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Der Israelit · 1919-12-18 · Heft 49-50 (18.12.1919) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
60 (1919)
Issue
Heft 49-50 (18.12.1919)
Date
1919-12-18
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Milleton-Veilaae zu Ar. 49 a. 50 des „ // KrnitLeloZr. Mnuckah im sibirischen Wald. Der letzte Axthieb klingt verhallend Nieder von den Felsenwänden Und die letzte Tanne, fallend Wird sie nun das Tagwerk enden. Ein ächzender Krach — ein schwerer, dumpfer Schlag Tot ist der Stamm, nur noch die Aeste zucken sschwach. „Feierabend" sagt der Finne Und er greift nach seinem Säbel. , Eilig verschwindet dann der Hüne In v&eni dichten Winternebel. In kleinen Trupps, immer zu zwein und zwein Tappen die Gefangenen hinter ihm drein. Andere, lattgbärtige eilen . Ueber den vereisten Weiher. Hacken dort Holz mit ihren Beilen Und schüren ein Lagerfeuer Und als der Holzstoß, fertig geschichtet ward, Da sagte einer mit schneeigem Bart: „Brüder,^ wir "leben der Heimat fern Und fern den Glaubensbrüdern. Ls will uns die heißeste Sehnsucht drrzehrn Heimweh macht uns erzittern. Der Wald ist schaurig und die Not ist groß Und wer kann erkünden unser künftiges Los?_ Und heute — heute ist Feisrtag, Chanucka, unser Lichterfest! Wie wird da manche Erinnerung wach, So manch Gedenken ausgelöst: Stiller Friede, lustig flatternde Lichter, Zgchrnde, fröhliche LkinderMchtos. Doch wir sind allein. Kein Kerzenlicht Vermögen wir anzuzünden. Der finstere Wald gibt uns das nicht. Wir müssen anderes sinden: Können uns nicht blinkende Lichtchen erfveun, So soll eS ein flammender Holzstoß sein! Die Flamme, die auf zum Himmel loht. Die soll beredt es uns künden. Daß immer noch lebt der alte Gott. Er weiß auch hier uns zu finden. Er, der das Wunder im Oelkrng vollbracht, 8r hat auch uns zu erlösen die Macht." Bald ftackert fröhlich das Feuer empor Und d:e Männer .lagern im Kreise '' Und singen andächtig im Ehor So traurig, wehmutsdoll leise Nach jener alten KinvheitSmelvdie: Mo ans zur t eschuv f i. Und in dem leuchtenden Flammenmeer, Auf welchem liegen die Blickr, Zucken vergangene Bilder umher, Bilder von Frieden und Glücke. Und Manch eine Träne bitter und heiß Erstarrt in bereiftem Barte zu EiS. Heinrich Bachrach. Endlich erlöst. Die tragische Geschichte?ines Pelzes von S. Witz. Im lieben kleinen Städtchen in Litauen stand er in hohen Ehren, der Pelz aus Fuchsfellen mit gelbem Biberkragen. Wenn er sich im Winter auf der Straße zeigte, da grüßten die Leute ehrerbietig; in der Synagoge war das Erscheinen des Pelzes das Signal zum Beginne des Gottesdienstes; bei Festlichkeiten, Frendenmahlen und allen Veranstaltungen sah man ängstlich nach der Türe aus, bis daß der Pelz zum Vorscheine kam. Im Lehrhause kam Bewegung in die Müssen, wenn der Pelz sich dem Lehrpodium näherte. Der Pelz war kurzum der Mittelpunkt, um den sich das ganze Leben in der Gemeinde drehte; denn dieser Pelz zierte einen würdigen Rabbi, der seiner Schaar treuer Führer war. Andere Zeiten kamen. Der Rabbi hat längst das Zeitliche gesegnet und seine Gemeinde hat einen anderen Rabbi und einen anderen Pelz. Der frühere Pelz wanderte aber in ein fremdes Land, zu einem Nachkommen des würdigen Rabbi, in ein Land, in dem die Menschen infolge harter Kriegsnot hungerten und froren und mit scheelen Augen auf Nachbars Tisch und Kleid und Tasche schauten. Da begann. auch die Tragik des einst so glücklichen und stillzufriedenen Pelzes. Zunächst wurde ihm gesagt, er sei mottend erdächtig, ein Wort, das' er in der Heimat nie gehört. Er wurde über Sommer wie ein Pestkranker in der Dachkammer eines Kürschners, von Kampferduft so umnebelt, daß ihm beinahe der Atem ausging., isoliert. Dann kam der Kürschner und klopfte so kräftig aus ihn ein, daß ihm.Hören und Sehen verging. Der neue Besitzer und lachende Erbe des würdigen Pelzes bekam aber mit der nächsten Post ein Zettelchen,. auf dem geschrieben stand: „Aufbewahrung Mk. 30.—, Ausklopsen Mk. 10—, Versicherung Mk. 25.—, im Ganzen Mk. 65..— Garantie gegen Motten, Diebstahl usw. wird nicht übernommen/'' Der Besitzer und lachende Erbe wagte ganz leise die telephonische Anfrage, wozu die Aufbewahrung denn eigentlich diene, wenn Versicherung nötig sei und wozu wiederum diese nütze, wenn Garantie nicht übernommen werde, worauf er die ganz laute Antwort erhielt: „So holen Sie doch Ihren . , (es war eine ganz unaussprechliche Beleidigung gegen den würdigen Pelz) wieder, wenn es Ihnen nicht paßt, freilich gegen Erlegung der 65 Mk. . . /' Nach den 'Herbstfeiertagen als die ersten kalten Winds durch die Lande bliesen, holt? man den Kelz gegen Entrichtung des' Betrages mit einem nachträglichen Ausschläge von nur 25 ,°/o. Und nun begann erst recht eine Tragödie für ihn und seinen Besitzer zugleich. Schon die erste Trambahnfahrt im Pelze im grauen Morgendämmer war eine reine Höllenfahrt, Vom Ostbahnhof her kam ein vollbesetzter Wagen herangerollt. Das Stoßen und Drängen begann. „Hier wird nicht geschosen", bemerkte ein seingekleideter Herr sehr witzig und abzüglich. „Was die sich breit machen", kreischte eine korbbeladene Frau, ebenfalls mit giftigem Blicke nach dem Pelze, „meinen, sie wären allein auf der Welt, weil sie keine Not haben, freilich unsereiner . Ä „Ne ne!" entschied eine männliche Stimme auf dem Vorderperron, „für den Pelz da, ist kern Platz mehr da vbe. .M Mit der folgenden Elektrischen konnte endlich auch der Pelz auf dem Anhänger ins Rollen kommen. Zn sitzen wagte er nicht, denn schon beim Einsteigen meinte jemand sehr humorvoll: „Zwei Plätze freimachen!" und hatte mit dem gelungenen Witze allgemeinen Erfolg .? . Da es etwas lange ging, dis man durch das schwere Pelzfutter ln die Hosentasche hineinlangte, zog sich der Pelz'einen scharfen Verweis vonseiten des Herrn Schaffner zu. „Ob wohl gewisse Herrschaften glaubten, man sei nur für sie da? . “ Der Trinkgeldfünfer wurde mit gnädiger Herablassung eingesteckt, mit stummem Proteste gegen die Leute im Pelze, die mit ihrem Groschen und Halbgroschen soziale Wohltat üben zu können glauben, während sie selbst usw. ,. . Im Laden, wo sich der Bepelzte eine Krawatte und ähnliches kaufen wollte, fragte ihn die Verkäuferin, ob er aus Holland, Schweiz oder Frankreich komme. Falls er Amerikaner sei, so wolle sie ihn entgegenkommend nach dem Tarif für neutrale Ausländer bedienen. Sie habe von jeher Vorliebe für Amerika gehabt . . - Schlimm erging es ihw aber bei seinem Hoflieferanten. Er hatte nämlich im Mai sein Holz bestellt, im Juni das Holz mit einem mehrprozentigen Aufschlag voraus bezahlt, im Juli, August und September in regelmäßigen Jnterwallen immer neue Zuschriften erhalten und neue Zuschläge vorausbezahlt, vom Holz hatte er bis jetzt kein Scheit gesehen. Nun erlaubte er sich ganz bescheidentlich danach zu fragen und mit Rücksicht aus dis zunehmende Kälte .... „Was, Ste wollen von Kälte sprechen," unterbrach ihn der Holzhändler, „wenn man so einen Pelz anhat . . Mnes schönen Tages bekam aber der glückliche Besitzer des Pelzes eine Vorladung auf die Steuerbehörde. Er zog den Pelz an und wollte hingehen, da zog er ihn im letzten Augenblick, nichts Gutes ahnend, wieder ans, hing ihn im Korridor tot den Nagel und ging in seinem gewöhnlichen Ueberzieher, dessen Blässe und Weite ihm vor dem Steuergewaltigen nützen konnten, auf das Amt hin . . . Der Vorsitzende erkundigte sich sehr verbindlich nach Verdienst und Nebenverdienst und fragte dann geradeaus, ob und wieviel Kriegsgewinn er gemacht habe. „Kriegsgewinne, bei meinem Angestelltengehalt von ....!" suchte er sich zu verteidigen. „Ja," unterbrach der Vorsitzende, „das Einkommen mag schon stimmen, aber es handelt sich um einen kostbaren Pelz, den Sie sich in letzterer Zeit angeschafft hätten. . . Ein anonymes Schreiben . » ." „Ist ein Erbstück," verteidigte sich der Verdächtigte mit engelreinem Steucrgewissen. „Dann", meinte der Beamte gedehnt, „kommen die neuen Erbschaftsbestimmungen in Betracht," Und er reichte dem Besitzer des Pelzes einen umfangreichen Fragebogen, den er in den ersten Tagen ausgefüllt abzuliesern hätte. Er hat den Bogen nie miBgsfülU, bann wie e£ IjtimMjnt, msr dis ganze hinfällig. Der Pelz war weg. — — — Der Nagel an der Wand war leer, starrte dumm und öde darein und sagte nicht, wo tt den kostbaren Pelz gelassen hatte. Nach dem ersten Schmerz zog eine wohltuende Beruhigung tot des Bestohlenen Herz. Wie beton sanften Tode eines Schwerleidenden, dessen Qualen man nicht mehr mit cmsehen konnte , Ä t Der Ordnung wegen mußte man die Sache bei der Polizei anmelden. In den Polizeiakten war der Diebstahl gut aufgehoben, für immer wohl. Der Wachtmeister verlas das Protokoll: „Mn Fuchspelz mit schwarzem Oberstoff und braungelbem Biberkragen ton Werte von . >. Es klang wie eine schöne, ergreifende Leichenrede auf den braven, guten Pelz, und der Leidtragende war vollkommen getröstet. Doch noch einmal tauchte das Gespenst aus. Nach vielen Wochen wurde der Bestohlene noch einmal .aufs Polizeiamt zitiert. „Wegen des Pelzes,^ sagte der Beantte streng. „Ist er gefunden'?" — „Das nicht, aber der Dieb ist gefaßt." „Und der Pelz?" „Der ist über die Grenze geschafft, vom Dieb, einem polnischen Arbeiter, scheinbar nach Polen oder Litauen verschachert." „Nach Li—tau—en?" „Ja, Litauen. Wollen Sie die Sache weiter verfolgen?"' „Nein, nein, um Himmelswillen nicht, er möge in Litauen bleiben." „Weshalb denn?" Das konnte er dem Polizeibeamten nicht einleuchtend erklären. Aber auf dem Heimweg dachte er beglückt: Er kommt nach'Litauen, da wird er sicher von einem, ahnungslosen Rabbi gekauft und von diesem wieder zu Glanz und Würden gebracht. Er wird nicht mehr geklopft, nicht mehr Schieber geschimpft, kommt auch nicht mehr in Berührung mit Steuer- und Polizeibeamten, sondern es werden, wie ehedem, die Leute vor ihm aufstehen und ihm alle Ehren zollen. Wie war das dem >armen Pelz nach der harten 'Jammerzeit im C^ile zu gönnen! . . .

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