Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 60 (1919)
- Issue
- Heft 51 (30.12.1919)
- Date
- 1919-12-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Gelte 3 Nr. M Der JSraelit. 30 Dezember 1919 Rücken kehrten, dem Niedergang entgegen eilten." Das ist der tiefere, über das Ereignis des Tages weit hinauSgehende Sinn, der das Tewetfasten heute noch gebieterisch nötig macht. An der Scheide zwischen dem ersten und zweiten Buche der Thora, da Ahnengeschtchte in Volksgeschichte einmündet, verstehen wir es so recht, waS mit oem Liede von „der Väter Vertrauen, Glück und Gedeihen" der zehnte TeweS einem Volke in Not alles sagen will. Israel- BolkSgeschicke, wie seine Berufung und Bestimmung sind im Leben der Väter für alle Zukunftsestgekgt. Jeder Denkstein in seinem Kalenderb pche> zwingt den Blick zurück, nach He- Sron, 22*2* üHnSfc Iß’an und zeigt an, je nachdem Db der Tag freudig« oder traurige Erinnerungen auSlöst, wir hoch oder nieder im Kurse die Väterart bei uns stand: Hf niJt 2V2 1PIÖ2 ’3 VTO« nc wv oji Sie Airklage des Volschewismus. Wir haben uns bereits so oft mit. dem Thema deS „jüdischen Bolschewismus^ beschäftigt, daß eS eine gewisse Ueberwindung^kostet, darauf zurückzukommen. Allein dex Mdzug, den die „Times" in den letzten Wochen eröffnet hat, und insbesondere eine unmittelbare Aufforderung der „Kölnischen Volkszeitung" an die Adresse der jü d tschenOrth o doxie in Deutschland zwingen zu einer kurzen Auseinandersetzung. Der „Berax".Korrespondent der „TimeS" ist offensichtlich von bösem Willen erfüllter haßt die Juden aus der Tiefe seines Herzens und dichtet ihnen darum ein Haß- und Rachegefühl und einen WeltherrschaftStrieb an, der dem objektiven Historiker und Politiker als AuSgeburt der Phantasie erscheinen muß. Denn die paar toll gewordenen Freibeuter unter den ungarischen Bolschewisten genügen doch wahrlich nicht, um ein Millionenvolk mit tausendjähriger Märtyrergeschichte als eine Gesellschaft blutdürstiger „Imperialisten" und als bar jeder Fähigkeit zum Verzeihen und Vergeben zu denunzieren. Mlt„Verax" also öarüder zu dir. kntteren, ab die Judenheit gut daran täte, in feierlichen Demonstrationen vom Bolschewismus „abzurücken", wäre unwürdig und zwecklos. Anders liegt der Fall bei der „Kölnischen Volkszettung". DaS Blatt bemüht, sich offensichtlich, alle tendenzmäßige Judenfeindschafi aus seiner Betrachtungsweise auSzuschalten und objektiv zu bleiben. Wir lesen da uuu u. ft*: „Mit Bedauern sehen wir, wie nicht nur Stylten der Heiligen Schrift von antisemitischen Agitatoren mißbräuchlich zurechtgestutzt und auSgelegt, sondern auch allerlei aus dem Inhalt des Talmud herangezogen wird, um zu zeigen, daß die Gesinnung, dis die kommunistischen Führer jüdischer Abstammung dem christlichen Volke gegenüber offenbarten und betätigten, eine konsequente Flucht autoritativer jüdischer Lehre sei, sooaß. also eine Unterscheidung beim Judentum nicht berechtigt und der allgemeine Antisemitismus eine Selbstverständlichkeit sei. Wir halten die Talmudforschung für viel zu schwierig, als daß sie von politischen Agitatoren in einer Weise gepflegt werven könnte, die nicht in groben Unfug ausartet. Dieses Kapitel möge darum hier außer Betracht bleiben. Vielleicht nehmen sich manche Juden daran ein Beispiel, wenn sich tendenziöse Mache wieder einmal mit ähnlich schwierigen Fragen der katholischen Lehre besaßt. Die Versiche? rung des seit altersher in Deutschland ansässigen gesetzestreuen Judentums, es habe mit dem Bolschewismus und seinen jüdischen Führern nichts gemein, nehmen wir durchaus ernst. Es ist uns nicht unbekannt, paß sich-'dir führenden jüdischen Bolschewisten größtenteils aus dem Bund, der bekannten Organisation des polnisch^rnssiichen radikalen Judentums, rekrutieren, deren Anhänger zwar rassenbewußte Juden sind, sich in religiöser Hinsicht aber höchstens noch an Aeußerlichkeiten halten und im übrigen nichts bewahrt haben als einen ganz aufs Politische und Wirtschaftliche eingestellten Messianismus, den Glauben an die Weltherrschaft , des jüdischen Volkes. Es ist das, wenn man will, jüdischer Imperialismus, dein Bolschewismus, Diktatur des Proletariats und derlei Dinge Mittel zum Zweck sind, die freilich mit einer grundsätzlich anmutenden Heftigkeit angewandt werden." ES ist halbe Sachkenntnis und daher Irrtum, war dem zweiten Teil dieser Ausführungen zur Boraussetzung dient. Der „Bund", der grimmigste Fei"d des orthodoxen Judentums, seiner Führer und Lehrer in Rußland, ist von dem Gedanken an „Weltherrschaft des jüdischen Volkes" so weit entfernt wie es nur ein deutscher AffimilationSjude sein kann. Das sozialistische Klassenbewußtsein steht beim „Bund" durchaus im Vordergrund, und es ist noch nicht lange her, daß die Bundisten überhaupt anfingen, die Berechtigung einer speziell jüdischen Jntereffen-Vertretung innerhalb des Proletariats notgedrungen anzuerkennen. Wie sollten diese allen jüdisch.nationalen Bestrebungen feindselig gegenüberstehenden Klaffenpolitiker dazu kommen, von einer „Weltherrschaft der jüdischen Volkes" zu träumen, das ihnen als Volk höchst gleichgültig ist? Daß auch der Zionismus — den die russischen Bolschewisten ja übrigens ebenso grimmig Haffen und verfolgen, wie sie die Or^ thodoxie in allen Formen zu unterdrücken suchen — von Weltherrschafts-Gelüsten frei und sehr zufrieden wäre, wenn den verfolgten und verelendeten jüdischen Maffen ein sicherer Schlupfwinkel in Palästina geboten würde, daran wird die Kölnische Volkszeitung wohl selber nicht zweifeln. Welche von den Gruppen oder Parteien innerhalb der Judenheit sollte also für Kleines Mllelvn. Vom Llrsprrmg des Alphabets. Zu diesem schon vielfach abgehandelten Thema lieferte Dr. EliaS Auerbach aus Haifa in der Juli- Sitzung der Vorderasiatischen Gesellschaft neue interessante Einzelheiten, von denen hier die folgenden wtedergegeben sein mögen. Die Bilder und die Begriffsschrift, io führte Auerbach unter anderem aus, wie auch die Silbenschrift, die der Buchstaben, schrift voraufgehen, bieten sehr viele Zeichen, ein genialer Kopf wird es zum erster Male wohl erfaßt haben, wie man über die Fixierung der Silbe hinaus, gelangt zur Fixierung des Konsonanten: eben diese Idee des Konsonanten gefunden zu haben, als de» Trägers der Hauptelemente eines Begriffes, ist dar Wichtigste, die Vokale sind vorerst von nebensächlicher Bedeutung für den Kenner der lebenden Sprache. Dieser Erfindung schiebt sich überall die Silbe als Hindernis vor. Der zum Alphabet gelangte, sprang nach Sethe, von der Wortschrift über die Silbenschrift fort. Diese Erfindung nun mutz bei einem semitischen Volke gemacht worden seindenn eS liegt im Geist der semitischen Sprache, daß der Konsonant dort eine hervorragende Bedeutung besitzt. Die Grundbedeutung für eine Tätigkeit haftet im Se. mitischen meist an drei Elementarlauten, und -diese-, isolierter Lautelemente in ihrer Zusammensetzung/ die Konsonanten, ergeben die Grundform des Wortes. Durch die Einfügung der Vokale kommt e» dann erst zum sprachlichen Ausdruck. Die Vokale erkennt nun der, der in der Sprache lebt, leicht, aber ihre Ein. führung in die Schrift ist verhältnismäßig spät erfolgt, j Heute noch werden hebräische Zeitungen tn Palästina oder in Osteuropa nur tn den allerseltensten Fällen mit Dokalzeichen gedruckt. Zur Zeit der Erfindung der Alphabets bestand nun die Abstraktion darin, den Konsonanten als das einfachste Lauielement der lebenden Sprache feftzukegen. Der Erfinder mutz ein Bewußtsein der Funktionsverteilung zwischen Konsonanten und Vokalen gehabt haben. Auch wird die Erfindung deS Alphabets mit einem Schlage einem genialen Kopfe entsprungen sein. Wo ist nun die Idee entstanden, die Konsonanten zur Grundlage unserer Schrift zu machen? Die Wahrheit von Horodots Ueberlieferung, wonach die Phönizier die Erfinder seien, ist bisher nicht bewiesen worden. Es ist auch höchst nnwahrscheinlich - die Erfinder müffen einem südfemitischen Volke angehört haben. Bon der südsemiiischen Schrift hat sich dann bald eine nordsemitische abgezweigt. Die Anlehnungen des Alphabets in seiner sehr alten heutigen Anordnung an die babylonische Schrift sind sehr unbestimmt, in der äußeren Form der Zeichen sind gewiffe Anlehnungen an die ägyptische vorhandendennoch bietet nach Sethe die ägyptische Schrift nicht das Urbild, sondern nur ein Vorbild für unser in der hebräischen Tradition überliefertes Alphabet. In der Darstellung der Konsonanten als Buchstaben liegt die gedankliche Leistung. Obwohl das Aegyptische ebenfalls den Stamm begriff an dem Konsonanten hasten läßt, hat es doch nicht , die letzte Folgerung aus dieser Xatsache gezogen. Es blieben Lautzeichen bestehen, woher die große Zahl -der Hieroglyphen stammt,' von einem ägyptischen Alphabet kann nicht gesprochen werden. Die semitischen Entdecker deS Alphabets machten eben die Konsonanten, d. h. die wesentlichen Lautelemente zu den Buchstaben - die vokale ließen sie zunächst fort. den Bolschewismus irgendwelche Shmpathieen empfinden? Etwa die nach möglichst rascher Assimilation strebenden Bourgeois in Petersburg, Moskau, Budapest, Wien und Berlin? Wenn die , Kölnische Volkszettung daher schließlich ausruft: „Weit verbreitet ist aber bn ruhig denkenden christlichen Leuten die Meinung, daß die orthodoxen jüdischen Kreise von den zersetzenden jüdischen Elementen nicht mit der wünschenswerten Deutlichkeit abgerückt find. 'Ein solches Ab rücken hätte zwar an der Entwickelung kaum diel geändert, aber belanglos ist die Unterlassung, soweit sie Wrklichksit ist, deshalb doch nicht." so können wir darauf nur erwidert, daß grade in orthodox-jüdischen Kreisen jedes „Abrücken" von. den radikalen oder gar bolschewistischen Elementen, die als entwurzelte Hndtviduen mit der jüdischen Gesamtheit niemals in irgendwelchem inneren Zusammenhang standen, als eine gänzlich überflüssige Geste betrachtet werden muß. Wir haben ebensowenig nötig, mit dem Bolschewismus als Weltanschauung der die diametrale Negation unsrer alle Gewalt und alle gewaltsame 'Selbsthülfe verurteilenden orthodox-jüdisch:n Gesetzlichkeit ist, uns auseinanderzusetzen, als die Gemeinschaft mit den bolschewistischen Individuen erst besonders abzulehnen. Nicht nur Trotzky, von dem es ausdrücklich bezeugt ist, sondern ebenso alle anderen führenden Bolschewisten und Kommunisten haben ihrerseits in Wort und Tat jede Solidarität mit Juden und Judentum so schroff und rücksichtslos abgelehnt, daß es unsinnig wäre, von der Gegenseite nun erst noch einmal eine ausdrückliche Bestätigung des abgrundtiefen Gegensatzes zwischen Judentum und Bolschewismus zu vertragen. Wer es ehrlich meint mit der Wahrheit — und wir sind davon bei der Kölnischen Volkszeitung überzeugt — der weiß heute schon, daß neunundneunzig Hundertstel der jüdischen Gesamtheit in den Bolschewisten ihre geschworenen Gegner, daß das Judentum im Bolschewismus seinen geistigen Widerpart erblicktwer es nicht ehrlich meint, der wird alle demonstratlven Entschuldigungen und Berrufserklärungen nur zu neuen vergifteten Waffen gegen das verhaßte Judenvolk umschmieden. Da ist's schon besser, in ruhiger Würde zu schweigen und auf Ihn zu vertrauen, der in seinem unsterblichen Prophetenwort seiner Menschheit wie seinem Volke das endliche Herannahen der Zeit verheißen, da „der Tod aus ewig getilgt, und seines Volkes Schmach von der Erde geschwunden sein wird." (Bon den Juden in Finnland). Einem Auf« satz der letzten Jtmnroer des „Haolam" entnehmen wir die folgenden Daten über die Juden rn Finnland: Bis zum Jahre 1918 stütz es in Finnland fast gar keine Juden. Die wenigen, die sich dort aufhielten, waren ausnahmslos russische Untertanen, die alle Halbjahre zu erneuernde Ausegthalrsbewilligungen der finnischen Regierung hatten. Ihr Schicksal hing von dem Wohlwollen der Gouverneure ab, die nach ihrem Gutdünken die Bewilligung erteilten oder ganze Familien plötzlich des Landes verwiesen. Irgendwelche politische oder Bürgerrechte hatten die Juden damals nicht. Selbst auf dem Gebiete des Handels, der einzigen Beschäftigung, der die Juden nachgehen durften, waren ihre Rechte äußerst beschränkt. Die Freizügigkeit war ihnen nur tn den drei Städten: Helsingfors, Aba und Wiborg gegeben. Da jedoch im Sinne der schwedischnorwegischen Gesetze Juden aus Rußland und anderen Ländern der Aufenthalt im Lande untersagt war, erreichte die Zahl der tolerierten Juden niemals eine bedeutende Höhe. Die natürliche Folge davon war, daß unter den in Finnland -lebenden Juden jede soziale, politische, oder wissenschaftliche Regung fehlte.. Auch zu einem Wettkampf kam es, wenn von einzelnen Konkurrenzerscheinungen abgesehen wird, fast gar nicht. Heute zählt man in Finnland rund rausend jüdische Seelen, darunter im ganzen bloß zwei Aerzte, zwei Ingenieure, einen Rechtsanwalt, 'einen Redakteur und einen Chemiker. An der Hochschule gibt es nicht mehr als zwölf jüdische Schüler und Schülerinnen. Das hervorstechendste Merkmal ist, daß hier noch keine jüdische politische Vereinigung oder Organisation besteht und überhaupt tein jüdisches Proletariat vorhanden ist. In weiterer Folge dieses Zustandes gibt es in Finnland vorläufig auch keinen eigentlichen Antisemitismus, weder einen offiziellen, noch einen