbenen in den weitesten Kreisen entgegengebracht wurde, obschon durch die schwierigen Verkehrsverhältnisse gar mancher treue Freund serngehalten worden war. Im Trauerhause gab.n am frühen Morgen schon die Rächststehenden, Rabbinatßassessor Kunstadt, der Bezirkssekretär der Agudas Jisroel, Dr. L. Herz, und der älteste Sohn, Oberlehrer Dr. M. Eahn auS Leipzig, in erschütternden Trauerklagen ihrem Schmerze cur der Bahre Ausdruck. Die Trauerfeier irr der Synagoge, wohin man den Oraun verbracht hatte, be« gann um halb 10 Uhr. Namens deS Landrabbtnats rief Provinzialrabbiner Dr. Bamberger-Hanau dem verehrten väterlichen Freund und Kollegen Worte des Abschieds nach und überbrachte gleichzeitig den Zoll der Dankbarkeit für den Heimgegangenen von seiten des Synagogenverbands Hambur g. Distriktsrabbiner Dr. R. Br euer-Aschäffen bürg gab im Aufträge seines Vaters und des Orthodoxen Rabbi n e r v e r b a n d e s dem tiefen Schmerze Ausdruck, daß es ihm versagt sei, dem treuen Mitarbeiter und Freunde persönlich die letzte Ehre 'zu erweisen. Der Redner zeichnete 'alßbtum in eindrucksvollen Worten die historische Bedeutung des Heimgegangenen als des Pineas der deutschen Orthodoxie, die tu Hirsch und seinen Genossen ihre Moses und Ahron gefunden hatte. Herr Jacob Rose n heim -Frankfurt a. M. feierte die priesterliche Wirksamkeit dieses ö‘J*n 1!V 'XS'ö, indem er feine unvergleichliche Lebensarbeit für „Freie Bereinigung", „Agudas Jtsroel", „Deutschholländische Palästina - Verwaltung", „Schaare-Zedek-Hospital" andeutend skizzierte, um ihm schließlich namens der Synagogen-Gemeinde „Israelitische Reltg ionsgesell schüft" in Frankfurt und als Freund und Schüler Abschiedsgrüße widmete. Provinzialrabbiner Dr. H i r s ch f e l b -Gießen sprach warme Worte inniger Verehrung namens der Nachbargemeinden, Lehrer Sonn-Fulda für den Lehrerverein „Jeschurun". Bon besonderem Eindruck waren die Reden der Vertreter des Vorsteheramts der Israeliten, Sanitälsrat Dr. Stern und der Gemeinde Fulda, Mendel Wertheim. Aus den Reden dieser Männer leuchtete die ganze Größe deS Verlustes hervor, den der Heimgang dieses wahrhaften jükj njrn für den Kreis seines heimatlichen Wirkens bedeutet. Um zwölf Uhr schloß die Trauerfeier. Ein endloses Trauergefolge geleitete die Bahre um halb 2 Uhr von der Synagoge zu dem ziemlich sagt (Gen. 4, 7), die Sünde lagert vor der Türe, und nach dir ist ihr Verlangen: die Beglerden de« Leibes find die Betrübnis der Seele, darum sei die erste Regel: weiche vom Bösen. Dann gewöhne dich an das Gute, wer die Sünde wohl meidet, aber nicht für das Guir wirkt, gleicht dem Tiere, das nicht sündigt, aber auch nichts Gutes rut. Und drittens strebe nach Frieden. Tue das Gute nicht für dich allein. Der Mensch.ist von Natur daraus angctoicicn, mit anderen zusümmenzulcben und sich eine friedliche, bescheidene Gesinnung anzugewöhnen: sein Streben set zur Erhaltung der menschlichen Gesellschaft das Seinige beantragen. Die erste Regel, vom Bösen zu weichen, testen wir in zwei Abteilungen, böse Handlungen zu vermeiden, rrach denen der böse Trieb zunächst verlangt, dann böse Worte, wie der Psalmist vorausschickt, bewahre deine Zunge vor Bösem. Gutes zu tun, teilen wir dreifach et», in die Erfüllung der Thoragebote, zu diesen gehöre» auch die Tugenden, die der Uebuug und körperlichen Vorbereitung bedürfen, zweitens das Thorasiudtum, uw die Wahrheit zu erkennen, das ist hie Ausbildung der Seele, und endlich in die Seldstläuterung, da es keinen Gerechten aus Erden gibt, der nur Gutes tut und nie sündigt. Die dritte Regel, nach dem Frieden zu streben, besteht zwei Abteilungen, den Weg?» deS Friedens und der Menschenliebe, zweiten? den Wegen der Bescheidenheit, Den sieben Lichtern des heiligen Leuchters Plisprechend habe ich mein Buch etngeterlt, im Mittelpunkt steht das Thorastudium, verherrlicht durch ie drei Lichter zu beiden Seiten. Aus obigen drei Regel A ruht die Welt nach dem Ausspruch von R. Schimo^ ben Gamliel (Ende Abot 1): „Aus drei D 'ngen "hi D