Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 60 (1919)
- Issue
- Heft 49-50 (18.12.1919)
- Date
- 1919-12-18
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Der JSraelit. Seite 13 No. 4V u. 6S 18."Dezsmber ISIS Zm Lande der Zufriedenen. (Ein Bildchen ans dem Gumpertz'schen Siechenhause.) Gibt t§ heute noch Glückliche und Zufriedene auf Erden? Auf der Straße berkehren die Menschen so, als wäre jeder an jedermanns Unglück allein schuld. Man sehe sich nur die grimmigen Gesichter an im. Gedränge und Geschiebe an und in der Straßenbahn, man höre nur die Liebenswürdigkeiten mit an, die in den ersten Morgenstunden mit elektrischer Kraft von Ost nach West, Nord nach Süd rollen. Noch nie ist das Lexikon der Zoologie -im Verkehr so fleißig benutzt worden wie heute. Griesgram zieht durch die Gassen, fährt Trambahn und steht hinter dem Ladentisch des Verkäufers. Wer möchte sich nicht für eine Weile vor ihm flüchten? Auf eine vorkriegerische Insel, wo die Blume behaglicher Zufriedenheit auf menschlichen Zügen noch blüht? Ich war eine Stunde auf einer solchen Insel und habe wieder zufrieden lachende Menschen gesehen. Hier oben im schönen Hause, inmitten der sauberen Gartennnlagen hat sich in den letzten fünf Jahren nichts geändert. Krieg, Tod, Not, Teuerung! Hier sind es Worte aus weiten Fernen. Was berührte es diese Menschen? Sie fanden all die Zeit den Tisch gut und sauber gedeckt, sie konnten auch mit Ruhe die neuen, neuesten und allerneusteu Steuerverordnungen lesen . . . lieber dem Dache des Hauses weht, seitdem draußen die blutigen Schlachten begonnen haben, eine weiße Fahne mit rotem Kreuze. Achtung! Exterritorium der Menschenliebe! Hier und da brachte man einen Verwundeten aus fernem Blutfelde, der mit hohlen Augen erstaunt ins Licht sah und, wenn er warm wurde, Grausiges zu erzählen wnßt:. Das waren aber Schauergeschichten aus fremden, fernen Welten; in einem persönlichen Verhältnis standen sie zu all dem nicht. . . Ja, freilich, zuweilen knatterte und ratterte es auch hier oben über den Köpfen und man mußte tief in den Keller hinunter steigen. Etwas beleidigt sahen sie nach oben, woher diese ungebührliche Störung kam. Schließlich waren sie ja nicht gemeint, es war pur Mißverständnis. . . Mit ihnen meinte es ja alle Welt nur gut . . . Und nun ist'S Frieden! Mer Griesgram hat nur Zivilrock angezogen. . . Grauer Katzenjammer nach blutiger Fastnacht! Wer nicht schiebt, wird geschoben, vom Leben nämlich, das so dumm ist, wie die Menschen schlecht sind und aus des Nachbars Not Tugend machten, zugunsten der eigenen Tasche . . Auf 'dem Dache im Gartenhause weht imm-r noch die weiße Fahne, und drinnen schreitet die Liebe durch die Räume, die so wohlig durchwärmt sind als hätte es nie Kriegs- und Kohlennot auf der Welt gegeben . . . Als ich am Freitag Abend hinkam, mußte ich zu ihnen im schönen trauten Vetsaale sprechen. Nicht über Krieg und Frieden und 'Steuerpolitik, sondern über Abraham, Isaak und Jakob, deren Leiden und Schicksale den Leuten hier viel naher liegen, als alle Tagebücher Lndendorffs, Tirpitz's und Helfferichs zusammen. Es sind Denker und Philosophen, die in der beschaulichen Behaglichkeit ihres Daseins es gelernt haben, aus dem Bollen und Ewiggroßen zu schöpfen.... Wie etwa der Rabbi da, mit dem buntgestickten .Hausvaterkäppchen und dem verbundenen Arm, der den ganzen Tag im bequemen Sessel Wer seinem Folianten sitzt und in seiner Sprache, von keinem recht verstanden, von allen aber aufs höchste verehrt, andauernd doziert. „Der Robbe", wie er hier allgemein heißt. Wenn der Tagebücher schreiben wollte über seines Lebens Kämpfe und Wanderungen! Wie er einstens von Litauen nach Krakau ging -- weil es ihn zu den Ehasiidim zog — und eiu'hnlbes Jahrhundert später über Wien nach Frankfurt kam. Was ging nicht alles dazwischen! Was liegt aber noch daran? Er ist hier gelandet und möchte nicht, nachdem der Hafen so sicher, ruhig und schön ist, an die stürmische Fahrt znrückdenken... In einem, nreint er, war es immer und überall gleich geblieben. Ueberall Jehudim und überall ein Gott, der half und — noch hilft. . . In einen« anderen Zimmer sitzt ein junger Mann in halblicgender Stellung auf einem Liegsstuhl. Das Gesicht jugendlich gerötet, strahlend, di: Äugen blitzeu. Nur der Oberteil leibt und lebt, denn Lähmungen nnv Amputationen haben von den anderen Teilen nicht viel übrig gelassen. Aber dieser Oberteil zuckt und zittert und töcht und sprüht Feuer. Er redet heiß und eindringlich, aber nur vom Hause und all der Liebe, die er und sie alle hier empfangen. Ich sollte es genau so in die Zeitung bringen, genau so, nicht kürzen, aber noch vieles hinzufügen. Di: Welt müßte cs wissen. Cs wiro ja heute so vieles in der Zeitung geschrieben, was weder schön ist. noch wahr. Aber dieses . . . Tie Welt müsse alles erfahren . . . Ich wurde abgelenkt durch ein Kind, das im niedlichen Sabbatkleide mit einer ganzen vielköpfigen Puppcnsamilie dahergetänzclt kommt und sich mit kindlichem Zutrauen und lachenden Augen an uns schmiegt. Das „Kind" hat bereits s i e b c n z e h n Lenze gesehen, ohne daß sein Wachstum über das Stadium einer Dreijährigen hinausgekommen wäre. Sie ist glücklich, weil sie ihr Unglück nicht kennt und jüdsiche Liebe ihr hier lachende, ewige Kindheit vorzaubert. Unglückliche, glückliche Klein»! Unzählige andere deiner Art verkümmern ab» „Attraktion" für schaulustige Menschen in Abnormitätengalerien, du aber hast ein .Heim gefunden, wo du mitten in deiner Puppenfamilie „das Kind" bleibt. Ich wandere von Zimmer zu Zimmer. Uebrrall das gleiche Bild tief innerlichen Befnedigtserns . . . Und dieser Zug verbindet alle, vom Rabbi bis zum Kinde, vereinigt sie alle in : inem Terriwrium — im Lande der Zufriedenen. . . Die Welt ohne Licht. Bon Emmy Ficus in Frankfurt a. M Wenn die Welt ohne Licht wäre, stünde eine dunkle schwere Wand vor der Menschheit, undurchdringlich und lastend wie kalte Riesenschatttn- Kein Himmelsblau dränge durch die Finsternis, kein Lachen, keine Freude. Kein purpurglühendes Rosenrot leuchtete durch die Nacht. Kein schneedlaues Silbcrglitzern sprühte Lichtpseile durch inese Dunkelheit. Schweigend und traurig wunderte die Menschheit durch ein Tal des Jammers. In Mehnsucht nach dem gottgesandten, vom Himmel geborenen Lichte . . . ... Cs nährt sich die Blume so vom Licht wre vom Tau. Cs wenden Tier und Pflanze, selbst das kleinste Lebewessn, ihr sehendes Auge zum Licht. Es jauchzt das junge Menschlein dem Sonnensrrahl entgegen . . . Licht! Licht! O du Sonne mnd Freud: auf dunklem Lebensweg! Du Vorahnung ewiger Herrlichkeiten hinter dem ftidenblauen Wolkenborhang des Himmels'! — Als der größte Sohn unserer Vaterstadt, als unser Titane Goethe in dunkler, dumpf:r Kammer zu Weimar die Schauer der Nacht spürte, di: auch für ihn Schatten und Schrecken barg, bevor die Sonn: aufging, entrang sich ihm das letzte Erdenwort: „Mehr Licht!" — Mehr Licht! — Ob dieses Wort körperliche Not ist oder seelisches Symbol, ist gleichgültig. M.'hr Licht leuchte uns allen! — Mehr Licht leuchte hinein in jen: dunkle Welt der Allerärmsten, die schwer tragen am Schatten und an der Finsternis — — — — Es gibt Menschen in unserer lieben, alten, sonnigen Stadt, die schwer tragen am Schatten und schwer leider unter der Finsternis! ... Komm mit! Ich will sie dir zeigen! — Sieh', jenes kleine, blondlockig: Kind-am Fenster! Es tastet und tappt ungeschickt! Es huscht nach seinem Spielzeug und srndet es nicht. Es sucht sein: Pupve und kann sie nicht erreichen. Es stolpert und fällt und schreit-„Mutter, Mutter! Wo bistpu? Ich sehe dich nicht! Es ist so dunkel ringsum! — Ist es denn schon Nacht worden, Mutter!" Ja du kleines blondes Kind! Schon ist es Nacht geworden. Nacht für dich. Denn Dunkelheit deckt deine Augen .... Das arme Kind ist blind. Es sieht seine Mutter nicht mehr — seine über alles geliebte Mutter! — Schau jenen jungen starken Mann in der Eck:! Scheu drückt er sich in den Winkeln umher, sucht nach Wärme, nach Stütze und Halt. Seine Mienen sind finster, und verbittert seine Gedanken. Draußen im Feld traf ihn ein feindlich Geschoß. Es traf nicht sein Leben, es iras fernen Lebensnerv. seinen kostbarsten Sinn: Er wurde blind. Cr kehrte heim. Seiner wartete die Braut. Welch ein Wieoerfinden! Es war ja kein Wiedersehen mehr, von dessen Glück und Jubel die Dichter und Volkslieder singen. Nun muß er gehen lernen, lesen lernen wie ein kleines Kind . . . Leben lernen muß er wie ein Ueberwinder! — — — Sieh jene namenlose Zahl von Mädch:n und Frauen, von Männern nnd Kindern, die im Dunkeln wandern. Ach, ihre Welt ist ohne Licht! Ach, es dringt kein himmelblaues Leuchten, kein purpurnes Glühen» kein silbernes Lchneeglitzcr... und kein samtgrünes Waldweben durch ihre Finstcrms . . . Ihnen leuchten keine Kerzen am Weihnachtsbamn . . . Ihnen wiegen sich keine schillernden Falter über Fliederhecken . Ihnen glühen keine blutroten Mohnfelder und sommerlichen Rosengärten . . . Ihnen schimmern nicht mehr des Herbstes wundervolle Färüeuschattrerungen fahlgelb, bronzebraun, weinrot und trauüenblan durch die spinnwebdünne Luft . . . Sie sehen nicht die Herrlichkeit der gottgeschaffenen Natur ... Helft o helft den Blinden zum Licht! - Mehr Licht in die Dunkelheit der Blinden! — Wärme und Liebe in die Welt der Alierärmsten! -Unsere Blinden besitzen in unserer liebe«?, sonnigen Stadt ein warmes liebevolles Heirn. Sie lernen lesen, schreiben, flechten und Handarbeiten, sich selbst bedienen. Sie lernen darin, wieder zu leben! Die Blindenanstalt ist eine Stiftung der Polytechnisch!:«! Gesellschaft. Jener „Gesellschaft zur Beförderilng nützlicher Künste nnd deren Hilfswissenschaften" wie der eigentliche Altfranksurter Name lautet. Aus Anregung ihres Präsidenten Dr. Wühler und auf eine Schrift hin, die Direktor Kosel, der Gründer und Leiter der Taubstununenanstalt ausgearbeitet hatte, gründete man 1837 ein Heim im Hause der Polytechnischen Gesellschaft. Jrn Laufe der Jahre zog man auf die Zeit in die Liegenschaft des Katharinenklosters, in die Töngesgaffe (Blinden-Arbeitscmstalt) und an den Goetheolatz ins Manskopfsche Haus. Als auch dort die Räume zu eng wurden, legt» «man! in der Theobaldstraße die Unterrichts- und Arbeitsanstalt zusammen, bis das Gelände in der Adlerflychtstraße angekairft und das jetzige Haus an« 2. Dezember 1874 eingeweiht wurde. In den letzten Jahren Mädchenheim dazu, Stallburgstraße 11 als Mannererwarb man noch das Haus Adlerflhchtstrahe 14 als heim und Stallburgstraße 9 als Vorschule. Die Kriegsblinden sind in der Arnsburgerstraße untergebracht. Wohl sind die Msteren, altmodischen Häuser durch freundliche Gartenviereck: und Höfe miteinander Perbunden. Aber der Raum ist unzureichend. Immer dringlicher wäre ein Neubau vonnöten: Ein großes helles Haus irgendwo am Waldrande, wo Sonne, Lust und Licht in die Welt der Blinden eindnngrn könnten. Wie uns mitgeteilt wird, nimmt die Anstalt auch jüdische Insassen auf und bietet «hnen g:rn Gelegerrheit, sich rituell zu verpflegen. Minderecke. Gott wird Metten I Aus der Vorwelt heil'gen Tagen Tönt ein Trostwort, hehr und groß, Wenn am Herzen Sorgen nagen, Ringt's vom bleichen Münd sich los; Spendet Tröstung allen Zeiten: „Gott wird streiten!" Wenn getrennet von den Seine«« In Gefahr der Vater schwebt. Und die Kinder betend weinen, Hand und Herz zu Gott sich hebt; Da rührt Hoffnung sanft die Saiten: „Gott wird streiten!" Wenn daheim in bangen Sorgen Um den Sohn die Mutter wacht, Brünstig flehend grüßt den Morgen: Ach, er kämpft in Heißer Schlacht! Da 'wird ihrem Mund entgleiten: „Gott wird streiten!" Wenn der Tag noch nicht gekommen. Der uns unsere Fesseln bricht. Wenn noch immer nicht entglommen Reiner Liebemildes Licht; Zagt nicht, laßt uns fort nur schreiten: „Gott wird streiten!" (Aus „Beruria" von Dr. Max G run w rld.) -Aus dem Müde der Kinder. . Onkel Gustav war -aus der Stadt zu Besuch gekommen. Das war eine Freude! Chanukka und der Onkel! Und nichts Geringes hatte er mitgebracht: eine Menorah für seinen „frommen Julius". Das Entzücken des kleinen vierjährigen Jungen kannte keine Grenzen. Nun war es Abend. Am Fenster standen Vater und Kinder, um zu entzünden. Hell schallten die Stimrnen zum Preise Gottes, „der Wunder getan unfern Vätern in jene«« Tagen zu dieser Zeit." Julius sang am lautesten. Mit Stolz ruhten des Onkels Augen auf dem reizeirden Knaben, dessen Freude und Fröm««rigkeit nicht deutlicher hätte "zum Ausdruck gebracht werden können. Die Lichter brennen. Da dreht sich das Kind nach dem Onkel um: „Und Du, Onkel, warum entzündest Du denn nicht?". Die schlichte Frage des Kleinen raubt dem weltgewandten Manne die 'Sicherheit. Verlegen lächelnd, spricht er: „Ich bin schon zu alt dazu." Julius wird ernst. Sei«« Schweifen zeugt von angestrengtem 'Nachdenken. Bald darauf soll er den Onkelzur Großmutter begleiten. Still treten sie hinaus auf die Straße. Ein klarer Winterhimmel wölbt sich über die beschneite Erde, und ein Sternlein nach dein andern tritt leuchtend hervor. . Da faßt das Kind die Hand des Onkels: „Siehst Du, der liebe Gott entzündet auch. Ist der jünger als du? — Und der Onkel? Er dreht sich schweigend un«, kehrtins Hans zurück und — entzündet. Dabei erstickt die Rührung seine Stnnme, und sv..kömmt es, daß «nan deutlich hört, wie der Vater deutlich mit ihn« spricht: „Gepriesen fei der Herr, der mich das erleben ließ."